Notfall über den Wolken: "Ist ein Arzt an Bord?"

  • Weltweit jährlich 44 000 Notfälle an Bord eines Flugzeugs

     

„Ist ein Arzt an Bord?“ Eine positive Antwort auf diese Frage kann an Bord von Verkehrsflugzeugen Menschenleben retten. Die demografische Entwicklung bedingt, dass auch Reisende immer älter werden und dadurch die Wahrscheinlichkeit steigt, dass ein Mitreisender während eines Fluges medizinische Versorgung benötigt. Wer ärztliche Notfallhilfe leistet, sollte jedoch über die rechtliche Situation Bescheid wissen.

Jedes Jahr verreisen 2,75 Milliarden Passagiere weltweit mit kommerziellen Fluggesellschaften. Während eines Flugs sind die medizinischen Einflussmöglichkeiten begrenzt. Im Durchschnitt ereignet sich alle 604 Flüge ein medizinischer Zwischenfall, so das Resultat einer Studie, in der die Daten von fünf Fluggesellschaften von Januar 2008 bis Oktober 2010 – über 7 Millionen Flüge und mehr als 700 Millionen Passagiere – ausgewertet wurden (N Engl J Med 2013; 368: 2075–2083).

Von den fast 12 000 Notfällen an Bord waren die häufigsten Zwischenfälle Synkope oder Präsynkope (37,4%), Atemwegsprobleme (12,1%) sowie Übelkeit und Erbrechen (9,5%). In fast der Hälfte der Fälle konnte ein an Bord anwesender Mediziner hinzugezogen werden. Rund ein Viertel der während des Flugs behandelten Patienten wurde anschließend in einem Krankenhaus untersucht, 8,6% wurden stationär aufgenommen. 36 Patienten starben, als häufigste Todesursache wurde bei 31 Patienten Herzstillstand angegeben.

 

Weltweit jährlich 44 000 Notfälle an Bord eines Flugzeugs

Der Kabinendruck an Bord eines Verkehrsflugzeugs ist in der Regel niedriger als der Luftdruck auf Meereshöhe, was dazu führt, dass sich lufthaltige Kompartimente wie die Nasennebenhöhlen oder Mittelohr ausdehnen. Die geringere Luftfeuchtigkeit kann bei unzureichender Flüssigkeitszufuhr eine Dehydratation zur Folge haben. Auch der Sauerstoffpartialdruck ist niedriger, was durch eine leichte Hyperventilation ausgeglichen wird. Dennoch kommt es normalerweise zu einem Abfall der Sauerstoffsättigung auf etwa 92–95% und einer Steigerung der Herzfrequenz.

Doch längst nicht alle Ursachen von Notfällen an Bord eines Flugzeugs haben mit der besonderen Atmosphäre der Druckkabine und trockener Luft, mit Flugangst oder anderen seelischen und körperlichen Belastungen zu tun. Ein vor dem Flug erworbener Magen-Darm-Infekt, schlechte hygienische Bedingungen am Flughafen oder eine noch nicht erkannte Erkrankung, die erst an Bord zutage tritt, können Ursache für Beschwerden sein. Die Autoren der Studie aus dem New England Journal of Medicine schätzen, dass es weltweit jedes Jahr 44 000 Notfälle an Bord eines Flugzeugs gibt. Einen medizinischer Zwischenfall pro 30 000 Flugreisenden verzeichnete die Deutsche Lufthansa AG für das Jahr 2010. 70% der Zwischenfälle ereigneten sich auf Interkontinentalflügen. Bei 43% der Notfälle im Register der Lufthansa (2010/11) handelte es sich um Herz-Kreislauf-Krankheiten, bei 34% um Magen-Darm-Erkrankungen.

Die häufigste ärztliche Maßnahme an Bord war die Blutdruckmessung, gefolgt von Medikamentengabe und der Verabreichung von Sauerstoff. Der automatische Defibrillator kam in 6% der Fälle zum Einsatz – in der Regel jedoch lediglich zum EKG-Monitoring. Auch Air Berlin kann Zahlen zu medizinischen Notfällen nennen: „Auf durchschnittlich einem von 350 Flügen musste eine Person medizinisch versorgt werden“, erklärte Pressesprecherin Kathrin Zirkel. 60% davon seien auf Herz- und Kreislauf-Probleme zurückzuführen gewesen.

 

Im Flugzeug gilt das Rechtssystem des Zulassungslandes

Ist die Freiheit über den Wolken auch im Passagierflugzeug grenzenlos oder gehen helfende Ärzte bei Notfällen an Bord ein Sicherheitsrisiko ein? „Ein Arzt, der an Bord einer Maschine von Air Berlin Hilfe leistet, ist grundsätzlich über die Airline versichert, sofern er nicht grob fahrlässig handelt“, erläutert Zirkel die als „Good Samaritan Law“ bekannt gewordene Gesetzgebung der USA, die auch von vielen anderen Fluggesellschaften so praktiziert wird.

Grundsätzlich, so Prof. Dr. med. Jürgen Graf vom Medizinischen Dienst der Deutschen Lufthansa AG, gelte während des Fluges das „Flag right“, also das Rechtssystem des Zulassungslandes. „In vielen Ländern, auch in Deutschland, gibt es Gesetze, die dazu führen, dass im Notfall von einem Erwachsenen im Rahmen seiner Kompetenz und Möglichkeiten Hilfe geleistet werden muss“, erläutert Graf. „Vor einer Hilfeleistung ist in jedem Fall das Einverständnis des Betroffenen einzuholen.“ Sei eine Einwilligung nicht möglich, müssten Angehörige oder Mitreisende informiert werden. Verhinderten diese die Hilfeleistung, habe der Kapitän das polizeiliche Durchgriffsrecht nach § 12 des Luftsicherheitsgesetzes.

Eine sogenannte „Enthaftungserklärung“, die helfende Ärzte bei der Deutschen Lufthansa AG unterschrieben, gebe rechtliche Sicherheit – außer bei fahrlässigem oder vorsätzlich falschem Handeln. Nach einem Notfall könne der Arzt jedoch keine finanziellen Ansprüche für die ärztliche Leistung gegenüber der Fluggesellschaft geltend machen. Diese müssten sich direkt an den Passagier richten.

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