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Artikel vom 10. 03. 2006

Arbeitssituation deutscher Krankenhausärzte

Ausgeweidete Opferlämmer oder Jammerlappen?

Redaktion Via medici online (MH)

Liegt der tatsächliche Stundenlohn eines jungen Arztes unter dem der Putzfrau in der Klinik oder ist das Einkommen der Ärzte deutlich über dem Durchschnittseinkommen anderer Akademiker? Nicht nur beim Thema Einkommenssituation sind die Fronten verhärtet. Via medici online stellt die Zahlen und Fakten zur Situation der Ärzteschaft des Bundesministeriums für Gesundheit und des Marburger Bunds von Januar 2006 vergleichend vor.

Übersicht

Übertreiben die Ärzte mit ihren Forderungen?
Übertreiben die Ärzte mit ihren Forderungen?


Arbeitszeiten der ÄrzteNach oben hoch

Das Gesundheitsministerium äußert sich zu den Arbeitszeiten der Ärzte nur sehr kurz. Basierend auf eigenen Angaben der Ärzte sei ermittelt worden, dass die durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit 46,1 Stunden betrage. Nur 7,6% der Mediziner unter 35 Jahren leisteten mehr als 60 Arbeitsstuden pro Woche. Es wird jedoch eingestanden, dass hohe Wochenarbeitszeiten bei Ärzten weiter verbreitet seien als bei sonstigen Akademikern im öffentlichen Dienst.

Der Marburger Bund arbeitet mit ganz anderen Zahlen. So habe eine Untersuchung der Technischen Universität Berlin gezeigt, dass über 60% der Berliner Krankenhausärzte mehr als 60 Stunden in der Woche arbeiten, wovon 74% ohne zeitlichen und finanziellen Ausgleich blieben. Offiziell nicht erfasst und von daher vom Gesundheitsministerium unberücksichtigt sind dabei oftmals die Bereitschaftsdienste, die nach Angaben des Marburger Bundes wegen Überschreitung der gesetzlich zulässigen Höchstarbeitszeit sogar illegal seien. Bei einer Befragung von 2.500 Krankenhausärzten gaben 70% an, im Anschluss an einen Bereitschaftsdienst angehalten zu werden, einen weiteren Tagesdienst zu leisten. Der Marburger Bund gibt zu bedenken, dass jemand, der über 24 Stunden wach ist, ein Reaktionsvermögen ähnlich dem eines Betrunkenen mit 1,0 Promille zeigt. Behandlungsfehler seien deshalb fast unvermeidlich. Nach einer Erhebung des Marburger Bundes leisten die 146.000 stationär tätigen Ärzte jährlich 50 Millionen Überstunden im Wert von 1Mrd. Euro, die überwiegend nicht vergütetet würden.

Ausgeweidete Opferlämmer oder Jammerlappen?
Ausgeweidete Opferlämmer oder Jammerlappen?


Einkommenssituation der ÄrzteNach oben hoch

Das Bundesministerium für Gesundheit entzieht sich in seiner Presseerklärung der Verantwortung für die Einkommenssituation der Mediziner. Nicht die Bundesregierung verhandele über das Gehalt der Ärzte, sondern die Tarifvertragspartner. Die Einkommenssituation der Ärzte sei, das ergebe die Auswertung aller vorliegender Daten, "nach wie vor vergleichsweise gut". Das Einkommen der Ärzte liege deutlich über dem Durchschnittseinkommen von Arbeitnehmern und über dem Einkommen anderer Akademiker.

Konkret beziffert das Ministerium das monatliche Nettoeinkommen von Ärzten im öffentlichen Dienst mit 3.093 Euro. Damit läge Deutschland im Mittelfeld in Westeuropa. Besonders wird in der Presseerklärung hervorgehoben, dass die Assistenzarztvergütung 170% der bislang üblichen AIP-Vergütung betrage

Der Marburger Bund stellt die Berechnungen des Gesundheitsministeriums in Frage. Diese seien ermittelt worden, ohne dass die zahlreichen Überstunden, die zu 74% unvergütet blieben, berücksichtigt worden seien. Insgesamt entsprächen die Gehälter der Krankenhausärzte nicht der anspruchsvollen Ausbildung, der verantwortungsvollen Tätigkeit und den international üblichen Einkommen. Junge Klinikärzte hätten reale Nettoeinkommenversluste in Höhe von 7,5% hinnehmen müssen, während andere im öffentlichen Dienst beschäftigte Akademiker einen Zuwachs von drei Prozent, die Gesamtheit der Erwerbstätigen sogar einen Zuwachs von sechs Prozent zu verzeichnen hätten. Der reale Nettoeinkommensverlust betrage unter Berücksichtigung dessen kumulativ 13,5%. Bei diesen Berechnungen müsste eigentlich noch berücksichtigt werden, dass es zu einseitigen Kündigungen der Tarifverträge gekommen sei, mit der Folge, dass Arbeitszeiten verlängert und Urlaubs- und Weihnachtsgeld gestrichen worden sei.

In einem Brief an den Präsidenten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung formuliert der Vorsitzende des Marburger Bunds, Frank Ulrich Montgomery, bezüglich des Arguments, Ärzte verdienten mehr als der akademische Durchschnitt: Wer den Arztberuf zum Beispiel mit dem des Gymnasiallehrers vergleiche, vergleiche "Äpfel mit Birnen, denn mir ist nicht bekannt, dass Lehrer ebenso wie Krankenhausärzte Rufbereitschaft, Bereitschaftsdienste und millionenfache Überstunden leisten müssen."

Während das Gesundheitsministerium Zahlen vorlegt, die beweisen sollen, dass deutsche Akademiker im westeuropäischen Mittelfeld liegen, zitiert der Marburger Bund eine vom britischen Gesundheitsministerium in Auftrag gegebene Studie (NERA), die zu dem Ergebnis kommt, dass französische, niederländische und britische Ärzte bis zu drei mal mehr verdienen als deutsche. Sogar in Spanien seien die Verdienstmöglichkeiten besser.

Gibt es genug Medizinernachwuchs?
Gibt es genug Medizinernachwuchs?


Ausbildungssituation/NachwuchsNach oben hoch

Bezüglich des Medizinernachwuchs operieren Gesundheitsministerium und Marburger Bund mit vollkommen unterschiedlichen Zahlen. Ersteres argumentiert, der Arztberuf habe augenscheinlich nicht an Attraktivität verloren, da das Verhältnis von Bewerbern zu Medizinstudienplätzen kontinuierlich von 2,7 auf 5,3 gestiegen sei. Darüber hinaus sei die Abbruchquote unter Medizinstudenten mit 10-13% besonders niedrig im Vergleich zu beispielsweise Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftsstudenten. Lediglich Lehramtsstudentinnen wiesen eine noch geringere Abbruchquote als Mediziner auf. Die Zahl der Medizinstudiums-Absolventen lege schon seit Jahren konstant bei etwa 9.000.

Auch dem Marburger Bund liegt die Zahl von 9.000 Absolventen vor. Die Ärztegewerkschaft gibt jedoch zu Bedenken, das dies ein Minus von 22,6% gegenüber 1993 darstellt. Die Gesamtzahl der Medizinstudenten 2003 vergleicht der Marburger Bund ebenfalls mit den Zahlen von 1993 und kommt auf ein Minus von 13,4%.

Eine Zahl, die das Bundesgesundheitsministerium unerwähnt ließ ist die derjenigen Medizinstudenten, die keine kurative Tätigkeit im Krankenhaus aufnimmt. Von 8.947 Absolventen im Jahre 2003 hätten lediglich 6.802 die Tätigkeit als AIP in einem Krankenhaus begonnen.

Ein Spiegelbild dessen ist die Anzahl der nichtbesetzbaren Arztstellen in Krankenhäusern. Während diese 2002 noch 2.000 betrug, ist die Anzahl 2003 sprunghaft auf etwa 5.000 gestiegen. In einer Umfrage der Landesärztekammer Hessen gaben die Ärzte als Hauptursache der Jobaufgabe schlechte Arbeitsbedingungen und Unzufriedenheit mit den Arbeitszeiten an. 51% der Aussteiger würden in deutsche Krankenhäuser zurückkehren, wenn die Arbeitsbedingungen sich verbesserten.


FazitNach oben hoch

Sowohl das Bundesgesundheitsministerium als auch der Marburger Bund jonglieren mit beeindruckenden Zahlen - nur seltsam, dass die Zahlen vollkommen konträr zueinander stehen, so dass man nicht recht weiß, wem man glauben kann. Hier bewahrheitet sich wohl wieder das Zitat, das Winston Churchil zugeschrieben wird: Glaube keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast.

Letztendlich kann man wohl nur der eigenen Erfahrung vertrauen. Um einen weiteren Mann, Heinz Werner Mayer, zu zitieren, der 1990-1994 Gewerkschaftsführer war: Die Darstellung des exemplarischen Einzelfalles kann mehr aussagen und überzeugender sein als jede noch so ausgefeilte Statistik.


Diskutieren Sie!Nach oben hoch

Haben Sie Lust über dieses Thema zu diskutieren? Im Forum "Krankenhauswahrheiten" haben Sie Gelegenheit dazu:

   Externer Link http://www.thieme.de/viamedici/foren/list.php?59

 
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