Medizinstudium
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Arzt im Beruf
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| Motivation für eine Hospitation in der Palliativmedizin |
Ich habe mich für eine Hospitation im Bereich Palliativmedizin entschieden, da dies einer der wenigen medizinischen Fachbereiche ist, von dem ich sicher bin, dass ich ihn nie ausüben werde.
Da das Fach jedoch seit Kurzem Bestandteil des zweiten Staatsexamens ist, dachte ich, es vermittle sicherlich wichtige Qualitäten.
Auf den ersten Blick empfand ich den Bereich Palliativmedizin als unattraktiv, da das Arbeitsumfeld sehr bedrückend erschien:
| » | die Hilflosigkeit des Arztes in Bezug auf kurative Maßnahmen |
| » | der gehäufte Umgang mit der Wut und Frustration der Patienten und Angehörigen |
| » | das Auftreten von Konflikten bei sterbewilligen Patienten |
| » | das durchschnittlich hohe Alter der Patienten |
| » | wenig praktische Aufgaben wie beispielsweise das Durchführen von Operationen |
Trotzdem habe ich mir vorgestellt, dass die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Berufsgruppen auf der Palliativstation enger und die psychologische und soziale Betreuung intensiver ist.
Außerdem habe ich erwartet, dass die patientenbezogenen Witzeleien und Abwertungen hinter vorgehaltener Hand im Arbeitsalltag unter dem ärztlichen Personal hier weniger vorkommen, und dass der Teamgeist insgesamt stärker ist, als dies auf anderen Stationen oder in anderen medizinischen Einrichtungen der Fall ist.
| Palliativstation der Universitätsmedizin Göttingen |
Die Palliativstation der UMG verfügt über zehn Betten - die Zimmer sind ausnahmslos Einzelzimmer mit moderner Einrichtung und neuer Ausstattung.
Die ganze Station unterscheidet sich stark vom alten Stationstrakt des Klinikums, sowie auch im Vergleich zu anderen Stationen:
| - | Es ist sehr sauber und ruhig. Für Wände, Flure und Personalkleidung wurden beruhigende Farben wie ein sattes orange oder türkis ausgewählt. |
| - | Es gibt einen Raum für Familiengespräche vor dem ein Klavier steht; außerdem gibt es für Patienten und deren Familien einen ovalen Klangraum, in dem die Akustik besonders gut ist und sich zu bunten, in den Wänden integrierten Lampen und Musik entspannen lässt. |
| - | Darüber hinaus gibt es ein rundes, geräumiges Bad mit bunter Beleuchtung und LCD-Flatscreen, auf dem entspannende Filme gezeigt werden. |
Alle Zimmer bieten Aussicht auf verschneite, hölzerne Terrassen und den Klinikgarten dahinter, auf dessen Gelände sich der Spielplatz der Kinderstation befindet. Mein erster Eindruck der Räumlichkeiten lässt mich – obwohl ich durch einen Prospekt vorbereitet war – leicht staunen. Die Station gleicht eher einem Hotel gehobener Klasse.
| Erster Tag |
Zuallererst bekomme ich an diesem Morgen eine Einführung im Besprechungszimmer. Meine Betreuerin ist Dr. S., eine Anästhesistin. Sie ist eine nette, sehr kommunikative, junge Ärztin, die ich mir auch sehr gut im persönlichen Patientengespräch vorstellen kann und die, so mein Eindruck, ihren Beruf gerne ausübt.
Wir haben zunächst über den Arbeitsalltag sowie die Organisation der Station gesprochen:
| Neben zwei Ärzten sind drei Krankenschwestern, ein Psychologe und ein Physiotherapeut auf der Station beschäftigt. In dieses Team integriert sind außerdem Personen, die im Bereich der Diakonie, dem Sozialdienst, sowie der ambulanten Pflege tätig sind. |
| Des Weiteren werden Konsile an andere fachärztliche Kollegen, wie zum Beispiel aus der Gynäkologie oder HNO abgegeben. |
Patienten kommen aus drei Gründen auf die Palliativstation:
| • | Schmerzlinderung |
| • | Entlastung der Familie, die oft mit den pflegerischen Aufgaben überlastetet sind oder die Rolle zwischen Pflege-Kraft und Familienmitglied in einem nicht verarbeiten können |
| • | wenige Wochen bis Tage vor dem Ableben |
Fast täglich führt die Anästhesistin Gespräche mit Patienten und Angehörigen, um Konflikte dieser Art zu entzerren.
Die Einweisung eines Patienten erfolgt meist über Hospize, andere Stationen oder den ambulanten Palliativdienst (APD) und kann nicht privat erfolgen, da vorher eine Untersuchung und Einstufung stattfinden muss. Im Gegensatz zum Hospiz wird der stationäre Aufenthalt inzwischen vollständig von der Krankenkasse übernommen.
| Kein ganz normaler Alltag |
Die junge Ärztin macht mich auf eine Kerze draußen im Flur gegenüber der Sitzecke aufmerksam:
| "Uns ist heute morgen ein Patient verstorben. Immer wenn jemand verstirbt, wird diese Kerze angezündet. In den letzten zwei Wochen hatten wir drei Todesfälle." |
Mein Eindruck ist, dass diese Ereignisse sie berühren, was verständlich ist, wenn ich bedenke, wieviel Zeit der Palliativmediziner mit einem Patienten verbringt. Er lernt seine Familie kennen, erfährt seine Geschichte und baut eine persönliche Beziehung auf.
Danach gehen wir auf Visite. Auf dem Flur kommt uns der andere Stationsarzt mit einem Belegplan entgegen. Die beiden Ärzte besprechen kurz anfallende Aufgaben, wobei ein ruhiger Gesprächston und keine Spur von klinikalltäglicher Hektik herrscht. Auch eine Pflegerin und der Physiotherapeut werden in das Gespräch integriert.
Gerade als wir das Patientenzimmer betreten wollen, biegen die Angehörigen des verstorbenen Patienten um die Ecke. Dr. S. schickt mich mit ihrem Kollegen ins nächste Zimmer, da sie der Familie ihr Beileid ausdrücken möchte, wie sie mir mitteilt. "Ich kenne die Angehörigen sehr gut." fügt sie hinzu.
Im Zimmer sitzt Frau R. in eine dicke Decke gewickelt in ihrem Rollstuhl am Fenster. Ihr Mann ist anwesend und sitzt am Tisch neben ihr. Sie ist Mitte 70, zwar ansprechbar, aber sehr erschöpft. Dr. H. begrüßt sie, stellt mich vor und geht neben ihrem Stuhl in die Hocke. Von dieser vertraulichen Position aus führt er das gesamte Gespräch.
Am liebsten würde ich mich dazuknien, um diese Intimität nicht so krass zu stören, bleibe jedoch hinter Dr. H. stehen. Auf dessen Nachfrage, wie es ihr gehe, erwidert sie, dass ihr Kopf und ihre Beine sehr schwer seien.
Trotz seiner Versuche ein Gespräch zu beginnen, starrt Frau R. immer wieder vor sich hin, ins Leere.
| "Sie hat gerade ihre Medikamente genommen.", versucht ihr besorgter Mann ihren erschöpften Zustand zu erklären. |
Außerdem hat sie Schluckbeschwerden, so dass Dr. H. sie vorn überbeugen lässt und ihre Lunge mit dem Stethoskop abhorcht. Ein gut vernehmbares Rascheln ist zu hören.
| "Das muss besser werden!" meint Frau R. "Aber Sie wissen doch, dass es nicht mehr besser wird, Frau R.", erinnert sie ihr Arzt in mitfühlendem Ton. |
Später klärt er mich im Flur darüber auf, dass er dieses Gespräch mit den beiden schon oft geführt hat. "Man darf sich nicht darauf einlassen, sondern von Anfang an sagen, dass es zu Ende geht. Sonst klammern sich die Leute an falsche Hoffnungen."
Die nächsten Patienten besuche ich wieder mit Dr. S. Sie schildert mir kurz, wie sie das Vertrauen zu dem nächsten Patienten stückweise aufgebaut hat: Was für ein langer Weg es war, bis dieser sich gedanklich mit seiner bevorstehenden Beerdigung beschäftigt hat, und was es für ein Fortschritt war, dass er diese Gedanken schließlich mit jemandem teilen konnte.
Wir betreten das Zimmer, wo der Patient in seinem Bett liegt. Er wirkt ebenfalls erschöpft, wobei mir jedoch auffällt, wieviel natürlicher er aufgehoben ist, aufgrund des Fehlens von Hightechmedizin, Infusionen, etc. Niemand ist hier "verkabelt" oder in anderer Weise künstlich eingeschränkt.
Das Gespräch dreht sich um die Familie des Patienten, die Atmosphäre zwischen ihm und Dr. s. ist fast freundschaftlich. Ähnlich verlaufen auch die anderen Zusammentreffen.
Der letzte Patient, den ich an diesem Morgen mit der Stationsärztin besuche, sitzt aufrecht im Bett und macht Witze mit seiner Frau und seinem erwachsenen Sohn. Ihm scheint es ausgesprochen gut zu gehen.
Der Patient, der aufgrund eines Bronchialinfekts zur Therapie gekommen ist, lobt die Palliativstation außerordentlich. Er war im Sommer bereits einmal hier, und die Aussicht auf spielende Kinder und die grünen Wiesen zum spazieren gehen, haben ihm sehr gefallen.
Er ist sehr kommunikativ - reißt zwischendurch einen Witz oder streut Anekdoten.
| "Diesen Patienten habe ich für den Schluss aufgehoben, damit du mit einem guten Bild von der Station nach Hause gehst." sagt Dr. S. als wir das Zimmer verlassen. |
Bei der Dokumentation im Flur wirkt die Stationsärztin etwas gehetzt und leicht zerstreut. Auf meine Frage, was sie bei ihrer Arbeit verbessern würde, antwortet sie: "Mehr Zeit!" - obwohl sie meist nach Feierabend (17:00 Uhr) noch zwei bis drei Stunden länger bleibt.
| Qualitäten eines Palliativmediziners |
In der Palliativmedizin sind gute allgemeinärztliche, aber auch intensivmedizinische Kenntnisse erforderlich - diagnostische Fähigkeiten weniger, da die meisten Patienten bereits ausdiagnostiziert, mit einem dicken Krankenordner auf Station kommen.
Unerlässlich sind daher ein fester Charakter sowie ein gewisser Grad an Führungsstärke, da es sehr schwierig ist einem Menschen zu erklären, was nicht therapiert wird und welche Therapiemöglichkeiten stattdessen verfügbar sind.
Außerdem erfordert die Arbeit ein großes Organisationstalent, da im Arbeitsalltag verschiedene Aufgaben anfallen, wie die Angehörigen oder Nachbarn zu informieren, das Einsargen bei Todesfällen auf Station etc.
Weiterhin sind psychologische Fertigkeiten, wie Kommunikations- und Einfühlungsvermögen erforderlich. Gerade bei der Aufnahme der Familiengeschichte benötigt der Mediziner soziales und kommunikatives Feingefühl, muss Mimik und Körperhaltung bewusst einsetzen und nicht zuletzt fähig sein die aufkommenden Emotionen von seinem eigenen Privatleben zu trennen.
Die Herausforderungen dieses Berufs sehe ich in der emotionalen Bindung an die Patienten und deren Familien, im Willen, sich Zeit für Gespräche zu nehmen, aber auch in der Gefahr, viele Probleme mit nach Hause zu nehmen.
| Fazit |
Von meinem Vormittag auf der Palliativstation nehme ich viele positive Eindrücke mit, obwohl ich in diesem Fachgebiet nach wie vor nicht meine berufliche Zukunft sehe.
Besonders beeindruckt, war ich von der ruhigeren Atmosphäre und dem Umgangston des Personals auf Station. Ich konnte weder hierarchische Systeme noch offensichtliche Unzufriedenheiten auf den ersten Blick erkennen. Ich hatte zeitweise das Gefühl, mich gar nicht auf einer Station im Krankenhaus zu befinden.
Keiner der Stationsärzte wirkte hilflos und psychisch oder physisch überfordert.
Am Vormittag meiner Hospitation war es ausgesprochen ruhig auf Station. Die meisten Patienten waren in einem Zustand, in dem sie ihre Krankheit mit all ihren Konsequenzen erkannt und akzeptiert hatten.
Für mich ist die jüngste Integration des Fachgebiets in das ordentliche Curriculum durchaus sinnvoll, um Medizinstudenten einen sehr patientenorientierten Arbeitsalltag zu zeigen.
Mehr noch zeichnet die Palliativmedizin den Trend hin zur Individualmedizin vor, in der es eher um den Patienten als Individuum als um dessen Krankheit geht.
| Das Fach EKM |
Das Fach "Einführung in die klinische Medizin" ermöglicht eine Hospitation in Arztpraxen, Forschungsinstituten, bei der Ärztekammer oder anderen Instituten und Einrichtungen, die medizinische Gutachter oder medizinisches Personal benötigen.
Dort heftet sich der Medizinstudent für einige Stunden an die Fersen des Personals, um es bei seiner Arbeit zu beobachten und mit Fragen zu löchern. Auch Schülern ist es möglich, in einige Fachgebiete hineinschnuppern und ein Gefühl für den zukünftigen Arbeitsalltag zu bekommen. Fragt einfach mal nach!
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