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Arzt im Beruf
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| Was ist ein Famulant? |
Famulus, bzw. Famula in der weiblichen Version, bedeutet soviel wie Gehilfe oder das Haus bewohnend. Jeder Medizinstudent muss zwischen dem ersten und zweiten Staatsexamen in der vorlesungsfreien Zeit eine insgesamt viermonatige Famulatur in Krankenhäusern und/oder Arztpraxen absolvieren. Somit ist eine Famulatur als Teil der ärztlichen Ausbildung zu werten und sollte dem Jungmediziner einen Einblick in das Berufsleben gewähren. Doch nicht jede Famulatur steht unter diesen Vorzeichen.
| Der Famulant, das unsichtbare Wesen |
Für Max* (23 Jahre) begann der Famulanten-Tag mit der ärztlichen Besprechung um 7 Uhr. Hier wurde das wahr, was er sich als Kind immer schon gewünscht hatte: einmal eine Tarnkappe tragen und für alle unsichtbar sein. Während die erlauchten Honoratioren die Neuzugänge besprachen, stand Max abseits des opulenten Konferenztisches und lauschte schweigend und unbemerkt dem allmorgendlichen Treiben.
Danach ging er auf die Station, welcher er zugeteilt war. Dort hatte die Unsichtbarkeit ein Ende. Sicherlich, alle hatten sehr viel zu tun, das war auch Max nicht verborgen geblieben; doch rechtfertigte dies, dass er zum Laufburschen für alle und jeden wurde? Er füllte die Verbrauchsmaterialien im Stationsstützpunkt auf und servierte im Arztzimmer Kaffee während sich die Arzthelferin ihren privaten ebay-Recherchen hingab.
Hin und wieder fiel sein Blick auf ärztliche Arbeitsbereiche, doch wenn er nachfragte, bekam er meist nur ausweichende Antworten. So wurde seine Frage, was man auf diesem Schädel-CT sehen könne, mit der lapidaren Antwort "ein Gehirn" abgetan. Max hatte sich bewusst für eine große, renommierte Klinik an seinem Heimatort entscheiden, da er davon ausging, dort besonders viel lernen zu können.
"Das war ein absoluter Trugschluss und verlorene Zeit, die ich woanders besser investiert hätte. In diesem Haus habe ich gelernt, mit der Gleichgültigkeit und dem Desinteresse, das mir jeden Tag auf's Neue entgegenschlug, fertig zu werden." Dieses bittere Fazit zieht Max, wenn er auf seine dreiwöchige Famulatur in einer deutschen Spitzenklinik zurückschaut.
| Der Famulant, das einsame Wesen |
Auch die Famulatur-Erlebnisse von Laura* (32 Jahre) waren alles andere als erfreulich. "Das Schlimmste für mich war, dass niemand sich für mich zuständig fühlte. Es hat schon beinahe eine Woche gedauert, bis ich alle Ärzte der jeweiligen Hierarchien auf der Station kannte. Mich hingegen kannte auch nach drei Wochen kaum jemand. So bin ich in der ersten Zeit meiner Famulatur immer abwechselnd mal dem einen, mal der anderen gefolgt.
Dabei war es leider häufiger so, dass ich zwar anwesend sein durfte, aber man mir nie den Eindruck vermittelte, akzeptiert und erwünscht zu sein. Ich habe beispielsweise einmal während der Visite des Weiterbildungsassistenten angemerkt, dass ich bei dem Patienten, vor dessen Bett wir gerade standen, kein Blut habe abnehmen könne und ob einer der Ärzte es bitte erledigen könne. Kaum hatten wir das Patientenzimmer verlassen, prasselte eine böse Schimpftirade auf mich nieder, dass man so etwas niemals vor einem Patienten bespricht.
Selbst wenn dies so sein sollte, kann man es nicht in normalem Ton kommunizieren? Ich verstehe das nicht. Waren diese Klinikärzte nicht auch einmal Studenten? Alles in allem habe ich die vier Wochen in diesem hochgepriesenen Haus irgendwie hinter mich gebracht. Ich habe mir jeden Tag überlegt, was ich sehen will, und habe dann immer den zuständigen Arzt gefragt, ob ich zuschauen dürfe. Das ging fast immer. Doch schön war diese Zeit nicht. Ich kam mir meist ziemlich verloren vor.
| Der Famulant, das unerwünschte Wesen. |
Marie* (29 Jahre) hatte sich ganz bewusst eine große Klinik ausgesucht und wollte dort in der Chirurgie famulieren. Schließlich wollte sie dieses Ziel nach dem Studium ansteuern und sie konnte sich kaum einen aufregenderen Ort als einen OP vorstellen. An ihren ersten Arbeitstag schaute sie auf den OP-Plan und gleich schlug ihr Herz höher. Sie war für den Folgetag gleich zweimal eingetragen und konnte ihr Glück kaum fassen.
Als sie am Abend wieder daheim war, nahm sie ihr geliebtes Chirurgiebuch, las die entsprechenden Kapitel nach und versäumte nicht, noch einen Blick in den Anatomie-Atlas zu werfen. Bestens vorbereitet wartete sie am nächsten Tag darauf, dass ihr Piepser sie in den OP rufen würde. Doch nichts geschah.
Auch am Folgetag schwieg ihr Piepser, obwohl der OP-Plan anderes versprach. So nahm sie allen Mut zusammen, rief selbst im OP an und erfuhr dort, dass man auf ihre Anwesenheit verzichten möchte. Während ihrer fünfwöchigen Famulatur war sie letztendlich bei insgesamt 3 Operationen dabei. Irgendwie hatte sie sich diese Zeit ganz anders vorgestellt.

| Der Famulant, das bloßgestellte Wesen |
"Meine erste Famulatur? Erinnere mich bloß nicht daran. Das war ein Horrortrip. Ich wollte das Studium abbrechen. Nur ein paar wirklich gute Freunde konnten mich überzeugen, es nicht zu tun." Solche eindeutigen und erschreckenden Worte findet Sebastian* (26 Jahre). Und obwohl diese erste Famulatur bereits drei Semester zurückliegt, verändert sich Sebastians Gesichtsausdruck noch heute, wenn er davon erzählt. Seine sonst fröhlichen Augen schauen nachdenklich in die Ferne.
Der Name Julia* taucht immer wieder in seinen Schilderungen auf. "Sie hatte gerade ihre Approbation und arbeitete seit kurzer Zeit auf der Station. Und wir hatten wohl unterschiedliche Auffassungen vom Lehren. Julia liebte es, vor den Patienten zu dozieren und mich zu unterweisen. War es mir nicht gelungen, eine Viggo zu legen, musste ich sie begleiten, damit sie mir an eben diesem Patienten demonstrieren konnte, wie man es besser macht. Mir waren diese Vorführungen höchst peinlich.
Deshalb habe ich mich dann auch nach wenigen solcher Inszenierungen geweigert und vorgeschlagen, sie könne es mir gerne bei einem anderen Patienten demonstrieren. Von diesem Tag an hatte ich eine Feindin, die mir das Leben schwer machte." Irgendwann bekam Sebastian seitens des Oberarztes die Aufgabe, einen Patienten im Rahmen der morgendlichen Frühbesprechung ausführlich vorzustellen. "Zu diesem Zweck brauchte ich natürlich ein paar Daten. So setze ich mich mittags ins Arztzimmer und notierte mir das eine oder andere aus dem PC.
Ich teilte Arzthelferin Nicole* und der jungen Stationsärztin Julia* mit, dass ich mal schnell die Daten für meine Präsentation notiere. Ich hatte kaum ausgesprochen, da fielen die beiden in einem wirklich üblen Stil über mich her. Ich wurde beschimpft, faul und unverschämt zu sein, schließlich müsse man das in seiner Freizeit erledigen. Als ich fragte, wie ich das machen solle, schließlich hätte ich daheim keinen Zugriff auf die Daten, glitten die Beschimpfungen auf ein wirklich niedriges Niveau.Ich mag das gar nicht wiedergeben. Das war wirklich ungeheuerlich."
Sebastian schüttelt den Kopf und schweigt. Die Folge war, dass er niemanden mehr zu den Daten befragen konnte und sich ein Fehler in seiner Interpretation derselben eingeschlichen hatte. "Und genau dieser Fehler wurde mir natürlich nach meiner Präsentation zur Last gelegt. Das war sehr unerquicklich."
| Der Famulant, nicht Fisch nicht Fleisch? |
In jedem Haus jedweder Größe haben Famulanten ähnliche Aufgaben: Blut abnehmen, Zugänge legen, Aufnahmeuntersuchungen durchführen und je nach Fachgebiet die eine oder andere Routineaufgabe. Doch hat ein Famulant neben diesen Pflichten eigentlich auch Rechte?
Die Famulatur sollte dem Studenten die Möglichkeit geben, sich mit einem Fachgebiet näher vertraut zu machen. Wie dies nun in der Praxis aussieht, obliegt dem jeweiligen Haus und den dort tätigen Ärzten. Jedem wird klar sein, dass allein aus versicherungstechnischen Gründen der Tätigkeitsbereich stark eingegrenzt ist. Doch damit geht sicherlich keine Einschränkung einer wohlwollenden Kommunikation zwischen Arzt und Famulant einher. Wie in jedem Arbeitsverhältnis so sollte auch hier die Fürsorgepflicht zum Tragen kommen. Im Falle einer Famulatur bedeutet dies nicht weniger, als für eine fachliche Information Sorge zu tragen.
Dass dies im hektischen Klinikalltag leider all zu oft vergessen wird, belegen die hier dargelegten Berichte. Was kann man also tun? Eine gute Umgangsweise mit ihrer Situation hat Laura gefunden. Sie hat ihren Tag dahingehend strukturiert, was sie selbst interessierte, und hat dafür Initiative ergriffen. Diese Vorgehensweise ist für diejenigen geeignet, die gut alleine ihren Weg finden und selbstbewusst ihre Wünsche einfordern.
Wer lieber über einen persönlichen Erfahrungsaustausch mit einem Arzt etwas lernen und erfahren möchte, der sollte sich möglichst an kleinere Häuser außerhalb der Uni-Städte wenden. Wenngleich auch hier ein stressiger Alltag seinen Tribut fordert, so stehen die Chancen doch besser, dass man sich an die Fersen eines engagierten Arztes heften kann. Dieser versteht sich im besten Falle als Mentor, lässt sich bei seiner Arbeit gerne über die Schulter schauen und ist Fragen gegenüber aufgeschlossen.
Und wenn es dann doch, wie im Bericht von Sebastian, dazu kommen sollte, dass negative Erlebnisse die Famulatur überschatten, so ist es wichtig, im Nachhinein zu sondieren, ob dadurch alles schlecht war. So kann auch Sebastian mittlerweile seiner ersten Famulatur Gutes abgewinnen. "Ich war einfach zwischenmenschlich sehr enttäuscht, ja, sogar entsetzt. Das hat lange an mir genagt. Aber es war nicht alles schlecht. Es gab auch Positives."
* Name von der Redaktion geändert
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