• Alkoholintoxikation

     

Alkoholintoxikation – Wissen für die Ergänzungsprüfung

Fit für den Notfallsanitäter: Wir erarbeiten anhand eines Fallbeispiels einen Einsatz algorithmenkonform auf. Anhand von Fragen zu erweiterten Notfallmaßnahmen, Kommunikation und Rahmenbedingungen können Sie sich auf die Ergänzungsprüfung vorbereiten.

 

FALLBEISPIEL

Einsatzmeldung

Es ist kurz nach Mitternacht im August, als der Rettungsdienst zu einem Notfall in einer Schrebergartensiedlung gerufen wird. Die Leitstelle meldet eine bewusstlose Person mit Verdacht auf Alkoholintoxikation.

An der Einfahrt zur Siedlung wird das Team bereits von einer Gruppe Jugendlicher erwartet. Ein junger Mann bietet an, den Rettungswagen mit seinem Fahrrad zum Notfallort zu führen. Am Eingang zu einem Schrebergartengrundstück hält er an und führt die Kollegen in ein kleines Gartenhaus.

 

Situation vor Ort

Auf dem Sofa liegt ein 15-jähriges Mädchen in Seitenlage und wird von ihrer Freundin betreut. Die Platz- und Lichtverhältnisse im Gartenhaus sind nicht optimal.

Während sich das Team einen ersten Eindruck verschafft, erzählt die Freundin, sie hätten gemeinsam mit ihren Freunden eine Geburtstagsparty gefeiert. Anna, ihre Freundin, sei erst gegen 20 Uhr gekommen und habe dann sehr schnell mehrere Wodka-Energy getrunken. Zuerst habe sie noch ausgelassen getanzt, gegen 23 Uhr sei es ihr schlecht geworden und sie habe sich auf einer Gartenliege ausgeruht.

Kurz vor Mitternacht und dem geplanten Feuerwerk habe sie dann noch einmal nach Anna geschaut. Diese sei nicht mehr ansprechbar gewesen. Beim Transport auf das Sofa im Gartenhaus sei sie kurz wach geworden und habe sich in einen Eimer erbrochen.

 

Ersteinschätzung

Die Kollegin bringt die junge Patientin vorsichtig in Rückenlage und überstreckt den Kopf. Die Patientin ist augenscheinlich vigilanzgemindert, sie reagiert weder auf Ansprache noch auf die Lageveränderung. Nur auf einen Schmerzreiz hin verzieht sie stöhnend das Gesicht. Die Atemwege sind frei und der Brustkorb hebt und senkt sich regelmäßig. Der Puls an der A. radialis lässt sich gut tasten. Die ausgezählte Frequenz ist mit 140 Schlägen pro Minute deutlich erhöht, aber regelmäßig.

 

INTUBATION – JA ODER NEIN?

Die Glasgow-Coma-Scale (GCS) wurde für die Bewertung von Schädel-Hirn-Traumen (SHT) entwickelt. Daher ist sie nicht 1:1 auf Alkoholintoxikationen anzuwenden. Sie stellt aber dennoch eine gute Richtschnur für die Entscheidung dar, ob eine Schutzintubation zur Atemwegssicherung bei reduzierten Schutzreflexen erfolgen sollte.

Die Atemwegssicherung im Rahmen einer Alkoholintoxikation kann leidenschaftlich diskutiert werden. Einerseits werden die Patienteninnen und Patienten zumeist zügig wieder wacher, andererseits drohen Erbrechen und konsekutive Aspiration. Jede Alkoholintoxikation sicherheitshalber zu intubieren würde jedoch die Möglichkeiten der notärztlichen Versorgung und die Klinikinfrastruktur in den meisten Regionen sprengen.

 

Transport in den Rettungswagen

Aufgrund der beengten Verhältnisse entscheidet das Team sich für eine weitere Versorgung im Rettungswagen. Während sich der Kollege aufmacht, den Transport ins Fahrzeug zu organisieren, kümmert sich die Notfallsanitäterin weiter um die junge Patientin.

Diese wird wieder in die Seitenlage gelegt und erhält 5 l Sauersoff über eine Nasenbrille. Zur Überwachung bekommt sie einen Fingerclip. Die Sauerstoffsättigung ist mit 96 % in Ordnung, die Pulsfrequenz bleibt unverändert tachykard. Zusätzlich wird eine Absaugpumpe in Bereitschaft gestellt.

Weil die Patientin nicht ansprechbar ist, führt die Kollegin ein Fremdanamnese-Gespräch mit deren bester Freundin. Sie orientiert sich dabei am SAMPLER+S-Schema.

 

ZUSATZINFO

Gängige Merkhilfen und Akronyme, vom ABCDE-Schema über das SAMPLER+S-Schema bis zu den 4 Hs und HITS, haben wir für Sie übersichtlich zusammengefasst. Bestellen Sie Ihren kostenfreien Lernspicker zur Vorbereitung auf Ihre Ergänzungsprüfung unter www.thieme.de/retten-lernspicker.


Fremdanamnese nach SAMPLER+S-Schema

S-ymptome

Die 15-jährige Anna ist nach wie vor bewusstlos, die gemessenen Vitalparameter sind bis auf die Tachykardie unauffällig.


A-llergien

Es sind keine Allergien bekannt.


M-edikamente

Seit etwa drei Monaten nehme Sie regelmäßig die Antibabypille, ansonsten weiß die Freundin von keinen Medikamenten.


P-atientengeschichte

Von Vorerkrankungen weiß die Freundin nichts. Sie berichtet jedoch, Annas Freund habe gestern unerwartet Schluss gemacht und Anna sei am Boden zerstört – wahrscheinlich habe sie auch deswegen so viel getrunken. Sonst trinke ihre Freundin eigentlich nie Alkohol.


L-etzte Mahlzeit, …

Bei der Party habe Anna nichts gegessen. Auch wisse sie, dass Anna derzeit eine Diät mache und wahrscheinlich den ganzen Tag noch nichts Richtiges gegessen habe.


E-reignis

Die Freundin erzählt noch einmal den Verlauf des Abends. Die Kollegin lässt sich den Eimer mit dem Erbrochenen bringen. Wie vermutet, ist die erbrochene Flüssigkeit sehr dünn, Speisereste sind nicht sichtbar, es finden sich keine ungewöhnlichen Hinweise. Das Erbrochene riecht stark süßlich, was sich auf den Energydrink zurückführen lässt.


R-isikofaktoren

Keine bekannt.


S-chwangerschaft

Auf die Frage nach einer Schwangerschaft schüttelt die Freundin den Kopf. Anna nehme ja regelmäßig die Antibabypille, außerdem habe sie in der vergangenen Woche wegen ihrer starken Regelblutung nicht am Sportunterricht teilnehmen können.


10-für-10-Prinzip

(Quelle: CRM-Leitsätze nach Rall & Gaba in Millerʼs Anesthesia 7th edition)

Mittlerweile ist der Kollege mit der Fahrtrage eingetroffen und stellt diese vor der Gartenlaube ab. Das Team nimmt sich kurz Zeit und die Notfallsanitäterin informiert ihren Kollegen über die mittlerweile erhobenen Untersuchungsergebnisse. Gemeinsam stimmen sie das weitere Vorgehen ab.

Nach dem Transport in den Rettungswagen möchte das Team noch einmal eine umfassende Untersuchung vornehmen. Die junge Patientin wird auf ein Tragetuch gerollt und auf die Fahrtrage verbracht.


ABCDE-Schema

Im Fahrzeug nutzt das Team das C-ABCDE-Schema und vervollständigt die Diagnose. Die Patientin wird mit leicht erhöhtem Oberkörper in Rückenlage gelagert.

 

A-irway

Die Atemwege sind frei.


B-reathing

Die Atmung ist regelmäßig und mit einer Frequenz von 20 Atemzügen pro Minute unauffällig. Das Pulsoxymeter zeigt nach der Sauerstoffgabe über die Nasensonde einen SpO2 von 97 %. Der Brustkorb hebt und senkt sich seitengleich. Beidseits ist ein vesikuläres Atemgeräusch zu hören.


C-irculation

Nach wie vor lässt sich der Puls an der A. radialis gut tasten. Die Frequenz ist unverändert bei 140 Schlägen pro Minuten. Das mittlerweile angelegte EKG ist, wie zu erwarten, in allen Ableitungen unauffällig. Die Rekapillarisierungszeit des Nagelbetts liegt unter 2 Sekunden. Die Hände der Betroffenen fühlen sich kühl an. Der Blutdruck ist mit 110/70 mm Hg unauffällig.


D-isability + E-xposure

Das Team entscheidet, die Patientin bis auf Büstenhalter und Slip zu entkleiden. Bei der Untersuchung geht es strukturiert von kranial nach kaudal vor.

Während der Untersuchung wird die Patientin etwas wacher. Sie gibt inhaltlich inadäquate Laute von sich und zeigt träge, aber gezielte Abwehrmechanismen.

Am Kopf lassen sich keine Verletzungen ausmachen. Die Pupillen sind isokor und reagieren prompt auf Licht. An den Ohren lässt sich kein Blutaustritt feststellen. Der Mundraum ist frei. Ein Zungenbiss lässt sich nicht ausmachen. Die Schluckreflexe sind vorhanden.

Mittlerweile hat der Kollege einen venösen Zugang etabliert und den Blutzucker gemessen. Dieser ist mit 70 mg/dl zwar etwas niedrig, aber nicht behandlungsbedürftig.

Im HWS-Bereich lässt sich weder Stufenbildung noch Hartspann tasten. Beide Jugularvenen sind unauffällig, der Kehlkopf sitzt mittig. Der Brustkorb ist stabil, das Abdomen weich. Sichtbare Verletzungen sind am Körperstamm nicht feststellbar. Becken, Beine und Arme weisen keine Verletzungszeichen auf. Die Kollegin findet mehrere oberflächliche Schnittwunden am linken Handgelenk.

Die mit einem Ohrthermometer gemessene Körpertemperatur ist mit 35 °C hypotherm. Die Patientin wird gut zugedeckt und die Heizung im Patientenraum eingeschaltet.


Transport

Vor dem Transport fasst das Team die Ergebnisse noch einmal zusammen. Aufgrund des Alters von 15 Jahren wird die Patientin in der Kinderklinik des nahe gelegenen Schwerpunktkrankenhauses angemeldet. Der Transport erfolgt in Rückenlage mit leicht erhöhtem Oberkörper und bereitstehender Absaugpumpe und Nierenschale.

 

Der Algorithmus

C-ABCDE-Schema

Im Rettungsdienst gehören Alkoholvergiftungen mit Abstand zu den häufigsten Vergiftungen. Gerade die Häufigkeit der Einsätze birgt die Gefahr, bei der Diagnose mögliche Differenzialdiagnosen nicht ausreichend zu beachten und Dinge zu übersehen. Deshalb ist es von großem Vorteil, routinemäßig alle Punkte des C-ABCDE-Schemas konsequent abzuarbeiten

Lesen Sie den vollständigen Beitrag Alkoholintoxikation – Das sollten Sie wissen für die Ergänzungsprüfung 

Aus der Zeitschrift retten! 04/2019

 

Call to Action Icon
retten! Jetzt abonnieren!

Newsletter Rettungsdienst

  • Jetzt zum Newsletter anmelden!

    Jetzt kostenlos anmelden

    Melden Sie sich jetzt kostenlos zum Newsletter an und wir informieren Sie über brandaktuelle News und Neuerscheinungen, Schnäppchen und tolle Gewinnspiele.

Quelle

retten!
retten!

Das Fachmagazin für den Rettungsdienst

EUR [D] 43,00Zur ProduktseiteInkl. gesetzl. MwSt.

Buchtipps

retten - Fallbuch Notfallsanitäter
Sylvia Zayerretten - Fallbuch Notfallsanitäter

Fit für die Prüfung

EUR [D] 24,99Zum Warenkorb hinzufügenInkl. gesetzl. MwSt.

Atmen - Atemhilfen
Wolfgang OczenskiAtmen - Atemhilfen

Atemphysiologie und Beatmungstechnik

EUR [D] 89,99Zum Warenkorb hinzufügenInkl. gesetzl. MwSt.

Erfahrungsschatz Notfallmedizin
Christian Friedrich Weber, Patrick Meybohm, Hartwig Marung, Richard Schalk, Sebastian Stehr, Jan-Thorsten Gräsner, Wolfgang Heinrichs, Ralf Michael MuellenbachErfahrungsschatz Notfallmedizin

100 kritische Ereignisse, Fehler und Komplikationen

EUR [D] 79,99Zum Warenkorb hinzufügenInkl. gesetzl. MwSt.