Epilog
9. Mai 2012Damit schließe ich diesen Blog. Mögen viele neue Mediziner viele neue interessante Blogs verfassen! Ich werde als Leser bleiben und freue mich, Autor gewesen zu sein.
Damit schließe ich diesen Blog. Mögen viele neue Mediziner viele neue interessante Blogs verfassen! Ich werde als Leser bleiben und freue mich, Autor gewesen zu sein.
Ich habe vor ein paar Tagen eine E Mail von Thieme erhalten, dass ich ja eigentlich nicht mehr so richtig hierher passe, da ich mich ja gegen das Medizinstudium entschieden habe. Als ich die E-Mail gelesen habe, gab es in meinem Herz so ein Stich, dieses klassische Merkmal, dass man emotional getroffen wurde.
Abgesehen vom externen Druck und Rechtfertigungszwang, Existenzängsten und dem ganzen Kram war ich mit meiner Entscheidung glücklich, der Leidensdruck war wohl ziemlich groß. Trotzdem ist es irgendwie krass. Dieser Abschnitt ist zu Ende.
In meinem Kopf arbeitet es und arbeitet es seit Wochen über diesen Blogeintrag. Ich muss bei Acervulus, Hirnsand, immer an diesen Grübelzwang denken, ich finde das trifft es so schön. Ich stelle mir vor, wie meine Gedanken Sandkörner sind, die im Kopf beim Denken aneinander reiben und irgendwann ist alles nur noch Staub.
Mit ein wenig Abstand betrachtet finde ich Medizin wieder wunderbar. Grade gestern habe ich eine Medizinstudentin getroffen und grundsätzlich habe ich eher das Gefühl, dass jeder eher kritisiert als lobt. Ich lese immer noch alle Artikel, erst neulich wieder gab es einen mit der reißerischen Überschrift “65% der Ärzte rät ihren Kindern vom Medizinstudium ab”.
Man muss keine Entscheidung fällen, nie. Ich rate jedem davon ab, sein Medizinstudium zu schmeissen, außer man kann nicht anders. Sinead O Connor sagt sie rät jedem davon ab, Sängerin zu werden, außer man kann nicht anders als zu singen. Klingt besser als meine Version.
Jetzt beginnt das Prinzip “Freiheit aushalten”. Ich kann jetzt das Leben beginnen, dass ich immer haben wollte. Schreiben, Ungewissheit, freiberuflich arbeiten, wohl eher erstmal ganz unten anfangen. Ich muss die ganze Härte des Lebens in Kauf nehmen. Ich muss akzeptieren dass es Menschen gibt, welche meine Entscheidungen nie verstehen werden, für die ich verwöhnt bin und ein bisschen bescheuert. Wahrscheinlich haben diese Leute auch recht. Aber es fühlt sich noch immer nicht wie eine klare Entscheidung an, ich konnte einfach nicht anders.
Bis hier lief es gang gut. Das Theaterstück lief großartig! Ich bin jetzt weiterhin für Presse und Akquise zuständig. Ich bewerbe mich, vielleicht mache ich meinen Bachelor in Literatur zu Ende. Manchmal habe ich Angst, manchmal bin ich euphorisch, aber der nächste Tag kommt bestimmt.
Im Internet stößt man auf Gleichgesinnte. Man freut sich, dass es Leute gibt, denen es genauso geht, das gibt Kraft. Das ist mein Anspruch. Ich weiß, dass so ein intimes Tagebuch, das ich mit diesem Blog, für jeden Arbeitgeber, für jeden neuen Freund, für jeden Arbeitskollegen zugänglich mache, sehr gefährlich sein kann. Ich weiß nicht mal, ob ich hinter jedem Wort stehe. ich schreibe ja eher emotional, manchmal beschönige ich auch oder tue so als wäre ich stärker als ich es in Wirklichkeit bin.
Ich denke es ist nie einfach, noch Mal anzufangen. Manchmal geht es gleich gut, manchmal wird es schwer. Man fängt immer mal wieder an zu zweifeln. Und ich mache es mir definitiv extrem schwer und ich weiß nicht mal, wieso. Ich empfehle Menschen, die vor einer großen Entscheidung stehen, in schwierigen Momenten aufzuschreiben, warum sie zweifeln, warum sie unglücklich sind, was sie in Kauf nehmen würden, um etwas zu ändern. Ich war in Hannover teilweise so glücklich mit der Arbeit, mit dem Team, dass ich so viel Kraft getankt habe, dass ich dachte: Ach, ich mach jetzt Medizin noch zu Ende, dann habe ich einen Abschluss. (Ich bin übrigens noch immer immatrikuliert) Das würde aber schiefgehen. Es gibt einen Grund für all das. Ich bin dafür nicht gestrickt. Und sobald ich wieder in einem Zimmer in Halle hocken und Physiologie büffeln müsste, würde ich erneut mit meinem Kopf gegen eine Wand rennen, immer und immer wieder. Es gibt Menschen, die können die Zähne zusammen beißen und einfach durchhalten, ich gehe an sowas langfristig kaputt.
Jetzt bräuchte ich noch einen schönen Abschlusssatz, mir fällt aber keiner ein. Vielleicht ist genau so das Leben, aber wenn es im Großen und Ganzen gestimmt hat, ist der Abgang vielleicht auch nicht mehr ganz so wichtig.
Eigentlich immer wichtig: Irgendwie muss man auf sich aufmerksam machen. Hier unsere großartigen Sticker für das Theaterstück. Einfach eintragen, was man sein will:

Oder was man wirklich ist:

Manchmal kann ich auch über mich selber lachen:

Die erste Szene meines Films steht schon. Charlie Chaplin hat ja generell ohne Drehbuch gearbeitet, nach dem Prinzip man fängt mit dem Anfang an, dann denkt man sich ein Ende aus und die Mitte kommt dann irgendwie von alleine… Ich werde das mal versuchen. Die Anfangssequenz hier ist wirklich passiert, einer Freundin von einer Freundin. Wenn mein Film denn wirklich gedreht werden und die Zuschauerherzen im Sturm erobern sollte werde ich natürlich all diesen Inspirationsquellen im Film danken, versteht sich von selbst!
1 STRASSE - A/T
Eine attraktive Frau mit Stöckelschuhen geht selbstbewußt den Bürgersteig einer wenig befahrenen Straße herunter. Sie sieht gut gekleidet aus, gebildet und geschmackvoll, nicht billig. Ein Mitvierziger in einem teuren Cabrio fährt die Straße herunter und wird langsamer, als er sie links auf dem Straßenrand erblickt. Die Kamera filmt sowohl die Frau von hinten, als auch das Auto, man sieht also die Gesichter noch nicht. Als der Wagen Schritttempo erreicht hat und links neben ihr fährt dreht sie sich kurz zu ihm, erfasst blitzschnell die Lage und läuft einfach weiter, als hätte sie ihn nicht bemerkt, sie wird lediglich ein bisschen schneller.
Kamerawechsel, man schaut jetzt vom Bürgersteig aus auf die Beiden, sieht erst die Frau und dahinter das Cabrio. Der Mann beugt sich zu ihr, er ist mäßig attraktiv und eher Typ „Selbstdeklarierter Weiberheld“.
MANN
Hey Mausi, was geht?
FRAU
(Bleibt stehen, dreht sich gekonnt zu ihm um indem sie die Haare nach hinten wirft und sagt oberlehrerhaft) Für SIE immernoch Frau DOKTOR MAUSI!
Eben ist mir die Zeitung vom Tisch gefallen, als ich mein Ladekabel für den Laptop geholt habe. Kurz entstand in meinem Hirn ein Kampf von “Aufheben versus keine Lust” als mir die grandiose Idee kam, die Zeitung einfach liegen zu lassen und die ganze Sache auf die Katzen zu schieben.

Mein Vater erzählte mir gestern, dass sich meine Katzen gut eingelebt hätten, allerdings hat er oft das Gefühl, dass hier noch drei andere Menschen leben, die er noch nie gesehen hat, da es immer irgendwo kracht und knallt. Und wenn King die Treppe runter läuft klingt es wohl nach Mensch. Gestern hatte ich auch endlich wieder King und Marla in den Armen, die beiden haben mich nicht vergessen. Ich wollte King auch mal richtig vorstellen, so mit Fotos von vorne, von der Seite, von hinten und von unten, da ja offensichtlich Marla der Favorit von allen ist, die King nicht richtig kennen gelernt haben. King wollte ich sogar in der ersten Woche weggeben, weil er so viel Stress gemacht hat. Das lag aber vor allem an der neuen Umgebung, immerhin waren die beiden schon vier Jahre alt, als ich sie aus Halle-Neustadt abgeholt habe. Die Oma, die gestorben ist, hatte wahrscheinlich 24 Stunden/7 Tage die Woche für die Katzen Zeit und plötzlich mussten sie zu Menschen ziehen, denen es völlig fremd war, um sieben Uhr morgens aufzustehen um die Katzen zu füttern. (King sorgt immer mal wieder gerne dafür, dass er mitten in der Nacht Futter kriegt indem er auf mein Bett springt und einfach so lange miaut bis ich nachgebe, schlaftrunken Futter in das Futterdings schütte und zurück ins Bett torkele) Wie dem auch sei, King kann Türen öffnen und ist eine kluge Kuschelkatze, Marla ist zickig wenn sie nicht der Mittelpunkt ist. Lisa und Mathias haben King zum absoluten Liebling erklärt und fragen gerne mal wer denn bitte King NICHT liebt.
Nun zu meiner Karriere beim Film.
Samstag war ich mit einem Freund, der Schauspieler ist, in der Volksbühne, ich hatte ihn gefragt, ob wir nicht mal zusammen die Theaterwelt erkunden, soll heißen er sucht aus und ich komme mit. Er hat mich noch einer anderen Schauspielerin vorgestellt und dann ging es auch schon los. Frank Castorf inszeniert Fjodor Dostojewski (auf der Karte noch mit einem J am Ende des Nachnamens) an der Volksbühne. Als Einführung in die Theaterwelt - wie soll man sagen - ist das ungefähr so als würde man einem Stummfilmliebhaber als Einführung in den Tonfilm Star Wars zeigen, aber die “Digitally Remastered” Version mit Dolby Surround. Das Stück war wirklich witzig und unglaublich kreativ, in die Moderne gezogen, mit allerlei Anspielungen und Sätzen wie: Macht die Matratze sauber! Mit Febreze! Aber mit dem echten Febreze von Henkel, nich mit sonem Schlitzaugenplagiat! Umwerfend war natürlich auch Alexander Scheer, der damals den Hauptdarsteller in Sonnenallee gab und jedem Hollywoodschönling die Sympathiewerte einfach “abspielen” könnte, er ist so ein kleiner Milan Peschel für mich, er spielt den Underdog so großartig, dass man gar nicht anders kann als alle Muskeln und Bildung und Statusobjekte als Farce zu deklarieren und in ihm das einzig Wahre und Reine zu erkennen.
Die erste Hälfte war dann nach zwei Stunden rum, da ging es erst zur Pause und ich war noch fit. Die Schauspielfreundin des Freundes gab dann nur ein kurzes Zeichen und schon schloss uns die Mitarbeiterin der Volksbühne eine Tür auf und wir wanderten durch die Eingeweide der Volksbühne zum Magen, besser gesagt zur Kantine. Hier halten sich also die alten Berliner auf, dachte ich mir, es war dunkel und man durfte rauchen, genauso wie man sich das so vorstellt. Es gab kein Biofood sondern ne Bockwurst mit Senf und ein Bier und danach ging es zurück in die Vorstellung, zu meiner Verwunderung war die Hälfte der Leute einfach gegangen. Ich verstand dann auch schnell, wieso… Die Vorführung begann um 19:30 Uhr und irgendwann kurz nach 12 waren wir wieder in der Freiheit. Irgendwo zwischen Las Vegas und Sankt Petersburg blieb meine Konzentration an einem einarmigen Banditen hängen und ich döste so vor mich hin, schaute mir die halbnackten Frauen und den Klavierspieler auf der Bühne an und verlor jedes Gefühl für Zeit.
Danach standen wir kurz im Nieselregen vor der Volksbühne, zu meiner Erleichterung war es den beiden ganz genauso ergangen und als Belohnung mussten wir natürlich noch ein Bier trinken gehen. In der vollkommen überfüllten Bar schnackten dann alle so rum und mein Schauspielfreund fragte mich ob ich nicht Lust hätte, so für ca. 40 Tage Regieassistentin zu werden, da er ja weiß, dass ich dieses Umfeld suche. Es gäbe natürlich sehr wenig Geld und überhaupt, aber wenn ich will, dann könnte ich das machen. Es hat mich natürlich unheimlich gefreut, Problem war nur, dass diese Praktikumsbewerbung noch lief und das Regiedings in Hannover wäre. Wir einigten uns darauf mal zu gucken, was die Zukunft so bringt und trennten uns nach einem wirklich schönen Abend irgendwo zwischen Hackescher Markt und Torstraße.
Heute dann kam die E-Mail, nicht der Anruf, dass ich das Praktikum in einer Woche beginnen darf. Um ehrlich zu sein ist mir nicht nur ein Stein vom Herzen gefallen, sondern ich habe mich auch extrem gefreut, da diese Firma mir wirklich zusagt. Abgesehen von meinem durchgeknallten Lebenslauf und der totalen Schnapsidee nach Jahren des “Überall reinschnüffelns” sich für einen total überfüllten und unterbezahlten Markt zu entscheiden, finde ich meine Statistik für zwei Wochen im Filmbusiness sein gar nicht so übel! Ich konstatiere: Lektorin auf Probe bei einer Firma, Praktikantin bei einer anderen, Angebot als Regieassistentin. Klar, Totschlagargument: Kohle reicht nicht zum überleben. Stimmt.
Aber ein Freund hat mir grade von einem Freund erzählt, welcher jetzt in der Psychiatrie ist. Nicht der erste von dem ich das höre. Hat etwas total Falsches studiert, sich von der Freundin getrennt und nach Ende des Studiums gemerkt dass er das, was er studiert hat, jetzt auch wirklich machen muss. Menschen, die gleich das Richtige machen mögen das nicht verstehen, ich weiß ganz genau wie hart es sein kann, den falschen Weg eingeschlagen zu haben. Man unterschätzt den psychischen Druck, die Umwelt, die Eltern, die Erwartungen, die es auch wirklich gibt, die sind nicht nur im Kopf.
Ich bin allerdings extrem motiviert, meine Geister sind am erwachen, ich habe Lust auf alles, werde mein Comic zeichnen und bei mehr Literaturwettbewerben mitmachen. Ich habe tausend Ideen für Filme, werde auch mal meinen eigenen schreiben. Die erste Szene steht.
Gestern bin ich zu meinen Eltern gelaufen. Also fast, nach ca. 15 km bin ich in die Bahn gestiegen. Ich glaube ich habe damit mal angefangen, als ich so pleite war, dass ich mir nicht mal mehr das S-Bahn Ticket leisten konnte und weil schwarz fahren wie gesagt nicht in Betracht kam, bin ich eben gelaufen. Auch das joggen vermisse ich, da ich in Berlin leider nicht in Parknähe wohne. Irgendwo zwischen Savignyplatz und Neukölln bin ich an einer Altbauwohnung vorbei gelaufen, über zwei Etagen mit Wendeltreppe, viele Bücher, viel Platz, viel Freiheit. Ich träume davon eines Tages nur noch machen zu können, worauf ich Lust habe. Ein bisschen Comic malen, ein bisschen Drehbuchschreiben, ein Buch, ein Theaterstück, rausgehen, Freunde treffen, zu irgendwelchen Veranstaltungen gehen, Freunde einladen. Gestern kam wieder Eastwood’s Gran Torino im Fernsehen, ich liebe diesen Film. Nur die letzten fünf Minuten haben so viele Emotionen dass ich mir die Tränen unterdrücken muss. Und der Mann ist 80 Jahre alt. Und anscheinend immer noch nicht auf dem Höhepunkt seines Schaffens. Ich sollte mir also nicht so viele Sorgen machen. Wenn ich jetzt anfange, habe ich immer noch über fünfzig Jahre Zeit zu machen, was ich liebe.
Sicherheit ist ein Trugschluss. Überhaupt ist Sicherheit so langsam ein Wort, das mich sehr emotional macht. Ich stelle mir das vor wie mit den Parkplätzen in Berlin. Jeder hat Angst, keinen mehr zu finden, also lässt er sein Auto so lange stehen, wie es nur geht, auch wenn er es eigentlich zehn Mal hätte benutzen wollen. Würde einfach jeder diese Angst überwinden und fahren, dann wären grundsätzlich immer mehr Parkplätze vorhanden weil die Fluktuation größer wäre. Der Frust wäre kleiner und die Angst, auch der kreisenden Autos, viel geringer.
So ungefähr verhält es sich mit allem anderen auch. Mit Uniplätzen. Eine Freundin studierte auf Lehramt, ist jetzt Fußballtrainerin. Damit ist sie ihren eigenen Weg gegangen, was ich super finde, hat es aber allen anderen in Deutschland (Abschlüsse sind ja, wie alle gerne bemerken, in Deutschland sehr beliebt) recht gemacht. Man kann ihr nichts vorwerfen denn „für alle Fälle hat sie einen Abschluss“ und zusätzlich denkt niemand, dass sie dumm ist, nur weil sie auch Fußballerin ist. Diese Frau ist so eine hervorragende und engagierte Trainerin, dass dieser Studienabschluss wahrscheinlich nur eins (was ja auch super ist) bewirkt hat, nämlich dass sich diese besagte Freundin selbst finden konnte und wusste, dass sie nicht als Lehrerin arbeiten möchte. Mein anderer Freund Jerun, hervorragender Fotograf, studiert jetzt auch auf Lehramt. Gestern sind wir zum Haus der Kulturen der Welt gelaufen und ich sagte: Ich bin eine Pussy. Ich will Sicherheit und das blockiert mich. Darauf sagte er: Ich bin auch eine Pussy. Ich weiß nicht ob ich als Lehrer arbeiten möchte, aber wir denken eben an die Zukunft.
Es ärgert mich auch dass viele denken ein Studienabschluss macht sie auf jeden Fall schlau, dass manche Frauen denken sie sind emanzipiert nur weil sie Medizin studieren und Männer glauben sie sind automatisch intellektuell mit einem Dr. med. Dass man sich ewig bewähren muss wenn man unglaublich gut ist aber keinen Uniabschluss hat und manche Leute ewig brauchen um zu erkennen, dass manche Menschen mit Abschluss genauso dämlich sind wie davor.
Wahrscheinlich wären tausende von Studienplätzen mehr erhältlich, wenn all diese Menschen ihrer Leidenschaft nachgehen würden. Machen wir aber nicht. Jerun, ein hervorragender Fotograf, hat unter anderem Klaus Lemke, den „Guerilla Filmemacher“ fotografiert, lief gestern mit mir zum Berlinale Kino. Es sind meines Erachtens die besten Bilder, die je von ihm geschossen wurden, Jerun rennt immer noch diversen Medien hinterher, um das Geld für die gedruckten Bilder einzufordern. Lemke hat wegen der Berlinale groß in den Medien über die jungen Filmemacher hergezogen. Ich habe mir das Video angeguckt und musste ihm im Großen und Ganzen recht geben. Die Filmemacher beugen sich dem Markt, den Sendern, den Leuten, die Fördermittel vergeben. Und anstatt das Haus ihrer Oma zu verkaufen oder ihr Ipad oder was auch immer, warten sie auf die Förderung und so sind dann eben auch die Filme. Blöde Mittelschichtskinder die von Mami und Papi gefördert werden und eigentlich nichts zu erzählen haben. Ich habe mich zutiefst erwischt gefühlt.
Ich hasse mich selbst dafür und habe oft das Bedürfnis, alle finanziellen Subventionen meiner Eltern endlich hinter mir zu lassen und mich in das große Leben zu stürzen, von dem ich ja immer so leidenschaftlich schreibe. Und so paradox das klingen mag, diese Unterstützung führt dazu, dass man ein Leben in Ketten führt und wahrscheinlich auch viel zu spät merkt, wie der Hase läuft. Wie man selbst läuft. Denn man muss von Menschen umgeben sein, die auf Augenhöhe sind und man muss Entscheidungen treffen und darf sich nicht passiv verhalten wenn man ein Ziel verfolgt. Wenn man Geld hat kann man in dieser Welt ausharren, wo auch immer, und das Gefühl entsteht, dass diese Person da ja zu recht sitzt. Geld und das ganze System ist eigentlich eine riesen Heuchelei aber das ist heute nicht Thema.
Gestern haben meine beste Freundin Tine, ihr Freund und ich also „Arcadia“ geguckt. Aufgeregt sind wir zur Berlinale um dann festzustellen, dass es sich um einen Kinderfilm handelte. Eintritt drei Euro, wir saßen umringt von hunderten von Kindern und Teenies. Das Theater im Haus der Kulturen der Welt ist umwerfend, ich war noch nie drin und dachte mir: Für dieses Erlebnis drei bis fünf Euro zu verlangen würde mich zu einem täglichen Kinogänger machen. Oder drei Mal die Woche zwei Filme auf einmal gucken. Oder Samstags drei. Arcadia stellte sich dann als unglaublich bewegender und spannender Film dar, danach kamen noch Hauptdarsteller und Regisseurin auf die Bühne. (Da fällt mir auf der Film war auch gefördert) Es handelt von einem Roadtrip eines Vaters mit seinen drei Töchtern durch die USA, das ist aber eigentlich eine falsche Beschreibung. Die wahre Handlung enthüllt sich Stück für Stück. Die beiden Hauptdarsteller, neun und 13 Jahre alt, hatten schon zig Filme gedreht. Amerikaner, selbstbewusst, so unglaublich selbstbewusst, ich war noch mit 16 so krampfhaft verschüchtert, dass es mich jetzt noch wütend macht. Diese total andere Einstellung zu allem. Die Kinder wirkten nicht krank oder benutzt von bösen Eltern, sondern „Totally fine“.
Aufgefallen ist mir auch der wahnsinnig realistisch dargestellte Vater. Eine unglaublich gut ausgearbeitete Figur. So war er von der Situation genauso überfordert wie seine Kinder und rastete ab und zu mal aus. Allerdings merkte man sofort, dass er seine Kinder eigentlich liebt und sich für alles interessierte. So setzte er seine Tochter nach einem heftigen Streit im Auto einmal auf der Straße aus. Natürlich wusste man, er kommt zurück und er kam zurück. Am Abend ging er zu ihr und suchte das Gespräch, sagte dass er nicht so streiten möchte und dass es ihm leid tut.
Tine und ich sind nach dem Film zu mir gegangen und haben dank“ Arcadia“ darüber gesprochen, dass es wohl ein relativ weit verbreitetes Phänomen sein muss, dass die Generation unserer Eltern und Großeltern nicht redet. Dinge werden einfach totgeschwiegen. Und deshalb knallt es oft, weil wir wohl die erste Generation sind, die sagt: Nein, haben wir keine Lust darauf. Und mein ganzes Leben zu opfern wenn meine Eltern pflegebedürftig werden, nur weil das alle Generationen vor mir taten, das finde ich auch nicht gut. Ich möchte eine andere Lösung. Die Eltern und Großeltern fühlen sich verraten, obwohl es kein Verrat ist, sondern der Versuch, seine Bedürfnisse zu äußern und nicht komplett zu ignorieren. Weil wir, wie bei Franzen beschrieben, mit den Konventionen vielleicht einfacher brechen können als ältere Generationen.
Und auch schön war das Gefühl, ich selbst sein zu dürfen. Ich habe seit ein paar Jahren ein paar Menschen um mich, die mich genau so nehmen wie ich bin und meinen Kern erkennen und mich nicht daran werten, was ich beruflich tue. Tine und ich haben gekocht und geschnackt und es war der schönste Abend seit langem. Ich habe gesagt ich weiß dass der große Knall nicht kommen wird, der Knall mit denen ich alle von der Richtigkeit einer Entscheidung überzeugen kann, sondern ich muss nüchtern eine Entscheidung fällen und dazu stehen. Sie sagte etwas über sich, ich über mich, und ich war ich selbst und sie war sie selbst und keiner musste eine Rolle spielen. Für mich ist das nicht nur wahre Freundschaft sondern das Ziel meines Lebens.
Und als wäre es ein Zeichen gewesen, so endete der Tag nicht nur schön, sondern er begann auch unheimlich gut. Ich kaufe mir immer ein Ticket, das stürzt mich irgendwann in den Ruin wenn ich denn nicht endlich mal ein Monatsticket hole, und werde nie kontrolliert. So auch gestern morgen. Ich kaufte ein Ticket - aber wurde endlich kontrolliert! Das Vorstellungsgespräch lief super, die Firma gefiel mir auf Anhieb und der einzige kältere Gedanke war, dass ich weiterhin von meinen Eltern abhängig bin. Ich habe auch die alte Freundin in der Firma wieder getroffen und sie erzählte mir, dass sie immer Medizin studieren wollte. Ich blühe grade auf und denke manchmal, dass ich das alles einfach erstmal zu ende machen sollte. Weiß aber auch, dass ich hier aufblühe und sobald ich wieder vor dem Buch sitze, die Energie aus den Hirnwindungen rinnt wie Sand durch Hände und irgendwie würde ich es ja doch nur für die Sicherheit tun.
Mein Tagebuch hier gibt mir sehr viel, ich habe jetzt aber zusätzlich einen Blog eingerichtet, sodass ich quasi für den Rest meines Lebens weiter bloggen kann. Ich werde hier natürlich auch veröffentlichen. Aber weil es mich brennend interessiert, wie viele Leute denn so auf meine Seite klicken (sind es 3 oder vielleicht sogar 30?) ist der nächste Eintrag nur auf meiner neuen Blogseite zu finden. Die alten Einträge habe ich auch einkopiert, aber die Bilder sind noch nicht oben.
Soeben zählte der Besucherzähler 15 Klicks insgesamt und 11 Besucher insgesamt. Ich hoffe, dass ich ein paar Menschen erreicht habe. Wenn ihr also Lust auf meinen neuen Blogeintrag habt, es geht um die Berlinale und mein Vorstellungsgespräch beim Film, dann klickt hier:
http://morbus-scribendi.blog.de/
Und dann habe ich gestern tatsächlich “Die Korrekturen” von Jonathan Franzen zu Ende gelesen. Ich hatte Angst, dass ich Bücher horte, schwere Bücher, und sie niemals lese, wie ein Heuchler kam ich mir vor. Der Bann ist gebrochen und meine Leselust wieder krankhaft ausgebrochen. Ich liebe dieses Buch. Es ist der Wahnsinn, hat mich noch mehr zerfetzt als der gestrige Tag. Es handelt von dem Versuch, psychologische Probleme einer Familie zu korrigieren. Drei Kinder und die Eltern, jeder kämpft auf seine Weise gegen die sogenannten Fehler an. Als Mediziner kam mir noch in den Sinn, die ästhetische Korrektur mit auf den Plan zu werfen, was gibt es dazu zu sagen, dass manche Menschen ihr Leben damit verbringen, abzunehmen, weil sie denken, dass das alle Probleme löst? Was gibt es zu Botox, Nasenkorrekturen und Fettabsaugen zu sagen? Sicherlich in den USA genauso präsent wie Psychopharmaka. Welche der Autor allerdings offensichtlich als “Korrektur” des psychischen Daseins verteufelt.
Was ist so großartig an diesem Roman? Abgesehen davon, dass er über 700 Seiten hat, und ich eigentlich immer Verfechter von “Nur das Telefonbuch hat das Recht dazu, 700 Seiten lang zu sein.” war, am Ende aber so süchtig nach den Charakteren wurde, dass ich entweder sofort Teil zwei (den es nicht gibt) lesen wollte, oder ernsthaft, noch immer, mit dem Gedanken spiele, nochmal von vorne anzufangen, gibt dieses Buch mir Sätze, bei denen ich laut JA schreien will und mich in meiner Gefühlslage, in überhaupt allem Menschlichsein wiederfinde und bestätigt sehe.
Mir wird klar, welch ein Kampf selbst heutzutage grundsätzliche Wahrheiten gewesen sein müssen. Beispiel: Der klassische Eltern-Kind Konflikt. Eltern wollen was anderes als die Kinder. Enid, die Mutter, über 70 Jahre alt, gefangen in alten Ansichten, die sie gar nicht so recht teilt sondern nur noch verfolgt, weil sie einen sturen, dementen Mann hat, gegen den sie sich nie durchsetzen konnte, bemerkt einmal: “Ihre Kinder wollten fundamental andere, beschämend andere Dinge.” Und genau das ist es. BÄM wie man heute immer so schön sagt. Ein kleiner Satz und so viel Wirkung.
Dann, Gary, der älteste Sohn. Materialistisch, hat Frau und drei Kinder. Seine Schwester Denise dreht ein wenig ab, hat lesbische Erfahrungen, weder Mann noch Kind noch regelmäßigen Job. Gary bemerkt über die unkonventionell werdende Denise: “Gary hatte gehofft, sie würde sich kooperativer zeigen. Er hatte bereits einen “alternativen” Bruder und brauchte von der Sorte nicht auch noch eine Schwester. Es verdross ihn, dass manche so umstandslos aus der Welt der konventionellen Erwartungen aussteigen konnten; all die Freude, die er aus seinem Zuhause und seiner Arbeit und seiner Familie zog, wurde dadurch unterhöhlt; es war, als würde das Regelwerk des Lebens einseitig, und zwar zu seinem Nachteil, neu geschrieben.” Übertragbar auf so vieles. Auch auf meine Eltern. Entwerte ich nicht, was sie getan haben, wenn ich mich dagegen wehre? Wenn ich ihren Lebensstil ablehne? Weiter geht’s: Denise müsste so viele Dinge erledigen und irgendwann fällt ihr auf, dass ihr die Energie zu all diesen Dingen fehlte. “Sie gab sich einer fünfzehn Jahre angestauten Faulheit hin und lebte von ihrem Sparkonto.” Fünfzehn Jahre angestaut… Besser kann man es nicht sagen. Der Beweis, dass ich so bin wie alle anderen. Dass es mein Recht ist, so zu fühlen, dass ich nicht ausschlage, sondern dass das die Normalität ist. Dass ich das nicht runterschlucken muss, weil es nicht falsch ist, genau wie die nächste Beobachtung. Chip, das dritte Kind, ist zu Weihnachten bei den Eltern und muss seinem Vater ein Kleidungsstück aus seinem Schrank holen: “Einen Moment lang war Chip wütend (wie hätte er es auch nicht sein können?), dass seine Eltern niemals umgezogen waren. Dass sie einfach beschlossen hatten, hier zu bleiben und zu warten.
AHHHHHHHHH! “WIE HÄTTE ER ES AUCH NICHT SEIN KÖNNEN?” Ich dachte ich hätte es nicht sein dürfen! Ich dachte dass es falsch ist genau so zu fühlen und doch drückt er genau meine Wut aus! So oft denke ich mir das, dieses Aussitzen, nicht handeln, einfach nichts machen mich fertig macht! Und da steht der Satz mit dem Wahrheitsgehalt und der Schlagkraft der Schwerkraft. Ja, das denke ich mir so oft und ich schlucke es runter, weil ich denke, dass ich kein Recht dazu habe, dieses Verhalten als “falsch” abzustempeln. Eine gute Freundin von mir hat mal gesagt, dass der Unterschied unserer Generation und der unserer Eltern darin besteht, dass wir reden wollen und ändern und unsere Eltern schweigen und warten. Besser auf den Punkt gebracht hat diese Sache für mich sonst noch niemand. (Danke, Priska!)
Und dann, nochmal BÄM! Da ist also diese Familie, die mit sich kämpft und jeder mit sich allein. Und Chip, der VORERST GESCHEITERTE (MUHAR Guttenberg) Autor, College Lehrer der gegangen wurde als er mit einer Studentin schlief (und der zum Schluß eine Ärztin heiratet, ist das ein Zeichen dafür, dass er eigentlich doch erfolgreich ist??? Die Mutter bemerkt, wie kann jemand wie sie (eine tolle Ärztin), jemanden wie Chip (kein fester Tagesablauf), haben wollen? Ich lasse das mal unkommentiert, ausnahmsweise…), jedenfalls Chip, betrügt amerikanische Investoren um über die Runden zu kommen, scheint erstmal irgendwie am schlimmsten dran weil der Rest wenigstens entweder Kohle oder Familie hat und dann steht er zu Weihnachten da, alle sind ein Wrack und er bemerkt: “Ich bin die am wenigsten unglückliche Person an diesem Tisch.” muharhahrahr. Da musste ich lachen. Mir geht’s kacke aber eigentlich geht’s mir gut. Was für eine Aussage! Und der Satz ist kursiv gedruckt, da dachte ich mir wieder: Autor und Leser finden den Satz beide hervorragend (so viel zum Thema “Kill your darlings”), er ist kursiv und für mich der Beweis: Es gibt gute und schlechte Literatur und man merkt einfach, was gut und was schlecht ist und das ist GUT. Nein, es ist umwerfend, werde noch viel darüber nachdenken und mir irgendwie noch seine anderen Bücher besorgen, oder wie es so schön bei den Simpsons heißt als Jonathan Franzen zu Gast ist: “Die Korrekturen brauchen keine.”
Der Tag gestern hat mich förmlich umgehauen, meine Gedanken sind zerstreut in alle Windrichtungen und dieser Blog ist solangsam ein Tagebuch geworden, es zwingt mich, alles zu ordnen und belohnt mich mit dem Gefühl, dass meine Gedanken sicher gespeichert werden, ich versuche meine Murmeln wieder alle zusammen zu kriegen, so wie Toddles bei Peter Pan.

Erst war da das Vorstellungsgespräch. Das Büro war in Mitte, ich habe mich sofort wohl gefühlt, wäre da auch einfach sitzen geblieben. Die Produktionsassistentin hat sich mit mir unterhalten, da die Chefin noch verhindert war. Sie war sicherlich nicht viel älter als ich, eine unglaublich sympathische und zeitgleich professionelle Person. Es kristallisierte sich heraus, dass die Firma mehr eine Sekretärin für alles suchte, sodass wir fast schon bei einem “Schade, eigentlich stimmt alles, nur leider der Inhalt des Praktikums nicht.” verblieben wären, als die Chefin den Raum betrat. Sie hatte schon auf dem Foto der Homepage Bände gesprochen, ich verstehe jetzt, warum das Foto bei Bewerbungen so wichtig ist, im richtigen Leben war sie dann nochmal präsenter, noch wacher und stärker. Eine unglaubliche Persönlichkeit. Ich hatte schon viele Vorstellungsgespräche, aber ich lerne jedes Mal dazu. Sie selbst, auch Quereinsteigerin, bemerkte, dass Film viel mit Gastronomie gemeinsam hat. Dieses “Das gesamte Gebiet überschauen.” und verschiedene Fähigkeiten verbinden, damit der Laden läuft, wird wohl angeblich auch gerne als “Wer im Film nichts wird wird Wirt.” beschrieben. Das war mir neu, hat aber Sinn. Sie war eben kreativ, ihr kommen die Fragen, die mich zum zittern bringen, einfach nicht in den Sinn. Sie denkt als Persönlichkeit, die einen passenden Job sucht, nicht als Job, der auf dem graden Weg erreicht werden muss ohne auf die Person zu achten. Das mag für manche lapidar sein, wenn man zwischen zwei Welten hin und her springt, sind diese Unterschiede weltbewegend. Ein Krankenhausarzt fragt einfach nicht, warum man sich für plastische Chirurgie entschieden hat, man macht einfach, die Person ist mehr oder weniger egal.
Sie stellte die richtigen Fragen, wo will ich hin, was erhoffe ich mir von der Firma, was sind meine Stärken? Ich redete, und ich hatte das Gefühl meine Antworten waren schlüssig. Irgendwann schaute sie mich an und sagte: Ich glaube ich hab’s. Für das, was du willst, brauchst du nicht hier im Büro zu sitzen. Du bist ab jetzt auf Probe freie Mitarbeiterin bei uns in der Abteilung Stoffentwicklung. Wir schicken dir Texte und du lernst und bewertest. Und dann sehen wir weiter. Ist das ok?

Klar ist das ok! Ich bin total euphorisch aus diesem Büro getorkelt. Erstmal hat mich umgehauen, dass diese Person eine fantastische Menschenkenntnis hatte, zweitens, dass sie in der Flexibilitätssache auf meiner Wellenlänge schwamm. Ich sagte: Ich finde euch cool, ich weiß, das passt zu mir, das möchte ich davon mitnehmen und so weit würde ich gehen um das zu erhalten. Und sie ist auf mich zugegangen. Die ersten Unterlagen sind per Mail bereits eingetroffen, mir juckt es schon in den Fingern…
Dann ging es weiter zum Theaterkurs. Drei Stunden Probe mit dem Ziel, “Der Besuch der alten Dame” wiederzugeben und irgendwann, fließend, fühlten wir uns alle als Gruppe, als würden wir uns schon ewig kennen. Es mag lächerlich erscheinen, mit Klatschübungen anzufangen, jedoch begreift man erst, wenn man sich darauf einlässt, wie wichtig es ist, Gruppendynamik zu verstehen. Wenn ein Mitspieler den Text vergisst, so darf nicht die ganze Truppe in Angst erstarren. Sie muss weiter spielen, das Gerüst halten, und sei es ein Klatschen, damit der Herausgeworfene wieder einsteigen kann. Die Truppe macht Spaß, im Herbst soll das Stück in Kreuzberg aufgeführt werden. Mal sehen, was kommt.

Und dann, in der Euphorie, habe ich diese zweite Filmproduktion nochmal hervorgekramt. Und siehe da, irgendwann musste es passieren, dass ich irgendwen kenne, eine alte Freundin meines Bruders arbeitet dort. Ich habe sie angeschrieben, sie haben eine Bewerbungsflut wußte sie zu berichten, aber mir ist etwas ganz anderes aufgefallen. Ich musste mich entblößen, denn wer meine Bewerbungsunterlagen sieht, weiß, wo ich stehe. Das große Rätsel wird gelüftet. Früher konnte ein “Was macht eigentlich…?” nicht so einfach beantwortet werden. Kein Namen eintippen bei Google. Und ich habe mich der Sache gestellt. Zu mir selbst gestanden, das ist manchmal gar nicht so einfach, weil ich denke, dass die Leute urteilen und mich nicht verstehen. Was mich zu einer interessanten Aussage eines Kurzfilms bringt, der bei der Berlinale eingereicht wurde (Sometimes we just sit and think and sometimes we just sit): Das Urteil der anderen über uns verrät nicht so viel über uns sondern vor allem viel über den, der urteilt. Was nicht gegen das Urteilen verwendet werden sollte, ich habe viel zu oft das Gefühl, dass zu wenig geurteilt wird, zu viel runtergeschluckt, damit man politisch korrekt ist. Aber das Urteil ist ja da und brodelt weiter vor sich hin, siehe nächster Blogeintrag.
Wenn ich so weiter mache, dann kann man diesen Blog als Buch drucken und es als das neue Werk von Paulo Coelho rausbringen… Deshalb mal genug von “Leb dein Leben” Geschwafel. Ich habe einen alten Entwurf von Marla’s Sterilisation gefunden, den ich selbst ganz lustig finde (hier würde mir mein Vater wieder eine verbale Ohrfeige für mein Eigenlob verpassen) und der es für mich Wert ist, abgedruckt zu werden:
- Marla wurde heute sterilisiert. Sie wankt noch ein wenig, riecht komisch und kann das eine Auge nicht so richtig öffnen, sie sieht aus wie ein Pirat. Es musste leider sein, in Phasen des sich-paaren-Wollens ließ sie meinen Mitbewohner nicht mehr aus den Augen, klebte förmlich an ihm. Lustig für alle Beteiligten, außer für meinen Mitbewohner. -
Jetzt schläft sie auf dem Bett, der ganze Stress vergessen. Überall wird über die Berlinale geredet, in der Berliner Zeitung war ein Interview mit Steven Spielberg, der da sagte er ist wie ein Hai, muss ständig in Bewegung bleiben, er ist 65 Jahre alt und macht einfach nur noch, was ihn interessiert. Er hat einen Film unterstützt, “Inheritance”, über die Tochter von Amon Göth. Ich liebe solche Themen. Ich brauche immer bei Büchern oder Filmen einen Lerneffekt, ich habe einfach zu viele vorhersehbare Geschichten gesehen. Praktischer, lebensnaher und auch wichtiger ist genau so eine Auseinandersetzung. Was macht man, wenn der Vater, der Opa ein Massenmörder war? Grade in Deutschland wohl traurigerweise eine Frage, die viele Menschen betrifft.
Auch in der Berliner, ein Artikel über die Jauch Show, ein Themenabend über das Vergessen, über die letzten Überlebenden des Holocaust. So steht da: “Einige Aspekte wurden nur angerissen: Der Betreiber eines jüdischen Restaurants in Chemnitz bekam im Laufe der Jahre 2400 (!) Hassmails und Drohanrufe – die Chemnitzer Polizei quittiert das jedoch mit Achselzucken – man solle doch bitte diskreter sein. Unfassbare Zustände – mitten in Deutschland. Weiter diskutiert wurde das nicht.” Eigentlich eine riesengroße Schweinerei, dass die Leute nicht auf die Barrikaden gehen, dass niemand sich solidarisiert, dass niemand etwas macht, das liest, davon weiß, aber jeder alle Kandidaten von DSDS kennt.
Und dann habe ich, mal wieder ein Link auf Facebook, über eine jetzt 28-jährige Frau gelesen, einst eine dieser blonden Barbiepuppen, der Säure ins Gesicht geschüttet wurde. Jetzt, drei Jahre später haben die Chirurgen Wunder vollbracht, unglaublich. Sie hat eine überwältigende Behandlung erhalten, mehr als 100 OPs, psychologische Betreuung und man kann sagen, sie sieht jetzt wieder besser aus als der Durchschnittsmensch. Ich musste mich unweigerlich fragen, ob diese Behandlung jeder genießen würde, oder ob das eine Geldfrage ist, natürlich kenne ich die Antwort darauf.
Ich war heute joggen, bei -10 Grad, während in weiten Teilen Europas die Menschen erfrieren. Ich finde, das ist ein Versagen der Politik und ich werde nie verstehen, wie so etwas passieren kann. Dass Milliarden von Euros irgendwo auf den Konten liegen aber es finanziell nicht stemmbar ist, ein Haus oder zwei zu beheizen und für bedürftige Menschen zu öffnen. So gibt es tausend Themen, die behandelt werden müssen, tausend Themen, die unverarbeitet liegen bleiben, weil wir so dämlich sind und doch wieder nur den blöden Liebesfilm mit Happy End gucken.
Ich glaube früher habe ich mal mit dem Gedanken gespielt, etwas dagegen zu tun, in dem ich zum Beispiel Politik studiere, die Welt danach verstehe und dann eingreife. Deshalb habe ich wohl auch mal ein Praktikum bei Ärzte ohne Grenzen gemacht. Aber ich weiß jetzt, und deshalb war mir keine einzige Erfahrung zu schade und kein Weg sinnlos, dass mich diese Mühlen zermahlen würden. Ich war auch auf der ‘Wiederherstellungschirurgie’ während meines EKMs, aber vielleicht ist das einfach nicht meine Aufgabe, eher könnte ich mir vorstellen, eine große Menge an Menschen dafür zu sensibilisieren, indem ich, wie in England der Fall, mich mit der besagten Katie zusammen schließe und eine Serie über ihr Leben konzipiere. “Katie: My beautiful Face” heißt das Stück. Schade, dass es so eine gute, BILD-ferne Auseinandersetzung bei uns mit solchen Themen nicht gibt, zumindest war das der Eindruck der Trailer.
Ich bin als klassischer Ossi auch irgendwie klassischer Atheist, obwohl ich mir diese herablassende “Wenn man bei gläubigen Menschen mit Logik argumentieren könnte, dann gäbe es keine gläubigen Menschen mehr.” Einstellung abgewöhnt habe. Aber vor Jahren habe ich in einer Kirche eine Karte mitgenommen, weil ich den Spruch so geliebt habe, dass ich ihn heute noch im Hinterkopf habe, es handelt sich, laut Wikipedia, wohl um die Seelenwaage. Er ging ungefähr so:
Stelle dir vor, dass das Gute und das Böse jeweils in einer Waagschale liegen, auf einer Waage, die genau im Gleichgewicht steht. Und dass du derjenige bist, der mit seinem Handeln entscheidet, in welche Richtung sich die Waage neigen wird.
Scheiße, jetzt bin ich doch schon wieder bei Paulo Coelho gelandet…