Neue PJ-Ausbildung in der Uniklinik Heidelberg
Preisgekröntes Ausbildungskonzept im Innere-Tertial
Victoria Ziesenitz
Studenten im Praktischen Jahr nehmen seit einigen Jahren an einem neuen Ausbildungsprogramm der Uni Heidelberg in Kooperation mit der Universität Tübingen teil. Evaluationen zeigen, dass dieses Unterrichtsmodell bei den Studenten sehr gut ankommt. Die Idee "Lernen durch Lehren" ist ganz besonders erfolgreich. Ein Interview mit den verantwortlichen Ärzten.

Clinical Skills: Der Patient erhält eine Magensonde Foto: C. Nikendei
Das neue Konzept soll die Ausbildung der PJ-Studenten im Innere-Tertial ergänzen und verbessern. Die federführenden Ärzte, Arbeitsgruppenleiter Dr. Christoph Nikendei sowie seine Kollegen Dr. Nadja Köhl-Hackert und Dr. Matthias Eden erläutern im Interview mit Vicoria Ziesenitz, wie sie das neue Ausbildungskonzept entwickelt haben und was es beinhaltet. Im Jahr 2007 hat die Arbeitsgruppe von Dr. Christoph Nikendei dafür den "Qualitätsförderpreis Gesundheit Baden-Württemberg" erhalten.
Interview mit Dr. Christoph Nikendei
| Dr. Nikendei, warum wollten Sie die PJ-Ausbildung in der Medizinischen Klinik neu ordnen? |
Christoph Nikendei: In einer ersten Studie haben wir zu Beginn des Praktischen Jahres Probeklausuren durchgeführt, um den Wissensstand der Studenten zu überprüfen. Die PJler, die schon nach der neuen Approationsordung studiert haben, schnitten signifikant schlechter ab als ihre Kollegen, die die Prüfungen nach der alten AO ablegen mussten. Letztere haben ja vor dem PJ noch das zweite Staatsexamen geschrieben, was ihren medizinischen Wissensstand zu Beginn des PJs erheblich beeinflusst hat.
Außerdem haben sich die Anforderungen an die jungen Ärzte, die ihre erste Stelle antreten, in den letzten Jahr deutlich geändert, was dazu geführt hat, dass die Berufsanfänger doppelt belastet ihre erste Stelle angetreten haben. Das AIP, in dem sie noch unter Supervision arbeiten konnten, ist weggefallen. Und die jungen Ärzte mussten zuvor schon mit weniger Wissen in das PJ einsteigen. Die Ausbildung musste also den veränderten Rahmenbedingungen durch die neue Approbationsordnung angepasst werden.
| Wie haben Sie analysiert, was Sie an der PJ-Ausbildung ändern müssen? |
Christoph Nikendei: In einem weiteren Schritt haben wir mit über 60 PJ-Studenten Fokusgruppen gebildet und die Studenten vor und nach ihrem PJ befragt. Die Erwartungen der Studenten vor dem PJ waren hoch: Sie hofften, Patienten unter Supervision selbstständig betreuen zu dürfen, aktiv in das Stationsteam eingebunden zu werden, ihr klinisches Wissen anwenden und erweitern zu können und letztendlich nicht zuviel Zeit mit Routineaufgaben, wie Zugänge legen und Blut abnehmen, verbringen zu müssen.
Die Studenten beklagten nach dem PJ allerdings, dass sie kaum eigene Patienten betreuen durften, bei ihrer Tätigkeit zu wenig supervidiert wurden, der jeweilige Ansprechpartner auf Station zu wenig Zeit für sie hatte und dass sie sehr häufig mit typischen Routine-Aufgaben beschäftigt wurden.
Außerdem haben wir eine Umfrage unter beinahe 1.000 Medizinstudenten durchgeführt. Dabei zeigte sich, dass sie extrem hohe Ansprüche an sich selbst und an ihr späteres klinisches Können haben, aber die Ärzte, die sie im Rahmen der Ausbildung kennenlernen, nicht als Rollenmodell erleben. Hier ergibt sich ein Realitätskonflikt, der zu übersteigerten Erwartungen der Studenten an sich selbst führen kann. Aus diesem Konflikt heraus können sich unter Umständen bei bereits jungen Ärzten Depressionen oder ein Burn-out-Syndrom entwickeln. Auch aus diesem Grund wollten wir die PJ-Ausbildung in der Inneren Medizin ändern, um die PJ-Studenten besser und realistischer auf ihr Arbeitsleben vorzubereiten.
Christoph Nikendei: Wir wollten die PJler zu kompetenten jungen Kollegen ausbilden. Dazu gehört beispielsweise das Training von "Clinical Skills" in einem simulierten Setting: Die Studenten können Visitenführung, Anamnesen, Untersuchungen, Notfallmaßnahmen und die Patientenkommunikation mit Schauspiel-Patienten oder Dummies üben und sich gegenseitig beobachten und Feedback geben. Dieses Simulatortraining fördert ihre klinische Kompetenz und steigert dadurch das Selbstvertrauen der angehenden Ärzte. Wenn der Transfer vom Simulator in den Stationsalltag gelingt, haben die PJler eine geringere Hemmschwelle, dort Verantwortung zu übernehmen. Diese praktischen Kurse finden teilweise PJ-begleitend, teilweise schon während der PJ-Einführungswoche über vier Unterrichtstage statt. Im Herbst 2007 wurde diese PJ-Einführung erstmals interdisziplinär für alle PJ-Studenten durchgeführt.
| Welche Kurse bieten Sie an? |
Christoph Nikendei: Die PJler können mit Schauspiel-Patienten beispielsweise die ärztliche Gesprächsführung üben, dabei auch schwierige Gesprächssituationen, wie das Überbringen schlechter Nachrichten. Ebenso trainieren sie die ärztliche Visitenführung: Wie man mit dem Patienten, seinen Angehörigen und dem Stationsteam kommuniziert, wie man weitere Untersuchungen veranlasst und wie man das weitere Procedere festlegt. Sie erfahren auch, wie man nach den DRGs codiert oder Arztbriefe erstellt. Es ist das erste Trainingskonzept dieser Art in Deutschland. Der Transfer zwischen Training und Stationsalltag funktioniert: wir haben in einer kontrollierten Studie gezeigt, dass der praktische Unterricht zu einer signifikant verbesserten eigenverantwortlichen Entscheidungsfindung führt. Das hat uns gezeigt, dass wir den richtigen Weg eingeschlagen haben.

Visite mit einem Schauspiel-Patienten Foto: C. Nikendei
| Wie stellen Sie sicher, dass die PJler auch in den Stationsalltag eingebunden werden? |
Christoph Nikendei: Wir haben für die PJler ein Logbuch erstellt. Dieses Logbuch soll kein einseitiger Aufgabenkatalog sein, den sie abarbeiten müssen, sondern es soll ein Instrument sein, mit dem die PJler ihre Ausbildung auch einfordern können. Zu den dort verzeichneten Aufgaben zählen beispielsweise die selbstständige Durchführung von Visiten, das Erstellen von Arztbriefen und einige manuell-praktische Fertigkeiten. Das Logbuch soll mehr der gegenseitigen Kommunikation dienen: Wenn ein PJler auf eine neue Station kommt, kann der Stationsarzt sehen, welche Tätigkeiten der Student schon durchgeführt hat und beherrscht, andererseits kann der PJler seinem Ausbilder sagen, was er noch weiteres lernen will. Nach jahrelangem Seminarunterricht soll das Logbuch eine Anleitung zur Eigenverantwortlichkeit auf Station sein. So möchten wir die Kluft zwischen dem PJ und der Arbeitswelt überbrücken.

Das PJ-Logbuch Foto: C. Nikendei
| Was gehört noch zu Ihrem neuen Ausbildungskonzept? |
Matthias Eden: In einem weiteren Schritt haben wir einen individuellen Stationsunterricht für die PJler eingeführt. Zwei ärztliche Kollegen aus verschiedenen Fachabteilungen sind für den PJ-Unterricht freigestellt. Meine Kollegin Frau Dr. Köhl-Hackert kommt aus der Psychosomatik, ich selbst war zuvor 10 Monate in der Kardiologie tätig.
Nadja Köhl-Hackert: Unsere Aufgabe ist es, als Supervisor für die PJler auf ihren Stationen tätig zu werden. So haben sie neben dem Stationsarzt (der in der Regel wenig Zeit hat), einen weiteren Ansprechpartner. Dabei ist es meist so, dass der Stationsarzt als fachlicher Ansprechpartner dient, während wir als Supervidierende die Zeit mitbringen, mit den Studenten grundlegende ärztliche Fähigkeiten zu üben.
| Wie läuft der PJ-Unterricht ab? |
Matthias Eden: Die Studenten können auf uns zukommen und direkt ansprechen, was wir mit ihnen üben sollen, beispielsweise nicht-invasive oder auch invasive praktische Fertigkeiten. Oder wir begleiten sie zu ihrem Patienten, beobachten sie bei Anamnese, Untersuchung und Gesprächsführung und geben ihnen im Nachhinein ein Feedback in einer Nachbesprechung. Dabei handelt es sich nicht um einen Frontalunterricht, sondern um eine Supervision, da wir so die Eigenverantwortung des Studenten fördern wollen.
Nadja Köhl-Hackert: Die PJler sollen so neben dem allgemeinen Unterricht in Anamnese, Untersuchung, Visitenführung, DRG-Codierung, Arztbrieferstellung auch individuelle Tipps für ihren Stationsalltag erhalten. Da wir als Supervidierende nicht in den Stationsalltag eingebunden sind, können wir von außen andere Lernanstöße geben. Pro Woche ist für jeden PJler eine Lerneinheit von 60 bis 90 Minuten eingeplant. Normalerweise haben wir zwischen 15 und 25 PJ-ler im Haus.
| Sie haben vorhin das PJ-Tutorium angesprochen. Was ist das? |
Christoph Nikendei: Hier verfolgen wir die Idee Lernen durch Lehren. Im Rahmen des Bedside-Teachings stellen wir die PJler als Tutoren für die Heicumed-Studenten im 6. und 7. Semester an. So können die PJler Fähigkeiten an jüngere Studenten weitergeben, und durch die Lehre selbst profitieren. Außerdem werden sie als Dozenten von den Studenten eher akzeptiert als die Stationsärzte, da die Studenten bei ihnen eine geringe Hemmschwelle haben, Fragen zu stellen oder sich manche Fähigkeiten nochmal zeigen zu lassen. Die Themen des PJ-Tutoriums umfassen:
| | | Körperliche Untersuchung |
| | | Blutentnahme/ venöser Zugang |
| | | Führen einer Patientenakte |
Mittels des PJ-Tutoriums führen wir die PJler auch in die Rolle des Dozenten ein, was ja auch im stationären Alltag ein existenzieller Bestandteil des Arztberufes ist. Die PJler erhalten hierfür ein Hiwi-Gehalt. Sie sind allerdings nicht dazu verpflichtet, als Tutoren zu arbeiten, aber in der Regel melden sich 90 Prozent der PJler als Tutoren an. Wie man in den Evaluationen sehen kann, wird das PJ-Tutorium von allen Seiten, von Studenten, PJlern und Ärzten, gut angenommen.
| Wie sind Ihre weiteren Pläne für die Zukunft? |
Christoph Nikendei: Das Konzept des PJ-Tutoriums würden wir gerne auf die akademischen Lehrkrankenhäuser der Uni ausdehnen. Von dort kommen auch viele Anfragen in Bezug auf das PJ-Logbuch und PJ-Einführungswoche. Weiterhin möchten wir die Uniklinik als attraktive PJ-Stelle erhalten: Wir haben spezialisierte Abteilungen mit einer interessanten und abwechslungsreichen Vielfalt von Krankheitsbildern. Hier können die PJler die hochspezialisierte state-of-the-art-Medizin' und den Kontakt mit der klinischen Forschung hautnah erfahren!
Vielen Dank für das Interview!
|
Kontakt
Dr. Christoph Nikendei Innere Medizin II Medizinische Universitätsklinik Heidelberg
christoph.nikendei@med.uni-heidelberg.de
Victoria Ziesenitz studiert Medizin in Heidelberg und ist Via medici online Lokalredakteurin.
Leserkommentar
[Anmerkung der Redaktion: An dieser Stelle stand ein kritischer Kommentar zur PJ-Ausbildung in Heidelberg. Aus verschiedenen Gründen sah sich die Redaktion veranlasst, den Kommentar wieder zu entfernen. Uns ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass seitens der Verantwortlichen der Uni Heidelberg in dieser Angelegenheit Gesprächsbereitschaft bestand, die angebotenen Gespräche allerdings ausgeschlagen wurden.]
|