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Interview mit einer Medizinstudentin über ihren neuen Alltag mit einem Kind
Justus ist ein friedlicher Zeitgenosse!
Redaktion Via medici online
Christina Reinhardt studiert in Leipzig im 9. Semester Medizin. Ihr Sohn Justus ist zum Zeitpunkt des Interviews drei Monate alt und ist ein Wunschkind von Christina und Sandro, ihrem Freund. Er studiert ebenfalls Medizin und hat im Februar 2006 mit dem Praktischen Jahr begonnen. Via medici online hat sich mit Christina über den veränderten Alltag mit Kind unterhalten. Das Gespräch führte Ulrike Rostan.

Justus lässt Christina sogar Zeit zum Lernen
| Christina, wie sieht dein Alltag mit Kind nun aus? |
Ich stehe früh auf und schaue, dass ich viel unterwegs bin, denn zuhause rumsitzen ist nicht so mein Ding. Jeden 2. oder 3. Tag gehe ich für 1 ½ Stunden in die Uni, immer vormittags. Anschließend gehe ich eine Runde spazieren, zum Beispiel in die Stadt. In der Zeit macht Justus sein Schläfchen im Kinderwagen. Nachmittags bin ich entweder zuhause, kümmere ich mich um den Haushalt oder treffe mich noch mit Freunden. Wenn gegen 17 Uhr Sandro nach Hause kommt, machen wir meistens etwas zusammen, bleiben hier zuhause oder gehen noch mal in die Stadt. Wir unternehmen viel mit dem Baby zusammen, auch abends. Justus schreckt uns jetzt nicht ab, abends mal zu Freunden zu gehen oder was trinken zu gehen - eben dort, wo es kindertauglich ist. Ja, das macht Spaß im Moment!
| Hast du dir die Situation mit dem Kind so vorgestellt? |
Doch, ich habe mir das so vorgestellt. Ich glaube, Justus ist ein sehr friedlicher Zeitgenosse. Ich habe jetzt zum Beispiel mit einer Kommilitonin mit Kind gesprochen, deren Kind in den ersten vier Monaten wohl nur gebrüllt hat. Sie hatte nicht die Möglichkeit, irgendeinen Kurs an der Uni zu besuchen. Sie selbst hat kaum schlafen können und war rund um die Uhr nur mit dem Kind beschäftigt. Ich sitze jetzt zum Beispiel gerade auf dem Balkon und lese im Pädiatriebuch. Anscheinend habe ich Glück, dass er relativ entspannt ist und ich nebenher auch noch viel machen kann.
Ja voll.
| Wie lange hat es gedauert, bis sich bei dir alles eingespielt hat? |
Ach, das war eigentlich von Anfang an sehr unkompliziert. Die ersten 2 Wochen waren natürlich noch ein bisschen spannender als jetzt. Aber dass ich mich überfordert gefühlt habe oder so - gar nicht. Wobei ich sagen muss, dass mein Freund immer mit dabei gewesen ist. Gerade am Anfang war das toll - wir hatten noch Semesterferien. So konnten wir die ersten sechs bis acht Wochen von Justus zusammen genießen - nur zu dritt. Das war klasse. Wir haben uns gesagt, dass das der eigentliche Grund war, das Kind schon im Studium zu bekommen.
| Wie organisierst du dein Studium? |
Ein Semester fehlt mir noch. Ursprünglich wollte ich dieses Semester pausieren und im Wintersemester die fehlenden Kurse absolvieren. Doch was ich hab, hab ich. Daher besuche ich den Pädiatriekurs in diesem Semester. Was mir dann noch fehlt, das mache ich in Ruhe im nächsten Semester.
| Und was passiert in der Zeit mit Justus, wenn du im Praktikum bist? |
Während des Pädiatrie-Kurses passt ein Kommilitone - ein sehr guter Freund von uns - auf Justus auf. Sein Kurs und mein Kurs finden zeitversetzt statt, sodass wir vor der Uni das Kind schnell tauschen und er dann anderthalb Stunden mit ihm spazieren geht. Danach bringt er mir Justus wieder.
| Fällt es dir nicht schwer, den Kleinen abzugeben? |
Nö, ich hab da volles Vertrauen zu dem Freund. Ich habe mein Handy dann in der Kitteltasche falls wirklich etwas sein sollte. Dann bekomme ich die Unterschrift eben nicht. Aber wie gesagt, ich muss den Kurs ja nicht unbedingt in diesem Semester abschließen.
| Gibt es von Seiten der Uni Angebote oder Informationen für studierende Eltern? |
Ich habe bereits jetzt schon einen Platz in der Uni-Kinderkrippe bekommen - für das nächste Semester zumindest. Das klappte total unkompliziert. Ich habe in der Krippe angerufen und mal nachgefragt - eigentlich mit der Erwartung, dass es nicht klappt. Um so mehr habe ich mich über die Antwort gefreut! Kein Thema, das sei gar kein Problem, weil ich mich so frühzeitig darum gekümmert hätte. Allerdings kann die Krippe aus Platzgründen nur acht Kinder nehmen, daher kann ich ihn nur dreimal die Woche für maximal vier Stunden abgeben. Doch das reicht mir. Und auch nur für ein Semester. Aber für mein letztes Semester ist das eine ganz gute Lösung. Das reicht, damit ich meine restlichen Kurse noch schaffe.
| Habt ihr Großeltern in der Nähe? |
Nein, leider nicht. Die ganze Familie lebt leider in Düsseldorf und Dorsten und ist berufstätig. Wir haben auch ein paar Lehrer in der Familie, die könnten nachmittags oder auch mal abends Justus hüten (lacht). Aber das geht nun leider nicht.
| Wann willst du mit dem PJ beginnen? |
Ende Februar nächstes Jahr beginne ich mit dem PJ. Justus ist dann ein Jahr alt. Da ich in der neuen Studienordnung studiere, mache ich das Hammerexamen nach dem PJ.
| Wo wirst du Justus dann unterbringen? |
(lacht): Ich bin ja in Leipzig, nicht? Hier haben wir ja noch vorzügliche Kinderbetreuungsmöglichkeiten. Na ja, so einfach ist es wohl auch nicht. Ich bin jetzt gerade schon auf der Suche nach Krippen. Am liebsten wäre uns ein Krippenplatz oder - wenn wir keinen bekommen - eine Tagesmutter. Wenn ich ins PJ gehe, ist Sandro gerade mit dem PJ fertig. Wir haben schon gesagt, dass er dann zwei bis drei Monate zuhause bleibt, bevor er anfängt zu arbeiten, um eine Art Übergangsphase zu schaffen. Dann muss Justus nicht von Anfang an voll in die Krippe gehen, sondern er kann sich so langsam daran gewöhnen. Denn wenn ich im PJ bin, muss er ja schon leider den ganzen Tag in die Krippe gehen. Allerdings möchte ich probieren, am Wochenende zu arbeiten und entsprechend unter der Woche frei zu haben. Ich sehe bei Sandro, dass das möglich ist. An den Wochenenden, an denen ich arbeiten werde, ist Sandro zuhause und kann auf Justus aufpassen. So wollen wir die Zeit in der Krippe so kurz wie möglich halten.
| Kann man bei euch das PJ auch in Teilzeit ableisten? |
Nein leider nicht. Deshalb bin ich ja damals an Via medici herangetreten. Ich habe bei euch im Internet gesehen, dass es zum Beispiel in Nordrhein-Westfahlen, wo ich herkomme, ohne Probleme möglich ist, ein Teilzeit-PJ zu machen. Anschließend habe ich bitterböse Briefe mit der Frau vom LPA Sachsen gewechselt, warum sich das denn hier nicht einrichten lässt. Aber sie ließ sich nicht darauf ein, sagte nein, das ginge nicht und der Aufwand wäre zu groß. Man könne das PJ für maximal 2 Tertiale unterbrechen, das wäre das einzige, was sie mir anbieten könne. Auch nach 5-6 Briefen und Telefonaten lenkte sie da nicht ein. Ich habe daraufhin in vielen Internetforen recherchiert und mit anderen Müttern gesprochen, auch mit welchen, die Teilzeit-PJ machen. Viele haben mir dann abgeraten. Der Tenor war: Lass es, denn effektiv gesehen klappt diese Teilzeit-PJ-Regelung nicht. Man würde wesentlich mehr als Teilzeit arbeiten und dennoch 2 Jahre ableisten müssen. Sie würden im Endeffekt also wesentlich mehr arbeiten. Ihr Rat war: Zieh das in einem Jahr schnell durch und schau dann danach nach einem Teilzeit-Job.
| Wie sehen eure weiteren beruflichen Pläne aus? |
Arbeiten möchte ich auf jeden Fall, dafür liebe ich diesen Beruf zu sehr und sonst hätte ich auch nicht studieren müssen. Aber ich denke, eine halbe Stelle genügt. Denn wenn wir beide eine volle Stelle hätten, würde das mit den Diensten schwierig werden. Erstens sehen wir unser Kind nicht und vor allen Dingen sehen wir Eltern uns auch nicht mehr. Auf lange Sicht gesehen müssen wir noch mal schauen. Wenn wir noch ein zweites Kind bekommen wollen, geht das Ganze noch einmal von vorne los. Ob wir lieber in einer Praxis oder in einer Klinik arbeiten wollen, wissen wir noch nicht; wir reden aber oft darüber.
| Siehst du bei deinem Freund auch ein Entgegenkommen? |
Sandro kann sich schon vorstellen, nach dem PJ noch eine Weile zuhause zu bleiben. Auch jetzt, wo er den ganzen Tag im PJ ist, sagt er schon: 'Ach Mensch, ich sehe Justus so selten. Ich wäre doch auch lieber mehr zuhause.' Gerade vorgestern haben wir mit einem Kommilitonen und Freund gesprochen, der auch sagt, dass er das total klasse findet, wenn die Papas auch mal zuhause bleiben würden. Mein Freund erzählte jetzt auch von einem Oberarzt bei ihm im PJ, der 2 Jahre zuhause geblieben ist! Ich glaube, bevor Justus geboren ist, hat sich Sandro noch nicht vorstellen können, zuhause zu bleiben. Und jetzt, seitdem er da ist, entwickelt er immer mehr den Gedanken, auch einen Teil der Kinderbetreuung zu übernehmen. Wobei wir natürlich auch schon gesagt haben, dass es sicherlich nach wie vor kritisch beäugt wird in unserer Ärztehierarchie, wenn ein Mann für die Kinder zuhause bleibt.
| Hast du für deine Rolle als Ärztin und Mutter Vorbilder? |
Ja, meine Patentante ist Gynäkologin, hat eine eigene Praxis und zwei Kinder. Sie hat allerdings ihre Kinder nicht so früh bekommen, erst nach dem Facharzt. Jetzt arbeitet sie auf einer halben Stelle, ist mit einer anderen Frau zusammen in der Praxis und das klappt total super. Ein weiteres Vorbild ist meine Gynäkologin hier vor Ort. Sie hat 2 oder 3 Kinder, ist allerdings alleine in der Praxis und bekommt das gut unter einen Hut. Und in meiner letzten Famulatur an einer kleinen Klinik haben die wenigsten auf einer vollen Stelle gearbeitet. Die meisten hatten Kinder, waren völlig entspannt und das hat super geklappt. Insofern bin ich sehr optimistisch! Man hört ja öfter: "Um Gottes Willen, das geht überhaupt nicht!" Das sind erstaunlicherweise vor allen Dingen Frauen, die einem das erzählen. Doch da höre ich gar nicht so genau hin. Es wird schon funktionieren - ich werde mich eben ein bisschen umgucken und umhören müssen nach einem Krankenhaus, das Teilzeitstellen anbietet. Ich bin sehr zuversichtlich, dass das problemlos klappen wird.
| Fühlst du dich von deiner Familie und den Kommilitonen unterstützt? |
Ich fühle mich total unterstützt, von Freunden, Familie und allen anderen.
Übrigens, ist das mit dem Weggeben noch interessant: Wenn ich zuhause Bekannten erzähle, dass ich Justus in eine Kinderkrippe geben werde, sind die meisten relativ geschockt. ‚Man kann sein Kind doch nicht so lange weggeben!' heißt es dann. Hier im Osten finden das alle völlig normal und legitim.
| Habt ihr finanzielle Schwierigkeiten? |
Nein, überhaupt nicht. Wir werden beide von unseren Eltern finanziert und die zahlen jetzt natürlich weiter bis zum Ende des Studiums. Für uns ändert sich nichts, ob mit Kind oder ohne. Für Justus bekommen wir, dadurch dass wir beide studieren, volles Erziehungsgeld und Kindergeld vom Staat. Für mich jetzt als stillende Mutter heißt das, dass wir eigentlich nur Windeln für ihn kaufen müssen. Und ab und zu ein paar Anziehsachen. Wir sparen das Geld für ihn, denn wir können das gar nicht alles ausgeben für ihn. Uns geht es in finanzieller Hinsicht also supergut.
| Wie beurteilst du den Zeitpunkt der Familiengründung jetzt im Nachhinein? |
Wir hatten den Zeitpunkt genau so geplant. Für mich war es einfach im Studium passend, weil ich jetzt die meiste Zeit habe. Ich wollte auf gar keinen Fall ein Kind direkt nach dem Studium bekommen, da ich Angst hatte, dass ich zu sehr raus komme. Erst Studium, dann Pause und dann arbeiten habe ich als nicht so sinnvoll erachtet. So bleibe ich schön drin und kann dann nach dem Studium direkt anfangen zu arbeiten mit einer halben Stelle. Ich muss nie so richtig unterbrechen. Mein Freund hat jetzt auch mehr Zeit für den Kleinen als wenn er bereits richtig arbeiten und Dienste schieben würde. Allerdings haben wir beide gesagt - jetzt wo Justus da ist - dass wir noch früher im Studium damit hätten anfangen sollen. Wenn Justus ein bis zwei Semester früher gekommen wäre, hätte Sandro natürlich auch noch mehr Zeit gehabt, weil er dann noch nicht im PJ gewesen wäre. Wenn ich jetzt noch einmal wählen könnte würde ich zwei Semester vor PJ-Beginn mein Kind bekommen.
| Gibt es noch weitere studierende Eltern in eurem Umfeld? |
Hier bei uns in Leipzig kommt es mir so vor, als ob immer mehr Medizinstudenten ihr Kind im Studium bekommen. Es sind so viele schwanger geworden in letzter Zeit. Auf jeden Fall habe ich das gute Gefühl, dass die Leute wieder mehr Kinder bekommen.
| Christina, ich danke dir für das Gespräch! |
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