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Gespräch mit einer Palliativmedizinerin
...den Patienten das Lachen zurückgeben
Anne Lebsa
Frau Dr. Wilhelm, Fachärztin für Strahlenmedizin und Oberärztin im Greifswalder Hospiz, gab Anne einen direkten und interessanten Einblick in ihre Arbeit. Nach ihrem Medizinstudium arbeitete Dr. Wilhelm zunächst in der Kinderklinik in Karlsburg und machte anschließend den Facharzt für Strahlentherapie. In ihrer Funktion als Stationsärztin arbeitet sie dort mit Patienten, die palliativ behandelt werden.
Übersicht
| Qualifizierung für mehr Qualität | hoch |
Auf Palliativstationen werden schwerkranke Patienten, bei denen keine Aussicht auf Heilung besteht, beispielsweise mit Chemotherapie und/oder Bestrahlung behandelt. Die Sterbebegleitung spielt in der Strahlentherapie eine zentrale Rolle. Es ist von großer Bedeutung, dass das dort arbeitende Personal eine entsprechend qualifizierte Ausbildung hat. Daher entschied sich Dr. Wilhelm im letzten Jahr für die Subspezialisierung Palliativmedizin. Um diese Qualifikation zu erreichen, arbeitete sie sechs Monate schmerztherapeutisch, führte Sterbebegleitungen durch und legte eine Prüfung vor der Bundesärztekammer ab. Auch der Umgang mit Vorsorgevollmachten und Patientenverfügungen gehört nun zu ihrem Alltag.
| Doch nicht Pädiatrie | hoch |
Ursprünglich wollte Dr. Wilhelm Kinderärztin werden. Doch aus der gewünschten Kinderheilkunde wurde dann irgendwie Strahlentherapie - und die Arbeit gefiel ihr. "Ich bin da einfach so reingerutscht", erklärt sie. Das Besondere an dieser Tätigkeit ist für sie die überaus enge Bindung zu den Patienten. "Man kann ihnen das Lachen zurückgeben und ihnen zeigen, dass sie trotz der schlimmen Krankheiten noch Spaß haben und Freude empfinden können. Das Vertrauen und die Dankbarkeit, die einem entgegengebracht werden, wenn die Patienten merken, dass sie keine Schmerzen mehr haben und wieder über etwas anderes reden, ist etwas Wunderbares."
| Reden ist Silber, Schweigen ist manchmal Gold | hoch |
Der Tod gehört in Dr. Wilhelms Augen zum Leben dazu und ist unser ständiger Begleiter. Einfach ist es dennoch nicht, ein Gespräch mit sterbenskranken Patienten zu führen, jedes ist einzigartig. Der Umgang mit schwerkranken Menschen müsse einem liegen, so Dr. Wilhelm. Nur dann könne man darauf aufbauen und eine gute Gesprächstaktik erlernen. Es erfordert viel Erfahrung, auf jeden Menschen so einzugehen, wie es für ihn richtig ist. "Natürlich ist es wichtig, Distanz zu bewahren, aber man muss auch bestimmte Gefühle zulassen, um den Patienten verstehen zu können. In dieser Beziehung ist Schweigen manchmal Gold. Man muss es lernen Pausen zu machen und das Schweigen auszuhalten", so die Ärztin.
| Höchste Priorität: Verbesserung der Lebensqualität | hoch |
"Es ist oft nicht leicht, dem Patienten und seinen Angehörigen zu erklären, dass ein Therapieverzicht sinnvoll ist." Auch Dr. Wilhelm musste sich an den Gedanken, nichts Kuratives mehr zu tun, erst gewöhnen. "Das muss man lernen."
Ein Problem in diesem Lernprozess stellt neben dem bekannten Zeitdruck, den der Patient nicht spüren darf, vor allem die therapeutische Hierarchie der Medizin dar. "Es kommt der Moment, in dem der Arzt selbstständig Entscheidungen treffen muss - und das ist unheimlich schwierig. Er denkt darüber nach, wiegt alles gegeneinander ab und muss sich dann entscheiden." Dr. Wilhelm gibt zu: Manchmal entscheidet sich der Arzt dann doch, den Patienten zu behandeln, und macht sich anschließend Vorwürfe, den falschen Entschluss gefasst zu haben.
| Der Tod als täglicher Begleiter | hoch |
Persönlich sieht Dr. Wilhelm den Tod als den Begleiter des Lebens. Sie selbst denkt auch manchmal über ihren eigenen nach. Eine Patientenverfügung hat sie schon seit längerer Zeit, und sie spricht auch mit ihren Kindern über ihre Gedanken. "Ich finde es sehr wichtig, dass man mit der Familie darüber redet. Das erleichtert später vieles." Als Ärztin steht Frau Dr. Wilhelm den Patienten als Partnerin im Sterbeprozess zur Seite. Dazu gehört auch gelegentlich die Erfüllung ganz besonderer Wünsche. "Einmal war der letzte Wunsch einer Patientin die Hochzeit mit ihrem Lebensgefährten. Da die Umstände eine anstrengende Feier nicht zuließen, wurde kurzerhand auf der Station geheiratet."
| Feedback erwünscht | hoch |
Palliativstationen zeichnen sich vor allem durch ihren Teamgeist aus. Die Zusammenarbeit der Ärzte und Ärztinnen mit Seelsorgern, Psychologen und vor allem Krankenschwestern ist für das Arbeitsklima und für den Patienten ein sehr wichtiger Aspekt. Im Team ist es von besonderer Bedeutung, dass die einzelnen Teammitglieder kritikfähig sind. Jeder einzelne muss bereit sein, die Meinungen anderer Kollegen zu akzeptieren und zu verstehen. "Es ist mir wichtig, dass das Pflegepersonal mir sagt, was ich aus seiner Sicht besser machen könnte. Nur so kann auch ich mich weiterentwickeln", betont sie.
| Job bringt Lebenswandel | hoch |
Seit Dr. Wilhelm in der Palliativmedizin tätig ist, hat sich auch für sie persönlich einiges geändert: "Ich denke intensiver über den Tod und das Sterben nach." Mit der Zeit erlangte sie eine andere Einstellung zu dem, was wichtig ist. "Ich habe es gelernt, Prioritäten zu setzen und meine Wünsche nicht mehr auf die lange Bank zu schieben. Ich lebe hier und jetzt." Sie versucht, gedanklich so wenig wie möglich mit nach Hause zu nehmen, doch manchmal lässt es sich nicht vermeiden. Und dennoch: "Man sollte versuchen abzuschalten."
| Zufriedenheit und Erfüllung | hoch |
"Das Schönste ist," so Frau Dr. Wilhelm zum Abschied, "dass die Arbeit Annerkennung findet. Die Dankbarkeit der Patienten und der Angehörigen gibt mir jeden Tag wieder die Kraft, mich voll und ganz einzusetzen." Und auf die Frage, ob sie sich noch einmal für diese Fachrichtung entscheiden würde, antwortet sie ohne Zögern: "Ja, auf jeden Fall!"
| Frau OÄ Dr. Wilhelm und Kathrin Wilhelm möchte ich für Gespräch und Unterstützung danken. |
| Weitere Informationen zur Palliativmedizin | hoch |
Ab 2014 wird Palliativmedizin voraussichtlich zu einem notwendigen Pflichtfach zur Zulassung zur 2. Ärztlichen Prüfung. Medizinstudenten der Universität Greifswald haben bereits jetzt im zweiten Semester die Möglichkeit, sich mit dieser bisher eher stiefmütterlich behandelten Thematik auseinander zu setzen. Sie können im Rahmen des Faches "Community Medicine" eine Hospitation im Greifswalder Hospiz absolvieren.
Anne Lebsa studiert Medizin in Greifswald und ist Via medici online-Lokalredakteurin.
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