• Verblitzte Augen

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Verblitzte Augen

Glubschaugen, ein aufgedunsenes Gesicht und teigige Haut: Die Symptome des Patienten passen einfach nicht zur Einsatzmeldung. Plötzlich entwickelt der Patient Atemnot, sein Herz rast und die Sättigung fällt. Das Rettungsteam muss jetzt schnell handeln.

Es ist der Morgen des 3. Oktober, ein kalter, ungemütlicher Tag. Während die Mehrheit der Deutschen sich an diesem Feiertag gerade noch einmal im Bett umdreht, steht den beiden Rettungsassistenten der Landrettungswache Pegnitz, Kerstin Berger und Uwe Lehmann, ein langer Tag bevor – sie haben noch die alten 12-Stunden-Schichten. Als sie um 7 Uhr den Wagen vorbereiten, blinkt die Meldung auf dem Einsatzdisplay: „Kolega sieht nichts mehr“. „Kolega“?, denkt Berger. Die meinen wohl „Kollege“?! Aber in dieser Herrgottsfrühe, wen wundert's …

Nur ein Krankentransport?

Die Leitstelle gibt per Funk durch, es handele sich um einen Arbeitsunfall, wohl verblitzte Augen, Priorität 3. Berger und Lehmann stellen sich auf einen Krankentransport ein und fahren sofort los. Die Sonne ist noch immer nicht aufgegangen, die bewaldeten Hügel der fränkischen Schweiz zeichnen sich nur als Schatten ab. Es nieselt. Die beiden erfahrenen Rettungsassistenten überlegen, wohin sie den Patienten wohl am besten bringen. „Die nächstgelegene Augenklinik hatte nur Belegbetten“, erzählt Berger, „das wär am Feiertag zu dieser frühen Stunde nichts geworden. Deshalb haben wir uns schon im Auto entschieden, in die 40 km entfernte Augenklinik mit Ambulanz zu fahren.“ Aber der Feiertag hat auch sein Gutes: Der Rettungswagen kommt ohne Probleme durch und erreicht schon nach 10 Minuten das 14 km entfernte Pottenstein.

Der Einsatzort: unübersichtlich

Vor dem Bauernhaus, zu dem sie gerufen wurden, erwartet sie schon ein Mann. Er begrüßt sie in gebrochenem Deutsch mit starkem polnischen Akzent und deutet auf das Gebäude: „Kolega sieht nichts mehr!“ Mit dem Notfallkoffer im Gepäck folgen die Rettungsassistenten ihm in das Fachwerkhaus und sind froh darüber, dass er sich hier auskennt: Es geht verschlungene, enge Flure entlang, treppauf, treppab, durch verschachtelte Gebäudeteile hindurch. Noch dazu ist es ist kaum heller als draußen, wo es eben beginnt zu dämmern. Sie brauchen 3 lange Minuten, bis sie das Zimmer im 2. Stock eines der vielen Nebengebäude erreichen. Der Geruch nach kaltem Rauch und feuchter Kleidung schlägt ihnen entgegen, noch bevor sie den Raum betreten. An der Decke des Zimmers wirft eine spartanische Glühbirne gerade genug Licht, um die überall herumliegenden Reisetaschen zu erkennen, die Einmachgläser, die 6 Betten. Einer der anwesenden Männer, etwa 40 Jahre alt, leicht übergewichtig, fällt durch seine geschwollenen, hervorgetretenen Augen auf. „So richtig dicke Froschaugen, wie im Comic!“, erinnert sich Berger. „Das hatte ich bis dahin noch nie gesehen.“ Der Patient kann die Augen zwar öffnen, sieht jedoch nichts. Die Rettungsassistenten sind sich schnell einig, dass es verblitzte Augen wohl nicht sein können. Doch die Anamnese gestaltet sich schwieriger als erwartet.

Mit Händen und Füßen

„Wir hatten es offenbar mit polnischen Bauarbeitern zu tun“, so Berger. „Der Mann, der uns hereingeführt hatte, konnte ein paar Brocken Deutsch – und beherrschte damit die Sprache besser als alle anderen. Die einzigen Worte, die der Patient von sich gab, waren ,ich sehe nichts'. Das hatte ihm sein Kollege wohl übersetzt.“ Die Rettungsassistenten brauchen Hände und Füße, um herauszufinden, was dem Patienten wohl zugestoßen ist. Schließlich erfahren sie, dass die Männer im Tiefbau tätig sind, für den Zeitraum der Bauarbeiten kommen sie in dem Bauernhaus unter. Schweißen gehört definitiv nicht zu ihren Aufgaben – damit kommt eine Augenschädigung durch UV-Strahlung endgültig nicht infrage. Die Gruppe arbeitet schon länger zusammen, nur der Patient sei erst vor 2 Tagen dazugestoßen. Auf die Frage nach einem möglichen Trauma ist die Antwort eindeutig: „Nein, der Kollege war die ganze Zeit bei uns!“

Erste Diagnose

Lehmann nimmt die Werte des Patienten: Der Blutdruck liegt bei 160 / 90, die Sättigung bei 91 %, die Herzfrequenz bei 110. Er schaut sich um, sein Blick fällt auf die Einmachgläser. Könnte es eine Anaphylaxie sein? Ein Quincke-Ödem? Dazu passen die geschwollenen Augen und die Sättigung, außerdem gibt der Patient ihnen per Zeichensprache zu verstehen, dass er schlechter Luft bekommt. Die Bauarbeiter schütteln die Köpfe, das könne nicht sein, sie hätten alle das Gleiche gegessen und ihnen gehe es ja gut! Die Essensbehälter sind leider nicht beschriftet, sie enthalten Selbstgemachtes aus Polen, vielleicht eine Gemüsepaste, Gewürzgurken sind lose in eine Plastiktüte eingewickelt. „Also so kommen wir nicht weiter“, sagt Berger, „worauf der Patient allergisch reagiert hat, lässt sich offenbar nicht klären. Ich fordere jetzt den Notarzt an und hole das restliche Material aus dem Wagen.“

Lesen Sie hier den gesamten Beitrag: Von verblitzten Augen zum kritischen Patienten

Aus der Zeitschrift retten! 3/2015

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