Schmerzen unter der Gürtellinie: urologische Notfälle beim Mann

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    Schmerzen unter der Gürtellinie: ein sensibles Thema, das häufig erst sehr spät zur Sprache kommt

     

Ob Hodentorsion, Penisfraktur oder akuter Harnverhalt – mit urologischen Notfällen hat der Rettungsdienst nur selten zu tun. Trotzdem ist es wichtig, mögliche Krankheitsbilder zu erkennen, damit man schnell und gezielt handeln kann.

Hodentorsion
Fallbeispiel

Ein junger Mann alarmiert den Rettungsdienst, da er seit 2 h akute Schmerzen im rechten Hoden verspürt. Direkt nach Schmerzbeginn setzten zudem Übelkeit und Erbrechen ein. Es gibt keine Körperposition, in der die Schmerzen erträglicher wären. Die Beschreibungen des Patienten lassen eine Hodentorsion vermuten.

Ursachen und Symptome

Zu einer Hodentorsion kommt es, wenn sich ein Hoden um seine Längsachse verdreht, wobei der Samenstrang ebenfalls verdreht wird. Dies führt zu einer Durchblutungsstörung des betroffenen Hodens.

  • Zeichen einer Hodentorsion sind plötzlich einsetzende, heftigste, meist einseitige Hodenschmerzen, die in den Unterbauch ausstrahlen können.
  • Außerdem ist der betroffene Hoden äußerst druckschmerzhaft.
  • Bei längerem Bestehen kann auch eine Schwellung und Rötung des Skrotums auftreten.
  • Aufgrund der Schmerzen kommt es häufig zu einer vegetativen Begleitsymptomatik wie Übelkeit und Erbrechen.

Meist kann der Patient den Zeitpunkt des Schmerzbeginns ganz exakt bestimmen (z. B. nach dem Fußballtraining).

Präklinisches Vorgehen

Bringen Sie den Patienten rasch in die nächste urologische Klinik. Dort sollte eine operative Freilegung des betroffenen Hodens innerhalb der ersten 6 h nach Einsetzen der Symptome erfolgen, um ein Absterben des Hodens zu verhindern.

  • Präklinisch sollte der Patient keine Schmerzmittel erhalten, da diese die Symptome verschleiern und so die Diagnosestellung erschweren können.
  • Oft ist das Vorenthalten einer präklinischen Analgesie moralisch nicht vertretbar – hier muss man im Einzelfall situationsadäquat entscheiden. Falls die Gabe eines Schmerzmittels unumgänglich ist, sollte man dies sparsam einsetzen.
  • Um den Zug am Samenstrang und damit den entstandenen Schmerz zu reduzieren, ist eine Hodenhochlagerung bzw. -unterpolsterung sinnvoll.
  • Bei jungen Patienten bis zum 20. Lebensjahr gilt jeder Hodenschmerz als potenzielle Torsion, die schnellstmöglich fachurologisch versorgt werden muss.

Differenzialdiagnose Epididymitis

Die häufigste Differenzialdiagnose zur Hodentorsion ist die Entzündung der Nebenhoden (Epididymitis) [Abb. 1]. Da die Diagnose auch unter klinischen Bedingungen z. T. nur schwer zu treffen ist, muss man im Zweifel den Hoden operativ freilegen, um eine Torsion auszuschließen.
Zoom ImageZoom Image Abb. 1 Übersicht über die männlichen Genitalorgane

Paraphimose
Fallbeispiel

Eingehender Anruf bei der Rettungsleitstelle aus dem Alten- und Pflegeheim: Gestern wurde bei einem Bewohner der transurethrale Dauerkatheter gewechselt, heute sähe der Penis „komisch“ aus, wie ein Elefantenrüssel: riesig geschwollen und gerötet. Die Symptome deuten auf eine Paraphimose hin.

Ursache und Symptome

Bei einer Paraphimose ist das Vorschieben der (relativ) zu engen Vorhaut über die Eichel nicht möglich und schnürt diese ab. Die Vorhaut hinter der Penisfurche schwillt ödematös an, ist blau verfärbt und verursacht eine Durchblutungsstörung der Eichel, wodurch es zu einer Nekrose des Penis bzw. der Vorhaut kommen kann. Man spricht auch vom sog. „Spanischen Kragen“. Die Paraphimose ist i. d. R. äußerst schmerzhaft.

Präklinische Sofortmaßnahmen

Zunächst muss man das Vorhautödem durch zirkuläres, festes Umgreifen der Vorhaut mit der ganzen Hand für ca. 1 min auspressen. Anschließend versucht man, die Vorhaut wieder über die Eichel zu ziehen, indem man die Daumen von vorn auf die Eichel aufsetzt und mit den übrigen Fingern die Vorhaut nach vorne zieht / massiert. Dabei muss v. a der sog. innere Schnürring ebenfalls mit über die Penisfurche reponiert werden.

  • Nach fehlgeschlagenem Versuch: rascher Transport in die nächstgelegene urologische Klinik.
  • Nach erfolgreichem Versuch: Der Patient muss die Vorhaut unbedingt zunächst so belassen (auch nicht zum Waschen reponieren) und eine elektive Zirkumzision (Beschneidung) sollte möglichst bald erfolgen.

 

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