Medizinstudium
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Arzt im Beruf
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| Ein möglicher Fall |
Die kleine Nicole versteckt sich ängstlich hinter dem Rücken ihrer Mutter. Sie hat die Augen aufgerissen, rot vom Weinen und Jungassistent Dirk hat das Gefühl, dass das Kind nicht recht weiß, ob es ihm vertrauen kann.
Dirk ist heute in der Ambulanz eingeteilt. Nach drei Stunden Husten, Schnupfen, Heiserkeit und schreienden Kindern ist er jetzt ganz froh auf ein Kind zu treffen, dem nicht die Nase läuft und das ihn nicht mit hochrotem Kopf anbrüllt.
Das schmale etwa vier Jahre alte Mädchen klammert sich mit der einen Hand an ihre Mutter, während die andere in ein Küchenhandtuch gewickelt ist und auffällig ruhig gehalten wird.
Auch die junge Mutter scheint mitgenommen und aufgeregt und schon fängt sie an zu erzählen: "Ich war heute Morgen nur kurz einkaufen und als ich wieder nach Hause gekommen bin, saß meine Kleine heulend auf dem Küchenboden. Sie hat nach einem Topf mit heißem Wasser gegriffen, der auf dem Herd stand und hat sich dabei die eine Hand verbrannt!"
Dirk muss schlucken. Das arme Kind. Kein Wunder, dass Nicole mitgenommen aussieht. Sie muss starke Schmerzen haben.
Nach gutem und behutsamem Zureden lässt sich das Kind auf die Untersuchungsliege heben und Dirk wickelt unter den misstrauischen Augen des Kindes und nervösen Blicken der Mutter das Handtuch vom Unterarm.
Die Hand ist bis knapp über das Handgelenk stark gerötet und geschwollen. Auf Handrücken und Handinnenfläche finden sich große Blasen und nässende Hautstellen. Nicole zuckt bei jeder kleinsten Berührung zusammen und Dirk spürt, dass die kleine starke Schmerzen hat. Und doch ist sie erstaunlich tapfer.
Dirk runzelt die Stirn. Das Kind hat eine handschuhförmige Verbrennung zweiten Grades an der Hand. Er weiß, dass dieses Verteilungsmuster nicht typisch für einen Unfall mit heißem Wasser ist, sondern eher auch dadurch entstehen kann, dass die Hand des Kindes mit Gewalt in eine heiße Flüssigkeit gehalten wurde. Er wird nervös. Kann das denn sein? Die Mutter scheint so ehrlich besorgt und die Geschichte klingt doch ganz plausibel. Das Kind kann ja auch selbstständig die Hand in heißes Wasser gehalten haben. Er weiß nicht so richtig was er tun soll. Vielleicht erst mal den Oberarzt rufen.
| Diese Geschichte ist zwar erfunden. Doch kann sie sich so oder ganz ähnlich jederzeit in der Klinik und in der Arztpraxis zutragen. |

auf Zuwendung und Liebe und wir sollten
uns dafür einsetzen, dass jedes so strahlen kann,
wie dieser kleine Bursche hier!
Foto: Anna Boecker
| Einige Zahlen |
Laut polizeilicher Kriminalstatistik wurden 2006 etwa 3.100 Fälle von körperlicher Misshandlung bei Kindern erfasst, wobei davon auszugehen ist, dass die Dunkelziffer deutlich höher liegt. Schätzungen gehen von bis zu 400.000 Fällen pro Jahr aus.
Der sexuelle Missbrauch von Kindern wurde in etwa 12.800 Fällen erfasst, wobei auch hier die Dunkelziffer diese Zahlen um ein vielfaches übersteigt. Es gibt Schätzungen, die besagen, dass in jeder Kindergruppe, jedem Wohnviertel Kinder betroffen sind.
Etwa 10 Prozent aller ärztlich untersuchten Verletzungen bei Kindern stehen im Verdacht durch körperliche Misshandlung entstanden zu sein und bis zu 15 Prozent aller Frakturen im Kindesalter sind Folge von körperlicher Gewalt.
Diese Zahlen sind alarmierend und es sollte alles getan werden, damit kein Kind Gewalt oder Vernachlässigung in irgendeiner Weise erfahren muss.
| Die Rolle des Arztes |
Die WHO postulierte 2002 in ihrem "World Report on Violence and Health":
| "Professionelle des Gesundheitssystems haben eine Schlüsselrolle in der Erkennung, Behandlung und Weitervermittlung von Misshandlungsfällen an die zuständigen Ämter." |
Gerade deshalb müssen Ärzte gut geschult sein, wenn es darum geht Verdachtsfälle zu erkennen, zu dokumentieren, zu behandeln und an die zuständigen Ämter weiterzuleiten.
"Doch Defizite unter anderem bei der diagnostischen Abgrenzung von Warnhinweisen zu Unfallfolgen sowie bei der aussagekräftigen Dokumentation bergen das Risiko, dass ein Verdacht nicht eindeutig und rechtzeitig geklärt wird. Den Preis dafür hat oft genug das Kind zu zahlen." so Dr. Ingo Franke, Oberarzt an der Universitätskinderklinik Bonn.

| Die KinderSchutzGruppe Bonn |
Aus diesem Grund gibt es seit 2006 die KinderSchutzGruppe Bonn, die Minderjährige behandelt, bei denen der Verdacht auf Gewalt besteht.
Die KSG Bonn, die am 7. Mai auch zu dem Symposium Klinischer Kinderschutz: Handlungsstrategien bei Verdacht auf Kindswohlgefährdung einlud, wurde zunächst von Kinderärzten, Psychologen, Sozialarbeitern und Mitarbeitern der Klinikseelsorge gegründet, aber mit der Zeit beteiligten sich immer mehr Disziplinen und heute sind alle Direktoren der einzelnen Kliniken der Uniklinik Bonn Mitglied der KSG und auch das Klinische Prozessmanagement ist involviert.
Die Bonner Gruppe gehört zu den ersten universitären Kinderschutzgruppen in Deutschland. In den USA haben diese Gruppen bereits eine lange Tradition und in Österreich sind sie seit April 2004 in allen Kinderkliniken verpflichtend. In Deutschland besteht also Nachholbedarf und die KSG Bonn setzt sich dafür ein, dass auch in anderen Kinderkliniken Kinderschutzgruppen gegründet werden können.
| Ziele der KSG Bonn |
"Unsere vorrangige Aufgabe sehen wir darin, Ärzte bei einem akuten Verdacht auf Misshandlung konkret zu unterstützen", so Dr. Franke, Sprecher der KSG Bonn.
Das Ziel ist es zum Schutz des Kindes (und auch der Eltern) einen standardisierte Behandlungsablauf bei Verdacht auf Kindswohlgefährdung zu entwickeln, eine sichere Diagnosestellung zu gewährleisten und Fehlverhalten zu vermeiden. Darüber hinaus soll auch die klinische Forschung auf diesem Gebiet in Bonn etabliert werden.

Handlungsstrategien bei Verdacht auf Kindswohlgefährdung
Foto: Anna Boecker
| Leitfaden verpflichtend für alle Bonner Unikliniken |
Zur Umsetzung ihrer Ziele hat die Kinderschutzgruppe einen Leitfaden entwickelt, den so genannten Klinischen Pfad Verdacht auf Kindswohlgefährdung.
Dieser standardisierte Behandlungsablauf ist seit Herbst 2007 für alle Bonner Universitätskliniken verpflichtend. Die Unterlagen dazu können kostenlos auf der Seite der KSG heruntergeladen werden. Sie unterliegen dem copyleft, was bedeutet, dass sie kostenlos angewendet werden dürfen, solange der Verfasser genannt wird.
Zu den Unterlagen gehören ein detailierter Anamnese- und Befundbogen mit dessen Hilfe alle wichtigen medizinischen und juristisch relevanten Daten erfasst werden können, eine Checkliste und eine Übersicht zum Handlungsablauf während des Verfahrens.
| Angebote für Medizinstudenten |
Für Medizinstudenten bietet die KSG Bonn ab dem Wintersemester 2008/2009 ein Seminar zum Thema Kinderschutz an. Eine Vorlesung zu diesem Thema soll ab dem Sommersemester 2009 stattfinden.
| Links und Buchtipp |
Mehr Informationen zum Thema Kindswohlgefährdung und zur Bonner Kinderschutzgruppe unter:
Den Leitfaden gibt es unter "Downloads"
Außerdem erscheint im August das erste(!) deutsche Lehrbuch zur medizinischen Diagnostik bei Kindesmisshandlung:
"Kindesmisshandlung"
Herrmann, Dettmeyer, Banaschak, Thyen
Springer Verlag GmbH
ca. 49.95 Euro
320 S., 160 Abb., 2008
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