• Das Atemgift Kohlenmonoxid (CO) entsteht vor allem bei unvollständigen Verbrennungen. Dabei können chronische oder akute Vergiftungen entstehen. Dieser Beitrag beschreibt Symptomatik und Therapie der CO-Vergiftung sowie einsatztaktische Aspekte.

     

Kohlenmonoxid: Unterschätzte Gefahr für Patienten und Retter

Das Atemgift Kohlenmonoxid (CO) entsteht nicht nur bei unvollständigen Verbrennungen. CO-Gefahren drohen auch bei unsachgemäß betriebenen Holzkohlegrills, beim Wasserpfeiferauchen oder bei der Lagerung von Holzpellets. Dabei können chronische oder akute Vergiftungen entstehen, die auch das Rettungspersonal gefährden. Dieser Beitrag beschreibt Symptomatik und Therapie der CO-Vergiftung sowie einsatztaktische Aspekte in CO-belasteten Räumen.

Kohlenmonoxid ist ein toxisch wirkendes Gas. Es entsteht bei unvollständiger Verbrennung und kann akute, oft tödliche, aber auch leichte, nicht sofort erkennbare Vergiftungen verursachen.
Menschen nehmen CO nicht wahr, denn es ist farb- und geruchlos. Da es leichter als Luft ist, verteilt es sich aufgrund seiner Diffusionsfähigkeit ungleich in Räumen. Während Kohlendioxid (CO2) schwerer als Luft ist und sich am Boden sammelt, kann CO Wände und Decken durchdringen und sich über Etagen verteilen („Sickergas“). In unbelüfteten Räumen besteht durch CO Explosionsgefahr.
Beim Einatmen gelangt CO über die Lunge zu den roten Blutkörperchen. Für die Giftwirkung von CO sind drei Mechanismen verantwortlich:

  1. CO verdrängt den Sauerstoff aufgrund seiner 200 – 300-fach höheren Affinität zum zweiwertigen Eisen des Hämoglobins in den Erythrozyten und bildet statt O-Hb das stabilere Carboxy-Hämoglobin (CO-Hb).
  2. CO bindet das noch vorhandene O2 stärker an das Hämoglobin, was die O2-Abgabe an das Gewebe vermindert und einer Linksverschiebung der Sauerstoffbindungskurve entspricht (Haldane-Effekt).
  3. CO beeinträchtigt die Funktion wichtiger Enzyme in den Zellen und führt zu einem zellschädigenden Sauerstoffmangel (Hypoxie).

Symptomatik der CO-Vergiftung

Die Symptome einer CO-Vergiftung können sehr variabel sein. Sie hängen vom CO-Hb-Gehalt des Blutes, der Expositionsdauer und der individuellen Empfindlichkeit des Patienten sowie seinen Vorerkrankungen ab. Deshalb müssen die folgenden Symptome nicht zwingend mit den gemessenen CO-Hb-Werten korrelieren.

  • Leichte Vergiftungen (ab ca. 10 – 15 % CO-Hb-Gehalt im Blut)
    Die Betroffenen klagen über Stirn- und Schläfenkopfschmerzen, Sehstörungen, Kurzatmigkeit, Herzsensationen und Schwindel.
  • Mittelschwere Intoxikationen (30 – 40 % CO-Hb-Gehalt)
    Die Betroffenen können reizbar, müde, verwirrt oder erregt sein und ihre Urteils- und Entschlussfähigkeit ist beeinträchtigt, so dass sie sich selbst nicht mehr retten können. Weiterhin wurden beschrieben: Schwäche, Konzentrationsstörungen, optische und akustische Sensationen, Schmerzen in den Extremitäten, pathologische Reflexe und Pupillenreaktionen sowie Krampfanfälle. Ein Anstieg oder Abfall des Blutdrucks sowie Tachykardien können ebenso auftreten wie eine unregelmäßige oder oberflächliche Atmung im Wechsel mit Hyperventilation. Wegen Übelkeit und Erbrechens besteht Aspirationsgefahr. Zyanosezeichen können auftreten, und die lehrbuchmäßige kirschrote Hautfarbe zeigt sich nicht immer [17] [19]. Kinder weisen ein eher blasses Hautkolorit auf.
  • Schwere Intoxikationen (ab 50 % CO-Hb-Gehalt)
    Es treten unmittelbar Bewusstlosigkeit, Koma, Hyperthermie und Tod durch Atemlähmung oder Herzversagen mit Lungenödem ein.

Sauerstoff als Mittel der Wahl

Die Notfalltherapie besteht in der Rettung des Betroffenen aus der CO-haltigen Atmosphäre (unter Beachten des Eigenschutzes) an die frische Luft. Die wichtigste therapeutische Maßnahme ist O2-Gabe, die den CO-Gehalt des Blutes um 30 – 50 % pro Stunde senkt. Auch nach Wiedererlangen des Bewusstseins soll weiterhin O2 gegeben werden. Je nach Schweregrad kann eine Intubation und Überdruckbeatmung notwendig sein, zumindest bis ein Blut-CO-Hb unter 20 % erreicht ist. In schweren Fällen ist eine hyperbare Oxygenation in einer Druckkammer notwendig.
Die Vitalfunktionen müssen überwacht und Störungen von Blutdruck, Herzfrequenz, Herzrhythmus und Säure-Basen-Haushalt therapiert werden. Folgende Wechselwirkungen sind zu bedenken: eine die Toxizität steigernde Wirkung der Katecholamine sowie die ZNS-dämpfende Wirkung von Sedativa. Das wichtigste „Gegengift“ ist O2. Übliche Antidota wie Thionin (Katalysin®), Methylthionin, Hydroxocobalamin (Cyanokit®) etc. haben keinen wesentlichen Einfluss auf CO-Vergiftungen und bedeuten nur unnötigen Zeitverlust.

Technische Tücken bei der Diagnostik

Neben einer verwirrenden Symptomvielfalt bestehen bei CO-Vergiftungen zusätzlich technische Schwierigkeiten: Konventionelle Pulsoxymeter erkennen kein CO-Hb und zeigen vermeintlich normale SpO2-Werte. CO-Hb absorbiert Licht in einer ähnlichen Wellenlänge wie oxygeniertes Hämoglobin, so dass CO-Hb fälschlicherweise als O-Hb gewertet wird. Deshalb dürfen bei Rauchgas-Verletzten normale Sättigungswerte im Pulsoxymeter nicht darüber hinwegtäuschen, dass dennoch eine relevante CO-Vergiftung vorliegen kann und die Patienten dringend O2 benötigen.
Zur Bestätigung einer CO-Vergiftung ist eine frühzeitige Blutentnahme notwendig. Da im Rettungsdienst nicht immer Abnahmeröhrchen für eine Blutgasanalyse mitgeführt werden, kann zur Blutentnahme ersatzweise eine 2ml-Spritze verwendet werden, die mit Heparin benetzt wurde. Dazu wird der Inhalt einer Heparin-Ampulle in eine 2ml-Spritze aufgezogen und wieder ausgespritzt, so dass Konus und Spritzenwände benetzt sind. In der Klinik sollte diese Probe umgehend in einem Blutgasanalysegerät untersucht werden.
Nicht verwirren lassen sollte man sich durch Messwerte und Einheiten. Konzentrationen der Gase werden in Warn- und Messgeräten in ppm (parts per million, Teile einer Million bzw. millionster Teil) angegeben. Pulsoxymeter dagegen zeigen den Anteil von mit Sauerstoff beladenem Hämoglobin in Prozentwerten an. Da konventionelle Pulsoxymeter mit CO beladenes Hb jedoch nicht erkennen, benötigt man spezielle Pulsoxymeter. Diese bestimmen mithilfe eines separaten Messverfahrens im Absorptionsmaximum von CO-Hb, wie viel Prozent Hb mit CO beladen sind. In der Blutgasanalyse werden die Anteile von CO-Hb und O-Hb ebenfalls in Prozentwerten angegeben.

Kernaussagen

  • CO ist ein farb- und geruchloses Atemgift, das leichter ist als Luft und durch Wände und Decken diffundiert.
  • Es entsteht bei allen unvollständigen Verbrennungsvorgängen, aber auch durch andere Quellen, bspw. bei der Lagerung von Holzpellets oder in Wasserpfeifen.
  • Erste Symptome einer CO-Intoxikation sind: Kopfschmerzen, Sehstörungen, Schwindel und Kurzatmigkeit.
  • Konventionelle Pulsoxymeter sind zum Nachweis einer CO-Intoxikation ungeeignet.
  • Das Mittel der Wahl bei einer CO-Vergiftung ist sofortige, hochdosierte Gabe von Sauerstoff.
  • Rettungspersonal sollte im Einsatz immer CO-Warngeräte offen am Körper tragen.

 

Lesen Sie hier den gesamten Beitrag: Kohlenmonoxid: Unterschätzte Gefahr für Patienten und Retter

Aus der Zeitschrift retten! 03/2017

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