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| Foto: Sommerwerck |
Übersicht
Insgesamt 10 Vorträge fanden innerhalb der fünf Stunden statt, die für das Symposium angesetzt waren. Zu Wort kamen am Vormittag Vertreter unterschiedlicher Universitäten, so der Eberhardt-Karls-Universität Tübingen, der Charité Berlin, der Medizinischen Fakultät Heidelberg sowie natürlich des Kompetenzzentrum Praktisches Jahr in Mannheim. Erst am Nachmittag kamen diejenigen zu Wort, um die es eigentlich ging: die Studierenden, die vom Publikum, das zu einem großen Teil aus Kommilitonen bestand, großen Applaus ernteten.
| Die Ergebnisse des Examen Herbst 2006 |
Dr. Andreas Möltner, Statistiker des Kompetenzzentrums Prüfungen der Medizinischen Fakultät Heidelberg, stellte zunächst die Ergebnisse der 2. Ärztlichen Prüfung vom Herbst 2006 vor und schaffte so die Diskussionsbasis für die Veranstaltung.
716 Studierende haben an der 2. ÄP teilgenommen. Lediglich 110 der Teilnehmer gehörten zur Referenzgruppe. Die Referenzgruppe setzt sich aus den Teilnehmern zusammen, die erstmals am Examen teilnehmen und die das Studium in der Regelstudienzeit absolviert haben. Insgesamt erreichten 608 der 716 Teilnehmer, das sind fast 85%, lediglich eine 3 oder eine 4 im Examen. 70 Studierende, also rund 10% erhielten eine 5 und haben das Examen somit nicht bestanden. Im Frühjahrsexamen 2006 nach alter AO lag die Misserfolgsrate hingegen bei 4,7 %. Gut abgeschnitten haben im Herbst nur wenige Studierende: Deutschlandweit gab es insgesamt zwei Studierende mit einer 1 und 36 mit einer 2. Die Durchschnittsnote der 2. ÄP im Herbst 2006 ist eine 3,5 - damit verschlechterte sich das Ergebnis gegenüber den zurückliegenden Examina nach alter AO um eine ganze Note. Das gilt übrigens sowohl für den schriftlichen als auch für den mündlichen Teil der Prüfung.
Erschreckend: Der durchschnittliche Anteil korrekt beantworteter Fragen lag insgesamt nur bei 64,5 %: Von den 150 Einzelfragen wurden im Schnitt 67% richtig beantwortet, bei den komplexen Fallstudien sogar nur 61,7%. Eigentlich sollte die Bestehensgrenze bei 60% der erreichbaren Punktzahl liegen, was das das Aus für viele Kandidaten bedeutet hätte. So wendete das IMPP die Gleitklausel an, nach der diejenigen bestanden haben, die nicht weniger als 22% der durchschnittlichen Prüfungsleistung der Referenzgruppe erreicht haben.
Angesichts dieser Ergebnisse und Vergleiche gab Möltner auch zu bedenken, dass die Prüfung nach neuer AO eigentlich mit der nach alter AO nicht zu vergleichen sei.
Dennoch stellte sich vielen die Frage, wer für das schlecht Abschneiden der Examenskandidaten verantwortlich ist.
| • | Waren die Aufgaben des IMPP zu schwierig? |
| • | Wurde im Studium von den Dozenten nicht ausreichend erforderliches Wissen vermittelt? |
| • | Hatten die Studenten zu wenig Zeit zur Vorbereitung? |
Möglich ist auch, dass die bisherigen Examina fälschlicherweise zu gut benotet worden sind - und dass die jetzigen Noten die Leistungen der Medizinstudenten viel realistischer abbilden.
Während einer der anwesenden Professoren mutmaßte, dass an dem Hammerexamen 2006 hauptsächlich eher besonders schlechte Studierende teilgenommen hätten, die schon durch das 1. Staatsexamen gefallen seien, vertraten die sofort lautstark protestierenden Studierenden die Meinung, dass sie zu wenig Vorbereitungzeit gehabt häten und dass die Fragen tendenziell zu schwierig gewesen seien. Ein Vertreter des Marburger Bundes gab zusätzlich zu bedenken, dass viele Medizinstudenten neben dem Praktischen Jahr mit 10-Stunden-Arbeitstag und Diensten auch noch ihren Lebensunterhalt verdienen müssen. Von Applaus war seine Forderung nach einem bezahlten PJ begleitet. Dies würde gewährleisten, dass die Studenten sich auch während des PJ auf ihr Examen vorbereiten können.
| Die mündliche Prüfung nach neuer AO |
Prof. Udo Obertacke, Leiter des Kompetenzzentrums Praktisches Jahr der Uni Mannheim, hatte selbst in Mannheim als Prüfer an den mündlichen Prüfungen teilgenommen. Seiner Ansicht nach bringen die mündliche Prüfung nach neuer AO für alle Seiten eine Umstellung mit sich. Für die Prüfer bedeuteten sie einen erheblichen Mehraufwand, für die Studierenden, die noch nach alter AO studiert haben, eine enorme Herausforderung.
Die Prüfer sind jetzt angehalten, strukturierte mündliche Fragen zu stellen. Das bedeutet, dass die Fragen und die erwarteten Antworten im Vorfeld detailliert festgelegt und schriftlich fixiert werden müssen. Die Fragen bestehen aus einem konkreten Fallbeispiel und zugehörigen Fragen, beispielsweise nach Anamnese, Diagnostik, Therapie und Prognose. Der Student hat nach der neuen AO kaum noch die Möglichkeit, sich um die richtige Antwort herumzumanövrieren - er ist gezwungen "auf den Punkt zu kommen".
Hinzu kommt an einigen Universitäten ein praktischer Teil der mündlichen Prüfung. Es gibt für die Prüfer eine Vielzahl an Möglichkeiten, die Teilnehmer zu testen. Denkbar sind für das Fach Chirurgie die hygienische Händedesinfektion, Nähen und Knoten, Kompressions- und Gipsverbände. In der Inneren Medizin kann der Prüfer den Studenten EKGs auswerten, Auskultationen vornehmen oder ein Blutbild beurteilen lassen. Auch in den Wahlfächern haben die Prüfer schon Einfallsreichtum bewiesen, so können sie beispielsweise in HNO einen Stimmgabeltest oder ein Schwindelversuch durchführen lassen.
Obertackes Fazit aus der zurückliegenden mündlichen Prüfung ist - trotz der um einen Punkt schlechteren Noten - ein starkes "weiter so" bei den mündlichen Prüfungen.
| Das PJ muss besser auf das Examen vorbereiten |
Das neue Examen muss Konsequenzen für das PJ nach sich ziehen - nicht nur an der Universität sondern auch in den akademischen Lehrkrankenhäusern. Zu diesem Schluss kam Irmgard Streilein-Böhme vom Kompetenzzentrum für Hochschuldidaktik in Medizin in Freiburg. Sie stellte Maßnahmen vor, wie die Ausbildung im PJ auch an den Lehrkrankenhäusern verbessert werden kann. Einen besonderen Stellenwert hat in Freiburg schon immer die Evaluation gehabt - so auch in diesem Fall. Dort sind schriftliche Rückmeldungen geplant, darüber hinaus Betreuungsbesuche, um Studierende zu ihrem PJ zu befragen. Gemeinsam mit den betreuenden Ärzten sollen dann Lösungsmodelle für eventuell bestehende Probleme entwickelt werden.
Ein weiterer Vorschlag Streilein-Böhmes ist ein "Campustag": ein fester Pflichttermin, zu dem die Studierenden aus akademischen Lehrkrankenhäusern zum gemeinsamen fallorientierten Lernen an die Uniklinik kommen. 2 zusätzliche Termine pro Monat sollten eingeplant werden, damit die PJler in der Lerngruppe oder alleine lernen könnten. Außerdem werde an drei Samstagen ein fakultatives Seminar "Kommunikation" stattfinden. Die Ausbildungstage sollen gewährleisten, dass die PJler während ihrer Tertiale genug Lernzeit finden, denn bisher legen viele Studierenden ihren Studientage auf das Ende des PJ, um die Zeit bis zum Examen zu verlängern und mehr Zeit zur unmittelbaren Examensvorbereitung zu finden. Außerdem sei durch die Ausbildungstage gesichert, dass den PJlern der Lehrkrankenhäuser genauso viel Fortbildung eingeräumt wird wie denen der Unikliniken.
Was wünschen sich die Studierenden selbst? Hier gibt es erste Ergebnisse aus zurückliegenden Befragungen Freiburger Studenten:
| • | Interdisziplinäre Lehrveranstaltungen |
| • | EKG-Kurse |
| • | Fallbezogene Lehre |
| • | Gemeinsame Lernzeiten |
| • | Vermittlung von Kenntnissen in Untersuchungstechniken |
| • | Repetitorien klinischer Grundlagenfächer |
| Das Hammerexamen aus Studentensicht |
Besonderen Anklang sowohl bei Dozenten als auch Studierenden fand der Vortrag von Dr. Kerstin Brocker, die im Herbst am Hammerexamen teilgenommen hat und zur Referenzgruppe gehörte. Sie arbeitet nun an der Medizinischen Fakultät Mannheim als Stationsärztin.
Die ehemalige Examenskandidatin kritisierte, dass die Einzelfragen oft zu lang eingeleitet worden seien. Sie konnte eine Frage vorzeigen, deren Einleitung fast zwei Seiten umfasste. Die geprüften Krankheitsbilder seien oft viel zu anspruchsvoll gewesen, so habe sich ein Fall mit zahlreichen Fragen auf den Morbus Wegener bezogen, eine extrem seltene Erkrankung aus dem rheumatischen Formenkreis. Allgemeine Belustigung erfuhr ihr Hinweis, dass bei den komplexen Fallstudien die Fälle zum Teil nicht gelesen werden mussten, um die Frage beantworten zu können; dies sollte eigentlich, ebenso wie aufeinander aufbauende Fragen mit möglichen Folgefehlern, laut IMPP nicht auftreten.
Kerstin Brocker machte auf einen eklatanten Mangel aufmerksam, der bisher kaum erwähnt worden war: Die Prüfung finde nach neuer AO statt, doch die Lehre orientiere sich noch immer an der alten AO - Frontalunterricht sei die Regel, der auf das Hammerexamen nicht hinreichend vorbereite.
Insgesamt hätten sich die Studierenden beim Hammerexamen selbst besser eingeschätzt, als sie schließlich die Prüfung abgeschlossen haben, meint Brocker. Die Absolventen seien sehr unzufrieden und befürchteten, ihre Zukunft durch das schlechte Examen verbaut zu haben - für viele Chefärzte sei eine 4 ein Ausschlusskriterium. Frappierend sei außerdem die Diskrepanz zwischen sehr guten Leistungen im Studium und einer schlechten Leistung im Examen, aber wohl kaum ein Chefarzt würde sich die Mühe machen, die Einzelleistungen im Studium zu beachten. Viele ihrer ehemaligen Kommilitonen, so Kerstin Brocker, hätten bis heute keine Stelle und litten unter großer Zukunftsangst.
| Ratschläge für ein gelungenes Examen |
Kerstin Brocker empfiehlt PJlern, früh genug mit der Vorbereitung zu beginnen. Sie sollten immer Literatur auf Station bei sich haben, um Krankheiten nachzuschlagen, die sie während der stationären Arbeit sehen. Die PJler sollten aktiv an Fortbildungsveranstaltungen und PJ-Unterricht teilnehmen. Auch sei es in jedem Fall sinnvoll, eigene Patienten zu betreuen. Gekreuzt werden sollte nur in Maßen - ein Zuviel bringe aufgrund der neu formulierten Fragen keinen wirklichen Mehrwert.
| Ergebnisse einer Umfrage unter Examensteilnehmern |
Patrick Weinmann, Student des UKE Hamburg und Sprecherrat der Medizinstudenten im Marburger Bund, schilderte nachdrücklich die Auswirkungen der 2. ÄP auf das PJ: In einer Umfrage des Marburger Bundes gaben 59% der Studierenden an, Nachteile im PJ gehabt zu haben durch die Tatsche, dass das schriftliche Examen nicht mehr vor dem Praktischen Jahr stattfindet. Es fehle den PJlern oft an Überblick. Dies und bestehende Wissenslücken erschwerte es ihnen, den Alltag auf Station zu meistern und von dem Praktischen Jahr zu profitieren. Während die mündliche Prüfung von 89% der befragten Examensteilnehmern als fair eingeschätzt wurde, fanden fast 80% die schriftliche Prüfung unfair. Es würden zu viel seltene Krankheiten abgefragt und die Fragen seien zu detailliert. Auch bestehe die Gefahr von Folgefehlern. Der Praxisbezug des schriftlichen Examens schneidet nicht gut ab: 80% der Teilnehmer hatten nicht den Eindruck, dass beim Hammerexamen Praxiswissen abgeprüft wurde.
| Fazit der Veranstaltung |
Nahezu alle Symposiums-Teilnehmer, die sich zu Wort meldeten, waren der Ansicht, dass die schriftliche Prüfung zum falschen Zeitpunkt stattfindet. Aus dem Zeitpunkt nach dem PJ würden sich einerseits Nachteile für das Examen ergeben, da die Vorbereitungszeit bei weitem nicht ausreiche, so die Meinung der Studierenden. Die Konsequenz ist, dass sehr viele Studenten ein Lernsemester einschieben wollen und damit ihre Studienzeit verlängern. Andererseits zeigten sich Nachteile für das PJ, da zahlreiche Wissenslücken und der fehlende Überblick das Praktische Jahr weniger effektiv und lehrreich machten.
Einig sind sich die Teilnehmer auch darüber, dass der Praxisbezug insbesondere der schriftlichen Prüfung gesteigert werden muss. Es war die eigentliche Intention der neuen AO, mehr praktische Fähigkeiten im Studium zu vermitteln und schließlich im Examen abzufragen, doch die Praxis kommt nach Ansicht vieler nach wie vor zu kurz - sowohl im Studium, als auch im Examen.
Das wenig praxisbezogene Studium gab Anlass zu weiterer Kritik: Die Verantwortlichen hätten das neue Examen eingeführt, ohne die Medizinstudierenden mit dem Studium gezielt auf eine derartige Prüfung vorzubereiten. So sei jetzt eine Generation von Medizinern herangezogen worden, die zwischen allen Stühlen gesessen und auf deren Rücken die neue AO umgesetzt worden sei. Nun ist es an der Zeit, so das einhellige Urteil, die Lehre im Hinblick auf die 2. Ärztliche Prüfung zu verbessern und ganz besonders auf die komplexen Fallstudien vorzubereiten.
| Vorträge des Symposiums im Internet |
Die Uni Mannheim hat auf ihrer Internetseite die Vorträge des Symposiums "M2 und die Folgen" veröffentlicht:
| Was ist Ihre Meinung? |
Insgesamt waren bei der Veranstaltung etwa 12 Fakultäten vertreten - genug oder vollkommen unzureichend? Von den Universitäten, die sich in einem Vortrag oder in der Diskussion dargestellt haben, haben noch nicht alle wirkliche Konsequenzen aus der neuen AO gezogen. Muss man aus der Abwesenheit der anderen 24 Fakultäten schließen, dass hier Studentenunterricht wie immer stattfindet, dass hier die Bedürfnisse, die aus der neuen AO resultieren, ignoriert werden?.
Wie ist es an Ihrer Uni? Werden Sie hinreichend auf die neue Prüfungsform vorbereitet oder fragt man sie nach 10 Monaten PJ interessenhalber, ob Sie nach alter oder neuer AO studieren? Werden Sie ein Lernsemester einlegen, oder denken Sie, dass 4 Jahre klinisches Studium eigentlich ausreichen sollten, um gut vorbereitet ins Hammerexamen zu gehen? Sollte man eventuell die Benotung generell um eine Note hochstufen, um sie mit dem alten Examen vergleichen zu können, oder halten Sie das für absurd? Sollte das Examen wieder zweigeteilt werden: der schriftliche Teil vor, der mündliche nach dem PJ?
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