Der Leibarzt war ein Jude
Begegnungen von Judentum und Medizin in der Zeit des Dritten Reiches - ein Ausflug in das Jüdische Museum Berlin
Text: Peter Iblher, Fotos: Pressestelle JM Berlin
Mehr als 60 Jahre sind seit der Zeit von Nationalsozialismus und Judenverfolgung in Deutschland vergangen. Man mag denken, dass dieses Kapitel deutscher Geschichte mehr und mehr in Vergessenheit gerät. Lebende Zeitzeugen, Opfer wie Täter, werden immer weniger und die Erinnerungen an Grausamkeit und Menschenverachtung scheinen zu verblassen.
Übersicht
Dabei ist die Auseinandersetzung mit diesem Thema heute aktueller denn je, wie neue Bucherscheinungen, beispielsweise Günther Grass's Werk "Im Krebsgang", oder Möllemann- und Walser-Diskussionen und politische Lage im Nahen Osten andeuten. Besonders Ärzte und Medizinstudierende sind geschichtlich auf besondere Weise mit dieser Thematik verwoben und sollten sich damit auseinandersetzen.
| Wer weiß denn noch Bescheid? | hoch |
Dass viele Mediziner nicht richtig informiert sind über die Rolle des Arztes im Dritten Reich und der Judenverfolgung, zeigte eine Umfrage der HU- Berlin unter 300 Medizinstudierenden. Viele ärztliche Nazigrößen waren nicht oder nur teilweise bekannt, wie "Via medici online" jetzt in einem Artikel berichtete. Ein Grund, die Symbiose von Judentum und Medizin im Allgemeinen, eine Lübecker Zeitgeschichte im Besonderen zu beleuchten.
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Die Zeit der Diskriminierung von Juden geht in das frühe Mittelalter zurück und zieht sich bis in die heutige Zeit hinein. Die jeweilige rechtliche Stellung der Juden hing dabei meist von adeligen Herrschern und örtlichen Gegebenheiten ab. So mussten Juden in der Zeit um 1830 beispielsweise im Herzogtum Schleswig Schutzgelder an die Mächtigen zahlen, um Schutzbriefe zu erhalten. Im Herzogtum Holstein waren sie nur in einzelnen Städten geduldet.
Nur bestimmte Berufe waren den Juden erlaubt - viele wurden Ärzte
Weiterhin durften Juden vielerorts nur bestimmte Tätigkeiten ausüben, was ihre berufliche Spezialisierung in bestimmten Bereichen erklärt. Viele arbeiteten auch als Ärzte. Dabei trugen ihre Verbindungen zu Kollegen anderer Länder erheblich dazu bei, das weit entwickelte medizinische Wissen des Orients auch im Abendland zu verbreiten. Viele christliche Fürsten, Päpste und Kaiser hatten deshalb jüdische Leibärzte. Berühmte Persönlichkeiten und Wissenschaftler der heutigen Zeit waren Juden. Paul Ehrlich erhielt beispielsweise 1908 den Nobelpreis der Experimentellen Medizin für die Entdeckung eines Heilmittels gegen Syphillis und war damit der Begründer der modernen Chemotherapie. Otto Heinrich Warburg erhielt den Nobelpreis 1931 für die Entdeckung des NADP.
| Im jüdischen Museum in Berlin - ein Stück Lübecker Medizingeschichte | hoch |

Die eindrucksvolle Fassade des Jüdischen Museums
Eine Brücke zum Verständnis, aber auch zur Erinnerung will das jüdische Museum in Berlin schlagen, das in architektonisch beeindruckenden Räumlichkeiten erst seit kurzer Zeit zum lohnenden Besuch offen steht. Wer aufmerksam durch das Gebäude wandert, das nicht nur strukturell in Achsen eingeteilt wurde, wird in der Vitrine 4 auf der "Achse des Holocaust" einem Stück Lübecker Medizingeschichte begegnen. In ihr findet das Schicksal eines der unzähligen jüdischen Ärzte Gehör, die dem Nationalsozialismus zum Opfer fielen. Dr. Julius Moses war sozialdemokratischer Gesundheitspolitiker und von 1920- 1932 Mitglied des Reichstages und des Reichsgesundheitsrates. Er musste 1935 infolge der Nürnberger Rassengesetze mit Familie aus seiner Wohnung ausziehen und starb am 24. September 1942 mit 74 Jahren im Konzentrationslager Theresienstadt. Als Sachverständiger der Reichstagsfraktion kritisierte er im Mai 1930 die Lübecker Gesundheitsbehörden, die mit der Einführung eines neuartigen, medizinischen Verfahrens auf sich aufmerksam machten.
"Ungeheure Fahrlässigkeit! Der Sachverständige der Reichtagsfraktion klagt die Lübecker Gesundheitsbehörden an" (Lübecker Volksbote vom 17. Mai 1930)
Ausgestellt findet man in der Vitrine 4 den Lübecker Volksboten, das sozialistische" Tagesblatt für das arbeitende Volk", in welchem am 17. Mai 1930 auf der Titelseite ein Artikel über das "Lübecker Säuglingssterben" erschien. 10 Säuglinge waren zum Zeitpunkt der Veröffentlichung infolge der BCG- Impfung (BCG = Bazilles Calmette Guérin, auch Calmette- Verfahren genannt) verstorben oder schwebten in Lebensgefahr. Bei Ihnen war eine Tbc- Infektion aufgetreten. Die BCG- Impfung, eine Lebendimpfung gegen Tuberkulose, war bis zur damaligen Zeit noch nicht in Deutschland praktiziert worden. Das Lübecker Gesundheitsamt hatte als erste deutsche Behörde das Calmette-Verfahren zur Anwendung gebracht. Dieses wird in dem Artikel durch den Autor massiv kritisiert, der den Einsatz dieser Methode als Experiment am Menschen ansieht. "Kein Kranker will in ein Krankenhaus gehen, in welchem an Patienten herum experimentiert wird", schreibt er und gibt damit durchaus ein Dilemma von medizinischem Fortschritt und Forschung wieder, das auch heute aktuell ist. Lange Zeit wurde die BCG-Impfung nach anfänglichen Rückschlägen routinemäßig und erfolgreich im Kampf gegen die Geisel Tuberkulose angewandt. Den Lübecker Medizinstudierenden oder Interessierten wird aber wohl zunächst überraschen, dass die BCG- Impfung gegen Tuberkulose in Deutschland erstmals in der nördlichen Hansestadt Lübeck zum Einsatz kam, wenn auch mit schlimmen Folgen.

Logo des Jüdischen Museums Berlin
Nähere Infos über das Jüdische Museum Berlin im Internet
Im August 1943 wurden 86 jüdische Frauen und Männer aus 8 europäischen Ländern für eine Skelettsammlung ermordet - August Hirt, zuletzt Anatomieprofessor in Straßburg, war der Initiator der Ermordungen. Jahrzehntelang kannte niemand die Namen geschweige denn die Biografien der 86 Opfer. Der Journalist Hans-Joachim Lang hat nach langen und akribischen Recherchen alle Namen herausgefunden und darüber ein Buch veröffentlicht - über die Opfer, die Täter und das Geschehen damals. Viele Informationen lassen sich auch auf der zugehörigen Internetseite nachlesen:
Die Namen der Nummern
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