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Artikel vom 21. 12. 2010

Pflegepraktikum in der Gießener Kinderkardiologie

Kleine Herzen, große Helden

Anika Wolf

Das Semester ist zu Ende, alle Klausuren sind geschafft. Draußen scheint die Sonne und ich habe endlich Ferien. Ach nein, da ist ja noch das Pflegepraktikum. Natürlich freue ich mich, im Krankenhaus arbeiten zu können, aber Pflege ist nun einmal nicht das, was ich eigentlich machen möchte. Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste: Dieses Praktikum sollte zu einer ganz besonderen Zeit werden, die mich geprägt und tief berührt hat.

Übersicht


Spielecke und Clowns auf dem Weg Richtung "Czerny"Nach oben hoch

Aber nun von Anfang an: Die Hälfte meines Pflegepraktikums hatte ich bereits vor Studienbeginn gemacht. Nun wollte ich den Rest des Praktikums endlich hinter mich bringen. Da ich gerne mit Kindern arbeite, wollte ich in die Kinderkardiologie des Gießener Kinderherzzentrums gehen.

Schon beim Betreten des Krankenhauses merkte ich, dass hier alles anders war, als in der Erwachsenenpflege. Eine große Spielecke im Foyer und die bunten Clowns, die von der Decke hingen, machten das ganze Krankenhaus gleich etwas einladender. Ein wenig nervös war ich schon, als ich durch die langen Flure Richtung Station lief. Alles ganz neu, ich kannte niemanden und dazu noch die Unsicherheit darüber, nicht zu wissen, wie ich die Arbeit mit den vielen schwerkranken Kindern verkraften würde.

Auf Station "Czerny" angekommen, wurde ich vom Pflegepersonal freundlich begrüßt und ins Stationszimmer gebracht, um bei der Übergabe dabei zu sein. Nachdem die Stationsschwester einen Überblick darüber gegeben hatte, welche Kinder auf Station sind und welche Krankheiten sie haben, teilten sich die Schwestern auf. Die Schüler und Praktikanten suchten sich anschließend aus, wo sie arbeiten wollten. Danach gab es noch eine detaillierte Übergabe der Schwester, die unsere Zimmer in der vorherigen Schicht betreut hatte. Dann ging es auch schon los zu unseren Patienten.


Ein Schock, den ich nicht erwartet hatteNach oben hoch

Ich war zwar darauf gefasst, dass viele der Kinder dort wirklich sehr krank sind, aber als ich sie dann vor mir sah, war ich doch etwas schockiert. Im ersten Zimmer lag ein zwölfjähriger Junge im Bett. Im OP-Hemd, furchtbar blass und schlafend. Er hatte gerade eine neue Herzklappe bekommen. Wir mussten nun alle 15 Minuten zu ihm, um seine Vitalzeichen und die Wunden, die durch das Einführen des Herzkatheters entstanden waren, zu kontrollieren.

In dem kleinen Bett nebenan lag, zwischen den vielen Spielsachen und Mobilés kaum zu sehen, ein Dreijähriger mit blonden, strubbeligen Haaren. "Er ist schon seit zehn Monaten hier und wartet auf ein Spenderherz", erklärte mir die Schwester. Ich war etwas geschockt. Der Kleine hatte ja schon ein Drittel seines Lebens im Krankenhaus verbracht. Auch der kleine Patient im nächsten Zimmer wartete seit mehreren Monaten auf ein Herz. Sein Aussehen war erschreckend. Ganz dünn, fast schon eingefallen, die Haut blau-grau. Ob ich das hier wirklich die nächsten sieben Wochen aushalten würde?

Wir gingen ins nächste Zimmer. Als wir zur Tür hereinkamen, sah ich zuerst zwei hellblonde Zöpfe. Dann drehte sich das kleine Mädchen um und grinste. Ihr Gesicht war so blass, dass es schon fast durchscheinend wirkte. Unter ihrer Nase klebte eine Sauerstoffbrille, das Gerät hing hinter ihr am Stuhl. "Hallo, ich bin Anika", stellte ich mich vor. "Und ich bin Pippi", erklärte sie mir. Kurz überlegte ich, ob sie mich veräppeln wollte, aber dann registrierte ich das grüne Kleid, die DVD's und Bücher, die vor ihr lagen und merkte: Hier sitzt tatsächlich eine kleine Pippi Langstrumpf vor mir. Das Eis war gebrochen, und meinen Namen konnte sie sich natürlich auch super gut merken.


"Czerny" wächst mir ans HerzNach oben hoch

Und so kümmerte ich mich nun in den nächsten Tagen um die kleine Pippi und die anderen Kinder. Nach wie vor fiel es mir nicht immer leicht, mit dem Anblick der Kinder klar zu kommen. Und auch ihre ganz eigenen Geschichten, die ich nach und nach erfahren habe, ließen mich nicht kalt. Viele dieser Kinder hatten schon einen beträchtlichen Teil ihres Lebens im Krankenhaus verbracht. Bei den meisten auch ein Elternteil, das zusätzlich den Spagat zwischen dem Leben im Krankenhaus, der Familie und den Geschwisterkindern zu Hause schaffen musste. Bei einigen Kindern war es durchaus schon vorgekommen, dass die Familie um ihr Leben zittern musste. Es war für mich kaum vorstellbar, wie sie das alles aushalten konnten.

Selbst mir zerriss es manchmal das Herz. Zum Beispiel als es einem Kind plötzlich so schlecht ging, dass es notfallmäßig auf die Intensivstation verlegt werden musste. Oder als ich mit dem Dreijährigen, der seit zehn Monaten im Krankenhaus auf ein Herz wartete, über sein Zuhause redete und er eine solche Gewissheit hatte, dass es noch dauern würde, bis er dorthin zurück könnte: "Da muss ja erstmal noch ein Herzchen kommen."

Gleichzeitig wurde mir klar, dass ich auf dieser Station wirklich etwas bewirken konnte, dass ich den Kindern und auch ihren Eltern einfach schon dadurch helfen konnte, dass ich mich um sie kümmerte, ihnen zuhörte oder sie einfach einmal von dem Krankenhausalltag ablenkte.

Und so begann mir die Arbeit auf der Station wirklich Spaß zu machen. Na ja, sicher musste ich auch die typischen Praktikantenarbeiten machen. Ich habe zur Genüge Betten gemacht und abgezogen, Essen gemacht und ausgeteilt - wobei ich übrigens meine Passion zum Gurkengesichter schnitzen entdeckt habe - Blutproben weggebracht und Blutdruck gemessen. Oft habe ich auch beim Blutabnehmen assistiert, habe die Kinder festgehalten, abgelenkt, beruhigt.


Weg vom Tisch!Nach oben hoch

Meistens durfte ich bei der Visite mitgehen und auch bei einigen Untersuchungen und Eingriffen zuschauen. EKG und Echo waren dabei, eine Katheteruntersuchung und schließlich sogar eine Kardioversion. Das funktioniert wie Defibrillieren, und der Ablauf ist tatsächlich so wie im Fernsehen: Ein Arzt mit den Paddles in der Hand, dann das charakteristische Summen, wenn sie aufgeladen werden. Der berühmte Schrei "Weg vom Tisch!" und dann das Aufdrücken und Auslösen der Paddles. Ich muss zugeben, ich bin im gleichen Moment zusammengezuckt wie der Patient. Aber die Vorgehensweise sieht wirklich hart aus.

Kurz vor dem Ende meines Praktikums war es dann soweit: Ich durfte mit in den OP. Eine Operation am offenen Herzen. Ich kann nur sagen, dass ich selten etwas gesehen habe, das mich so fasziniert hat. Ein glänzendes, schlagendes Herz, an den Seiten die sich aufblähenden Lungenflügel und der Chirurg, der trotz dieser ständigen Bewegungen die richtigen Schnitte setzt.


Meine kleinen HeldenNach oben hoch

Ich kann nur sagen: Dieses Praktikum hat mich geprägt. Ich habe noch nie so viele schlimme Schicksale, so viele schwerkranke Kinder erlebt. Und was ich am meisten bewundere: diese Lebensfreude, die ich hier zu spüren bekam. Diese Kinder, die ihre Krankheit akzeptieren, das Beste daraus machen, fröhlich spielen und einfach nur ganz normale Kinder sein wollen.

Ich bin dankbar für jedes einzelne Kind, das ich hier kennen lernen durfte: das sechs Monate alte Baby, das über seine vielen Schläuche und Kabel hinweg mit mir flirtete, sobald ich über die Bettkante schaute. Der Dreijährige, der mich mit seinen großen Kulleraugen anschaute und fragte: „Kannst Du mich in den Arm nehmen?“. Der kleine Patient, dem allein die Erwähnung des Wortes „Fruchtzwerg“ ein Strahlen ins Gesicht zauberte. Das süße Neugeborene, das immer auf meinem Arm einschlief. Der Zweijährige, der mich zum Lachen brachte, als er mich – noch halb unter Narkose stehend – anschaute und mit verwaschener Sprache verwundert feststellte: „Du hast ja zwei Augen!“

Noch nie habe ich Trauer und Freude so nah zusammen erlebt, wie in diesen sieben Wochen. Drei der Kinder haben es nicht geschafft. Drei andere können jetzt zweimal im Jahr Geburtstag feiern: einen normalen Geburtstag und einen "Herzgeburtstag".

Es war ein Praktikum, das mich nicht nur fachlich, sondern vor allem menschlich verändert hat. Ich habe von diesen Kindern unglaublich viel gelernt. Kein Schauspieler, kein Nobelpreisträger, kein Sportler - diese Kinder sind für mich die wahren Helden.


Wer mehr über die kleinen Helden des Gießener Kinderherzzentrums wissen möchte, dem kann ich das Buch "Absender? Unbekannt!" von Hanna Fleps, Martina Oebels und Maja Becker-Mohr, erschienen im Kein & Aber Verlag, empfehlen. Hier erzählen transplantierte Kinder, ihre Eltern, Ärzte und Pflegepersonal ihre ganz persönlichen Geschichten zu den "neuen Herzchen".

 
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