Medizinstudium
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| Prof. Robert Brauer |
Von wem ging die Initiative an der TU aus?
Die Studenten kamen auf mich zu, weil sie etwas an der Situation der PJ-Ausbildung ändern wollten. Daraufhin habe ich mich mit ihnen zusammengesetzt, was ich übrigens auf Station auch jetzt noch häufig mache, und habe mir ihre Wünsche angehört. Gleichzeitig habe ich mich gedanklich in meine PJ-Zeit zurückversetzt und überlegt, wie ich heute gerne ausgebildet werden würde.
Welches sind die wichtigsten Änderung aus Ihrer Sicht?
Der PJ-Student soll in den klinischen Ablauf integriert werden, was aus meiner Sicht der wichtigste Aspekt ist. Das bedeutet zum Beispiel, dass er als vierter oder fünfter Mann Nachtdienste mitmacht oder am Wochenende eingeteilt ist. Es gibt parallel zum Ärztedienstplan einen offiziellen Dienstplan, in den sich die Studenten eintragen.
Während des Dienstes in der Notaufnahme können die Studenten nicht voruntersuchte Patienten unter Aufsicht untersuchen, Briefe schreiben, die natürlich alle gegengelesen werden, Zugänge legen, die Erstversorgung machen, Platzwunden nähen und bei Notfall-OPs dabei sein. Sie werden mit einem Funkgerät ausgestattet, damit sie erreichbar sind und können auch beim Notarzt mitfahren.
Was soll sich noch ändern?
Die PJler bekommen bei uns ab jetzt doppelt so viel Unterricht wie bisher. Zweimal pro Woche bieten die Lehrbeauftragten der Klinik spezielle Seminare quer durch das gesamte Fachgebiet der Chirurgie an. Wer nicht gerade für den Haken im OP eingeteilt ist, nimmt daran teil. Außerdem, auch das halte ich für eine entscheidende Neuerung, wollen wir die Eigenverantwortungen der Studenten mit einem PJ-Logbuch stärken.

© Prof. R. Brauer
Wie muss man sich das vorstellen?
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wechsel (© Prof. R. Brauer) |
Wir haben ein PJ-Logbuch im Kitteltaschenformat erstellt, das die Studenten unter www.meditum.de herunterladen können. Dort steht, wer in der Klinik für was zuständig ist, wo welche Sprechstunde stattfindet und wann wir uns treffen. Es steht auch darin, was der Student machen soll, was er darf und was er auch einfordern kann. Jeder PJler muss eine gewisse Mindestzahl an OP-Assistenzen durchgeführt haben, jeder sollte zum Beispiel eine arterielle Blutentnahme gemacht, einen Blasenkatheter sowie eine Magensonde gelegt haben. Genauso müssen bestimmte Untersuchungs- techniken unter Anleitung durchgeführt werden. Im Examen habe ich es schon erlebt, dass Studenten ein Knie nicht richtig untersuchen konnten. Das soll in Zukunft nicht mehr vorkommen.
Wie stellen Sie sicher, dass die Logbuchinhalte tatsächlich erfüllt und nicht von den Ausbildern einfach nur abgezeichnet werden?
Der zuständige Oberarzt des Bereiches oder der Station, auf der die PJler eingeteilt sind, ist automatisch Mentor. Er soll sich mit den Studenten einmal im Monat bei einer Tasse Kaffee zusammensetzen und besprechen, wie die Logbuchinhalte umgesetzt wurden, was verbessert werden kann oder was fehlt.
Wird denn das Logbuch bereits eingesetzt?
Das Logbuch wird bei uns in der Chirurgie bereits eingesetzt und wird ab Dezember Pflicht. Der Student hat sein Soll erfüllt, wenn 70 Prozent der Inhalte umgesetzt wurden.
Wer sorgt dafür, dass die noch geplanten Änderungen eingeführt werden?
Alles was ich bisher gesagt habe, kann ich in Absprache mit meinem Chef Prof. Helmut Friess für die Chirurgie gleich umsetzen. Wie gesagt, manches davon ist bereits eingeführt.
Was ist mit den anderen Fachbereichen?
Die anderen Kliniken möchte ich gerne überzeugen, ein erstes Treffen mit Vertretern der anderen Kliniken hat bereits stattgefunden.
Nicht genug damit, Sie wollen den PJlern auch gleich einen neuen Namen geben.
Ja, ich plädiere für den Begriff Unterassistent statt PJler. Doch die Diskussion kann ich nur anregen, denn die neue Bezeichnung kann ich nicht einfach anordnen.
Was versprechen Sie sich davon?
Ich habe mich natürlich auch von anderer Seite anregen lassen. Mir gefällt der Begriff PJ nicht, denn er wird von anderen Berufsgruppen im Krankenhaus auch abwertend verwendet. So nach dem Motto: ‚Schick mal zwei PJler her.’ Oder: ‚Ein PJler geht mal runter und holt das.’ Hallo, das sind ein Jahr später die weisungsbefugten Akademiker! Daher würde ich gerne einen anderen Begriff einführen. Früher gab es den Medizinalassistenten, heute könnte es der Unterassistent sein - wie in der Schweiz. Das signalisiert, dass der PJler zu den Ärzten gehört, wenngleich auch noch nicht als Vollassistenten.
Was sagen die Studenten zu ihrem neuen Namen?
Die Studenten sind damit einverstanden. Manche fragen zwar ‚Wieso Unter-?’ Dann entgegne ich ‚Ober- seid ihr ja sicherlich noch nicht.’ Ich glaube, dass sich die Studenten mit der neuen Bezeichnung identifizieren können, weil damit stärker betont wird, dass sie dazugehören. Wer besser integriert ist, mitmacht und ernst genommen wird, bringt auch bessere Leistungen.
Sie können die Diskussion nur anstoßen.
Ich will die Diskussion anstoßen und damit signalisieren, dass wir wirklich etwas verändert haben. Wir haben nicht nur ein Reförmchen eingeführt, wie es momentan in der Gesundheitspolitik üblich ist. Wir haben dem Kind einen anderen Namen gegeben, damit hat der PJ-Student eine andere Position. Natürlich müssen wir nun auch von unserer Seite fordern. Es kann dann nicht sein, dass der PJler plötzlich zur Frühbesprechung nicht auftaucht.
Was ist Ihre Meinung bezüglich eines PJ-Gehaltes?
Schauen wir uns einmal die anderen Studiengänge an, zum Beispiel die Pharmazie. Die pharmazeutischen Studenten sind während ihres Praktikums nicht mehr immatrikuliert, bekommen ein reguläres Gehalt und machen anschließend ihr Examen. Unsere Medizinstudenten wechseln von einem Tag auf den anderen vom Studentenleben in den Berufsalltag, arbeiten jeden Tag bis 18 Uhr und bekommen dafür kein Geld – und keine Anerkennung. Da verstehe ich die Frustration. Vorher hatten sie alle Jobs, um hier in München überhaupt existieren zu können. Jetzt haben sie nicht einmal mehr Semesterferien, in denen sie arbeiten können, obwohl sie weiterhin immatrikuliert sind. Daher ist mein persönlicher Vorschlag, in einer ersten Phase ein freies Mittagessen für PJ-Studenten einzuführen. Für die zweite Phase wäre mein Wunsch, ihnen ein monatliches Gehalt zu bezahlen.
Eine Aufwandsentschädigung haben die ersten Kliniken bereits eingeführt, Helios zum Beispiel.
Die Helios-Kliniken haben eine andere Rechtsform. Auch das deutsche Herzzentrum, das ich als Beispiel nennen möchte, ist juristisch ganz anders aufgestellt. Die Klinik ist eigenständig und untersteht nur der Regierung selbst. Die zahlen ihren PJlern 400 € pro Monat und das ist ein handfestes Argument für die Studenten, sich dort um einen Platz zu bemühen. Auch wenn es finanziell schwierig umzusetzen ist, möchte ich anregen, auch in unserer Klinik über eine Verbesserung der finanziellen Situation für PJ-Studenten nachzudenken. Mittlerweile hat der Studiendekan Prof. Ring zugesagt, sich für ein freies Mittagessen einzusetzen. Zudem unterstützt er die Maßnahmen für eine bessere PJ-Ausbildung, was ja auch unser primäres Anliegen ist.

© Prof. R. Brauer
Gibt es Rückmeldungen von den Studenten auf die Veränderungen hin?
Also die Studenten finden es prima, dass sie so viel Unterricht haben. Unser neuer Chef Prof. Friess unterstützt den PJ-Unterricht massiv. Morgens wird immer vorgelesen, wer welchen Unterricht hält und die Studenten werden dafür freigestellt. Mittlerweile kommen sogar die PJler von anderen Lehrkrankenhäusern zu unseren Seminaren, weil bei ihnen nichts dergleichen angeboten wird. Auch die Nachtdienste finden die Studenten klasse. Widerspruch habe ich bisher nur bei den Plänen zum Auslands-PJ geerntet.
Nun, da möchten Sie ja auch die Wahlfreiheit einschränken.
Unsere Studenten bekommen nicht die Approbation von Angola oder von Kamerun, sondern die deutsche Approbation. Das heißt, sie müssen wissen, wie die Patienten bei uns versorgt werden. Es ist vielleicht für Sri Lanka richtig, dass man frische Frakturen gleich zirkulär eingipst, für Deutschland fallen sie mit dieser Antwort bei mir durch das Staatsexamen.
Doch Auslandserfahrungen sind wichtig.
Das stimmt. Daher soll es auch weiterhin möglich sein, ins Ausland zu gehen. Doch wird das Studiendekanat in Zukunft deutlich stärker darauf achten, an welcher Klinik das Tertial absolviert wird. Auch Kooperationen mit Kliniken im Ausland sind denkbar. Die Studenten wollen natürlich die völlige Freiheit, doch wir haben die Verantwortung für deren Ausbildung. Wenn ich erfahre, dass PJler in Australien ab 9 Uhr am Strand liegen und surfen, dann ist das nicht adäquat, genauso wenig, wenn sie dann im Examen ein Abdomen untersuchen sollen und ihre Leistung nur einer 4 oder 5 entspricht.
Was haben die Ärzte davon, wenn sie sich stärker in der PJ-Ausbildung engagieren – für sie bedeutet es doch Mehrarbeit?
Wenn ein Student vernünftig ausgebildet wird und über Funk auch erreichbar ist, kann er mir bereits nach einer Woche viel Arbeit abnehmen. Natürlich gibt es Unterschiede. Es gibt Studenten, die nach vier Wochen die ganze Station alleine führen könnten und es gibt andere, die länger brauchen. Doch alle nehmen einem Arbeit ab. Sie müssen allerdings einen Sinn darin sehen, das heißt, sie müssen motiviert werden. Wenn man sie nur Zettel einsortieren lässt, verstehe ich es, wenn sie um halb vier gehen möchten. Doch wenn sie merken, dass man sich Mühe gibt, dann habe ich höchst motivierte Studenten.
Herr Brauer, ich danke Ihnen für das Gespräch und wünsche weiterhin ein gutes Gelingen für die Reformen.
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