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Beeinflusst neonatal verabreichtes Morphin späteres Verhalten?

Frühere Studien der Autorengruppe sollen nach eigenen Angaben zeigen, dass häufigere neonatale Schmerzerfahrungen bei Kindern, die vor der 33. Schwangerschaftswoche geboren wurden, in einem Alter von 18 Monaten zu vermehrten internalisierenden Verhaltensauffälligkeiten führen. Finden sich Verhaltensauffälligkeiten auch bei Schulkindern, die vor der 33. Schwangerschaftswoche zur Welt kamen?

Kanadische Pädiater untersuchten Erstklässler, die vor der 33. Woche geboren worden waren, und stellten auch bei den 6–8-Jährigen mehr internalisierendes Verhalten fest, je höher die postnatal eingesetzte Morphindosis war.

M. Ranger und Kollegen befragten dazu Eltern von 101 Kinder, die sie 6–8 Jahre zuvor auf ihrer Intensivstation als Frühgeborene behandelt hatten, mittels der CBCL (Children Behaviour Checklist; 113 Fragen). Zum internalisierenden Verhalten zählen Ängstlichkeit, Rückzugstendenzen, depressives Verhalten und somatische Probleme, während externalisiertes Verhalten sich etwa auf Aggressivität oder das Brechen von Regeln bezieht. In die Auswertung wurde nur internalisierendes Verhalten aufgenommen, da dieses als besonders von neonatalen Faktoren abhängig gilt. Zusätzlich beantworteten die Eltern den PSI-III (Parental Stress Index), von dem nur der elternbezogene Teil mit Themen wie Gesundheit, Familienverhältnisse, Rollenverteilung oder Depression mit in die Analyse einbezogen wurde.

Von den 101 Schulkindern

• hatten 57 neonatal eine künstliche Beatmung und Morphin erhalten.
• Die restlichen 44 Kinder hatten keine Beatmung benötigt und deshalb auch kein Morphin bekommen.

Die neonatale Belastung durch eventuell schmerzhafte Eingriffe wie Lanzettenpunktionen, aber auch das Legen einer Magensonde sowie die Morphindosis, wurden aus den Patientenakten retrospektiv entnommen.

• 77 der 101 Kinder zählten nach CBCL als unauffällig,
• 7 als grenzwertig und
• 17 als auffällig.

Dabei wurden zwischen den Gruppen der Kinder ohne und mit künstlicher Beatmung plus Morphineinsatz keine signifikanten Unterschiede gefunden, obschon die beatmeten Kinder 2–3-mal häufiger schmerzhaften Eingriffen ausgesetzt waren. Nach getrennter Analyse der Gruppen ergab sich jedoch

• bei den nicht beatmeten Kindern ein positiver und signifikanter Zusammenhang zwischen internalisierendem Verhalten im CBCL, neonataler Schmerzbelastung und höherem elterlichen Stress und
• bei den beatmeten Kindern eine signifikante Beziehung zwischen höherem CBCL-Score für internalisierendes Verhalten und höherer verabreichter Morphinmenge.

Bei vorherigen Untersuchungen dieser Kinder im Alter von 18 Monaten hatten sich keine Assoziationen zwischen Höhe der Morphin-Expositionen und der Verhaltenseinschätzung durch die Eltern gefunden.

Fazit Die Studie weist eine Menge an Limitationen auf, die von den Autoren nicht berücksichtigt wurden; z. B. wurden die Daten nicht prospektiv erhoben, sondern retrospektiv. 15 % der untersuchten Kinder zeigen einen auffälligen CBCL-Wert, was der Verteilung in der Normalbevölkerung entspricht. Zudem zeigten sich keine Unterschiede in der Anzahl relevant auffälliger CBCL-Werte zwischen der Gruppe von Kindern mit und ohne Morphin-Exposition bzw. mit sehr vielen und nur wenigen schmerzhaften Interventionen. Man würde sich prospektive multizentrische Studien wünschen, die den primären Endpunkt a priori definieren, eine Stichprobengröße kalkulieren, um Daten zu sammeln, die später mit einer zuvor festgelegten Methodik analysiert werden. Die Methodik der aktuellen Studie birgt das Risiko, dass die berichteten Ergebnisse auf Zufällen beruhen.

Quelle: Journal Club Schmerzmedizin 04/2014; Beeinflusst neonatal verabreichtes Morphin späteres Verhalten?; Dr. sc. hum. Katrin Wolf; Eitorf

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