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Artikel vom 18. 09. 2006

Mit vielen Teilzeitkräften gibt es wenig Leerzeiten

Die Krankenhausverwaltung hat kein Problem mit ärztlicher Teilzeitarbeit - Interview mit einer Chefärztin

Redaktion Via medici online

Dr. Bärbel Kuhnert-Frey ist seit 30 Jahren Chefärztin der Abteilung für Anästhesie und Intensivtherapie im Krankenhaus Sinsheim. Mit ihr zusammen arbeiten 20 Ärzte in der Abteilung, davon 19 in Teilzeit. Via medici online hat sich mit Dr. Kuhnert-Frey über das Teilzeitmodell der Abteilung unterhalten und über den günstigsten Zeitpunkt für die Familiengründung. Das Gespräch führte Ulrike Rostan.

Übersicht


InterviewNach oben hoch

Frau Dr. Kuhnert-Frey, wie koordinieren Sie ihre vielen Teilzeitkräfte?

Wir haben vor 28 Jahren klein angefangen und zunächst eine Stelle geteilt. Dann hat sich das über viele Jahre langsam entwickelt, immer mehr Vollzeitstellen haben wir in Teilzeitstellen aufgeteilt. Wir haben begonnen, die Kollegen zu den Zeiten zu bestellen, in denen wir am meisten zu tun haben. Sie arbeiten also nicht von 7:30 - 16:00 Uhr sondern eben von 9:30 - 18:00 Uhr oder von halb 12 bis 19:00 Uhr oder auch von Viertel vor Zwölf bis 16 Uhr, je nach dem, was an Arbeit anfällt. Wenn man dann so langsam gegen Mittag müde wird und zum Essen abgelöst werden will, ist es einfach toll, wenn dann jemand von zuhause ausgeruht kommt und sagt: ‚Guten Tag, da bin ich! Was kann ich euch helfen?'


Blickt denn bei diesen unterschiedlichen Arbeitszeiten noch jemand durch?

Wir brauchen sechs Stunden pro Monat, um den komplizierten Dienstplan aufzustellen, früher handschriftlich, heute mit dem Computer. Zunächst haben wir uns überlegt, wie viele ärztliche Mitarbeiter wir pro Tageszeit brauchen und haben danach die Dienstzeiten festgelegt. Jedes Kürzel von F1 bis F8 steht für eine bestimmte Dienstzeit. Jeder kann seine Wünsche abgeben, wann er arbeiten möchte oder nicht arbeiten kann und danach erstellen wir den Plan einen Monat im Voraus. Es kommt natürlich vor, dass sieben Leute gleichzeitig an einem Freitag frei haben wollen. Dann sage ich ihnen, dass sie sich untereinander einigen müssen, weil nicht alle frei haben können. Die Mitarbeiter klären das in dem Fall miteinander.


Kam der Wunsch auf Teilzeitarbeit von Ihren Mitarbeitern?

Vor 28 Jahren hatte ich eine Stelle zu besetzen. Damals herrschte Ärztemangel und es war schwierig, eine Stelle zu besetzen. Ein männlicher Bewerber stellte sich vor, der die Stelle auch gerne annehmen wollte, allerdings nur halbtags. Er habe eine kleine Tochter und wolle sich ihre Betreuung mit seiner Frau, einer Lehrerin, teilen, sagte er. Ich hatte zuvor nie an Teilzeit gedacht und habe dann zu ihm gesagt: ‚Gut, wir können es ja mal probieren. Doch dann müssen Sie einen Freund mitbringen, der die andere Hälfte der Stelle übernimmt.' So hat er es dann gemacht. Er hat einen Freund mitgebracht, dessen Frau auch Lehrerin war und der sogar zwei kleine Kinder hatte. Nun, und dieses Modell hat sich unheimlich gut bewährt!


Gibt es denn auch für die Abteilung einen Vorteil, mit so vielen Teilzeitkräften zu arbeiten?

Natürlich, denn jetzt habe ich wenig Leerzeiten. Die Leute kommen, wenn man sie wirklich braucht. Das ist bei einer Serviceabteilung wie der Anästhesie natürlich auch wichtig. Am Nachmittag brauchen wir mehr Ärzte als am Vormittag, weil das OP-Programm noch läuft und zusätzlich Patienten für den nächsten Tag prämediziert werden müssen.
Der Anteil der Nachtdienste pro Kopf wird auch geringer bei so vielen Teilzeitkräften. Zudem sind wir flexibler, wenn einer ausfällt. Wird jemand krank, dann gibt es mehr Kollegen, die ich fragen kann, ob sie einspringen.


Sind Ihre Mitarbeiter zufrieden?

Natürlich! Sie sind alle hochzufrieden, hoch motiviert! Ich habe wirklich Glück mit meinen Mitarbeitern. Es funktioniert einfach. Und wenn es irgendwo ein Dienstplanproblem gibt, ist das in kürzester Frist geregelt.


Wie viel Prozent arbeiten die Ärzte bei Ihnen?

Wir haben Teilzeitkräfte, die 50% arbeiten, was 20 Wochenstunden entspricht. Manche arbeiten 30 Wochenstunden, andere 35. Die beliebteste Variante sind 30 Wochenstunden und sowohl die Fachärzte als auch die Ärzte in der Weiterbildung arbeiten als Teilzeitkräfte. Alle außer mir. Allerdings haben wir festgestellt, dass für die Einarbeitung mindestens 25 Wochenstunden nötig sind, weil sonst die Einarbeitungszeit zu lange dauert. Wir sagen den neuen Kollegen dann, dass sie zunächst ein halbes Jahr 25 Wochenstunden arbeiten sollen und anschließend auf 20 Stunden reduzieren können, wenn sie möchten.


Bekommen die Ärzte bei Ihnen einen Vertrag über die volle Weiterbildungszeit?

Sie erhalten einen Vertrag über die bei mir mögliche Weiterbildungszeit. Meine Weiterbildungsberechtigung beläuft sich auf 4 von 5 Jahren.


Wird Ihnen nicht vorgeworfen, dass Ihre Ärzte zu freizeitorientiert sind?

Also wenn sie hier sind, arbeiten sie sehr konzentriert. Natürlich haben wir die Arbeit auch sehr gut strukturiert und dokumentieren alles sehr gründlich. Denn wenn sich die Arbeit auf mehr Leute verteilt, fallen auch mehr Übergaben an. Die Übergaben werden auch eingeübt.
Also dass meine Mitarbeiter zu freizeitorientiert seien, wird mir nicht vorgeworfen. Im Gegenteil, es wird uns vorgeworfen, dass unsere Leute so oft auf Fortbildungen gehen. Sie haben dafür natürlich mehr Zeit, sind dann dort häufig vertreten und kommen immer wieder mit neuen Ideen zurück.


Hat die Verwaltung versucht, Ihnen einen Riegel vorzuschieben?

Nein, es ist ein großes Missverständnis, dass die meisten Ärzte glauben, die Verwaltung sei gegen Teilzeitarbeit. Das stimmt nicht! Verwaltungsleiter haben mit Teilzeitkräften aus dem Pflegebereich viel Erfahrung und wissen, dass sie nicht teurer sind. Höchstens insofern, dass die Sachbearbeiterin eine Akte mehr hat. Und sie wissen, dass die Teilzeitkräfte in der Zeit, in der sie da sind, mehr arbeiten als Vollzeitkräfte im gleichen Zeitraum.

Ich habe also seitens der Verwaltung nie irgendwelche Schwierigkeiten bekommen. Sogar der Verband der Verwaltungsleiter unterstützt das!


Wie kommt es dann, dass Teilzeitarbeit unter Ärzten in Krankenhäusern so wenig verbreitet ist?

Es gibt so wenig Beispiele und Vorbilder. Und es ist natürlich ein höherer organisatorischer Aufwand für die Abteilungsleitung.


Es braucht also einen Chef, der das unterstützt?

Ja. Wenn der Chef nicht dahintersteht, funktioniert das nicht. Denn es braucht nur etwas schief zu gehen, dann heißt es: ‚Daran sind die Teilzeitkräfte schuld.' Dass Vollzeitkräfte auch Fehler machen, wird nicht bedacht.


Eignet sich die Anästhesie besonders für Teilzeitmodelle?

Also die gynäkologische Abteilung im Haus hat auch schon seit 23 Jahren ärztliche Teilzeitkräfte. Die haben das von uns übernommen. In der Gynäkologie ist natürlich vorteilhaft, dass die Patienten nicht lange da sind. Die Abteilung hat es so geregelt, dass einer der teilzeitarbeitenden Ärzte eine Woche lang voll die Stationsarbeit macht. Bis auf wenige Ausnahmen bleibt keine Patientin länger als eine Woche, sodass für sie immer der gleiche Ansprechpartner da ist. In der nächsten Woche ist dann ein anderer Kollege dran. In der einen Woche müssen die Ärzte also mehr arbeiten als sonst und in der anderen Zeit sind sie im Kreissaal eingeteilt oder im OP.


Gibt es mit Ihren Teilzeitkräften auch Probleme?

Ein Problem ist der Neid der Kollegen. Sie denken, wir hätten so viel Personal, weil wir mehr Köpfe sind. Sie durchschauen einfach nicht, dass das alles Teilzeitkräfte sind. Das kann ja auch kein Mensch durchschauen, wenn er nicht den Dienstplan kennt!


Haben Sie selbst Kinder?

Ja, ich habe zwei Kinder, die mittlerweile erwachsen sind und studieren. Ich habe allerdings nie Teilzeit gearbeitet, sondern nur jeweils 6 Wochen vor und 8 Wochen nach der Entbindung ausgesetzt.


Wie haben Sie die Betreuung ihrer Kinder organisiert?

Ich denke, dass ich das ganz praktisch organisiert habe. Ich war bereits Chefärztin, als ich die Kinder bekommen habe. Insofern konnte ich mir eine gute Kinderbetreuung leisten. Ich hatte immer zwei Kindermädchen, die im Schichtdienst gearbeitet haben, denn ich war ja mehr als 8 Stunden täglich von zuhause weg. So konnte auch die eine einspringen, wenn die andere krank war. Sie sind zu uns ins Haus gekommen und haben teilweise auch bei uns gewohnt.


Hat es Ihren Kindern geschadet, dass Sie so viel weg waren?

Inzwischen sind sie 25 und 28 Jahre alt. Kürzlich habe ich sie gefragt, ob sie es als schlimm empfunden haben, dass ihre Mutter so viel weg war. Nein, das konnten sie nicht bestätigen. Meinen Sohn habe ich dann gefragt, ob seine Frau zuhause bei den Kindern bleiben soll, wenn er einmal heiratet. Nein, sie solle auch arbeiten gehen. Er hat es als positiv empfunden, dass seine Mutter nicht dauernd um ihn herum anwesend war, er sei dadurch sehr viel selbständiger geworden.
Nun, sie haben es natürlich nie anders erlebt. Doch das mit den Kindermädchen hat ihnen immer gefallen. Sie haben geweint, wenn eine gegangen ist und haben drei Tage später hoch erfreut die nächste begrüßt und waren sehr interessiert, was sie so kann. Eine konnte gut Rollschuhe fahren, die andere konnte gut stricken - was ich nicht kann - eine andere wiederum kochte sehr gut. Also das war für die Kinder nicht problematisch.


Wann ist es in einer ärztlichen Berufskarriere aus Ihrer Sicht günstig, eine Familie zu gründen?

Während des Studiums kann es günstig sein, weil sich die Eltern mehr Zeit für die kleinen Kinder nehmen können. Wenn sie dann anfangen, in der Klinik zu arbeiten, sind die Kinder größer. Gerade in der Weiterbildungszeit sind die Ärzte sehr eingespannt und Teilzeitstellen sind rar gesät.
Am günstigsten ist es aus meiner Sicht, Kinder zu bekommen, wenn man schon eine Weile als Fachärztin gearbeitet hat. Dann gibt es auch mehr Teilzeitstellen und die Frauen kommen nach einer Pause leichter wieder rein durch ihre berufliche Vorerfahrung. Allerdings ist man dann eben schon relativ alt.


Gibt es einen ungünstigen Zeitpunkt für die Familiengründung?

Nun, am schwersten haben es die Frauen, die direkt nach dem Examen lange pausiert haben und dann wieder einsteigen wollen. Ich organisiere ja auch Wiedereingliederungskurse für Ärztinnen nach der Familienpause von der Ärztekammer aus und sehe dort, dass es umso leichter ist, je mehr die Frauen vorher schon gearbeitet haben. Doch ich habe auch immer wieder Frauen, die nach langer Familienpause und ohne berufliche Vorerfahrung den Wiedereinstieg schaffen. Das freut mich dann ganz besonders.


Sind Wiedereingliederungskurse für Ärztinnen eine Hilfe?

Natürlich! Ich denke, dass sich im Moment ein Ärztemangel anbahnt. Es gibt so viele hochqualifizierte Ärztinnen, die zuhause sind und die man rekrutieren könnte, wenn man ihnen ein vernünftiges Teilzeitangebot machen würde.


Was raten Sie Frauen, die nach einer längeren Pause wieder einsteigen wollen und Angst vor den beruflichen Anforderungen haben?

Ich empfehle ihnen, zu hospitieren, bevor sie anfangen. Gut, das wird zwar nicht bezahlt, doch wird ihnen so die Angst genommen. Sie merken schnell, dass sie doch noch einiges können und dass sie nicht so schlecht sind, wie sie vielleicht meinen.


Wie arbeiten Sie neue Kollegen ein?

Neue Kolleginnen und Kollegen sind anfangs zusätzlich eingeteilt und arbeiten unter Aufsicht eines Facharztes. Nach und nach dürfen sie dann immer mehr alleine machen. Das heißt, sie schauen erst einmal zu und werden langsam herangeführt.


Wie lange dauert die Einarbeitungsphase?

Das kommt auf die Vorkenntnisse an. Manche neue Mitarbeiter kann ich schon nach drei Tagen alleine in den OP stellen, andere erst nach 6 Wochen. Man sieht, wie sie Fortschritte machen. Wir schauen, wie sie sich anstellen und lassen sie dann bei einem einfachen Patienten mal eine Viertelstunde im OP alleine, dann eine halbe Stunde. Dann ist der Oberarzt auf dem Flur in der Nähe, später weiter weg erreichbar. Die Einarbeitungszeit legen wir also nicht von vornherein fest.


Wie lange werden Sie noch als Chefärztin arbeiten?

Ich habe noch knapp 3 Jahre, dann gehe ich in den Ruhestand.


Frau Dr. Kuhnert-Frey, ich danke Ihnen herzlich für das Gespräch.


ZusatzinfosNach oben hoch

Ein Drittel der ärztlichen Belegschaft der anästhesiologischen Abteilung im Krankenhaus Sinsheim ist männlich, zwei Drittel weiblich. Eine Kollegin hat 3 Kinder, 12 der Ärztinnen und Ärzte haben zwei Kinder, eine ein Kind und eine Ärztin ist schwanger.


LeserkommentareNach oben hoch

Herzlichen Glückwunsch zu diesem Artikel! - von Sonja-Kerstin Meyer

Ich selbst bin Medizinstudentin an der Universität Heidelberg und schließe mein Studium bald ab. Dieser Artikel hat mir mehr Mut gemacht, dass eine Familie und der Arztberuf in Einklang zu bringen sind. Leider hat man gerade in großen Universitätskliniken oftmals das Gefühl, dass Ärztinnen mit Kindern unerwünscht sind, da sie aufgrund ihrer familiären Verpflichtung angeblich "nicht das gleiche leisten"... Von daher sind unterstützende Maßnahmen, wie eben Teilzeit und Kinderbetreuung rar gesät. Ein großes Lob an die anästhesiologische Abteilung des Krankenhaus Sinsheim!
8.11.06 Heidelberg


Inspirierend! - Von einer Studentin aus dem 9. Semester

Das war ein wirklich guter und interessanter Artikel! Ich selbst bin im fünften Studienjahr, habe noch keine Kinder hätte aber gerne mindestens vier und frage mich nun oft, wie ich das wohl regeln soll. So war der Artikel doch recht inspirierend. Ich wünschte man könnte mehrere Chefärzte mit dem Artikel erreichen, so dass diese über solche Modelle nachdenken.

 
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