Erfolgreiche Versorgungsprogramme entstehen nicht im Alleingang

Unter dem Motto „Gesundheit neu denken – Perspektiven und Ansätze aus der Praxis“ fand am 29.09.2016 in Stuttgart der 14. AnyDay statt. Renommierte Vertreter der Krankenversicherungen, der Wissenschaft und der Industrie diskutierten über die Voraussetzungen für zukunftsfähige Innovationen im deutschen Gesundheitssystem. Dr. Thomas M. Helms, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Stiftung für chronisch Kranke, rief die Anwesenden zur sektorenübergreifenden Zusammenarbeit auf – nur dann hätten Innovationen, wie das Telemonitoring, die Chance, in die Regelversorgung überführt zu werden, um einen Mehrwert für chronisch kranke Patienten zu bieten.

Resilienz, Telememonitoring, Big Data: Das Einmaleins zukunftsfähiger Versorgungsprogramme
Prof. Dr. Dr. Kohls, Professor der Hochschule Coburg und Keynote-Speaker des AnyDays, erforscht seit Jahren die Zusammenhänge von Resilienz und psychischer Gesundheit. Da nicht jedem Versicherten ein Arzt oder Psychologe bei der Bewältigung seiner Probleme zur Seite gestellt werden kann, räumt er den Versorgungsprogrammen einen großen Stellenwert ein. „Achtsamkeit ist nicht nur eine Gesundheits-, sondern eine
Lebensressource, die die Handlungs- und Interaktionskompetenz bei den Patienten fördert“, so Prof. Dr. Dr. Kohls.

Dr. Thomas M. Helms vertrat als Vorstandsvorsitzender der Deutschen Stiftung für chronisch Kranke auch die Interessen der Patienten. „Der Erfolgsfaktor bei den Telemonitoring-Programmen ist nicht nur die Technik“, so Dr. Helms. Entscheidend sei, neben der haus- und fachärztlichen Versorgung, der persönliche, regelmäßige telefonische Kontakt zwischen Patient und Telemedizinmitarbeiter. Neben der Wissensvermittlung und der emotionalen Nähe spiele das Thema Sicherheit eine große Rolle. Dr. Helms wies daraufhin, dass die Umsetzung kleiner, regionaler Pilotprojekte nicht zum Ziel führe: Er forderte die Vertreter der Krankenversicherungen auf, an einem Strang zu ziehen und dem Telemonitoring zum Durchbruch zu verhelfen.

An „Big Data“ kommt auch die größte deutsche Krankenkasse nicht vorbei: Laut Dr. Torsten Hecke, Leiter Referat Strategische Analytik Morbidität/DataScience der Techniker Krankenkasse, sind Routinedaten eine der wesentlichen Grundlagen für die erfolgreiche Gestaltung von Geschäftsprozessen der TK. Aus den Analyseergebnissen auf Basis anonymisierter oder pseudonymisierter Leistungsdatenbestände lassen sich wertvolle Informationen zu unterschiedlichsten Anwendungsbereichen für die TK ableiten.

Für Thomas Bodmer, Mitglied des Vorstands der DAK Gesundheit, liegt die größte Herausforderung bei der Umsetzung von Versorgungsprogrammen in der Koordination der Ziele der unterschiedlichen Akteure. „Kooperationen werden dadurch erleichtert, dass die Motivation der Beteiligten verstanden wird“, so Bodmer. Die liegen beim Patienten in der Optimierung der Behandlung, bei der Politik in der Finanzierbarkeit und bei den Krankenkassen bei einer Erhöhung der Effizienz. „Das Gesundheitssystem steht vor Herausforderungen. In den nächsten Jahren wird es in der ärztlichen Versorgung zu Engpässen kommen. Das System braucht daher auch alternative Ansätze für die Versorgung, z. B. telemedizinische Beratung und Online-Programme.“

Erfolgreiche Ansätze aus der Praxis
Der Nachmittag des AnyDays stand im Zeichen innovativer Projekte, die sich im Feldversuch befinden: Sven Pudel, Geschäftsführer von WeCARE, stellte seine digitale Gesundheitswelt „EXPARO“ vor, mit der Unternehmen ihr betriebliches Gesundheitsmanagement digitalisieren können. Neben Coaching-Programmen zu den Themen Ernährung, Bewegung, Raucherentwöhnung und Stress bietet die Plattform den Teilnehmern persönliche Beratung durch Experten und Gruppen für die gegenseitige Motivation.

Warum ein Medikament nicht bei jedem Menschen eine vergleichbare Wirkung zeigt, erklärte Ralf Weiner von der humatrix AG. „Variationen im Erbgut beeinflussen auch die Wirksamkeit und Verträglichkeit von Arzneimitteln. Bereits heute sind für viele Wirkstoffe die pharmakogenetisch relevanten Marker untersucht, so dass die Einbeziehung dieser Parameter bei der Therapieplanung des Patienten eine entscheidende Rolle spielen kann und sollte“, erklärt Weiner den Nutzen der von humatrix entwickelten Gentests.

Prof. Dr. Limbourg von der Medizinischen Hochschule Hannover informierte das Publikum über die Vorteile der Pulswellenanalyse und der Telemedizin. „Die innovative Art der Blutdruckmessung hat das Potential, die Blutdruckkontrolle in Deutschland zu verbessern“, so Prof. Dr. Limbourg. „Hypertonie ist der Hauptrisikofaktor für Schlaganfall und Herzinfarkt. Mithilfe der Telemedizin lässt sich ein erhöhter zentraler Blutdruck erkennen und monitoren. Wichtig dabei ist eine patientengerechte Kommunikation und Darstellung der Risiken.“

Um eine App wird das Programm ProMed Diabetes, das die Debeka und die AnyCare GmbH seit einigen Jahren gemeinsam umsetzen, ergänzt. „Ziel ist es, mit dem erweiterten Angebot, jüngere Versicherte zu einer Teilnahme zu bewegen und eine Verbesserung der Therapietreue zu erreichen“, so Frau Benz, zuständige Projektmanagerin der Debeka.

Das Medizinprodukt "SleepguardTM" stellte Dr. Oliver Gapp, Geschäftsführer von gapp+dörner, vor. Das Gerät misst die Kaumuskelaktivität im Bereich der Schläfenmuskulatur. Knirscht oder presst der Patient mit den Zähnen, dann gibt das Stirnband einen kaum hörbaren Signalton von sich, der zur Unterbrechung des Zähneknirschens/Pressens führt. Nach kontinuierlicher Anwendung während des Schlafens über einige Wochen lernt der Träger, sich das Zähneknirschen abzutrainieren. Während der Dauer der Anwendung steht ein AnyCare-Coach dem Teilnehmer zur Unterstützung zur Verfügung. „Der sektorenübergreifende Ansatz, sichert einen schnellen Behandlungserfolg und eine langfristige Symptomfreiheit bei dem Patienten“, erklärt Gapp den Nutzen des Programms.


Fazit
Versorgungsprogramme sind ein wichtiger Baustein in der deutschen Gesundheitsversorgung. Unverzichtbare Voraussetzung für die Umsetzung langfristig erfolgreicher Programme ist die Identifikation der Motivationen der unterschiedlichen Player im Gesundheitswesen. An erster Stelle steht dabei der Patient: Die Versorgungsprogramme unterstützen, erleichtern oder verkürzen den Behandlungsprozess in Abstimmung mit den beteiligten Leistungserbringern und Kostenträgern.