|
|
|
Erster Contest in Frankfurt
Multiple Choice der anderen Art
Yue Ying Wu
Konzentration bitte. Es geht auf Punktejagd. Wie könnte es anders sein im Leben eines Medizinstudenten. Aber dieses Mal verbirgt sich die Beute nicht hinter dem ABCDE-Salat der IMPP-MC-Fragen. Im Mittelpunkt stehen eindeutige Bilder und komplizierte Diagnosen in konkreten Fällen.
Übersicht
| Frankfurter Contest: Ersatz für Benjamin Franklin Contest | hoch |
Normalerweise findet jeden Sommer in Berlin der Benjamin Franklin Contest (BFC) statt. Der BFC ist ein studentischer Wettbewerb zwischen sieben medizinischen Fakultäten aus dem deutschsprachigen Raum. Jede teilnehmende Uni stellt ein Team auf mit Studenten, die sich noch vor dem Praktischen Jahr befinden. Ziel ist es, in kürzester Zeit Blickdiagnosen zu stellen, möglichst kostengünstig klinische Fälle zu diagnostizieren und Fragen aus der Medizin zu beantworten. Dabei können die Teams Punkte sammeln. Als Ersatz für den BFC veranstaltete die Uni Frankfurt im Juli einen ähnlichen Contest. An dem Wettbewerb nahmen ein Team aus Mainz und drei aus Frankfurt teil. Inhaltlich glich der Contest dem "großen Bruder" in Berlin.
| Der Contest: ein Tag voll Fragen und Spannung | hoch |
Der Contest beginnt mit der Aufgabe eine richtige Diagnose zu stellen. Nach sparsamen, manchmal aber auch ablenkenden Informationen, darf jedes Team ein diagnostisches Verfahren "einkaufen". Von der Anamnese bis zur Biopsie mit histologischen Befunden kann alles angefordert werden. Je aufwendiger die Diagnostik, desto mehr Punkte kostest es das Team. Bei diesem Wettbewerb kann man üben, womit sich eine Verdachtsdiagnose bestätigen lässt. Dazu gehört, anhand der bereits bekannten Daten, die wahrscheinlichste Diagnose gezielt zu suchen und zu erkennen. Die Krankheitsbilder des Contests wie sideroblastische Anämie, Trypanosomiasis, FSME-Enzephalitis und Aortenbogenverschluss sind alles andere, als einfach zu diagnostizieren.
Auch der anschließende Test, die Bilderkennung, setzt bei den Teilnehmern Adrenalin frei. Nur die Teams können Punkte erreichen, die zuerst den dargestellten Befund erkennen. Ein oder mehrere Bilder, die eine eindeutige Diagnose- oder Befundstellung erlauben, werden an die Tafel projiziert. Allerdings ist das "Bild" nicht immer ein radiologisches Bild. Es können auch Laborwertsätze, EKG's, Polysommnogramme oder Ähnliches sein. Um das Aufgabenspektrum des Wettbewerbs möglichst breit zu streuen, müssen zusätzlich ausgewählte MC-Fragen des vorklinischen Studienabschnitts gelöst werden. Auch bei diesem Aufgabentyp werden nicht immer die leichtesten Physikumsfragen gestellt.
| Frankfurt: Zwei Monate pauken | hoch |
Frankfurter Studenten haben in Berlin mehrfach am BFC teilgenommen. Erst 2006 gelang einem Team aus Frankfurter der erste Sieg, nachdem die Vorbereitung intensiviert und auf die Aufgabentypen ausgerichtet wurde. Dieses spezielle Briefing für den Contest fand in den folgenden Jahren großen Anklang an der Uni und wird nun auch als Vorbereitung für das Praktische Jahr genutzt, denn hierbei werden fast alle Bereiche der Medizin auf einmal wiederholt. Auch dieses Jahr war dieser Vorbereitungskurs im Mai und Juni fest im Semester als Wahlfach integriert. Jeder Student des klinischen Abschnitts kann an der Vorbereitung teilnehmen, keiner wird ausgeschlossen. Unter der Leitung von Prof. Schulze brüteten die Studenten jeweils von Montag bis Donnerstag von 18.00 bis 20.00 Uhr über verschiedenen Fällen. Während montags und dienstags die "Bilderkennung" im Vordergrund stand, ging es an den zwei folgenden Tagen um die "Fallbearbeitung", das heißt die rationelle Anforderung an die Diagnostik. Die besprochenen Krankheitsbilder waren sehr weit gefächert: von Medikamentenvergiftungen z.B. durch Amlodipin bis zur Mitralklappeninsuffizienz oder einer Phenytoin-induzierten Gingivahyperplasie. Gängige Krankheitsbilder wie M. Addison oder AML wechselten sich ab mit spezielleren Problemen: besonders eindrucksvoll war der verkalkte Embryo im Mutterleib. Die Lieblingsdiagnose der Teilnehmer in diesem Jahr: die Echinokokken-Zyste. Der Lerneffekt war unverkennbar hoch: dass eine basophile Tüpfelung bei Bleivergiftung auftritt, wie eine FACS-Analyse interpretiert wird und interessante Informationen, die sich auf lebendige Weise ins Gedächtnis eingruben.
| Wie läuft eine Fallbesprechung ab? | hoch |
F.M., 42 Jahre, konsultiert an einem Februarmorgen seinen Hausarzt, weil "es im Bett nicht mehr funktioniert". Auf Nachfrage kann er nicht angeben, seit wann seine Impotenz besteht, oder ob es einen akuten Anlass gegeben hat. So kann eine Fallbeschreibung beginnen und die Studenten können nun in "Dr. House-Manier" nach der Ursache forschen: Welche Verdachtsdiagnose können wir stellen? Welche Differenzialdiagnosen kommen in Frage? Sind die Symptome metabolischer oder neurologischer Genese? Oder vielleicht doch psychosomatisch? Welche Diagnostik ist angezeigt, um effektiv die meisten "DDs" von der Liste der möglichen Ursachen streichen zu können? Welche Untersuchung liefert die meisten Informationen? Zum Glück gibt es die Kommilitonen im Team, mit denen alles besprochen werden kann: "Lasst uns die Schilddrüsenwerte anschauen. Es könnte ja eine hormonelle Ursache sein." Die Schilddrüsenwerte werden angefordert. Das Ergebnis: normal. Was in der Klinik als Basisdiagnostik standardmäßig durchgeführt wird, z.B. eine körperliche Untersuchung, fällt beim Contest weg. Denn Contest-Ärzte müssen nicht die erweiterte Anamnese oder körperliche Untersuchung machen, wenn sie sich keine wichtigen Informationen davon versprechen. Sind sich alle im Team einig, darf auch sofort die Nieren-Biopsie oder die FACS-Analyse geordert werden. "Wir wollen ein MRT des Abdomens haben", ist der Entschluss. Das MRT ergibt einen "Signalverlust in Muskel, Herzmuskel, Leber und Pankreas im Vergleich zur Milz als Hinweis auf eine Eisenüberladung". Das Stichwort "Eisenüberladung" bringt sämtliche Lampen zum Leuchten, denn die Krankheit der Eisenspeicherkrankheit, auch Hämochromozytose oder Hämosiderose genannt, passt wie beim Puzzle in das Gesamtbild der Symptome. Nun geht es an den nächsten Fall.
| Diagnose am Bildschirm | hoch |
Ich sehe etwas, was Du nicht siehst? Ein Kinderspiel - eigentlich. Übertragen auf den Contest bedeutet es manchmal: Eine Sekunde Zeit, sich ein Bild anzuschauen. Ist der Befund eindeutig, kann es innerhalb von wenigen Sekunden "Subarachnoidalblutung" oder "Syringomyelie" durch den Raum schallen. Aber nicht alles ist so eindeutig: "Standardbilder" wie ein STEMI im EKG oder eine Schenkelhalsfraktur werden sehr schnell gelöst, aber ein Situs inversus oder eine Sigma-Torquierung bedürfen etwas längerem Überlegen und Anschauen. Und auch eine Clavicula-Aplasie sieht auf den ersten Blick zwar komisch aus, aber nicht wirklich eindeutig.
| Der Frankfurter Contest 2011 | hoch |
Am 8. Juli war der Tag gekommen, an dem alle zeigen konnten, wie viel von der Vorbereitung hängen geblieben war. Neben zwei Frankfurter Teams nahmen ein Mainzer Team und ein Frankfurter "Honoratioren-Team" aus der Vorbereitungsgruppe von 2009 teil. Um 13.30 Uhr wurden die Aufgaben noch einmal erklärt, um 14.00 Uhr ging es los: Insgesamt 40 Bilder und vier Fälle, sowie 16 MC-Fragen der Vorklinik mussten bearbeitet werden. Jedes Team bekam 500 Vorschusspunkte, die dann vermehrt werden konnte. Die Atmosphäre bei der Diagnosestellung war eher ruhig, die Team-Abstimmung untereinander erfolgte flüsternd. Schließlich sollten die anderen Teams ihre eigenen Ideen beraten und keine fremden Tipps bekommen. Anders dagegen bei der Bilderkennung, nur wer zuerst die Diagnose stellte, konnte Punkte ernten. Nach einer Runde Bilder hatte jedes Team die Möglichkeit, das vorklinische Wissen an extrem kniffligen MC-Fragen zu testen. In den Kategorien "Aufgelesen", "Basics", "Chemie", "Extra schwer" und "Physik" konnten zwischen 40 und 100 Punkte ergattert werden. Nach fast drei Stunden Raten und Rätseln gewann ein Team aus Frankfurt mit 1270 Punkten, während das zweite Frankfurter und das Mainzer Team sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen lieferten. Für das Gewinnerteam gab es jeweils einen Büchergutschein im Wert von 200 Euro, alle anderen Teilnehmer erhielten einen Gutschein in Höhe von 50 Euro.
| Die Zukunft liegt am Main | hoch |
Die positive Resonanz nach dem Contest war unter allen Teilnehmern deutlich zu spüren. Jan Bolck aus dem Gewinnerteam meinte danach,"Teilnehmen will ich auf jeden Fall wieder! Das war zwar anstrengend, aber es war auch ein großer Spaß und echt schön!". Den größten Gewinn für sich sahen die Teilnehmer in dem Zuwachs an Wissen während der Vorbereitungsphase. Die Zukunft des Contests ist noch nicht sicher, wahrscheinlich wird der frühere Benjamin-Franklin-Contest als Goethe-Contest von der Spree an den Main umziehen. Die bisherige Form soll erhalten bleiben und damit wieder einem Contest mit viel Spaß für Teams aus allen Gegenden Deutschlands ermöglichen.
Der Contest 2012 wird zu Beginn des Wintersemesters 2011 von den Studiendekanaten und Fachschaften ausgeschrieben werden. Sollten sich mehr als sieben Teams bewerben, wird am Jahresende das Los über die Teilnahme entscheiden. Einen festen Startplatz haben nur das Siegerteam des Vorjahres und ein Team aus Frankfurt. Alle Teams dürfen sich bewerben, egal ob von der Fachschaft, der Fakultät oder privat organisiert. Für geeignetes Vorbereitungsmaterial kann man sich an Prof. Johannes Schulze wenden. In Frankfurt wird das Training für den Contest wahrscheinlich wieder in der bisherigen Form stattfinden. Der Kurs richtet sich vor allem an Studenten ab dem 8. Semester im klinischen Studienabschnitt. Erfahrungen zeigen, dass in unteren Semestern der Wissenstand noch nicht ausreicht und Studenten sich deswegen oft überfordert fühlen. Die Teilnahme an der Vorbereitung zum Contest kann in Frankfurt auch als Wahlfach angerechnet werden. Zusätzlich zur Contest-Vorbereitung wird ein Wahlfach angeboten, welches eine ähnlich Form hat wie der Contest. Der Unterschied liegt darin, dass für den Wettbewerb die Erklärung des Richtigen vernachlässigt und sehr vieles vorausgesetzt wird. "Der Schwerpunkt im Wahlfach liegt jedoch auf dem Verständnis, die Geschwindigkeit spielt keine wesentliche Rolle, und es wird hier alles erklärt", so Prof. Schulze. In einer Stunde werden hier etwa 15 Bilder besprochen und erklärt, im Contest dauert das maximal fünf Minuten. Anschließend werden zwei reale Fälle durchgesprochen, durch rationale Anforderung diagnostischer Maßnahmen soll die Diagnosestellung erfolgen. Hier spielt die Anamnese und körperliche Untersuchung eine große Rolle, im Contest erreichen diese Maßnahmen nur selten eine definitive Diagnose und werden deshalb meist ausgeschlossen.
| Links und Adressen | hoch |
j.schulze@em.uni-frankfurt.de
Alle Infos zum Contest
| |
| Neues bei Via lokal |
Graz
Julian Wenninger berichtet über das gefürchtete "Pathosemester" an der Uni Graz.
mehr >>
Aachen
Janina stellt euch eine Aachener Homepage vor, die die Stadt genau beleuchtet
mehr >>
Jena
Marisa stellt das Hauptfach Physiologie an de Jenaer Uni vor
mehr >>
Wien
Interview mit einem Teilnehmer des Exzellenzprogramms an der MedUniWien.
mehr >>
Köln
Im Modellstudiengang der Uni Köln gibt es einen praktischen Untersuchungskurs.
mehr >>
Homburg
Carolina hat einen spannenden Besuch in die experimentelle Chirurgie gewagt
mehr >>
|
|
|