Turnus und Approbation in Österreich
Eine unendliche Geschichte?
Standpunkt von Martin Fandler
Die wichtige Reform der Turnusausbildung in Österreich droht im allgemeinen Kompetenz- und Meinungswirrwar der Gesundheitspolitik unterzugehen. Die Ärztekammer und das Ministerium haben verschiedene Vorstellungen wie sich die derzeitige Situation verbessern lässt.
Übersicht
| Derzeitige Zustände treiben junge Ärzte und Ärztinnen ins Ausland | hoch |
Wartezeiten von mehreren Jahren auf einen Turnusplatz, oft kaum bis gar keine Lerneffekte abseits von venösen Zugängen und dem Anhängen von Infusionen, immer ein reiner "Arbeitssklave" sein ... auch wenn die Situation nicht überall derart katastrophal ist, man aus peripheren Krankenhäusern manchmal Geschichten von guter Ausbildung und kurzen Wartezeiten hört, so treiben die Zustände im Ausbildungssystem von jungen ÄrztInnen immer mehr Studienabsolventen ins Ausland - Jobmessen wie "Ärztejobs" werden von hunderten Interessierten besucht.
Während vor allem im Osten Deutschlands Ärzte in vielen Orten Mangelware sind, so wird - der Eindruck entsteht - in Österreich recht locker mit den gut ausgebildeten Absolventen eines Medizinstudiums umgegangen. Das mag sich für die Zukunft als recht gefährlich herausstellen - immerhin droht auch Österreich innerhalb der nächsten zehn Jahre eine massive Pensionierungswelle - und ein von einigen Experten bereits prognostizierter Ärztemangel.
| Die Gesundheitspolitik | hoch |
In die schon jahrzehntealte Diskussion um das System der Turnusausbildung - Österreich ist eines der letzten Länder innerhalb der EU, die noch ein derartiges System unterhalten - ist nun wieder etwas Schwung gekommen. Die Österreichische Ärztekammer präsentiert Konzepte zur Abschaffung des Turnus, zur Schaffung eines Facharztes für Allgemeinmedizin und zur Approbation nach dem Studium. Ebenso gibt es Vorschläge aus dem - letztendlich entscheidenden - Gesundheitsministerium. Auch die Universitäten mischen in der Diskussion neuerdings mit. Das Problem? Die Konzepte widersprechen sich in vieler Hinsicht. Oft finden sich diametrale Ansichten und Versprechungen.
| Die Ärztekammer | hoch |
Von Seiten der Ärztekammer hört man momentan recht deutlich "Die Approbation nach dem Studium kommt sicher" - die jetzige Situation sei ein Wettbewerbsnachteil für österreichische Absolventen. Um diese Approbation einzuführen benötige man allerdings mehr Praxis an den Universitäten - es drängt sich der Verdacht auf, viele Ärztekammerfunktionäre haben die Einführung der modernen Diplomstudienpläne Anfang 2000 nicht ganz mitverfolgt. Die Verantwortung wird hier an die Rektoren der Universitäten weitergegeben - hier müsse dafür gesorgt werden, dass alle Absolventen eine ausreichende Ausbildung genossen hätten.
Eine österreichweite Prüfung am Ende des Studiums wird an dieser Stelle immer wieder angesprochen. Während die Zeitpläne - frühestens 2010, spätestens 2012 - relativ nebulös bleiben, regen sich auch die Stimmen der Gegner; viele Funktionäre der Ärztekammer wollen gar nichts am System ändern.
Die Pläne für die Einführung eines Facharzt/einer Fachärztin für Allgemeinmedizin sind ebenfalls noch nicht beschlossen und vor allem in der Finanzierung überhaupt nicht geklärt.
| Das Ministerium | hoch |
Die finanzielle Seite der Turnusausbildung wird von Seiten des Ministeriums kritisch beäugt - die lange Ausbildungsdauer würde zu viel Geld kosten. Hier wird davon gesprochen, dass zwar der Facharzt/die Fachärztin für Allgemeinmedizin "fix" kommen soll - innerhalb der nächsten fünf oder sechs Jahre - aber viele Details noch ungeklärt sind: Angefangen bei der Finanzierung, der Ausbildung bis hin zu dem genauen Tätigkeitsfeld der neuen FachärztInnen ist noch wenig klar.
Eine Approbation nach dem Studium wird hingegen skeptisch gesehen. Die unklaren Kompetenzen und rechtliche Folgen sind Grund genug für hohe Beamte des Ministeriums davon zu sprechen, dass eine Approbation nach dem Studium "sicher nicht" kommen wird. Eine Reform der Turnusausbildung und Verbesserung der Problembereiche wird bevorzugt.
Zusammenfassend kann man davon ausgehen, dass innerhalb des nächsten Jahrzehnts vermutlich endgültig ein Facharzt/eine Fachärztin für Allgemeinmedizin eingeführt wird. Die Approbation nach dem Studium ist eine viel unsichere Angelegenheit.
Die Aussagen der politischen Entscheidungsträger sprechen eher dafür, dass dieses Thema wieder im allgemeinen Chaos der österreichischen Gesundheitspolitik versinken und erst wieder ernsthaft diskutiert wird, wenn handfeste Schwierigkeiten wie die Pensionierungswelle auftauchen.
| Martin Fandler studiert an der Medizinischen Universität Graz Humanmedizin und ist als Studierendenvertreter aktiv. |
| Kontakt zum Autor | hoch |
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Martin Fandler
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martin@fandler.info
Auf den Artikel "Österreichischer Turnus wird abgeschafft" (Via medici online 26.1.2009) reagierten viele österreichische Medizinstudenten mit Fragen. Ein Telefonat mit der Ärztekammer Wien bzw. ihrer Rechtsabteilung unter der Leitung von Dr. Thomas Holzgruber, konnte den Sachverhalt klären. Frühestens 2010 sind Änderungen möglich.
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