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Artikel vom 02. 04. 2008

Ein Erfahrungsbericht zum Präparierkurs

Leben begreifen: Von Schrecksekunden, Alpträumen und Abschiedstränen

Victoria Kirchhoff

Im Präparierkurs lernen Medizinstudentinnen und -studenten die Anatomie am Menschen selbst kennen, genauer gesagt an einer Leiche. Dieser Kurs ist berühmt und berüchtigt zugleich. Für viele Studierende handelt es sich um den ersten direkte Kontakt mit dem Tod. Auch ich hatte noch nie eine Leiche berührt, sollte aber für die nächsten Wochen fast täglich an einem toten Menschen studieren, wie der Körper aufgebaut ist und wie er funktioniert.

Übersicht


Fremder GeruchNach oben hoch

Nervös ging ich meine Tasche durch, ob ich auch nichts vergessen hatte. Weißer Kittel, Plastikschürze, Buch, Gummihandschuhe, Handtuch, Waschzeug und das Wichtigste: mein Präparierset. In einem kleinen Holzkästchen lagen verschieden große Skalpelle, zwei Pinzetten und eine Schere. Alles war da.

Nach all der Theorie in Physik und Chemie gibt es hier endlich Praxis. Nur der Gedanke, dass es ausgerechnet das Sezieren eines Leichnams sein würde, kostete mich sehr große Überwindung. Schließlich dreht sich die Medizin in erster Linie um das Leben - nicht um den Tod.

Nachdem ich meinen Spind eingeräumt, den Kittel und die Schürze angezogen hatte, betrat ich zum ersten Mal den Saal, in dem die Leichen auf kalten Stahltischen aufgereiht waren. Im ersten Moment nahm ich nur den charakteristischen, aber mir bislang fremden Geruch von konservierendem Formalin wahr, der nicht nur in der Nase, sondern auch in den Augen brannte.

Zu meiner Überraschung sah man von den Körpern gar nichts: Sie waren in nasse Tücher und Plastikfolien eingepackt. Später erfuhr ich, dass das wichtig ist, weil sonst das Gewebe austrocknen würde und nicht mehr präpariert werden könnte.


Wie ein Leichnam in die Anatomie kommtNach oben hoch

Langsam ging ich zu meinem Tisch Nummer drei. Wir waren dort zu zehnt eingeteilt. Es herrschte Gedränge und wir blickten alle ein wenig betreten drein, waren aber trotzdem neugierig und bemüht, möglichst viele Eindrücke aufzunehmen. Das war einer der Tage, die ich niemals vergessen werde.

Unser Anatomie-Professor, ein weise aussehender Mann mit Weihnachtsmannbart, hielt per Mikrofon eine Rede. Er ermahnte uns Studenten, respektvoll mit den Toten umzugehen. Unangemessenes Verhalten, egal welcher Art, würde er nicht tolerieren. Dann dankte er den Körperspendern.

Gleichzeitig begann ich mich zu fragen: Wer mochte diese Person, die da vor uns auf dem Tisch lag, mal gewesen sein? Was für ein Leben und was für eine Geschichte steckten hinter dem Menschen?

Fest steht: Die Körperspender hatten schon zu Lebzeiten die Entscheidung getroffen sich der Wissenschaft zur Verfügung zu stellen. Dafür erhalten sie kein Geld. Einzig die Kosten für die Beerdigung werden vom Institut für Anatomie übernommen. Die Bestattungsfeier würden wir Studenten am Kursende gestalten und dazu alle Angehörigen einladen.
Aber so weit war es noch lange nicht.


Keine Toter wie im KrimiNach oben hoch

Erstmals wurden wir von unserem Tisch-Tutor, einem Studenten aus einem höheren Semester, dazu aufgefordert unser "Präparat" auszupacken. Gemeinsam entfernten wir Folie und Tücher. Den Kopf ließen wir vorerst noch bedeckt.

Wieder war ich überrascht. Vorstellungen wie ein Toter aussieht, hatte ich hauptsächlich durch das Fernsehen. Das was ich sah, sah aber nicht aus, wie ich mir einen Leichnam vorgestellt hatte. Durch die konservierenden Mittel war die Haut nicht nur aschfahl, sondern tief-grau und nass. Mit Latex-Handschuhen wagten wir dann auch alle nacheinander die erste Berührung. Kalt und steif fühlte sich der Tote an. Ich war froh, dass meine Hände durch das Plastik geschützt waren. Früher hatten Medizinstudenten keine Handschuhe, sondern cremten ihre Hände mit Vaseline ein. Es fröstelte mich ein wenig.


SchrecksekundenNach oben hoch

Im Augenwinkel nahm ich jemanden wahr, der an uns vorbeistürmte. Es war ein Kommilitone. Noch bevor er den Saal verlassen hatte, kippte er wie ein steifes Brett nach hinten um und fiel auf den harten Steinboden. Plötzlich richtete sich die gesamte Aufmerksamkeit von unserem "Präparat" zu dem Ohnmächtigen. Später im Medizinstudium stellte ich fest, dass so etwas nicht nur im Präparierkurs, sondern auch im chirurgischen Operationssaal ab und zu passieren kann.

Erschrocken leisteten wir erste Hilfe. Auch der Anatomieprofessor sah nach dem Rechten. Glücklicherweise wachte der Kommilitone schnell wieder auf und wollte nach kurzem Ausruhen schon wieder zurück an seinen Tisch.

Ich blickte mich um. Im Großen und Ganzen schien es allen Studierenden gut zu gehen. An den Tischen unterhielten wir uns über unsere ersten Eindrücke. Doch schon bald packten wir "unsere" Leiche wieder in Tücher und Plastikfolien ein. Morgen würde es weiter gehen.

Die Präparationsgebiete wurden am nächsten Tag eingeteilt. Ich bekam die Region "Kopf und Hals". Wir sollten damit beginnen, die Haut abzupräparieren. Hier kamen die Skalpelle aus meinem Präp-Kasten zum Einsatz.

Der erste Hautschnitt kostete noch ein bisschen mehr Überwindung als die erste Berührung, aber schnell stellte sich Gewohnheit ein. Die Leiche, unser "Präparat", verlor immer mehr an Ähnlichkeit mit einem menschlichen Körper. Je tiefer wir präparierten, desto mehr lernten wir und desto seltener kam mir der Gedanke, wer dieser Mensch vor uns auf dem Tisch gewesen sein mochte.


Träume von Muskelansätzen und Nervenverläufen Nach oben hoch

Viele Gedanken traten schließlich in den Hintergrund, denn ein wahnsinniger Prüfungsstress setzte ein. Etwa alle zwei Wochen wurden wir mündlich geprüft. Es verging kein Tag ohne Lernen. Mir schwirrten Muskelansätze und Ursprünge, sowie Nervenbahnen und Gefäßsystem im Kopf herum. Selbst nachts träumte ich von all dem Gelernten. Hier hatte das verrückte, unerklärliche, schöne, anstrengende und wunderbare Leben ein System. Alles hatte einen Namen und funktionierte im Zusammenspiel ausgefeilter als jedes Uhrwerk. Wir konnten Vieles davon sehen und anfassen. Wir hatten das Privileg, das Leben begreifen zu dürfen - im wahrsten Sinne des Wortes.


Abschied mit TränenNach oben hoch


Nachdem der Kurs in den Lebensmittelpunkt gerückt war und der Umgang mit einer Leiche das Normalste auf der Welt zu sein schien, war alles schon wieder vorbei. In einem Gottesdienst nahmen wir Abschied von den Menschen, die uns diese Lernerfahrung möglich gemacht hatten. Viele Verwandte der uns namentlich unbekannten Toten waren gekommen. Und während ich ihre trauernden Gesichter sah, kamen mit einem Schlag auch all die Gedanken an die Lebensgeschichten hinter den Menschen im Präpariersaal zurück. Ich musste auch ein bisschen weinen - obwohl das Leben mit dem Sterben untrennbar verbunden ist.

Mit dem Gottesdienst endete auch die ungewöhnliche Zeit unseres Kurses. Ich hatte gelernt, wie ich es in anderer Form nie gekonnt hätte. Und trotzdem war ich froh, dass es vorbei war. Noch am selben Tag packte ich meinen Präparierkasten endgültig in eine Plastiktüte und verschenke ihn an jemanden, der den Kurs noch vor sich hatte.

 

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