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Artikel vom 02. 04. 2009

Hirschhausen im Gespräch mit Via medici online

Medizinstudenten sollten sich damit auseinander setzen, was Menschen gesund hält

Julian Jürgens

Wenn der Kabarettist Dr. Eckart von Hirschhausen heute noch einmal Medizin studieren würde, dann würde er sich mehr damit auseinander setzen, was Menschen gesund hält. Mit seinem Glücksbringerprogramm macht er das jetzt und erreicht damit mehr Menschen als voher. Im Gepräch mit Via medici online spricht er über seine Studienzeit und sein Verhältnis zum Arzt-Sein.

Dr. Eckart von Hirschhausen und Julian Jürgens
Dr. Eckart von Hirschhausen und Julian Jürgens


Herr von Hirschhausen, Sie sind ja eigentlich der ideale Arzt: Sie verstehen die Patienten, Sie haben ja auch das Wörterbuch Deutsch-Arzt, Arzt-Deutsch geschrieben. Warum sind sie nicht in der Medizin geblieben?

Weil ich durch meine Arbeit jetzt viel mehr Menschen erreiche. Das, was ich in so einem Abendprogramm erzähle, ist im Prinzip die Zusammenfassung von ganz vielen Tricks aus der kognitiven Verhaltenstherapie bei Depressionen. Wenn ich das jedem einzeln erzählen würde, bräuchte ich für so einen Abend mit 1.000 Leuten 8 Jahre. So bin ich effektiv in der Prävention tätig.


Gehen Sie denn selbst gerne zum Arzt?

Ja! Ich bin jetzt ein wenig erkältet, aber das ist für mich kein Grund, (lacht) das Gesundheitswesen zu belasten. Aber wenn ich was Ernsthafteres habe, gehe ich klar zum Arzt. Ich nehme auch gerne Schmerzmittel, die ich für einen großen Segen halte. Lieber akut richtig behandeln, als dann chronische Schmerzen produzieren und so weiter.


Welche Erinnerungen haben Sie an Ihr Medizinstudium?

Ich habe in Berlin in der Zeit des großen Studentenstreiks angefangen, Medizin zu studieren. Aus unserem Semester sind dann die Leute hervorgegangen, die den Reformstudiengang in Berlin angestoßen haben. Also so gesehen habe ich mein Studium in einer turbulenten Zeit begonnen - das war spannend.

Im Nachhinein genieße ich auch immer noch jeden Auslandsaufenthalt. Zum Beispiel bin ich in San Francisco auf einer der ersten Stationen gewesen, die HIV-Infizierte behandelt hat. Es war ein Erlebnis, wie optimistisch die Amerikaner die Sachen angegangen sind. Obwohl es noch wenige Medikamente gab, die wirklich gut wirkten und mit manchen Infekten keiner umzugehen wusste, lebten die Patienten alle dort in dem Gefühl: Wir sind Pioniere. Mir begegnete dort so viel Freude und eine Leichtigkeit und die Patienten strahlten die Haltung aus: Ja wir sind die Ersten, die es trifft und gleichzeitig sammeln wir Erfahrungen, die noch vielen anderen Leuten helfen werden. Das war für mich sehr ermutigend.
Ich kann nur jedem Studenten ans Herz legen, so viel herumzureisen, wie er kann. Das ist nicht so schwierig, denn der große Vorteil in der Medizin ist, dass man überall gebraucht wird. Die Auslandserfahrungen helfen, den Blick für die Realität zu schärfen.


Mit welchem Fach konnten Sie im Medizinstudium wenig anfangen?

Ich habe mich lange mit Pharmakologie schwer getan, weil es so abstrakt ist und so wenig mit dem Leben zu tun hat. Doch spätestens wenn man nachts angerufen wird, weil man doch Medizin studiert hat und jemand seine Pillen nicht eingenommen hat oder ein Bekannter zu viel Alkohol getrunken oder mit Drogen experimentiert hat, dann spielen plötzlich solche Dinge wie Kinetik, Halbwertszeit und Ausscheidungsverhalten tatsächlich eine Rolle und man weiß, wofür Pharmakologie wichtig gewesen ist. Ich glaube allerdings, dass man Pharmakologie viel spannender und lebensnaher unterrichten kann als ich es erlebt habe.
Meine Lieblingsfächer waren immer Psychologie, Neurologie, Psychiatrie, Medizinische Psychologie - und das mache ich ja heute auch noch.


Manchmal gehe ich total deprimiert aus den Vorlesungen raus, weil ich wieder gelernt habe, dass man bei einem bestimmten Krankheitsbild von ärztlicher Seite nicht viel machen kann. Was könnte mich in diesem Fall aufmuntern?

Ich glaube, Sie sollten sich noch stärker damit auseinandersetzen, was Menschen gesund hält. Das würde ich tun, wenn ich jetzt noch studieren würde. Traditionell sind Ärzte in der Rolle, im Krankenhaus darauf zu warten, dass jemand krank wird und sie braucht. Wir sind extrem gut in Notfallmedizin. Es gibt kaum ein Land wo ich lieber - in Anführungsstrichen - vom Auto angefahren würde, als in Deutschland. Denn wir haben ein gutes Rettungswesen, wir kommen schnell in die Klinik, wir haben gute Ärzte, gute Pflege. Das ist alles super. Blöd ist aber, dass wir uns viel zu wenig Gedanken darüber machen, wie wir Krankheiten verhindern und wie die Menschen seelisch gesund bleiben können.
Materiell stehen wir so gut da wie noch nie, wir leben so lange wie noch nie zuvor in der Menschheitsgeschichte und doch verpassen wir irgendwie, das Leben zu genießen. Wir machen uns fertig, wir arbeiten, wir leiden unter Arbeitslosigkeit.

Eckart von Hirschhausen vor dem Tourplakat seines Programms "Glücksbringer"Foto: Julian Jürgens
Eckart von Hirschhausen vor dem
Tourplakat seines Programms "Glücksbringer"
Foto: Julian Jürgens


Sind denn wenigstens die Mediziner glücklich?

Auch oft nicht. Mediziner sind ja selbst sehr gefährdet, was Burn-Out, Depression und Selbstmord angeht.

Oh je, was können denn dann die Nachwuchsmediziner anders machen?

Ihnen würde ich raten, genau mit dieser Gefahr im Blick sich um vier Dinge zu kümmern: Erstens sich die Freundschaften zu Menschen erhalten, die etwas ganz anderes machen. Zweitens frühzeitig Hobbys nachzugehen und sie zu pflegen, um einen Gegenpol zu schaffen. Drittens bereits im Studium ein Entspannungsverfahren zu lernen und viertens, gesund zu leben. Also nicht rauchen, sich bewegen und Gemüse essen.


Warum macht das nicht jeder?

Warum das nicht jeder macht - das ist eine sehr gute Frage.


Leben Sie denn so?

Ich ... ja, tatsächlich! Das Beste, was man tun kann, um sein Leben zu verlängern, ist, die Sachen nicht zu tun, die das Leben verkürzen.


Ihr Abschlussresumée …

… ist der schöne Satz aus dem Buch ‚House of God': Die Kunst der Medizin ist, so viel nichts zu tun wie es geht.


Herr von Hirschhausen, ich danke Ihnen für das Gespräch.



Verlosung

Anlässlich dieses Interviews verlosten wir 5 signierte CDs seines Programms "Sprechstunde". 46 Hirschhausen-Fans haben mitgemacht, gewonnen haben:

 Christine Saloschin
 Elias Antoneag
 Kristina Winter
 Guido Hermanns
 Jan Ramming

Herzlichen Glückwunsch!


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Julian Jürgens studiert Medizin in Magdeburg und ist Via medici online-Lokalredakteur


 

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