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Artikel vom 20. 09. 2006

Familiengründung im Studium

Studie zeigt: Studierende Mütter und Väter verfügen über eine außerordentliche Studienmotivation

Redaktion Via medici online

Bild
2/3 der Kinder im Studium sind Wunschkinder
Foto: Rostan

Gibt es Vorteile, eine Familie bereits im Studium zu gründen? Treffen junge studierende Eltern und Familien auf Verständnis für ihre Situation an den Hochschulen Baden-Württembergs?

Wissenschaftlerinnen des Frauenforschungsinstituts an der Evangelischen Fachhochschule in Freiburg gingen diesen Fragen in einer Panelstudie nach. Einige interessante Ergebnisse konnte Via medici im Gespräch mit der Sozialwissenschaftlerin Anneliese Hendel-Kramer schon vor Abschluss der Studie im Dezember 2006 erfahren. Das Gespräch führte Ulrike Rostan.


Frau Hendel-Kramer, liefert die Studie überraschende Ergebnisse?

Uns hat verblüfft, dass so viele Kinder im Studium Wunschkinder sind! Wir nahmen an, dass ein Kind im Studium meistens ein ungeplantes Ereignis ist und häufig auf das Versagen von Verhütungsmitteln zurückzuführen ist. Doch unsere Ergebnisse zeigen ein anderes Bild:

Für über 1/3 der Frauen und auch der Männer war das erste Kind im Studium ein Wunschkind. Das Kind war gewollt und auch zu diesem Zeitpunkt geplant. Das hat uns sehr erstaunt. Ein weiteres Drittel sprach ebenfalls von einem Wunschkind, das allerdings zu einem späteren Zeitpunkt hätte kommen sollen. Nur 18% gaben an, das Kind nicht gewollt und nicht geplant zu haben.


Welchen Anlass gab es für das Forschungsprojekt?

Es gab 2 Anlässe: Die Leiterin des Projektes, Prof. Cornelia Helfferich, ist hier an der evangelischen Fachhochschule in Freiburg für die Beratung studierender Eltern zuständig. Über diese Arbeit begann sie sich für die Personengruppe zu interessieren. Allerdings wollte sie nicht nur statistisches Material sammeln sondern auch erfahren, wie Studierende mit Kindern ihre Lebenssituation subjektiv bewerten.

Der zweite Anlass ist die hohe Kinderlosigkeit von Akademikern und Akademikerinnen. Ganz praktisch hat uns interessiert, welche Bedingungen denn an den Hochschulen gegeben sein müssen, damit sich Kinder mit einem Studium vereinbaren lassen. So haben wir einen Projektantrag bei dem Programm "Familienforschung" der Landesstiftung Baden-Württemberg eingereicht und dieser wurde bewilligt und finanziert.


Bietet die Familiengründung im Studium denn Vorteile?

Wer Kinder im Studium bekommt, unterbricht zwar das übliche Dreiphasenmodell Ausbildung - Berufseintritt und Karriere - Familiengründung. Doch vor dem Hintergrund der hohen Akademiker-Kinderlosigkeit kann diese Variante tatsächlich Vorteile bringen! Ein Vorteil ist, später nicht ungewollt kinderlos zu bleiben.

Seit einigen Jahren wird die hohe Kinderlosigkeit von Akademikerinnen in Deutschland heftigst diskutiert. Begründet wird es damit , dass sich Beruf, Karriere und Familie schlecht vereinbaren lassen. Doch wir wissen aus einer institutseigenen Studie und aus anderen Untersuchungen, dass der Kinderwunsch oft aufgeschoben wird und schließlich zur ungewollten Kinderlosigkeit führt, weil sich das biologische Zeitfenster schließt.

Einen weiteren sehr interessanten Grund offenbarte eine Emnid-Befragung im Auftrag der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: Akademikerinnen und Akademikern ab 35 fehlt oftmals überhaupt ein Partner zur Familiengründung. Von 500 Akademiker/innen sagten 25% derer, die noch kein Kind haben, dass ihnen der richtige oder der feste Partner fehlt.


Wie viele Studierende haben Kinder und wie viele Medizinstudenten sind darunter?

7% aller Studentinnen sind Mütter und 5,7% der Studenten sind Väter. Hochrechnet auf die deutsche Studentenschaft sind das 100.000 Studierende mit Kindern. 4% davon studieren Medizin. Mit 6% sind die Medizinstudierenden in unserer Studie leicht überrepräsentiert.


Welche Verfahren haben Sie für Ihre Untersuchung gewählt?

Wir kombinierten 2 Methoden: ein standardisiertes Verfahren, um statistisches Material zu gewinnen, mit einem qualitativen Ansatz, indem wir mit einem Teil der Studenteneltern narrative Interviews geführt haben. Aus diesen Interviews lassen sich die subjektiven Situationen und Deutungsmuster vom Mutter- bzw. Vater-sein herauskristallisieren und wir erfahren, warum sich die Eltern für ein Kind im Studium entschieden haben. Da die gesamte Auswertung der Studie erst im Dezember abgeschlossen sein wird, kann ich Ihnen jetzt hauptsächlich statistische Ergebnisse nennen.


Was wünschen sich studierende Eltern von ihrer Hochschule?

Die Wünsche der Eltern reichen vom Kinderstühlchen in der Mensa bis zur Verlängerung der Bafög-Höchstförderdauer und extra Kinderzuschlägen. Vor allem aber brauchen sie Flexibilität - bei der Leistungserbringung und bei den Abschlussarbeiten. Hier müsste die Situation der Eltern mehr berücksichtigt werden. Häufig wird auch geäußert, dass sich die Termine der Vorlesungen und Seminare an den Öffnungszeiten der Kinderbetreuungseinrichtungen orientieren sollen. Das würde natürlich vieles erleichtern. Und statt Blockprüfungen sollten studienbegleitende Prüfungen angeboten werden, die sich auf mehrere Semester verteilen.

Fast 80% der Befragten wünschen sich mehr internetbasierte Lehre, Mailinglisten und Vorlesungsskripte im Internet und Seminare, die über e-mail stattfinden. 60% unserer Befragten - ich vermute vor allem Mediziner oder Naturwissenschaftler darunter - wünschen sich, dass Labor- und Praktikumsplätze speziell für studierende Eltern reserviert werden, die dort Vorrang haben. Denn oftmals finden diese Laborpraktika nur im Wintersemester statt. Bekommen die Eltern dort keinen Platz, haben sie gleich ein ganzes Studienjahr verloren.

80% wünschen sich darüber hinaus spezielle Beratungsangebote für Studierende mit Kind an den Hochschulen.


Gibt es das nicht schon an den Unis?

Das Angebot scheint nicht auszureichen. Allerdings enthält der Maßnahmenkatalog des Audits Familiengerechte Hochschule bereits vieles, was auch weitgehend den Wünschen der Eltern entspricht. Mit unseren Daten können wir das nur unterstützen.


Wie beurteilen die Medizinstudierenden ihre Hochschulen in Baden-Württemberg?

Die Medizinstudenten bewerten ihre Hochschule in punkto Kinderfreundlichkeit am kritischsten! Nur 7% halten ihre Hochschule für kinderfreundlich, Studenten anderer Fachrichtungen immerhin zu 10-13%. Auch die Dozenten werden von den Medizinstudierenden am kritischsten bewertet. Nur ein Fünftel gab an, dass ihre Dozenten Verständnis für ihre Situation hätten. Die Studenten der anderen Fachbereiche finden zu einem Drittel Entgegenkommen bei ihren Dozenten. Das heißt, diese sind auch mal bereit, einen Prüfungstermin zu verschieben, bieten Nachprüfungen oder Lernunterlagen an.

Hochinteressant ist jedoch, dass im Vergleich die Kommilitonen der Medizinstudierenden anscheinend am hilfsbereitesten sind! Über die Hälfte der teilnehmenden Mediziner sagen, dass ihre Kommilitonen sie unterstützten, zum Beispiel durch Vorlesungsmitschriften oder durch Mithilfe in der Kinderbetreuung. In den anderen Fachbereichen ist das nur jeweils zu einem Drittel der Fall. Vermutlich hängt das mit dem Fach zusammen, dass die Kommilitonen mehr Verständnis haben als zum Beispiel die Techniker und Verwaltungswissenschaftler.

Allerdings müssen Sie die statistischen Grenzen dieser Aussagen beachten! An unserer Studie haben 580 Mütter und Väter teilgenommen, davon 32 Medizinstudenten.


Haben Sie noch weitere Unterschiede zwischen den einzelnen Studienfächern finden können?

Ja, durchaus! Die Medizinstudenten sind zeitlich am meisten durch ihr Studium belastet, sie kommen mit Lehrveranstaltungen und Selbststudium auf 34 Wochenstunden. Nur die Naturwissenschaft-, Technik- oder Informatik-Studierenden haben mit 32 Stunden eine ähnlich hohe Belastung. In allen anderen Fachbereichen wird im Schnitt 26 Stunden wöchentlich ‚studiert'. Die Mediziner arbeiten am wenigsten in Nebenjobs im Vergleich mit den anderen Studienteilnehmern. Sie jobben im Schnitt 6 Wochenstunden nebenher, die Naturwissenschaftler, Techniker und Informatikstudierenden jobben dagegen 11 Wochenstunden.

42 Stunden pro Woche werden für die Kinderbetreuung und noch einmal 13 Stunden für die Hausarbeit benötigt, hier liegen die Mediziner mit den anderen Fachrichtungen gleich auf. Auch bei der Freizeit unterscheiden sich die Medizinstudierenden mit 10 Wochenstunden lediglich von den Sprach-, Kultur- und Sozialwissenschaftlern, die im Schnitt zwei Musestunden mehr zur Verfügung haben.


Verlängert sich die Studiendauer durch Kinder?

Ja, die verlängert sich auf jeden Fall, vor allem bei den Müttern. In unserer Stichprobe haben 57% der Mütter ihr Studium im Schnitt 2 Semester unterbrochen und 18% der Väter - ebenfalls 2 Semester. Nach der Geburt des 2. Kindes haben 62% der Mütter und 12% der Väter im Schnitt 2 Semester ausgesetzt. Schon alleine das führt zu einer Verlängerung des Studiums.


Ist denn das Ziel, dass die Studierenden ihr Studium nicht unterbrechen?

Idealerweise stellen sich die Studierenden ein Teilzeitstudium vor. 65% der Mütter und 56% der Väter sehen das als die Lösung an. Wobei damit natürlich nicht gemeint ist, dass sich die normale Studiendauer verdoppelt, sondern dass die Eltern zwischen Teilzeit- und Vollzeitstudium wechseln


Besteht die Gefahr, dass studierende Eltern ihr Studium nicht abschließen?

Wir haben festgestellt dass die Mütter und Väter über eine außerordentlich hohe Studienmotivation verfügen. 90% wollen das Studium auf jeden Fall beenden.


Gelingt ihnen das?


Immerhin ein Fünftel der Männer und der Frauen sagen, dass sie genug Zeit für Kind und Studium zur Verfügung haben. Die anderen konzentrieren sich auf das Wesentliche oder studieren mit halber Kraft. Doch sie haben Zeitprobleme. Wenn man sich natürlich die Stundenbelastung der Eltern ansieht, haben alle einen sehr gestrafften Tagesablauf und eine sehr arbeitsintensive Woche.
Wenn in unserer 2. Befragung im Frühjahr 2006 ein Teil der Studierenden vermutlich das Studium abgeschlossen hat, können wir nach der Auswertung sicher auch sagen, wie lange es nun wirklich gedauert hat und ob sie es abschließen konnten.


Wie viele der studierenden Eltern sind alleinerziehend?

Nach der HIS-Erhebung von 2000 war jede 4. studierende Mutter alleinerziehend. Alleinerziehend ist definiert als ‚Frauen, die mit ihrem Kind aber ohne Partner zusammenleben'. Es kann also sein, dass sie einen Partner hatten, der jedoch nicht mit im Haushalt lebte. Der Anteil Alleinerziehender bei den Vätern lag nur bei 7%. Es ist ja bekannt, dass diese Lebensform auch in der Gesellschaft vor allem bei Frauen vorkommt.
In unserem Datensatz sind 17% alleinerziehende Mütter und 3% alleinerziehende Väter.


Welche besonderen Probleme stellen sich für Alleinerziehende?

Die alleinerziehenden Mütter zeichnen sich dadurch aus, dass sie ganz wenig Geld haben. Es ist die Gruppe mit dem geringsten finanziellen Polster. Das hängt teilweise damit zusammen, dass die Kindsväter keinen Unterhalt zahlen und die Mütter auch weniger jobben können. Sie können selbst wenig zum Familieneinkommen beitragen und es fehlt der finanzkräftige Partner. Insgesamt haben wir festgestellt, dass die Lebensweisen von Studierenden mit Kind sehr unterschiedlich sind. Es gibt sehr gut situierte Mütter, die einen erwerbstätigen Partner haben und es gibt die Eltern, die sehr wenig Geld haben. Auch wenn beide studieren, ist das Geld knapp.


Nimmt die Tendenz, Kinder im Studium zu bekommen, zu oder ab?

Der Anteil studierender Eltern liegt in den alten Bundesländern seit mehr als 20 Jahren zwischen 6 und 7%. In den neuen Bundesländern sah das allerdings früher ganz anders aus: Vor der Wende zogen 10 bis 11% der Studierenden Kinder neben ihrem Studium auf. Und noch 1991 gab es in den neuen Bundesländern 11% studierende Eltern. Doch dann ging es ganz rapide abwärts! Bereits 1997 hatten sich die Zahlen in Ost und West angeglichen.


Können Sie dafür Gründe nennen?

Einmal hat sich nach der Wende das reproduktive Verhalten der Frauen generell an die "Standards" des Westens angeglichen. Außerdem wurden die Studierenden mit Kind in der DDR schon sehr unterstützt. Mit jeder Mutter und mit jedem Vater wurden individuelle Studienpläne ausgearbeitet. Dann gab es eine Art Mentoren, Kommilitonen, die dafür gesorgt haben, dass die studierenden Eltern immer auf dem Laufenden blieben, was in den Veranstaltungen gelaufen ist. Das hat vieles erleichtert. So etwas gibt es bei uns eher nicht.


Wo bringen die Studierenden ihre Kinder unter, wenn sie an die Uni gehen oder lernen müssen?

Die Kinderbetreuung ist eines der großen Probleme. Bei den studentischen Vätern betreut oft die Partnerin das Kind. Bei den studentischen Müttern ist es weniger der Partner, sondern eher Verwandte oder Kinderbetreuungseinrichtungen. Ein riesiges Problem der Kinderbetreuung besteht bei allen darin, dass die gewünschte hochschulnahe Kinderbetreuung oftmals nicht vorhanden ist. Wir waren zwar verblüfft, wie viele Universitäten Betreuungsplätze haben, doch gibt es mitunter ziemlich lange Wartezeiten von bis zu 10 Monaten. Und es fehlt an Krippen und Krabbelgruppen. Kinder ab 3 Jahren in einem Kindergarten unterzubringen ist wohl nicht so schwierig. Allerdings kennen wir die Betreuungssituation nur aus den Befragungen.


Gibt es weitere Wünsche an die Betreuungseinrichtungen?

Ja, auch eine stundenweise Betreuung sollte möglich sein. Außerdem sind die Öffnungszeiten der Kindertagesstätten oft nicht lang und nicht flexibel genug! Sie müssten sich an den Veranstaltungsterminen der Hochschulen orientieren.
Da wir uns in unserer Befragung auf den Familiengründungsprozess im Studium bezogen haben, haben 90% der Teilnehmer unserer Stichprobe Kinder unter 3 Jahren. Natürlich sieht das bei der Gesamtgruppe der Studierenden ganz anders aus. In den Erhebungen des Hochschulinformationssystems (HIS) zeigt sich, dass 22% aller studierender Eltern über 40 Jahre alt sind. Es ist anzunehmen, dass sie erst nach Abschluss der Familiengründungsphase ihr Studium begonnen haben und in einer völlig anderen Situation sind als die, die Säuglinge und Kleinkinder haben.
In erster Linie sollten die Unis also mehr in die Betreuung von Kindern unter 3 Jahren investieren.


Wie werden die Ergebnisse der Studie kommuniziert?

Wir planen eine Veranstaltung mit den Studentenwerken in Baden-Württemberg und den Beratungsstellen für Studierende, um dort die Ergebnisse zu präsentieren und unsere Maßnahmen vorschlagen. Man weiß natürlich nie, wie viel man verändern kann. Doch wir denken, dass der Zeitpunkt für dieses Thema goldrichtig ist. In Anbetracht der permanenten Diskussion um die demografischen Probleme und die Kinderlosigkeit von Akademikerinnen findet man dafür vielleicht eher Gehör als noch vor 10 oder 20 Jahren.


Frau Hendel-Kramer, ich danke Ihnen für das Gespräch!

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