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Artikel vom 12. 09. 2008

Via medici-Studiengebühren-Umfrage SS 2008

Sozial ungerecht oder Chance für bessere Studienbedingungen?

Redaktion Via medici online (MH)

Via medici fragte im Juli 2008 Medizinstudenten, was sie vom Bezahlstudium halten. An der Umfrage beteiligten sich fast 300 Medizinstudenten. Wie sie zu den Studiengebühren stehen, ob Nicht-Gebührenzahler Angst vor einem schlechteren Studium haben und ob zahlende Studenten an Unis ohne Gebühren wechseln wollen, erfahren Sie in einer Zusammenfassung der Ergebnisse.

Übersicht


Allgemeine Infos zur UmfrageNach oben hoch

"Was hat sich für Sie persönlich durch die Studiengebühr geändert", fragten wir in der Via medici-Studiengebührenumfrage 2008. "Nichts, außer dass ich mir alle sechs Monate Gedanken machen muss, woher ich jetzt 500 Euro zaubere." Diese sarkastische Äußerung eines Medizinstudenten steht wohl repräsentativ für die Meinung der Mehrheit der gebührenzahlenden deutschen Medizinstudenten, die an einer Umfrage der Via medici im Sommer diesen Jahres teilgenommen haben.

Insgesamt beteiligten sich fast 300 Medizinstudierende an der Via-medici-Studiengebühren-Umfrage. 193 Teilnehmer aus Deutschland zahlen Studiengebühren, 85 Studierenden mussten laut eigenen Angaben keine Studiengebühren bezahlen, wobei ein Teilnehmer aus Ilmenau, wo bekanntlich kein Medizinstudium angeboten wird, nicht berücksichtigt wurde.


Wie stehen Sie zu den Studiengebühren?Nach oben hoch

Fast 70% der Studierenden in Studienorten mit Studiengebühren sind gegen die Studiengebühren. Von denjenigen, die keine Gebühren zahlen, waren 85% dagegen.



Über 90 Prozent der Studenten an gebührenfreien Unis haben keine Sorge, eine schlechtere Ausbildung zu erhalten, als sie an einer Uni mit Gebühren erwarten würden.


Die Studierenden, die Studiengebühren zahlen, müssen zum größten Teil die Höchstgebühr von 500 Euro pro Semester an ihre Uni überweisen, eine Ausnahme bilden die Münsteraner Mediziner. Sie zahlen lediglich 275 Euro.

LinkTabelle: Wer zahlt wie viel Studiengebühren (Stand WS 2008)

Verwendung der StudiengebührenNach oben hoch

Fast 95 Prozent der Gebührenzahlerinnen und Gebührenzahler interessieren sich dafür, was mit dem Geld passiert - also fast alle zahlenden Teilnehmer der Umfrage.


Erschreckend vor diesem Hintergrund: Nur 35% der Teilnehmer fühlen sich über die Verwendung der Gebühren ausreichend informiert. 45% sagen, die Uni lege die Verwendungszwecke nicht ausreichend transparent dar.


Lediglich knapp 20 Prozent gar fühlen sich in die Entscheidung über die Gelder involviert. Vor diesem Hintergrund verwundern Meinungen wie diese sicherlich nicht: "Ich wäre für Studiengebühren, wenn die Gelder wirklich sinnvoll genutzt würde. Auch wäre es prima, wenn Studenten direkt davon profitieren würden: Bücher und Profs anstatt neuer Autobahnen!" Das Misstrauen ist groß, obwohl vom Gesetzgeber eindeutig festgelegt wurde, dass die Studiengebühren für die Verbesserung der Lehre vorgesehen sind, und obwohl die Studenten bei der Verwendung der Studiengebühren mitentscheiden. Doch das empfinden die Studenten selbst nicht so: Knapp 75 Prozent der Studenten haben den Eindruck, nicht mitentscheiden zu können, was mit den Studiengebühren geschieht.



Universitäre und persönliche Veränderungen durch die StudiengebührenNach oben hoch

Das Misstrauen in die regelrechte Verwendung der Gelder basiert wohl auch darauf, dass die Studierenden nicht nur einen Mangel an Information und Transparenz erfahren, sondern dass Sie auch keine spürbaren Veränderungen erleben. So fragten wir die Umfrageteilnehmer, was sich seit der Einführung der Studiengebühren konkret am Studium oder an der Uni, und ob sich für die Studenten persönlich etwas geändert habe. Die Kommentaren zu dieser Frage zeigen, dass sich ihre persönliche Situation und die Gegebenheiten an der Uni kaum verändert haben.


Was hat sich am Studium oder an der Uni geändert?

Die häufigste Antwort auf diese Frage lautete: "Nichts!" "Die Lehre ist so schlecht wir vorher auch." Auch Kommentare wie: "Ein paar mehr Computer", "ein paar mehr Räumlichkeiten", "wenig", "ich habe nichts bemerkt" und: "Jeder Student erhielt einen USB-Stick" klingen nicht unbedingt zufrieden.

Einige Studenten kritisieren, dass die Studenten mehr profitieren würden, wenn sie die 500 Euro zur freien Verfügung hätten. So äußert sich ein Teilnehmer folgendermaßen: "Bei uns gibt es nun längere Bibliotheksöffnungszeiten und einige Bücher mehr zum Ausleihen." Das klingt eigentlich gut. Doch sowohl dieser als auch ein weiterer Student äußern sich kritisch weiter: "Allerdings könnte man sich für 500 Euro wesentlich mehr Bücher kaufen, als man in einem Semester ausleihen kann...". Ein anderer Teilnehmer meint: "Geändert haben sich nur Kleinigkeiten: Praktikumsskripte gibt es nun umsonst - Wahnsinn: eine Ersparnis von 5 Euro!"

Wohl wurde auch Versprochenes von den Unis nicht eingehalten: "Auf das versprochene Skillslab und die Aufenthaltsräume, die mit den Gebühren des SS 2007 (!) finanziert worden sind, warten wir bis heute vergeblich."

Natürlich gibt es auch positive Stimmen. So freuen sich einige Studenten über Extra-Kurse, Repetitorien, und auch die längeren Bibliotheksöffnungszeiten finden positive Resonanz. Neue Professorenstellen wurden an einigen Unis auch geschaffen.

Immer wieder hervorgehoben wird von Studenten höherer Semester, dass gerade die jüngeren Studenten profitieren würden. So würden für diese Tutorien neu eingeführt und Auffrischungskurse angeboten. Ein Student und Gebührenzahler bemängelt: "Für nachfolgende Semester gibt es ein großes Kursangebot, an dem unser einer aber nicht teilnehmen darf." Anfänger der Vorklinik werden an einer Uni mit einem Einstiegspaket ausgestattet, Klinikeinsteiger mit Stethoskop, Diagnostikleuchte und Reflexhammer. Ob es auch für die fortgeschrittenen Kliniker ein "Goodie" gibt, geht aus diesem Beitrag nicht hervor.

Die wohl schönste "Verbesserung" an einer Universität beschreibt ein Student, der sich eigentlich über längere Bibliotheksöffnungszeiten freut: "Der Studiendekan hat Querschnitte bei seinem Kumpel Gunter v. Hagen bestellt." Weiter kommentieren wollte der Teilnehmer die Anschaffung nicht. Ebenfalls nicht kommentiert hat ein Student den Einkauf von Salzstreuern und Papiertischdecken für die Mensa.

Repräsentativ für die meisten Meinungen stehen die Kommentare zweier Umfrageteilnehmer: "Ich glaube, vielen Professoren und Studierendenvertretern fehlen gute Ideen für eine echte Lehrverbesserung." "Geändert hat sich nichts, außer dass man sich fragt, wofür man zahlt."


Was hat sich für die Studierenden persönlich geändert?

Gleich die zwei Kommentare, die zu Anfang der Umfrage geschrieben worden sind, stehen stellvertretend für eine große Mehrzahl der Kommentare, die später eintrafen: "Ich muss mehr jobben" und "noch mehr Schulden", lautete das Fazit der beiden Teilnehmer. Ein Student fasst zusammen: "Weniger Geld und mehr jobben, was schlechtere Noten bedeutet." Die finanzielle Belastung führt nach Ansicht eines Studenten sogar dazu, dass das Medizinstudium zur Nebensache gerät.

Die finanzielle Belastung wird oft auch auf die Eltern übertragen, was bei den Studierenden selbst scheinbar häufig Schuldgefühle hervorruft: "Ich habe ein noch schlechteres Gefühl meinen bezahlenden Eltern gegenüber."

Diese Meinung führt zur allgemeinen Frage über, wie die Medizinstudenten die Studiengebühren finanzieren. Es ergibt sich bei unserer Umfrage folgendes Bild:


Ein Nebenjob spielt für viele Studierenden, die Studiengebühren zahlen müssen, eine große Rolle: 45 Prozent der Umfrageteilnehmer geben an, die Studiengebühren unter anderem über einen Nebenjob zu finanzieren. Viele greifen auch eigene Ersparnisse an.

Die Eltern spielen jedoch eindeutig die größte Rolle, wenn es darum geht, die Gebühren zu bezahlen.


Lösung Uni-Wechsel?Nach oben hoch

Vor dem Hintergrund der großen Ablehnung verwundert ein wenig die fehlende Bereitschaft der Studenten, die Universität zu wechseln - an eine Uni ohne Studiengebühren.


Nur knapp 15 Prozent der Gebührenzahler spielt mit dem Gedanken oder planen konkret an eine Uni ohne oder mit geringeren Studiengebühren zu wechseln. Für über 70 Prozent der Studenten ist ein Uni-Wechsel kein Thema.

Vor diesem Hintergrund ist auch der Kommentar eines nicht zahlenden Studenten verständlich: "Alle beschweren sich über die Studiengebühren, aber anscheinend stört es diese Studenten nicht wirklich; denn den Studienort wechseln - zum Beispiel nach Jena - möchte trotzdem keiner."


Die Studenten, die keine Gebühren zahlen, sind "wählerischer". Über 60 Prozent würden nicht oder nur ungern an eine Uni mit Studiengebühren wechseln.


"Studieren nur noch für Reiche" als Fazit?Nach oben hoch

Sicherlich gibt es unter den Umfrageteilnehmern radikale Befürworter von Studiengebühren. "Es wird Zeit, in die Ausbildung zu investieren", ist die Meinung eines Studenten, der selbst keine Studiengebühren zahlen muss. Doch die Grundstimmung geht in eine andere Richtung. Insbesondere, dass in der großen Mehrzahl der Fälle die Eltern in die Verantwortung gezogen werden müssen, bereitet vielen Studenten Kopfzerbrechen.

Wenn die Eltern die Gebühren finanzieren können, kann der Student sich eigentlich noch glücklich schätzen. Diese Folgerung kann der aufmerksame Leser aus den freien Kommentaren ziehen, in denen sich die Studierenden, sowohl die zahlenden als auch die nicht zahlenden, über die soziale Ungerechtigkeit auslassen, die mit den Studiengebühren ihrer Meinung nach verbunden ist. "Studieren nur noch für Reiche", ist somit auch der erste Kommentar, der bei der Umfrage abgegeben wurde.

Ein Student spricht wohl vielen Teilnehmer, die sich gegen die Gebühren aussprachen, aus dem Herzen: "Studiengebühren sind nicht sozial verträglich. Ich leide bereits unter Depressionen - aus Existenzangst und aus Angst davor, die Gebühren nicht mehr zahlen zu können. Ich möchte aber unbedingt weiter studieren."

Gebührenbefürworter werden argumentieren, es gäbe die Möglichkeit eines Studienkredits, doch hier wendet ein Student ein: "Ein zinsloses Darlehen wäre nötig, um wirklich von Sozialverträglichkeit zu sprechen." Einige Studenten fordern: "Bildung für alle!"

Auch bei Stipendien gibt es Gegenstimmen: "Es ist schwachsinnig, von Bafög-Studenten Studiengebühren zu verlangen und gleichzeitig als Argument Stipendien zu bringen. Stipendien erhalten nur Personen mit privilegiertem Hintergrund, allerdings kein Bafög-Student, der Nachtschichten machen muss."

Immer wieder äußern die Medizinstudenten, dass für Langzeitstudenten die Studiengebühren durchaus berechtigt seien. Außerdem wird vorgeschlagen, den Betrag niedriger anzusetzen: "Es wäre ok, einen niedrigeren Betrag zu zahlen - maximal 200 Euro pro Semester." Viele Studenten wären auch gerne bereit, die Gebühren zu zahlen, wenn dadurch tatsächlich die die Lehre verbessert würde. "Wenn man erfahren würde, wofür die Studiengebühren verwendet werden, könnte man ja vielleicht Verständnis für die Gebühr haben." Doch wie bereits erwähnt, fühlen sich die Studenten vollkommen unzureichend informiert, die Transparenz lässt scheinbar zu wünschen übrig.

Auch folgende Äußerung möchten wir unseren Lesern nicht vorenthalten. "Für den Erhalt der Fächervielfalt und Bildungsfreiheit! Gegen eine Arbeitsmarkt-orientierte und auf Wirtschaftlichkeit ausgerichtete Hochschullandschaft!"

Trotz aller Polemik ist diese Meinungsäußerung eventuell nicht ganz unberechtigt. So gibt ein Student, der selbst keine Gebühren zahlt, zu bedenken: "Studiengebühren würden mich dazu zwingen, mein Studium abzubrechen."


Hinweis: Artikel in der Via medici 4/08Nach oben hoch

In ihrem Artikel "Fix gemacht, schlecht durchdacht" widmet sich Mona Herz nach einem Jahr Studiengebühren genauer der Frage, warum trotz rollenden Rubels für die Unis - wie auch für die Studierenden - nicht alles rund läuft.

Linkzum Inhaltsverzeichnis der Via medici 4/08

Übersicht: Wer zahlt wie viel Studiengebühren? Nach oben hoch

Das Thema Studiengebühren ist ein Dauerbrenner - jedenfalls für die jenigen, die Semester für Semester bis zu 500 Euro an die Universität überweisen. Doch in welchen Studienorten müssen Medizinstudenten überhaupt Studiengebühren zahlen? Und wenn sie zahlen müssen, wie hoch ist der Betrag? Die Via medici online-Redaktion hat in einer Tabelle zusammengefasst, ob und wie viel sie je nach Studienort für Ihr Studium zahlen.

Linkzur Studiengebühren-Tabelle
 
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