We had a good night jamming away
There was afull moon showing and we started to play
Come back and play, come back and play
We got all night, we got all day
(Queen, Come back and play)
Meine Abschiedsparty am Samstag mit all meinen Freunden war einfach nur großartig.
Für die Vorbereitung brauchte ich aber fast eine Woche, weil das Studentenkomitee des Deutsch natürlich am gleichen Tag auch eine fête veranstalten wollte. Damit gab es einen heftigen Kampf um die “Bar”, den einzigen Raum mit Musikanlage, natürlich von allen Parteien heißbegehrt.
Aber was bitte ist eine Abschiedsparty ohne Musik? Was überhaupt ist irgendeine Party ohne Musik? Eben: gar nichts wert und finalement klappte es dann auch mit le bar.
Um 18 Uhr am Samstag stehe ich nach einem Einkaufsmarathon in der Miniküche des Deutsch und versuche mich an einem typisch deutsch-hessischen Kartoffelsalat mit saucisses de strasbourg.
Die Kartoffeln verkochen mir, ein Nudelsalat ist auch noch zu erledigen, ich fluche beim Kartoffelschälen auf spanisch, ganz wie Abraham es mir beigebracht hat, und versetze die Küche in einen chaotischen Zustand.
Aber zum Glück gibts Freunde, die netterweise vorbeikommen und mithelfen!
Um einem französischen Technoabend vorzubeugen, habe ich meinen deutschen Kumpel Ben mit der Musikauswahl beauftragt und alle sind ravie: Spanier wie Franzosen, Italiener, Deutsche oder Südamerikaner.
Und um 22 Uhr sind alle alle da:
Meine Mitbewohner, meine Freunde aus dem Chor, die anderen Erasmusler und meine französischen Kommilitonen von der faculté, die meisten mit Begleitung.
Um 11 Uhr tummeln sich die dreißig Leute auf Tanzfläche und an der Bar, mit denen ich hier meine Erasmuszeit verbracht habe und von denen an diesem Abend auch keiner fehlen darf: Das war hier schließlich meine “Familie”.
Adressen werden ausgetauscht und jeder legt mir ans Herz:
“Reviens à Paris, besuch uns!”
“Und komm mich besuchen in Valencia/ Alicante/ Triest/ Rom/ Mexico/ San Sebastian/ Bar le Duc/ Kopenhagen/ St Petersburg…”
oui, volontièrement, das heisst, dass ich die nächsten zehn Jahre keinen Uralub in irgendwelchen Hotels buchen muss: Zuerst habe ich einige Rundreisen durch Europa vor mir!
Und wieder redet jede mit jedem in einem bunten Sprachmix, den ich in Deutschland sicher sehr vermissen werde!
An sich müssten wir den Raum um ein Uhr nachts räumen, aber alle, auch ich, haben die Zeit komplett vergessen und die Party geht bis um 3; dann heisst es wirklich räumen und aufräumen.
Aber damit ist doch die Party noch nicht vorbei!
“Vas y”, motiviert mich Philippe, “c’est ton dernier week-end à Paris, da wirst Du doch noch weiterfeiern, oder, die Nacht ist noch jung!”
Also macht sich der harte Kern mit dem Noctilien, also dem Nachtbus, auf in Richtung Montmartre.
Ziel? Eine “bar brésilienne” mit Livemusik.
Als wir dort um 4 Uhr früh ankommen, liegt die Band leider schon in den letzten Zügen und die Bar schließt recht schnell.
Das hält uns nicht auf:
“Allez, wir können doch noch zu mir pour un café“, schlägt ein Mädchen vor und hopp, c’est parti durch die nächtlichen Strassen von Montmatre bis in das Viertel der rue Labat hinein.
Robert Sabatier hat in seinem Erfolgsroman “Les allumettes suédoises” diesem Teil von Montmartre ein schönes Denkmal gesetzt, und während ich übermüdet und aufgekratzt durch die Strassen laufe, habe ich die Bilder aus dem Roman immer wieder vor Augen.
Der café mausert sich in den folgenden Stunden zu einem ausgewachsenen Frühstück mit Schokobrioche bis um 10 Uhr früh.
Der Sonnenaufgang über Montmartre ist wunderschön und es ist meine erste und letzte nuit blanche, also komplett durchgemachte Nacht in Paris. Zumindest vorerst die letzte.
Um elf Uhr morgens laufen wir Nachtschwärmer kichernd über den Boulevard Barbès Richtung Metrostation: Die Sonne scheint, der Tag verspricht schön zu werden und alles stöhnt
“Je suis vachement fatigué, mein Gott bin ich müde” und wollen sofort ins Bett.
24 Stunden wach.
Soll ich mich jetzt schlafen legen? Dann um 18 Uhr aufwachen, komplett neben mir stehen und nachts dann doch nicht schlafen können?
26 Stunden wach.
Nach den letzen Aufräumarbeiten in der Küche entscheide ich mich dafür, den Bois de Boulogne im Westen von Paris meinem Bett vorzuziehen. Dann werde ich abends zumindest richtig müde und wieder im normalen Tag- und Nachtrhythmus sein.
30 Stunden wach
Was ist das eigentlich für eine Tagszeit? Vermutlich Nachmittag, aber in meinem Kopf ist es immer noch morgends. Im Bois de Boulogne ist das Wetter wieder schechter geworden. Trotz aufkommendem Wind und immer weniger Sonne rudern die Sonntagsausflügler trotzig über den lac inférieur et supérieur.
Und auch die familiären Fahrradtouren werden trotz Matsch und drohenden Regenwolken nicht unterbrochen.
In einem anderen Teil des Parks findet ein Boulesturnier statt.
Es ist Sonntag und ganz Paris genießt ihn.
Sind es die vielen Stunden ohne Schlaf, die mich langsam nostalgisch werden lassen oder ist da eine véritable nostalgie de la capitale, die mich einfängt?
Als ich am frühen Abend heimkomme, wartet Alexis, mein französischer Nachbar schon auf mich:
“Na, en forme?”
Plus ou moins.
“Komm, ich hab die Spanier eingeladen und mach für Euch alle crêpes. Dann musst Du Dich nicht noch um ein Abendessen kümmern.”
Dazu hat man Freunde!
Die originalfranzösischen crêpes sind wirklich lecker und nach 36 Stunden ohne Schlaf bin ich dans mon lit. Und freue mich, denn mein letzes Wochenende in Paris war es wirklich wert!