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| Der erste Tag |
Rückblick: Dezember 2005. Etwa 250 Human- und Zahnmedizinstudenten sitzen in der Vorlesung von Professor Schünke. Viele haben gerade die Physiologie-Klausur geschrieben, als Professor Schünke sie mit den Worten begrüßt: "Sie haben im Moment noch den Kopf voll Physiologie - vergessen Sie das jetzt alles. In den nächsten Wochen geht es nur um die Anatomie, und wer will, kann in dieser Zeit so viel lernen wie noch nie zuvor in seinem Leben!"

Kurz darauf steigt die gesamte Studentenschar hinunter ins Erdgeschoss, in den Präpsaal. Im Gedränge der Umkleideräume werden weiße Kittel angezogen (schließlich werden hier Ärzte ausgebildet - außerdem möchte man sich vor Formalin- und eventuell anderen Flecken schützen) und man bewaffnet sich mit Handschuhen. Hinein in den Präpsaal, schnell seinen Tisch gesucht. Als Professor Schünke, grün gekleidet, das Mikrophon testet, wird es still. Während er nochmals kurz das heutige Präparationsziel zusammenfasst und man sich ein wenig umblickt, fällt einem erstmals auf, dass da ein toter Mensch vor einem auf dem Tisch liegt. Und das ist der Moment, in denen vielen mulmig zumute wird. Was mache ich eigentlich hier? Ist das "normal", auch wenn es für die wenigsten Menschen Alltag ist, oder jemals sein wird?

Andere sind für solche Gedanken viel zu sehr von der Spannung des ersten Tages gefangen genommen: "Ich war eher aufgeregt als alles andere" erinnert sich Katrin Keil aus dem 5. Semester, "ich fands nicht schlimm oder eklig. Diese Gefühle kamen erst später im Laufe des Präparierens. Am schlimmsten fand ich dann immer den beißenden Geruch, besonders wenn man in der Nacht zuvor nicht so gut geschlafen hatte."
Für einige beinhaltete der erste Tag auch noch eine besondere Herausforderung, so wie für Elisabeth aus dem 3. Semester: "Ich habe eigentlich nur Angst vor dem ersten Tag, weil ich durch die Eingangsklausur gefallen bin und jetzt noch eine kleine mündliche Prüfung am Anfang vor mit habe, mit der entschieden wird, ob ich im Präp-Kurs bleiben kann oder nicht."
| Die Testate |
Zurück in die Gegenwart: Noch sieht der Präpsaal verlassen aus. Die Tische sind leer. In den Ecken stehen Eimer, Truhen und Kisten mit einzelnen Extremitäten oder Präparaten, doch ist von der Geschäftigkeit und Enge, die in wenigen Tagen hier herrschen wird, nichts zu ahnen.

Und: Die Stille. Man hört bislang einzig das kontinuierliche Brummen der Lüftung. Bald wird hier ein lautes Stimmengewirr den Ton angeben. Außer zu drei ganz besonderen Anlässen: Den Testaten. Von allen gefürchtet, von den meisten aber problemlos überstanden. Der Präpkurs ist in drei Themengebiete unterteilt, nach denen jeweils vom Tischassistenten eine mündliche Prüfung abgenommen wird: Es beginnt mit der Rumpfwand und den Extremitäten, geht dann weiter mit dem Situs und findet sein Ende dann schließlich mit der Präparation des Kopfes.
"Meine erste Prüfung war die schlimmste" gesteht Bastian Kettler, 5.Semester, "aber daran bin ich selber Schuld, da ich genau das nicht richtig gelernt hatte, was ich gefragt wurde: oberflächliche Hautnerven am Bein. Ich hätte mich selbst durchfallen lassen!"
| Assistenten und HiWis |
Ein Tischassistent, also ein Professor oder Dozent, ist für 2 bis 3 Tische zuständig und für Fragen immer ansprechbar. Wer mit seinem nicht wirklich zufrieden ist, kann sich damit trösten, dass die Assistenten auch mit jedem Themengebiet wechseln. Außerdem stehen an jedem Tisch 2 "Präp-HiWis", Studenten aus höheren Semestern, für Rat und Tat zur Verfügung. Eine davon ist dieses Jahr Bente Dochhan aus dem 5. Semester: "Ich erhoffe mir vom Präpkurs viel Spaß und nochmal eine Auffrischung der Anatomiekenntnisse sowie neue Kontakte zu den Drittsemestern."
Auch Judith Frohnauer aus dem 5. Semester wird einen Tisch betreuen. Zu ihrer Motivation für den Job sagt sie: "Ich hoffe, den Studenten etwas der anfänglichen Angst nehmen zu können: Alles ist zu schaffen! Außerdem möchte ich ihnen beim Lernen helfen und erklären, worauf es ankommt."
| Erfolgserlebnisse |
Die Testate sind das wahrscheinlich stressigste Element des Präp-Kurses und sorgen dafür, dass sich zumindest in den Tagen davor die Wunschfantasien der Dozenten bestätigen, die Studenten mögen auch außerhalb der Kurszeit, in der Anwesenheitspflicht herrscht, am Nachmittag wiederkommen und weiterlernen. Doch die ganze Paukerei hat auch gute Seiten. So hat beispielsweise Jasmin Siewert aus dem 5.Semester im Präpkurs auch Erfolgserlebnisse verzeichnet: "Am besten fand ich es, wenn ich mit dem Buch gelernt habe, wie zum Beispiel dieser und jener Nerv verläuft, und ich oder jemand anderes diese Struktur dann an unserer Leiche gefunden hat - also wenn man Theoretisches praktisch nachvollziehen konnte: Ein echtes Entdeckererlebnis!"
| Erwartungen der Drittsemester |
Die jetzigen Drittsemester erwarten den Präp-Kurs mit gemischten Gefühlen "Ich freue mich, endlich das Highlight des Studiums zu erleben!", sagt Claudia Hartz, "andererseits habe ich Angst, dass ich den praktischen Anforderungen nicht gewachsen bin, dass der Kurs zu Ende ist und ich gar nicht soviel mitnehmen konnte, weil ich nicht genug Zeit zum Lernen hatte. Der Präpkurs ist eben nur ein einziges Mal im Leben und den kann man auch nie wieder nachholen."
Nora Heinemann aus dem dritten Semester formuliert es noch etwas drastischer: "Man wird wieder aufhören müssen, zu leben, und nur noch seine Bücher und seinen Schreibtisch lieben lernen."
| Die Anderen am Tisch |
Es stimmt zwar, dass man die meiste Zeit, die man nicht im Saal beim Lernen verwendet, zu Hause am Schreibtisch sitzt und Theorie paukt, trotzdem hat man im Präp-Kurs auch viel Zeit, soziale Kontakte zu knüpfen oder zu festigen. Denn "seinen" Körperspender teilt man sich mit etwa 8 bis 10 anderen Kommilitonen, mit denen man sich einige Wochen zuvor zusammen für den Tisch eingetragen hat. Hierdurch hat man die Gelegenheit, sich seine Tischnachbarn auszusuchen - aber ob es immer vorteilhaft ist, mit den besten Freunden am Tisch zu sein, ist fraglich.
Dass man mit Kommilitonen an einen Tisch geht, mit denen man gut lernen kann, ist ganz sicher sinnvoll, aber ob eine gute Freundschaft oder sogar eine Beziehung die 6 Wochen Präp-Kurs heil übersteht ist nicht unbedingt gesichert - denn dass in dieser stressigen Zeit nicht immer alles eitel Sonnenschein ist, ist vorprogrammiert. "Mit Freunden an einen Tisch zu gehen, von denen man weiß, dass man mit ihnen klarkommt, gut miteinander lernen aber auch Spaß haben kann" war Nora Heinemann bei der Tischeinteilung wichtig. Claudia Hartz wollte als Tischnachbarn "vor allem keine Überflieger und Besserwisser."
Viele Tischassistenten prüfen während der Testate zwei Prüflinge gleichzeitig und der Tisch kann die Reihenfolge, in der geprüft wird, frei wählen. Hierbei können einige strategische Überlegungen bezüglich des Wissensstandes des Kommilitonen, mit dem man gemeinsam geprüft wird, nicht schaden.
| Gedenkfeier |
Letztendlich vergeht die Zeit des Präp-Kurses für die meisten wie im Flug, das letzte Testat ist überstanden und die anstehenden Semesterferien sind die Belohnung für die mehr oder weniger anstrengende Zeit. Nach den Semesterferien folgt dann die von den Studenten selbst organisierte Gedenkfeier in der Universitätskirche. Hierzu werden die Angehörigen der Körperspender eingeladen und die Namen der Körperspender verlesen. Vielen wird in diesem Moment nochmal bewusst, dass diese Person, die damals als einzigartiges Lehrobjekt diente, einmal gelebt und eine eigene Biographie hat und es vielleicht Angehörige gibt, die ihn oder sie schmerzlich vermissen. Die festliche Atmosphäre der Gedenkfeier, die in vielen zum wiederholten Mal die Dankbarkeit und den Respekt gegenüber den Körperspendern hervorruft, ist Grund genug für jeden Studenten, sie zu besuchen.
| Film und Party |
Einige technikbegeisterte Kommilitonen finden sich dann immer, die einen Präpfilm drehen, welcher dann auf der Präp-Party im April gezeigt wird. Auf dieser Party lassen sich dann immer auch fast alle Dozenten sehen - und einiges über sich ergehen - zum großen Spaß der anwesenden Studenten. Und während alle ausgelassen feiern, lachen und tanzen, verblassen allmählich die negativen Erinnerungen an die "Zeit, in der man ganz von der Anatomie eingenommen" war. Und man erinnert sich schließlich hauptsächlich im Positiven an dieses Highlight des Studiums.
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