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Artikel vom 20. 10. 2004

Stammzellforscher in den USA

Land der begrenzten Möglichkeiten

Marion Schmid

Er ging in die USA - wegen der großen Freiheit. Nun erlebt der junge Stammzellforscher Christian Pfeffer an der Harvard Medical School, wie sein Fachgebiet in der Ära Bush zum politischen Spielball wird. Und wie sich unter Wissenschaftlern ein Klima der Angst breit macht.

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Übersicht

Damals, vor mehr als drei Jahren, als Christian Pfeffer sein Medizin- und Biologiestudium an der Uni Hannover abgeschlossen hatte, hielt ihn nichts in Deutschland. Im Studium hatte er erste Experimente mit Stammzellen gemacht, das faszinierte ihn, das wollte er vertiefen. Nur, in Deutschland gab es dazu kaum Forschergruppen, auch die technische und finanzielle Ausstattung erschien ihm nicht ausreichend. Für Christian Pfeffer stand schnell fest: Er geht, wie viele andere deutsche Nachwuchswissenschaftler, nach Amerika, um dort seinen Doktor zu machen.


Schuld ist George W. BushNach oben hoch

"Ich habe mich damals mit meinem Forschungsschwerpunkt bewusst für die USA entschieden", erzählt er. Heute ist er sich da nicht mehr so sicher. Und Schuld daran ist der Präsident der Vereinigten Staaten, George W. Bush. Die Schwerpunkte der staatlichen Forschungsförderung durch die National Institutes of Health (NIH) haben sich unter Bush deutlich verschoben: Gefördert wird, was der nationalen Sicherheit und der Abwehr von Bio- oder Chemiewaffen dient, Programme in der klassischen Krebs-, Herz- und Aids-Forschung sind dagegen gefährdet. Zudem kündigte er an, nur noch die Forschung an bestehenden Stammzelllinien mit staatlichen Geldern zu fördern. Seitdem ist die Debatte um die Stammzellforschung in den USA neu entbrannt und entwickelt sich zum Wahlkampfthema. Bushs demokratischer Herausforderer John Kerry kündigte an, dass er die Beschränkungen in der Stammzellforschung aufheben und den Bereich stärker fördern will.


Aufnahme an eine der renommiertesten Medizin-FakultätenNach oben hoch

Das alles hätte sich Christian Pfeffer im Traum nicht vorstellen können, als er Anfang 2001 ins gelobte Land der Forschungsfreiheit zog. Und zunächst erwies sich dies auch als gute Entscheidung, denn ihm gelang, ausgestattet mit mehreren Stipendien, der Sprung als Research fellow an eine der renommiertesten Medizin-Fakultäten der Welt, an die Harvard Medical School (HMS) in Cambridge bei Boston. Er fand Aufnahme in einem internationalen Forscherteam in der Abteilung für Zellbiologie. Seine Kollegen kommen aus Norwegen, Russland, China, Japan und den USA; sie fanden über Hochschulgrenzen hinweg zu einem Team zusammen. Ihr Ziel: genetische Schaltstellen in Knochen zu finden, die sich auch nach Abschluss der Wachstumsphase wieder aktivieren lassen. Dabei schauen die Forscher, wie neuronales Gewebe mit Knochengewebe 'kommuniziert', um etwa Knochenbrüche bei erwachsenen Menschen besser heilen zu können. Genau das wollte Pfeffer, der sich in seiner Freizeit für ein Kinderkrankenhaus in Nepal engagiert und von der Körber-Stiftung für sein Engagement ausgezeichnet wurde, immer tun.


Forschung wird beschränktNach oben hoch

Bei einem Spaziergang über den Campus der Harvard-Uni zeigt der 30-jährige Zellbiologe nicht ohne Stolz die berühmten Gebäude der Uni, die Widener Bibliothek oder die Memorial Church. Er erzählt von der "energetischen Arbeitsatmosphäre" im Team, davon, dass in den USA viel risikoreicher, viel pragmatischer gehandelt wird, dass auch jungen Leuten eine Menge zugetraut wird. Etwas anpacken, ohne lange zu grübeln, Neues ausprobieren, ohne lange zu zweifeln - dieser Pioniergeist und die Lust, an die Grenzen des Machbaren zu stoßen, das gefällt ihm hier.
Mit einer Uni wie Harvard im Rücken ist für Christian Pfeffer und seine Kollegen viel möglich, selbst wenn sie sich mit ihrer Forschung in einem ethisch umstrittenen Gebiet bewegen. Für ihre Experimente müssen sie mit Stammzellen arbeiten. Bislang haben sie diese Zellen aus Mäusen oder aus menschlichem Knochenmark gewonnen, das sind so genannte adulte Stammzellen. Irgendwann, das weiß das Team schon heute, werden sie auch Experimente mit embryonalen Stammzellen machen müssen. Und das könnte für sie zum Problem werden, wenn die von der Bush-Administration verhängten Beschränkungen in der Forschung bestehen bleiben. Schon jetzt, erzählt der Zellbiologe Pfeffer, führe dies dazu, dass sich die Forscher bei der Formulierung von Forschungsanträgen eine Art Selbstzensur auferlegen: Aus allen Anträgen an das staatliche NIH werde das Wort "embryonale Stammzellen" gestrichen. Und wenn Mitarbeiter des NIH das Institut besuchen, wird das Thema nicht mehr angesprochen. Allen im Team ist klar: Wenn sie in Zukunft an embryonalen Zellen forschen wollen, muss der Chef der Arbeitsgruppe private Drittmittel auftreiben; von dieser Regierung jedenfalls ist keine Unterstützung zu erwarten. Dabei steht die Harvard-Uni noch vergleichsweise gut da. Allein die Medical School hatte im letzten Jahr ein privates Spendenaufkommen von mehr als 45 Millionen Dollar.

"Wenn die Freiheit der Forschung beschnitten wird, gibt man das amerikanische Prinzip auf, wonach gemacht wird, was funktioniert", kritisiert Pfeffer. Unter den Forschern mache sich "ein ungutes Gefühl" breit, dass ein wichtiger Teil ihrer Arbeit politisch beeinflusst wird. Trotzdem fällt Christian Pfeffer auf, dass darüber untereinander nur wenig gesprochen wird: "Wenn man politisch Farbe bekennt, vergrault man Geldgeber." Unter seinen Harvard-Kollegen seien viele, denen es nur um die Forschung gehe. Am benachbarten Massachusetts Institute of Technology (MIT), hat er beobachtet, wird über Politik und die Restriktionen viel offener diskutiert.


Havard investiert jetzt unabhängig von RegierungsgeldernNach oben hoch

Dafür wird in Harvard jetzt gehandelt. Die Uni ist die Gängelei durch die Bush-Administration offenbar leid und hat sich im Frühjahr entschieden, gut 100 Millionen Dollar in eines der größten Stammzellzentren der Welt zu investieren, das Harvard Stem Cell Institute (HSCI). Rund 100 Forscher aus sieben verschiedenen schools sollen darin, unabhängig von Geld und Vorgaben der Regierung, eigene Stammzell-Linien aufbauen können.
Eine so reiche Privatuni wie Harvard kann es sich leisten, aus dem öffentlich finanzierten System auszuscheren, viele staatliche Unis können es nicht, weil sie abhängig von den NIH-Geldern sind. Unter den Restriktionen leidet mittlerweile auch der Wissenschaftsstandort USA. Das Land der Forschungsfreiheit verliert seine Reputation - und seine Wissenschaftler. Das britische Fachblatt 'Nature' sieht den USA bereits Topforscher davonlaufen; europäische Universitäten könnten davon profitieren.


Zurück nach Deutschland?Nach oben hoch

Auch von Christian Pfeffer. Der ist mittlerweile so genervt von dem Gezerre um die Stammzellforschung und dem politischen Klima im Land, dass er ernsthaft darüber nachdenkt, Amerika den Rücken zu kehren. In eineinhalb Jahren laufen seine Stipendien aus. Dann möchte er gern wieder in die Heimat zurück. Zumal: "Es tut sich was in Deutschland", hat er beobachtet, "es gibt mittlerweile einige Hochschulen, an denen sich gute Medizinforschung betreiben lässt." Dazu hat er bereits eine Initiative gegründet, die deutschen Nachwuchsforschern den Weg zurück nach Europa erleichtern soll.

Marion Schmidt ist Journalistin in Hamburg.

Der Artikel ist im DUZ-Magazin Ausgabe 10/04 erschienen

   Externer Link http://www.duz.de

 
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