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Anleitung zum Hürdenlauf
Tipps für die Prüfungsvorbereitung
Elisabeth Bonn
Übersicht
Im August ist es wieder soweit - in ganz Deutschland schwitzen Medizinstudenten in Physikum und Staatsexamen: Die Examina sind die Hürden in der Medizinerlaufbahn. Wann ist der beste Zeitpunkt, mit der Prüfungsvorbereitung anzufangen? Wie bringt man sein Wissen optimal an und verliert nicht die Nerven? Via medici hat wichtige Tipps und praktische Hilfen zur Bewältigung der Prüfungshürden zusammengestellt.
Sebastian Rau aus Erlangen hat sich gründlich auf sein 2. Staatsexamen im vergangenen August vorbereitet: "Im April habe ich einen Plan über die Fächer aufgestellt und dann geschaut, wie dick die schwarzen Reihen sind. Für die Fächer, in denen ich wenig wusste, Neurologie zum Beispiel, habe ich auch noch Lehrbücher besorgt." Gleich zu Anfang hat er ein älteres Originalexamen bearbeitet. "Ich wollte wissen, wo ich eigentlich stehe. Mein Ergebnis war dann gar nicht so schlecht, das gab mir die nötige Ruhe zum Lernen." Carsten Fließ aus Mainz hat das Examen noch vor sich. "Ich setze mich selbst ganz schön unter Druck", sagt er. "Wenn ich nicht richtig fertig bin vom Lernen, fühle ich mich nicht gut und schlafe schlecht." Er praktiziert autogenes Training, "aber das hilft auch nur, solange ich mich gezielt entspanne. Danach ist alles wie vorher.
| Am Anfang steht die Planung | hoch |
Was kann man also tun, um sich die Prä-Prüfungsphase zu erleichtern? In jedem Fall gehört dazu, sich rechtzeitig einen Überblick über den gesamten Prüfungsstoff zu verschaffen (siehe Checkliste). So kann man planen, wie lange man sich den einzelnen Fächern widmen kann. Auch wenn die Zeit viel zu kurz erscheint, ist es wichtig, Pausenzeiten und freie Tage mit einzurechnen (s. Prüfungstipps). Außerdem kann man - je nach den eigenen Interessen oder den Anforderungen für die Praktika - meist auf Grundkenntnissen aufbauen. "In Mikrobiologie und Pharmakologie musste ich nicht mehr so viel tun", meint Katja Zimmermann aus Köln, die gerade das 1. Staatsexamen hinter sich hat. "Wir hatten eine sehr gute Vorlesung, und in den Kursen habe ich viel gelernt und mir Karteikarten geschrieben. In Pathologie hätte ich dafür früher beginnen sollen." Je mehr man lernt, desto öfter stößt man gerade beim 2. Staatsexamen auf Überschneidungen zwischen den Fächern. Dennoch sollte man den Zeitplan großzügig und flexibel gestalten: Man muss damit rechnen, dass man auch mal einen "Durchhängertag" hat oder krank wird. Besonders zeitig mit dem Lernen anzufangen ist aber nicht immer günstig: "Eigentlich habe ich zu früh angefangen", meint Sebastian Rau im Nachhinein zu seiner Lernplanung, "als das Staatsexamen dann anstand, war die Spannkraft schon ziemlich raus."
| MC-Fragen - reine Übungssache? | hoch |
"Ich habe etwa fünf Wochen vorher angefangen, für das 1. Staatsexamen zu lernen", berichtet Katja Zimmermann, "in der Zeit habe ich die schwarze Reihe zweimal fast ganz durchgekreuzt. Viele Fragen wiederholen sich in ganz ähnlicher Form, man muss nur darauf achten, dass man trotzdem genau liest." Das soll in Zukunft anders werden: Im Referentenentwurf für die neue Approbationsordnung ist vorgesehen, die MC-Fragen in Zukunft nicht mehr zu veröffentlichen. "Die Prüfungsvorbereitung der Studenten soll dadurch optimiert werden", meint Ulrich Kürten, Mitarbeiter des IMPP, "sie können nicht mehr nur nach Fragensammlungen lernen." Das Institut für Medizinische und Pharmazeutische Prüfungsfragen (IMPP) gibt seit 1972 die bekannten, bundesweit identischen Fragebögen heraus. Das Multiple-Choice-System war zuvor schon in den USA und der Schweiz bekannt. "Die Studenten haben es damals selbst gefordert, weil es mehr Objektivität bei ihrer Beurteilung garantieren sollte", berichtet Ulrich Kürten. Hochschullehrer aus ganz Deutschland werden auf Vorschlag von Fakultäten und wissenschaftlichen Fachgesellschaften für je zwei Jahre in Arbeitsgruppen berufen, die dem IMPP die "Rohfragen" liefern. Wissenschaftliche Referenten im IMPP bringen die eingereichten Fragen in MC-Form und lassen sie noch einmal von den Arbeitsgruppen sichten. Wenn die einzelnen Fragen stimmen, wird die Prüfung als Ganzes einer Kontrollkommission vorgelegt: Nicht nur für Studenten bedeuten die Examina eine Menge Zeitaufwand.
"Es ist wichtig, lerntechnisch zwischen schriftlicher und mündlicher Prüfung zu trennen", rät Sebastian Rau. "Man geht sonst zu sehr ins Detail und verliert den Überblick. Die Professoren sind meist Praktiker und wollen die Fußnoten aus der Schwarzen Reihe gar nicht wissen." In Erlangen gibt es, wie in den meisten Fachschaften, eine "Prüferbörse", d.h. eine Protokollsammlung von mündlichen Prüfungen. Eine bundesweite Prüferbörse wird derzeit auf den Web-Seiten von Medi-Learn erstellt. In den Protokollen kann sich jeder ansehen, was "sein" Prüfer üblicherweise wissen will und sich auf das Niveau der Fragen einstellen. Berichte über die Atmosphäre oder die Kleidung helfen auch weiter. Andererseits gehören gute Nerven dazu, sich von negativen Beschreibungen nicht verrückt machen zu lassen.
Geteiltes Leid ist halbes Leid - aber das ist nicht der einzige gute Grund, eine Lerngruppe zu bilden. Für mündliche Prüfungen ist es eine ausgezeichnete Vorbereitung, sich gegenseitig die Steuerungsmechanismen an der Zellmembran darzustellen oder die systematische Untersuchung eines Patienten durchzuspielen. Carsten Fließ kann das nur bestätigen: "Am meisten haben wir gelernt, als wir uns in Pharmakologie gegenseitig die Wirkungsweise der Medikamente erklärt haben", meint er. "Außerdem schaut man sich die abgesprochenen Kapitel auch wirklich vorher an, wenn man sich zum Lernen trifft." Die Psychologie sagt dazu "peer control". Aber Vorsicht: Wenn sich die "Lerngruppe" erst einmal zu einem ausgiebigen Frühstück trifft, um Stunden später mit ein paar Examensfragen das Gewissen zu beruhigen, hätte man sich vielleicht doch besser in der Bibliothek einschließen lassen sollen.
| Zum Lernen in den Bayerischen Wald? | hoch |
Manche Examenskandidaten können sehr konzentriert in der Bibliothek lernen, andere ziehen das eigene Zimmer vor, und wiederum andere fahren zum Lernen an einen anderen Ort, zum Beispiel in ein Ferienhaus im Bayerischen Wald. Wichtig ist auf jeden Fall, dass der Arbeitsplatz ruhig und gut beleuchtet ist und dass man dort bequem und vor allem ungestört arbeiten kann. Dabei sollte man sich nicht den ganzen Tag in der Arbeit vergraben. Psychologen empfehlen einen Arbeitstag von acht bis neun Stunden mit ca. sechs Stunden reiner Lernzeit.
| Größte Hürde Physikum | hoch |
Vor der Prüfung befürchtet fast jeder irgendwann durchzufallen. Statistisch wahrscheinlicher ist aber, dass man es trotzdem schafft. Im Frühjahr haben durchschnittlich 22,6% aller Kandidaten das Physikum nicht bestanden. Dies ist ein relativ schlechtes Ergebnis. An einzelnen Hochschulen haben sogar mehr als die Hälfte der Teilnehmer den Sprung in die nicht Klinik geschafft. Ist diese Hürde überwunden, fällt der zweite Teil des Studiums meist leichter: Das 1. Staatsexamen bestehen im Durchschnitt ca. 85% der Prüflinge, das 2. sogar über 90%. "Mir ist es damals sehr schwer gefallen, mich zum Lernen zu motivieren", begründet Thorsten Kohlmann, der sein Physikum wiederholen musste, diesen Trend. "Ich konnte nicht einsehen, physikalische oder chemische Details auswendig zu lernen, die ich doch nie wieder brauchen würde. Dann habe ich versucht, mir klarzumachen, dass Wissen immer ein Vorteil ist und ich eben durch muss." Klaus Peter Schaps, Vorsitzender der Medizinstudenten im Hartmannbund, weiß, dass es vielen Studierenden ähnlich geht: "Bei uns häuften sich die Anrufe von Studenten, die durchs Physikum gefallen sind und wissen wollten, was sie für das nächste Mal besser machen können", berichtet er. Daraus entstand die Idee, Seminare zur Prüfungsvorbereitung anzubieten. "Wir befassen uns unter anderem mit effektiver Zeitplanung und der Entwicklung von Lernstrategien für die MC-Fragen, z.B. wie man ein Karteikartensystem erstellt und verwendet. Deshalb ist es am besten, ein solches Seminar etwa ein halbes Jahr vor dem Examen zu besuchen", meint Schaps, "aber auch kurz vorher kann man sicher noch von den Tipps fürs Mündliche und den Rhetorikübungen profitieren." Die Seminare gibt es inzwischen in vielen Bundesländern, und sie beschränken sich nicht auf das Physikum. "Mittlerweile melden sich 80% unserer Teilnehmer schon vor ihrer ersten Prüfung an, besonders zur Vorbereitung des Mündlichen und zur Bewältigung der Prüfungsangst", so Schaps. Ein Psychologe vermittelt u.a. rhetorische Fertigkeiten, Konzentrations- und Entspannungstechniken. Die Schwerpunkte können nach den Wünschen der 12-15 Teilnehmer festgelegt werden.
| Professionelle Kurse | hoch |
Wer sicher ist, dass die eigenen Kräfte nicht reichen, nimmt gerne die Hilfe von Profis in Anspruch. Wahrscheinlich das bekannteste, da am längsten bestehende Institut ist Medi-Learn in Marburg. Der Leiter, Dr. Bringfried Müller, ist selbst Arzt und Diplom-Psychologe. "Ich habe in Psychologie über Testkonstruktion promoviert, und wer Tests konstruieren kann, kann sie auch knacken", begründet er seine Kompetenz für MC-Fragen. Doch das ist nicht alles: Auf dem Kursprogramm steht vor allem, den Prüfungsstoff in konzentrierter Form zu vermitteln. Dazu kommen kreative Lernstrategien, Gedächtnistraining, Umgang mit Prüfungsangst oder Verhaltenstraining fürs Mündliche. Einer Gruppe von 25 Lernenden steht ein psychologischer Betreuer zur Verfügung. Ziel ist es, die Lernfähigkeit aufrechtzuerhalten. Wer sich beispielsweise auf das Physikum vorbereiten will, verbringt bei Medi-Learn sechs Wochen in einem ruhigen Kurort. Da fällt es leichter, sich auf die Pflicht zu konzentrieren: Acht bis zehn Stunden pro Tag sind als Lernzeit vorgesehen, täglich und wöchentlich werden Klausuren geschrieben. Mit Unterkunft kostet ein solcher Kurs ca. 2.500,- Euro, da muss die Motivation schon sehr hoch sein. "Ein verlorenes Semester kommt leicht noch teurer", so Dr. Müller. "Zwei Drittel unserer Klienten sind außerdem Wiederholer, viele stehen sogar vor ihrem letzten Versuch, andere haben das Studium mehrere Semester unterbrechen müssen." Obwohl die Ausgangsbedingungen der Medi-Learn-Teilnehmer aus diesen Gründen weit schlechter sind als die anderer Studenten, übersteigt die Erfolgsquote nach Kursteilnahme den Bundesschnitt: Von allen Kandidaten, die das Physikum zum dritten Mal schreiben, fallen durchschnittlich 50% durch, von den Medi-Learn-Absolventen beim dritten Versuch nur 25%. "Wir können nur die Rahmenbedingungen optimieren, Erfolgsgarantie gibt es auch bei uns nicht", meint Dr. Müller. Darüber hinaus bietet auch Medi-Learn Seminare für Examenskandidaten mit Prüfungsangst, Kurse zu Prüfungsrhetorik oder den zweitägigen Workshop "Effektive Examensvorbereitung" an. Wer unter Prüfungsangst leidet oder fürchtet, im Mündlichen zu versagen, wird hier professionell beraten.
Infos zu den Kursen
| In Eigenregie ans Ziel | hoch |
In Frankfurt können Studierende kostenlos von der Erfahrung der älteren Semester profitieren: Vom Fachbereich selbst werden Tutorien zur Prüfungsvorbereitung angeboten, insbesondere zum Physikum. "In unseren Tutorien können sich die Studierenden mit der Form der Prüfung auseinandersetzen. In bezug auf das Mündliche bedeutet das quasi ,Sprechen lernen‘. Aber bevor man mit eigenen Worten wiederholen kann, was im Buch steht, muss man es erst einmal verstanden haben. Die Tutorien dienen daher auch als Repetitorien", sagt Ursula Kersken-Nülens, Mitarbeiterin des Dekanates. Zur Zeit nehmen die wenigsten Hochschulen ihren Lehrauftrag so ernst, also ist Eigeninitiative gefragt. Die meisten Studierenden lernen alleine oder in Lerngruppen - und kommen auch zum Ziel. Prüfungsangst und Konzentrationsstörungen können jedoch auch bei intensiver Vorbereitung ein Problem werden. An den meisten Unis gibt es Ansprechpartner für diese Schwierigkeiten, von der Studienberatung bis zu den Hochschulgemeinden. "Die beste Vorbereitung, gerade was Prüfungsangst angeht", meint Ursula Kersken-Nülens allerdings, "ist ein gutes Gefühl über eine umfassende inhaltliche Vorbereitung."
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