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Artikel vom 21. 06. 2002

Studieren mit Kind

Zwischen Wickeltisch und Hörsaal (aus Via medici 1/02)

Evelyn Hauenstein

Medizin studieren und Kinder haben - die meisten Medizinstudenten können sich das wohl kaum vorstellen. Wie soll man zwischen Prüfungen, Vorlesungen und Praktika eben noch Nachwuchs großziehen? Viele Beispiele beweisen, dass das geht - und sogar gut! Mit etwas Organisationstalent gelingt der Spagat zwischen Wickeltisch und Hörsaal. Und die Kleinen sind aus dem Gröbsten raus, wenn für die Eltern im AiP der Ernst des Lebens beginnt.

Übersicht

Bild von Dr. Stefanie Conrads
Bild von Dr. Stefanie Conrads

Kittel, Stethoskop und Schreibblock sind schon gepackt, als bei Ulrike Winkler das Telefon klingelt: Der Babysitter sagt ab. In einer Stunde beginnt der Pflichtkurs Innere Medizin - wenn Ulrike fehlt, ist der Schein gefährdet. "In solchen Situationen steigt der Adrenalinspiegel", sagt die 27-jährige Medizinstudentin aus Würzburg. Ihre Tochter Alina kam zwei Monate nach Ulrikes erstem Staatsexamen auf die Welt. Seither hat sich alles verändert: "Mein Alltag ist stressiger geworden", sagt Ulrike. "Erst wenn Alina müde von der Tagesmutter und vom Spielplatz heimkommt und im Bett liegt, setze ich mich an den Schreibtisch und fange an zu lernen."


Nichts für schwache NervenNach oben hoch

Studieren zwischen Kind und Klausuren, zwischen Windeln und Schreibtisch ist nichts für schwache Nerven. "Kommilitonen fragen mich häufig, wie ich das schaffe", erzählt Agnieszka Ameis, die in Köln studiert und eine zweijährige Tochter hat. Viele Medizinstudenten fühlen sich bereits mit ihrem normalen Stundenplan ausgelastet, manche können sich nicht einmal vorstellen, nebenbei noch zu arbeiten oder ein Zeit raubendes Hobby zu pflegen - noch viel weniger ein Kind großzuziehen. Denn Humanmedizin hat nicht zu Unrecht den Ruf, ein anstrengendes Fach zu sein. Selbst nach der Vorklinik ist das Studium noch sehr verschult: Feste Kurszeiten und Anwesenheitspflicht bei Vorlesungen lassen weniger Spielraum als zum Beispiel in den Geistes- oder Sozialwissenschaften, wo sich die Studierenden ihre Seminare nach eigenen Wünschen zusammenstellen können.

Doch es gibt Studentinnen und Studenten, die den Spagat zwischen Fläschchen und Multiple-Choice-Fragen hinkriegen. Und das sind gar nicht so wenige: Dem Deutschen Studentenwerk zufolge hat immerhin jede vierzehnte Studentin und jeder sechzehnte Student ein Kind. Zwar sind studierende Eltern hauptsächlich in sozialwissenschaftlichen Fächern zu finden, doch auch in den Ingenieur- und Naturwissenschaften existieren sie.

Bild von Dr. Dieter Schmid
Bild von Dr. Dieter Schmid


Bewusst ins Studium geplantNach oben hoch

Eines steht fest: Für Mediziner gibt es keinen idealen Zeitpunkt für die Familiengründung. Manche künftige Ärztinnen und Ärzte planen die Familienphase deshalb bewusst während des Studiums ein. "Mein Mann und ich haben uns Kinder gewünscht", sagt Agnieszka Ameis, die bei Studienbeginn schon verheiratet war. Nach sechs Semestern meldete sich Leonie an: Kein Zufall. "Während der Frühschwangerschaft habe ich noch versucht, mein erstes Staatsexamen zu machen, aber das ist schief gegangen", berichtet Agnieszka. Im darauf folgenden "Schwanger-Semester" machte sie alle Scheine, die möglich waren, und holte das Examen nach, als ihre Mutter einmal ein paar Wochen am Stück Zeit hatte, sich um Leonie zu kümmern. Sobald ihre Tochter da war, kam Agnieszka nur noch selten an die Uni, dann aber umso lieber: "Jeder Pflichtkurs war ein richtiges Fest für mich!" Jetzt versucht sie, sich zu Hause auf das zweite Staatsexamen vorzubereiten. Allerdings ist inzwischen ein Geschwisterchen für Leonie unterwegs: "Wann ich die Prüfung wirklich mache, steht noch in den Sternen", meint die 28-Jährige. "Aber es ist mir auch nicht so wichtig, wann ich fertig werde. Bevor ich anfangen kann, als Ärztin zu arbeiten, müssen die Kinder sowieso aus dem Gröbsten heraus sein."


Unterstützung von Mentoren und FreundenNach oben hoch

Auch Ulrike Winkler hat sich die Kombination Mutter und Medizinstudentin bewusst ausgesucht. Vor dem Medizinstudium hat sie bis zur Zwischenprüfung auf Lehramt studiert und war deshalb schon älter als die meisten ihrer Kommilitonen. "Ich wollte Kinder haben, bevor ich dreißig bin", erzählt sie. "Während des Studiums habe ich mehr Zeit für mein Kind als in der PJ- oder AiP-Zeit." Unterstützung bekam Ulrike von der Betreuerin ihrer Doktorarbeit. Gerade als sie mit einer experimentellen Arbeit in der Toxikologie begonnen hatte, bemerkte sie ihre Schwangerschaft. Die Betreuerin war selbst Mutter von Drillingen und ermutigte Ulrike, ihr Projekt zügig durchzuziehen, sodass sie die Experimente vor Alinas Geburt abschließen konnte. Jetzt muss die Arbeit noch geschrieben werden. Ulrikes Mentorin spornt sie regelmäßig zum Weitermachen an. Unter der Woche lebt die 27-Jährige allein mit Alina in ihrer Würzburger Wohnung, denn ihr Mann arbeitet in einer einige hundert Kilometer entfernten Stadt. Tagsüber wird Alina zum Teil von einer Tagesmutter, zum Teil aber auch von Freunden von Ulrike betreut, wenn diese Kurse an der Uni hat. Ulrike hofft, zum PJ an eine Uni in die Nähe ihres Mannes wechseln zu können. Nach dem letzten Semester ist ohnehin eine Pause geplant: Auch Ulrike erwartet Baby Nummer zwei.


Studentische GroßfamilieNach oben hoch

Christine Popp aus München hat während ihres Medizinstudiums drei Kinder bekommen. "Bis zum PJ lässt sich das Studium gut mit Familie vereinbaren", sagt sie. Nach dem Abitur machte Christine eine Ausbildung zur Krankenschwester und wollte zum Wintersemester ihr Medizinstudium beginnen. Fünf Monate vor dem Startschuss kam Jonas auf die Welt. Trotzdem konnte Christine jeden Tag Vorlesungen und Kurse besuchen, denn ihr Mann Rüdiger, der Theologie studiert, blieb zu Hause beim Söhnchen. Anfangs Vollzeit, später wechselten sich die beiden ab. "Zum Glück hat Rüdiger keinen festen Stundenplan", sagt Christine. "Wenn mein Partner auch Medizin studieren würde oder berufstätig wäre, könnten wir die Betreuung nicht so einfach organisieren." Nach vier Semestern bestand sie das Physikum - bevor der zweite Sohn Lukas auf die Welt kam. Heute bereitet sie sich auf das zweite Staatsexamen vor. Tochter Marie-Christine ist inzwischen über ein Jahr alt, Lukas geht in den Kindergarten und Jonas in die Schule. "Sicher hätte ich anders und intensiver studiert, wenn ich keine Kinder hätte", meint Christine. Weniger klinische Erfahrung als ihre Mitstudierenden hat sie aber nicht, denn nebenbei hat sie stets mit einer halben Stelle als Krankenschwester auf einer hämatologisch-onkologischen Station gearbeitet.

Bild von Dr. Dieter Schmid
Bild von Dr. Dieter Schmid


Allein erziehende MutterNach oben hoch

Zwar sind die Mehrzahl der studierenden Eltern verheiratet oder leben mit einem Partner zusammen. Doch längst nicht alle: Jede vierte studierende Mutter ist allein erziehend. Wie Andrea Clemens aus Köln. Sie wurde während der Vorklinik schwanger, nach dem Physikum brachte sie Sohn Nico zur Welt. Der Vater lebt heute in den USA und hat keinen Kontakt zu seinem Kind. Andreas Mutter passte auf den heute dreijährigen Nico auf, während ihre Tochter täglich drei Stunden vom Heimatdorf ihrer Eltern in die Großstadt pendelte, um Kurse und Vorlesungen zu besuchen. Das Studium hat Andrea straff durchgezogen und kein einziges Semester verloren. "Jetzt bin ich scheinfrei und mache meine Doktorarbeit im Labor", sagt die 24-jährige. Nebenbei hat sie noch zwei Jobs, um sich und Nico zu finanzieren: Nachtschichten im Schlaflabor und Unterricht an einer Krankenpflegeschule. "Ich bekomme viel Hilfe von außen", berichtet Andrea. "Aber seit ich kein Erziehungsgeld mehr erhalte, ist mein Konto leer. Außerdem muss ich fürs PJ sparen, weil ich dann nicht mehr jobben kann." Seitdem sie Mutter ist, hat Andrea weniger Zeit und weniger Geld als vorher. Trotzdem: "Ein Medizinstudium ist kein Grund, ein Kind nicht zu bekommen", sagt sie. Wer wirklich will, könne das schaffen. Andrea will, und deshalb ärgerte sie sich, als ihre erste Bewerbung um eine experimentelle Doktorarbeit abgelehnt wurde: "Mit Kind schaffen Sie das nicht", lautete die Begründung. "Das Einzige, was ich wirklich wegen Nico nicht machen konnte, sind Auslandsfamulaturen." Auch Agnieszka wäre gerne in die Schweiz oder die USA gegangen, um dort zu famulieren. "Immerhin habe ich in Peking einen vierwöchigen Akupunkturkurs gemacht, bevor ich Mutter geworden bin." Famulatur- oder PJ-Stellen im Ausland für Studierende mit Kindern sind nur sehr schwer bis gar nicht zu finden - etwas, was viele Mütter und Väter gerne ändern würden.


Vater in der VorklinikNach oben hoch

Es sind nicht nur Frauen, die mit Kindern Medizin studieren. Maximilian Fütterer aus München erfuhr im zweiten Semester, dass er und seine Freundin ein Kind erwarten. "Am Anfang war es total aufregend", sagt der 25-Jährige. "Aber ein Kind zu bekommen ist wie eine Reise nach Afrika: Vorher überlegt man sich, wie das wohl wird und ob man das schafft. Wenn man aber am Ziel ist, wird es irgendwann normal." Bevor ihre Tochter Antonia auf die Welt kam, haben Maximilian und seine Freundin geheiratet. Sie nahm Erziehungsurlaub von ihrem Beruf als Physiotherapeutin. Das ermöglicht ihm, wie bisher weiter zu studieren. "Im Studium hat sich für mich nicht viel verändert", meint er. "Ich war vorher schon nicht so fleißig, habe erst drei Wochen vor Klausuren zu lernen begonnen. Das ist immer noch so." Lernen kann er allerdings nicht mehr zu Hause, sondern muss auf die Uni-Bibliothek ausweichen. Noch etwas ist anders geworden: "Bevor ich Vater wurde, bin ich manchmal auf Studentenpartys gegangen. Das fällt jetzt flach." Männliche Kommilitonen reagierten auf die Nachricht, dass Maximilian ein Kind bekommt "zum Teil sehr positiv, zum Teil völlig entsetzt." Die weiblichen Mitstudierenden gingen auf Abstand: "Auf einmal war ich verheirateter Familienvater und damit weg vom Markt, das habe ich recht deutlich gespürt", sagt er lachend. Auf Spaß muss er trotzdem nicht verzichten: Familie Fütterer liebt Pferde. Abends nach der Uni trifft Maximilian seine Frau und Klein-Antonia im Reitstall.


Zwei Medis und drei BabiesNach oben hoch

Manchmal tun sich zwei Medizinstudenten zusammen und gründen während des Studiums eine Familie. So geschehen bei Renate und Christian Köhne aus Aachen. Maria wurde geboren, als Renate im fünften und Christian im neunten Semester war. Von Anfang an nahmen die beiden ihr Kind mit in die Uni: "Zwischen Kursen und Vorlesungen haben wir Maria zwischen uns ausgetauscht", erinnert sich Renate. Selten habe es negative Reaktionen seitens der Dozenten gegeben: "In der Pharma-Vorlesung wurde ich rausgeworfen, weil die Kleine gemuckst hat, aber in der Pädiatrie-Vorlesung hat der Prof an ihr den Stoff erklärt." Zu mündlichen Testaten gingen Christian und Renate mit Baby auf dem Arm, und so bekam Maria im zarten Alter von einem Jahr schon Scheine in Allgemeinmedizin und Pathologie. Ihre Schwester Anna kam, als Vati im PJ und Mutti im neunten Semester war. Nach dem zehnten Semester machte Renate trotz zwei Kleinkindern zweites Staatsexamen, vor ihrem PJ erblickte die dritte Tochter Julia das Licht der Welt. Heute ist Christian Assistenzarzt in der Anästhesiologie, und Renate bastelt an einer klinischen Doktorarbeit, die fertig werden soll, bevor sie die Zeit als AiPlerin beginnt.


Hilfe, das PJ naht!Nach oben hoch

Damit haben die Köhnes eine Phase hinter sich, die manchen Medizin studierenden Eltern als große Hürde erscheint: Das Praktische Jahr. Tägliche Anwesenheit auf Station von morgens bis abends ist Pflicht. Für Eltern bedeutet das, dass sie weniger Zeit mit ihren Kindern verbringen können als während des klinischen Studienabschnitts - und dass sie eine ständige Betreuung für den Nachwuchs organisieren müssen. Christian, der sich als Student im Sprecherrat des Marburger Bundes engagierte, hat eine Zeitlang dafür gekämpft, dass das Teilzeit-PJ überall offiziell möglich wird. In der Approbationsordnung nämlich ist "Teilzeit" im letzten Studienabschnitt nicht vorgesehen. Doch in Absprache mit dem jeweiligen Landesprüfungsamt können Studierende an einigen Universitäten das PJ halbtags machen. Dafür dauert diese letzte Phase im Studium dann aber ein halbes Jahr länger. "Inzwischen halte ich es aber fast für besser, sich mit den Verantwortlichen im Haus auf familienfreundliche Anwesenheitszeiten zu einigen", sagt Christian. Als PJler habe er manchmal unter dem Druck der langen Anwesenheit gelitten: Wer auf eine Stelle spekuliert, bleibt abends einfach länger, ohne deshalb unbedingt mehr zu arbeiten - nur um Eindruck zu schinden. "Von diesem psychischen Druck, der besonders an Unikliniken herrscht, muss man sich befreien", meint er. Renate dagegen ging, wenn sie Maria vom Kindergarten abholen musste, auch wenn ihre Mit-PJler Überstunden schoben. Der Chefarzt der Klinik erlaubte ihr, den "Studientag" jede Woche frei zu nehmen, statt diese sechzehn Tage als Urlaub am Stück zu verbrauchen, wie es oft üblich ist. Im Nachhinein halten die Köhns es für wichtiger, das Studium straff durchzuziehen als auf gute Noten zu spekulieren. "Vor dem zweiten Staatsexamen sollte man keine längere Pause einschieben, lieber vor dem PJ", meint Christian. Sonst falle es schwer, wieder in das Lernen reinzukommen, stimmt Renate zu. Ein Studium mit Kind müsse kein Handicap auf dem Weg zum Arzt sein, im Gegenteil: "Wenn man das zweite Staatsexamen in Regelstudienzeit und mit Kindern vorzuweisen hat, sollte man das ruhig in Vorstellungsgesprächen gut verkaufen, auch wenn man eine Vier bekommen hat." Für viele Kliniken seien Bewerber, die die erste Familienphase schon hinter sich und ihr Familienleben organisiert haben, durchaus attraktiv. "Als ich im Krankenhaus famuliert habe, haben mich einige Assistenzärztinnen darum beneidet, dass ich schon ein Kind habe", berichtet Ulrike Winkler. "Ich hätte es genau richtig gemacht, sie würden jetzt während der Facharztausbildung keine Zeit mehr finden, ein Baby zu bekommen."


Hilfe von außenNach oben hoch

Auf gute Jobchancen brauchen studierende Eltern also nicht zu verzichten. Um aber erst einmal bis zur Bewerbungsphase zu kommen, müssen sie im Studium mindestens genauso viel leisten wie ihre kinderlosen Mitstudenten. "Als ich mit Lukas schwanger war, hat mich der Dozent im Radiologie-Kurs früher nach Hause geschickt, weil wir Patienten unter Radiojodtherapie untersuchen sollten", erzählt Christine Popp. "Danach haben sich andere im Kurs darüber mokiert, dass man als Mutter ja alles geschenkt bekommt." Solche Bemerkungen tun weh. Denn Verständnis und Unterstützung von Kommilitonen macht den Eltern das Studium leichter. An Christines Uni, der LMU München, finden in einigen klinischen Semestern die so genannten Harvard-Kurse statt. Dabei lernen die Studenten in Kleingruppen anhand von Fallbeispielen und treffen sich einen Monat lang zweimal am Tag morgens und abends. "Abends habe ich Jonas mit in den Kurs genommen", erinnert sich Christine. "Der Dozent fand das nicht so gut, aber die anderen im Kurs haben einstimmig gesagt, dass er sie nicht stört." Auch Ulrike Winkler meint: "Ohne meine Freunde im Studium hätte ich das mit Alina nicht so locker geschafft." Sogar im Kreißsaal während Ulrikes langer Wehen versorgten Studienkollegen das Ehepaar Winkler mit Essen und aufmunternden Bemerkungen. Wenn Ulrike Testate hat, passen die Kommilitonen auf, "und unsere Partys feiern wir jetzt eben bei mir zu Hause."

Ehepaar Köhne empfiehlt ebenfalls, den Kontakt zu Kommilitonen nicht abreißen zu lassen. "Diesen Fehler haben wir gemacht", sagt Christian. "Am besten wäre es, wenn jeder einen Abend pro Woche für seine Freunde zur Verfügung hätte." Wer mit Kind studieren will, braucht also Hilfe von außen. Oft sind es die "Großeltern", die finanziell und mit Zeit für Kinderbetreuung unter die Arme greifen. Doch auch wenn sie nicht am Ort leben oder weniger spendabel sind: Geld und Betreuung für immatrikulierte Mütter und Väter gibt es an vielen Stellen. Manchmal ist es nicht so leicht, den ständigen Papierkrieg mit den Ämtern zu führen; Eigeninitiative ist gefragt. Auch was die Organisation des Studiums betrifft.


Infos von Eltern für ElternNach oben hoch

Als Astrid Hirschauer in ihr Medizinstudium startete, war sie schon Mutter von vier Kindern. "Am Anfang kam ich mir an der Uni ziemlich verloren vor", berichtet sie. Im Laufe der Zeit fand sie heraus, wie man den starren Stundenplan, der an der Uni München vom Dekanat vorgegeben wird, flexibler und damit kinder- und elternfreundlicher gestalten kann. "Ich habe mich direkt an die Dozenten gewandt und ihnen meine Situation geschildert. Die meisten waren sehr verständnisvoll und haben mir ermöglicht, den Kurs zur gewünschten Zeit zu belegen." Im Büro der Fachschaft fand sie einen alten Ordner, der von vergangenen Aktivitäten für Medizin studierende Eltern zeugte. "Auf diesem Material habe ich aufgebaut", sagt Astrid. Zusammen mit Vertreterinnen des Deutschen Ärztinnenbundes organisierte sie gut besuchte Informationsveranstaltungen für Mütter und Väter: "Da hat es sich gezeigt, dass man eben doch nicht allein ist." Der Arbeitskreis "Studieren mit Kind", den Astrid Hirschauer ins Leben gerufen hat, existiert noch heute, obwohl sie selbst ihr Studium im November mit dem dritten Staatsexamen abgeschlossen hat. "Ideal wäre ein Netzwerk von Müttern und Vätern, die sich gegenseitig mit guten Tipps versorgen", sagt Astrid Hirschauer. Anlaufstellen für Eltern können aber auch die Studentenwerke sein: Außer Geld bieten sie kostenlose Beratung in Rechts- und Sozialfragen sowie psychotherapeutische Beratung. Manche Werke haben sogar eine Beraterstelle speziell für Studierende mit Kind eingerichtet.


Modell für alle?Nach oben hoch

Fragt man Medizin studierende Eltern, ob sie auch anderen zur Mutter- oder Vaterschaft während des Studiums raten, bekommt man unterschiedliche Antworten. "Kinder kriegen und gleichzeitig Medizin studieren, das ist ein Projekt für wenige", sagt Christine Popp. Eine gewisse persönliche Reife und Selbstständigkeit seien wichtig. "Außerdem braucht man mehr Disziplin und Ehrgeiz als andere, um die harten Lernphasen durchzuhalten." Denn gerade für die Mütter besteht die Gefahr, dass sie aus dem "Hausfrauendasein mit Studentenausweis" nach längerer Babypause nicht mehr herauskommen.

Maximilian Fütterer dagegen würde Familienplanung während des Studiums jederzeit empfehlen: "Als studierender Vater kann ich viel mehr Zeit mit meiner Tochter verbringen, als wenn ich als fertiger Arzt jeden Tag von sieben bis neunzehn Uhr in der Klinik sein müsste." Wer Kinder und Medizin zusammenbekommen will, muss Abstriche machen: "Manchmal hat mich schon das Gefühl geplagt, weder als Mutter noch als Medizinerin richtig kompetent zu sein", sagt Renate Köhne. "Beides konnte ich nicht hundertprozentig sein, und deshalb hatte ich ab und zu Schuldgefühle." Ein einzelnes Kind sei leicht mit dem Studium vereinbar, meint ihr Mann. "Aber wenn man erst einmal drei hat, kann man sie nicht einfach mal eben irgendwo abgeben. Der Betreuungsaufwand wird immer größer."

Auch Ulrike Winkler weiß nicht, ob sie jedem zu ihrem Modell raten würde. "Es gehört die Bereitschaft dazu, sein Kind an andere abzugeben - auch wenn es nur wenige Stunden am Tag sind. Das habe ich mir vorher nicht so schwierig vorgestellt." Andererseits hätten viele Dinge, die ihr früher unglaublich wichtig erschienen seien, nun einen ganz anderen Stellenwert. Zum Beispiel Prüfungen: "In der Vorklinik war ich davon unglaublich gestresst. Jetzt weiß ich, dass es Wichtigeres gibt - und es klappt jedes Mal." Wie ihr Leben ohne Alina war, kann sie sich heute kaum mehr vorstellen: "Es muss langweilig gewesen sein."

Evelyn Hauenstein


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