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Artikel vom 18. 09. 2006

Medizinstudium und Facharztausbildung mit Kindern

Mit der Schule fangen die Probleme erst an!

Redaktion Via medici online

Annabelle und Stefan Vogel haben zwei Jungs, 4 und 5 Jahre alt. Stefan ist EDV-Berater und seit vielen Jahren in Vollzeit berufstätig. Annabelle hat Krankenschwester gelernt und anschließend mit dem Medizinstudium begonnen. Sie stand vor dem 2. Staatsexamen, als ihr erster Sohn Fabian auf die Welt kam.

Bild
Medizinstudentin Annabelle Vogel
mit ihren beiden Söhnen

Anders als zunächst geplant, verschob Annabelle Vogel das 2. Staatsexamen und bekam ein Jahr später Felix. Ihre Familienpause verlängerte sich auf 5 Jahre; in dieser Zeit baute die Familie ein Haus und zog von Mainz nach Frankfurt-Hanau. Im vergangenen Frühjahr hat Annabelle nun ihr 2. Staatsexamen erfolgreich abgelegt. Für ihre berufliche Zukunft ist die Kinderbetreuung bisher noch ein großes Problem! Mit ihr sprach Ulrike Rostan.


Wie hast du die Kinderbetreuung in deiner Lernzeit organisiert?

Die Kinder gehen bei uns in den Kindergarten hier im Ort und da fängt das Problem schon an:
Der Kindergarten ist für Leute wie mich von 8-12 Uhr geöffnet, was sich für meine Lernzeit zum Beispiel sehr schwierig gestaltet hat. Denn ich hätte gerne einen Mittagessensplatz für beide gehabt, um einfach morgens eine Stunde mehr zu haben und nicht kochen zu müssen. Doch die Plätze sind nur berufstätigen Müttern vorbehalten, meine Studienbescheinigung zählte nicht. Das hat mich ganz schön frustriert!


Wie viel Zeit hattest du dann fürs Lernen?

Ich habe versucht, vormittags 2 Stunden regelmäßig zu lernen und abends dann ab 20 Uhr drei Stunden. Eigentlich habe ich vor allem abends von 20 bis 23 Uhr gelernt und morgens vereinzelt, weil immer wieder etwas dazwischen kam. Denn mal waren die Kinder krank, dann kamen Arztbesuche dazwischen, Geburtstagsfeiern und Ausflüge.


Warst du zufrieden mit deiner Note im 2. Staatsexamen?

Mit meinen Noten bin ich sehr zufrieden! Es war der erste Versuch, überhaupt wieder in die Prüfungssituation hineinzukommen und ich hatte überhaupt kein Feedback, wo ich gerade stehe. Denn meine früheren Kommilitonen befinden sich mittlerweile alle in der Facharztausbildung.


Hattest du das Gefühl, dass du effektiver als früher gelernt hast?

Also das ist witzig, ich habe mich schon gewundert, dass ich so gut abgeschnitten habe. Eigentlich habe ich gedacht, ich bestehe das Examen nicht. In meiner Prüfungsgruppe war ich tatsächlich eine der Besseren und habe mir auch überlegt, woran das gelegen haben könnte. Ich glaube dadurch, dass ich so wenig Zeit hatte und abends auch einfach so müde war, habe ich mich auf das Wesentliche konzentriert und mich nicht in ganz vielen Sachen verloren. Früher ohne Kinder habe ich schon ganz anders gelernt. Da wollte ich alles wissen, sämtliche Basics und alles Drumherum, jetzt habe ich mich auf wenige wichtige Themen und Aspekte konzentriert.


Bist du seitens der Universität unterstützt worden?

Im Gegenteil, die Universitäten und die Landesprüfungsämter haben sich als völlig unkooperativ erwiesen! Ich hatte mich im vergangenen Dezember für das Staatsexamen angemeldet und hätte gerne in Frankfurt mein Examen geschrieben. Ich war zwar noch in Mainz eingeschrieben, bin aber in der Zwischenzeit nach Frankfurt gezogen. An sich bin ich davon ausgegangen, dass das kein Problem sein dürfte, weil das Staatsexamen überall das gleiche ist. Doch das ging einfach nicht. Die Uni Frankfurt hat sich stur gestellt, die Uni Mainz hat sich stur gestellt. Ich musste tatsächlich für das Schriftliche viermal nach Mainz fahren, für das Mündliche nach Mainz fahren, für die Patientenuntersuchung, für die Vorbesprechung. Die Fahrzeit betrug morgens eineinhalb bis eindreiviertel Stunden. Während die Fahrt nach Frankfurt natürlich wesentlich kürzer gedauert hätte.


Wie wird es jetzt weitergehen?

Am liebsten wäre ich jetzt ins Teilzeit-PJ gegangen, habe aber im April keinen Platz bekommen, weil die Uni Frankfurt zu dem Zeitpunkt keine Wechsler nimmt. Ob es im Oktober klappt, ist die Frage. Die Uni Frankfurt sagt, sie nimmt die Wechsler nur in die Uniklinik, obwohl es hier in Hanau ein Lehrkrankenhaus der Uni Frankfurt gibt, in dem immer wieder PJ-Plätze frei sind. Jetzt muss ich abwarten, ob sie auf meine Härtefallanträge reagieren.


Wie wird die Ablehnung begründet?

Es heißt, dieses Jahr sei es so schwierig, weil es wegen der alten und der neuen Approbationsordnung zu viele PJler geben würde. Und weil ich auch bisher nichts in die Uni Frankfurt einbezahlt hätte, keine Semestergebühren und die Uni für ihre PJler Geld bezahlen müsse. Ach ich bekomme da immer so viele Gründe aufgezählt.


Hast du dich diesbezüglich einmal an die Frauenbeauftragte oder Gleichstellungsbeauftragte gewandt?

Nein, ich wusste auch gar nicht, dass es so etwas gibt. Ich habe mich immer nur mit den Dekanen, den Studiensekretariaten und Prüfungsämtern unterhalten. Es gibt also eine Frauenbeauftragte? Das ist ja mal nett! Danke für den Tipp.


Wie sehen deine Zukunftspläne aus?

Ich möchte auf alle Fälle mein Studium beenden und auch gerne die Facharztausbildung machen. Doch ich habe keinen Zeitdruck, dass ich schnell fertig werden muss, weil mir einfach unsere Kinder so wichtig geworden sind. Das PJ werde ich in Teilzeit machen.


Wie bringst du deine Kinder in der Zeit unter?

Bei dem Kleinen im Kindergarten gehöre ich ja dann zu den berufstätigen Müttern und habe das Recht auf einen Platz bis Nachmittags. Mit dem Großen, der ab August in die Schule kommen wird, ist gerade noch nicht ganz klar, wie wir das regeln. Denn wir wollen ihn nicht auf die hiesige Grundschule stecken, sondern in eine andere Schule. Wir müssen überlegen, wie wir das Mittags regeln, ob wir eine Tagesmutter nehmen oder eine Bekannte hier im Ort regelmäßig aushilft oder ob ich das PJ doch verschieben muss.


Einen Hort an der Schule gibt es nicht?

Das gibt es nicht. Ich weiß nicht, ob es überall in Hessen so ist - hier wird man so desillusioniert! Man denkt immer, ach wenn die Kinder im Kindergarten sind, dann kann man wieder arbeiten. Doch auf einmal ist die Kindergartenzeit vorbei und mit der Schule fangen die Probleme erst an. Die Leiterin der Grundschule im Ort sagt ganz klar: In Hessen gibt es einen reduzierten Stundenplan, den sie hier noch nicht einmal einhalten können, weil die Schule zu wenig Lehrer hat. Für die Kinder bedeutet das, dass sie den einen Tag von 8-11 Uhr Schule haben, den nächsten erst von 11 bis 13 Uhr. Da kann doch kein Mensch planen! Wie soll eine Frau so arbeiten gehen?
Es gibt Mittagessensplätze und einen Mittagshort. Allerdings müssen interessierte Eltern erst in einen Förderverein eintreten. Doch es gibt hier Eltern, die vor drei Jahren eingetreten sind und immer noch keinen Platz bekommen haben. Die sind so ratlos wie ich: Was macht man mit den Kindern? Die Stadt oder das Land müsste doch zumindest gewährleisten, dass die Kinder von 8-12 Uhr oder von 8-13 Uhr in der Schule sind oder im Kindergarten. Doch nicht mal das geht!

Stefan Vogel mit seinen beiden Jungs
Stefan Vogel mit seinen beiden Jungs

Wir haben uns auch überlegt, Fabian auf eine Privatschule zu schicken, in der es auch eine Nachmittagsbetreuung gibt. Doch dort wird nur eine begrenzte Anzahl an Schülern genommen. Ob Fabian darunter sein wird, wissen wir noch nicht, das Anmeldeverfahren läuft gerade. Für die Schule müssen wir entsprechend Schulgeld zahlen, doch uns ist klar, dass eine gute Betreuung nicht umsonst zu haben ist.


Würdest du im Rückblick etwas anders machen?

Mein Studium würde ich jederzeit wieder unterbrechen. Vielleicht hätte ich das 2. Staatexamen vorher gemacht, da das schon sehr kraftaufwendig und schwierig war. Aber ich würde jederzeit wieder pausieren, um meine Kinder zu bekommen. Vielleicht wäre ich Lehrerin geworden, wenn ich noch einmal wählen könnte, einfach weil das Familienleben und der Beruf einfacher miteinander zu vereinbaren ist. Doch das Studium hat mir Spaß gemacht und ich möchte auf jeden Fall als Ärztin arbeiten.
Insgesamt finde ich es schon sehr schade, dass es Frauen, die mit ihren Kindern eine Weile zuhause sein möchten, in vielen Kleinigkeiten so schwer gemacht wird, am Ball zu bleiben.
Das hat zur Folge, dass die Kinder bereits mit 8 Wochen in die Tageskrippe oder zur Tagesmutter gegeben werden, die dann 6-7 Kinder hat. Und das in einer Lebensphase des Kindes, die so entscheidend ist! Viele wichtige Kompetenzen werden in den ersten drei Jahren erworben, und entscheidend dabei ist auch - wir lernen es selbst im Studium - eine verlässliche Bezugsperson.


Was sagst du zu dem neuen Familiengeld der Bundesregierung?

Ich habe mich zwar damit noch nicht auseinandergesetzt, kann es aber nur befürworten. Wenn die Eltern 80% von ihrem vorigen Gehalt weiter erhalten, bleiben sicher mehr von ihnen das erste Jahr zuhause. Denn ich glaube, für das Kind und für die Eltern ist das ein wichtiges Jahr.


Wäre später für dich eine Klinik interessant, die eine umfangreiche Kinderbetreuung anbietet?

Das wäre superinteressant. Wie gesagt, ich habe Lust zu arbeiten, ich möchte weitermachen, finde aber, dass es schwierig ist und es mich ganz schön viel Kraft kostet. Bisher habe ich auch alles gepackt und wenn es da eine Unterstützung gibt, umso besser! Von meinen Freundinnen höre ich, dass manche Chefärzte richtig gute Halbtagsstellen anbieten, auch dass Ärztinnen sich eine Stelle teilen. Da entwickelt sich ja schon was. Leider habe ich im Moment das Pech, dass es bei mir gerade nicht so am Laufen ist.


Kannst du zum Abschluss einen typischen Tagesablauf schildern?

5:30-5:45 Uhr stehen wir auf, Stefan geht um 6:45 aus dem Haus
6:00 Uhr Frühstück, die Kinder werden von alleine wach
Dann mache ich im Haus schon mal Ordnung, bis das Zähneputzen und alles fertig ist, anschließend können die beiden noch mal spielen.

8:00 Uhr gehen wir in den Kindergarten.
8:15 oder 8:30 Uhr bin ich aus dem Kindergarten wieder draußen und fahre nach Hause, um Dinge, die im Haushalt anstehen, zu erledigen. Während des Lernens habe ich versucht, jeden Tag um 8:30 Uhr am Schreibtisch zu sitzen und bis um 11:30 Uhr zu lernen, weil ich dann schon wieder los musste, um die beiden vom Kindergarten abzuholen.
Dann habe ich gekocht, was ich jetzt schon vorher mache, damit sich das mittags nicht so lange hinzieht. Am Nachmittag haben meine Kinder jeden Tag irgendeinen Programmpunkt: entweder Turnen oder Klavierstunde oder Schwimmkurs oder Musikschule, mit 2 Kindern bin ich jeden Nachmittag unterwegs, um sie irgendwo hinzubringen.
Nachmittags kann ich nicht viel arbeiten oder konnte dann auch nicht lernen,
17:30 Uhr gibt es Abendessen
18:15 Uhr dürfen die Kinder bis 18:45 fernsehen, dann geht es hoch, Zähneputzen
19 Uhr ist dann Vorlesezeit, vom Tag erzählen
19:30 Uhr Licht aus.
Dann bin ich immer ziemlich k.o., brauche eine halbe Stunde und dann habe ich mich von 20:00 bis 21:00 Uhr noch einmal hingesetzt und habe gelernt. Und jetzt bin ich dabei alle möglichen Sachen aufzuholen, die in den letzten Monaten liegen geblieben sind.


Annabelle, vielen Dank für das Gespräch!

 
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