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Artikel vom 07. 05. 2007

Medizinischer Hilfstransport nach Rumänien

Die Rolling Doctors - wie ein Kinderhilfswerk entsteht

Victoria Ziesenitz

Wie gründet man einen Hilfsverein? Kinderarzt Dr. Claus Schott organisierte im Jahr 2005 zusammen mit einigen Mitstreitern einen Hilfstransport nach Rumänien, großzügig und unbürokratisch unterstützt von der Uniklinik Heidelberg. Anschließend gründete er daraufhin das Kinderhilfswerk "Rolling Doctors e.V.". Via medici online sprach mit ihm über seine Erfahrungen.

Übersicht


Spontane HilfsaktionNach oben hoch

"Unser erster Hilfstransport war eine spontane Idee. Ein Freund vor mir organisierte ein Benefizkonzert für rumänische Waisenkinder und bat mich, einige Freunde und Kollegen darauf aufmerksam zu machen. Ein paar Wochen später - das Konzert hatte ich schon wieder vergessen - wurde ich in der Klinik von verschiedenen Mitarbeitern aus unterschiedlichen Bereichen angesprochen: ‚Claus, wann fährst Du nach Rumänien?' - ‚Was? Ich fahre nach Rumänien? Da fahre ich ganz bestimmt nicht hin, das wüsste ich'. - ‚Aber wir sammeln doch seit Wochen Spendengüter für Dich!' Meine ursprüngliche Idee, mit Freunden ein Benefizkonzert zu besuchen, hatte sich in eine ganz andere Richtung verselbstständigt.
Vor die Wahl gestellt, alle gesammelten Güter zu verwerfen oder diese gezielt einzusetzen, sprach ich mit meinem Chef und mit der stellvertretenden Pflegedienstleitung der Kinderklinik. Eine halbe Stunde später fiel die Entscheidung: Ich würde nach Rumänien fahren. Das Ziel des Transports sollte ein Waisenhaus und eine Klinik in Schäßburg sein. Allerdings hatte ich mit Hilfstransporten absolut keine Erfahrung. Also brauchte ich dementsprechend erfahrene Mitstreiter. Und diese mussten erst einmal gefunden werden".

Dr. Claus Schott
Dr. Claus Schott


Erfahrene MitstreiterNach oben hoch

"Unterstützung bekam ich von Rolf Semkat, dem Fuhrparkleiter des Uni-Klinikums, der selbst schon mehrere Hilfstransporte nach Weissrussland, Bosnien und Kroatien gefahren hatte. In den letzten beiden Ländern war er kurz nach den Jugoslawienkriegen gewesen. Auch Doris Verveur, die stellvertretende Pflegedienstleitung der Kinderklinik, hatte schon Erfahrungen in Weissrussland gesammelt. Weitere Mitstreiter waren Katharina Leitner, gebürtige Rumänin und Krankenschwester in der Kinderklinik, Charly Hillger, ehemaliger Chirurgiepfleger und Rotkreuzmitarbeiter, und Michael Kraft, Rettungsassistent und Rettungsleitstellenmitarbeiter."
Das Universitätsklinikum Heidelberg befürwortete diese Hilfsaktion. "Für den Transport der Hilfsgüter wurde uns großzügigerweise und freundlicherweise ein 12-Tonnen-LKW zur Verfügung gestellt. Außerdem wurde den Klinikums-Angestellten mehrere Tage caritativer Urlaub genehmigt."

Das Team des Hilfstransports
Das Team des Hilfstransports


Babynahrung und LabormaterialNach oben hoch

"Wir fingen an, fieberhaft Sach- und Geldpenden zu sammeln. Dazu gehörten zum einen Babynahrung, Windeln, Pflege- und Hygieneartikel für Kinder, zum anderen medizinische Geräte, Laborgeräte, dazugehöriges Verbrauchsmaterial und Medikamente. Die Laborgemeinschaft Harter aus Heidelberg überließ uns die komplette Ausstattung für ein bakteriologisches und virologisches Labor (Mikroskop, Autoklav, diverse Verbrauchsmaterialien). Von verschiedenen Uni-Kliniken bekamen wir ausgemusterte Geräte, beispielsweise Babywaagen, Infusionsständer oder Untersuchungsliegen. Auch in meiner Heimatgemeinde Michelbach bei Aglasterhausen im Odenwald startete ich einen Spendenaufruf. Mit der freundlichen Unterstützung des Oberbürgermeisters von Aglasterhausen und unserem Ortsvorsteher Herrn Herkert kam noch einiges an Spendenmaterial und Naturalien hinzu. Von der großen Resonanz in Form von ca. 400 Kilo Babynahrung, Pflegeartikeln (Windeln, Puder, Bademittel) innerhalb kürzester Zeit war ich ehrlich gesagt überwältigt!" Außerdem hatte ein deutscher Hersteller von Ernährungs- und Infusionslösungen 1500 kg hochkalorische Flüssignahrung gespendet.
Innerhalb von acht Wochen hatten Claus Schott und seine Mitstreiter eine LKW-Ladung Spendengüter gesammelt und in einer Garage des Universitätsklinikums untergestellt.


Die Stationen des HilfstransportsNach oben hoch

Ende Oktober war es soweit: "Mit einem LKW und einem Kleinbus des Roten Kreuzes machten wir uns Sonntag nachts in Heidelberg auf die Reise. Die erste Strecke führte uns über Wien und Budapest bis an die Ungarisch-rumänische Grenze am Montag Abend. Hier übernachteten wir auf der ungarischen Seite. Am nächsten Tag ging es durch Rumänien weiter bis nach Schäßburg. Die reine Fahrtzeit bis zu unserem Ziel Schäßburg (Sighisoara) betrug 28 Stunden."

"In Schäßburg, der Geburtsstadt Graf Draculas, hatten wir schon im Vorfeld mehrere Anlaufstationen anvisiert. In enger Absprache mit den Mitarbeitern eines dortigen Waisenhauses hatten wir unseren Hilfstransport bezüglich dessen, was dringend gebraucht wurde, geplant.
Zunächst besuchten wir die pädiatrische Abteilung des städtischen Klinikums Schäßburg. Dort gibt es eine Station für "vergessene Kinder", d.h. Kinder, die von ihren Eltern wegen finanzieller oder sozialer Probleme im Krankenhaus zurückgelassen wurden. Diese Station befand sich außerhalb des Klinikumsgeländes in einem unscheinbaren Haus ohne direkte Kennzeichnung was sich in den Räumlichkeiten dort befand. Die Pflege und medizinische Versorgung der Kinder, die wir dort vorfanden, war erschreckend, sie wurden nicht gewaschen oder bekamen nicht regelmäßig Nahrung bzw. notwendige Medikamente."
Die Geräte und Verbrauchsmaterialien, die uns von der Laborgemeinschaft Harter überlassen wurden, finden nun in der Schäßburger Poliklinik weitere Verwendung. Nun sind vor Ort erweiterte bakteriologische und virologische Untersuchungen möglich.
"Das Entbindungsheim des städtischen Klinikums Schäßburg war eine weitere Station unseres Transports: dringend benötigte Medikamente, Pampers, Babykleidung, Säuglingsnahrung sowie Hygiene- und Pflegemittel kamen den dort zurückgelassenen Früh- und Neugeborenen zu Gute."


Krätze im ElendsviertelNach oben hoch

"Um uns ein Bild von den Lebensbedingungen der Kinder in Elendsvierteln zu machen, besuchten wir ein Elendsviertel in der Nähe von Schäßburg. Dort leben vor allem Rumänen, wenige deutschstämmige "Siebenbürger Sachsen" und ganz am Rande des Dorfes Seleus, in einer so genannten "Ziganie", die Ärmsten der Armen. In einem Privathaushalt richteten wir eine eintägige Ambulanz ein, um einige kranke Kinder aus der Ziganie zu untersuchen. Diese Kinder waren schon zuvor nach dem Schweregrad ihrer Erkrankung von unseren örtlichen Ansprechpartnern ausgewählt worden."

Die Ambulanz in Seleus
Die Ambulanz in Seleus

"Die Vielzahl der Erkrankungen, die wir sahen, und der jeweilige Schweregrad waren erschreckend. Die meisten Kinder leiden an chronischen Erkrankungen, wie Tuberkulose, Rachitis, Krätze, Läuse und Wurmerkrankungen. Solche schweren Verläufe kennt man in Westeuropa nur aus Lehrbüchern. So habe ich bis zum Zeitpunkt des Hilfstransports noch nie Krätze gesehen. Außerdem versterben dort Kinder an Erkrankungen (Bronchitiden, Pneumonien, Tuberkulose und Gastroenteritiden), die bei geeigneter Therapie problemlos heilbar wären."

Die Familien leben in den Elendsvierteln unter desolaten hygienischen Bedingungen: ohne Wasseranschluss, ohne sanitäre Einrichtungen und größtenteils ohne Stromversorgung. Oftmals haben die Kinder nicht genügend Kleidung und erleiden daher Erfrierungen.

Das Dorf Seleus
Das Dorf Seleus


Das größte Problem: UnterernährungNach oben hoch

Eines der größten Probleme ist die Unterernährung der Kinder, da sie von ihren Eltern nicht adäquat ernährt werden können. Wegen des geringen Bildungsstands der Eltern ist es schwierig, die Bedeutung altersentsprechender Ernährung zu vermitteln. Die chronische Mangel- und Unterernährung, die zu einer Wachstumsretardierung führt, lässt Vierjährige wie anderthalbjährige Kinder aussehen.
"Vor Ort haben wir uns spontan dazu entschlossen, mitgebrachte hochkalorische Flüssignahrung einer örtlichen Hilfseinrichtung zur Verfügung zu stellen. Diese Hilfseinrichtung unter der Führung einer dort lebenden deutschen Pfarrerehefrau hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die Ärmsten der Armen und die Schwächsten in dem Elendsviertel im Rahmen des Möglichen zu unterstützen. Während des Winters wurde die Trinknahrung in sog. ‚Wärmestube' an Kinder und Säuglinge abgegeben. Auf diese Weise konnten wir ca. 50 bis 75 Kindern ein Überleben des Winters ermöglichen. Die Wärmestube war nichts anderes als ein beheizter Raum, in dem die Kinder von ehrenamtlichen Erzieherinnen betreut wurden. Sie brachten ihnen beispielsweise Händewaschen oder andere, für uns alltägliche, Tätigkeiten bei."


Die VereinsgründungNach oben hoch

"Als wir wieder zu Hause in Heidelberg angekommen waren, waren wir immer noch sehr bewegt und mitgenommen von den Erfahrungen und Reiseerlebnissen, die wir gesammelt hatten. Daher informierte ich mich über die Möglichkeiten einer Vereinsgründung und lud Freunde, Bekannte und Kollegen zu einem ersten Gedankenaustausch ein. Ein halbes Jahr später gründeten wir zusammen das Kinderhilfswerk ‚Rolling Doctors'. Der Name entstand spontan aus der Vorstellung, bei zukünftigen Hilfsaktionen dort mit einem Ambulanzfahrzeug hinzurollen, wo sonst kein anderer hingeht. Inzwischen sind unter unseren Mitglieder Ärzte, Pflegekräfte, Medizinstudenten und gebürtige Rumänen. Unser Ziel ist es, Kindern und Jugendlichen, die in Armut aufwachsen, bessere Lebensbedingungen zu bieten. Dabei legen wir Wert auf eine Verbesserung der Ernährungssituation und der medizinischen Versorgung. Uns ist besonders wichtig, vor Ort mit lokalen Mitarbeitern zu kooperieren, um zum einen Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten und zum anderen direkte Ansprechpartner zu haben, um wirklich zu gewährleisten, dass das, was wir spenden, auch wirklich seinen Bestimmungsort erreicht."


Nächster Hilfstransport im Herbst 2007Nach oben hoch

"Derzeit planen wir unseren nächsten Hilfstransport nach Rumänien, der Ende September 2007 starten soll. Ziel wird u.a. die Universitätskinderklinik in Temesvar (Timisoara) sein. Dafür haben wir bereits einige Spenden erhalten, beispielsweise ausgemusterte Krankenhausbetten des Universitätsklinikums, eine OP-Lampe und diverse andere Geräte aus einer orthopädischen Praxis aus Bruchsal."
Unser Traum ist es, mit einem eigenen Ambulanzfahrzeug in die Gebiete zu fahren, in denen Hilfe benötigt wird, um vor Ort gemeinsam mit einheimischen Kooperationspartnern diagnostizieren und therapieren zu können. Dieses Ambulanzfahrzeug könnte für die verschiedensten Aufgaben eingesetzt werden. Diese reichen von der medizinischen Versorgung von Kindern, die unter den schlechtesten sozioökonomischen Bedingungen aufwachsen und leben müssen, bis hin zu Katastropheneinsätzen in Gebieten, die per LKW auf dem Landweg zu erreichen sind. Unser zukünftiges Einsatzgebiet konzentriert sich somit nicht nur auf Rumänien, auch Einsätze in Pakistan, Afghanistan und anderen Gebieten wären denkbar. Um diesen Traum verwirklichen zu können, sind wir für jede Art der Unterstützung dankbar."


Weitere InformationenNach oben hoch
   Externer Link Homepage der Rolling Doctors

   Externer Link Artikel über die Rolling Doctors im Klinikticker Heidelberg

Geschäftsstelle:

Kinderhilfswerk 'Rolling Doctors' e. V.
Görresstr. 73
69126 Heidelberg
Tel.: 06221 / 33 86 326
Fax: 06221 / 33 86 313

   E-Mail info@rolling-doctors.de


 

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