Psychosoziale Notfälle – Einsatz für den Notarzt?

  • © Frank-Gerald B. Pajonk

    Die psychosoziale Krisenintervention spielt im Alltag der notärztlichen Versorgung mittlerweile eine bedeutende Rolle.

     

Einführung

Den Definitionen der Rettungsdienstgesetze zufolge sind Notfallpatienten Menschen, die sich in Lebensgefahr befinden oder bei denen dies zu erwarten ist. Der klassische Aufgabenkatalog und Auftrag umfasst somit die Sicherung der Vitalfunktionen, die Vermeidung von Folgeschäden sowie die Beförderung kritisch Kranker in eine zur weiteren Versorgung geeignete Einrichtung. Dieser Kontext bestimmt daher bis heute weitgehend Ausbildung, Kompetenz, Vorgehensweise und Selbstverständnis der Notärzte.

Dem steht die Erfahrung gegenüber, dass, nicht nur, aber insbesondere in Ballungsräumen sowie an Wochenenden, Notärzte und Rettungsdienstmitarbeiter zunehmend mit nicht lebensbedrohenden Krisensituationen der unterschiedlichsten Art konfrontiert werden, die sich weder im klassischen Tätigkeitsfeld niedergelassener Ärzte noch im gesetzlich definierten Auftrag der Notfallmedizin wiederfinden. Aus methodologischen Gründen lassen sich diese am besten unter dem Begriff „psychosozial bedingte Notfälle“ zusammenfassen.

Definition

Ein psychosozialer Notfall ist eine durch eine soziale Mangelsituation getriggerte Exazerbation einer psychischen Erkrankung oder Störung, welche im Gegensatz zur Krise eine unmittelbare gesundheitliche Gefahr in sich birgt. Gemeinsames Charakteristikum ist das Versagen sozialer Ressourcen in Familie, Wohn- und Arbeitsumfeld oder Gesellschaft.

Die Zuordnung zu einem bestimmten somatischen bzw. psychiatrischen Krankheitsbild oder einer primär sozial bedingten Störung ist im konkreten Fall schwierig bis unmöglich. Aus diesem Grund ist es auch so schwierig, eine geeignete medizinische und/oder soziale Einrichtung zu finden, welche die Betroffenen betreut.

Checkliste psychosoziale Notfälle

  • Angst- und Panikstörungen
  • akute Belastungsreaktionen
  • familiäre Konfliktsituationen und Gewalt
  • Suizidgedanken bei fehlender psychiatrischer Grunderkrankung
  • Folgen von Substanzmissbrauch
  • pathologische Trauerreaktion
  • Folgen von Trennung und Isolation
  • Verelendung

Epidemiologie

Es liegen kaum Daten zur Inzidenz psychosozialer Notfälle vor. Die Gründe hierfür sind vielfältig: Notärzte legen die medizinische Indikation für einen Einsatz an Vitalbedrohungen fest, weswegen Einsätze mit primär psychosozialer Problemstellung u. U. als „Fehleinsätze“, „sonstiger Notfall“ oder „unklares Geschehen“ klassifiziert werden. Außerdem sind Notärzte in der Wahrnehmung sozialer Umstände bzw. der Objektivierung von Sozialparametern in der Regel nicht ausreichend geschult, und die Einsatzprotokolle sind vor allem auf die Klassifizierung von Vitalparametern und konkreten Erkrankungen ausgerichtet. Nach eigenen Erfahrungen sowie neueren Daten aus Würzburg ist davon auszugehen, dass ca. 10–14 % der Notarzteinsätze einer sozialen oder psychiatrischen Einsatzindikation zuzurechnen sind.

Den gesamten Beitrag zum Thema Psychiatrische Notfälle können Sie hier abrufen.

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