Sechs Wege zur Diagnose

Neuere Forschungen weisen darauf hin, dass das Durchschnittsalter für die Diagnose bei etwa acht Jahren liegt, doch reicht die Altersskala von sehr kleinen Kindern bis hin zu Erwachsenen. Ich habe mich im Laufe vieler Jahre auf die Diagnose und Behandlung von Kindern und Erwachsenen mit Asperger-Syndrom spezialisiert; meiner Auffassung nach gibt es sechs verschiedene Wege, um eine Diagnose zu treffen.

Autismus in der frühen Kindheit

Einer der Gründe, warum Lorna Wing eine größere Akzeptanz des Begriffs Asperger-Syndrom vorschlug, war die Erkenntnis, dass ein bestimmter Anteil der Kinder, die in den Vorschuljahren die typischen Anzeichen für Autismus aufwiesen, später bedeutende Verbesserungen in der Kommunikation und der Entfaltung ihrer Fähigkeiten zeigen.  

Das Kind, das sich zuvor zurückgezogen und unter schweren Sprachstörungen gelitten hatte, entwickelte im Laufe der Zeit eine flüssige Sprechweise und ist somit in der Lage, sich – mit einer gewissen Unterstützung – in eine normale Klasse zu integrieren. Es steht nicht mehr abseits, ist nicht mehr stumm, und sein Verhalten und seine Fähigkeiten stimmen mit der Diagnose des Asperger-Syndroms überein. Diese Verbesserung kann mit bemerkenswerter Schnelligkeit erfolgen und noch vor dem Alter von fünf Jahren eintreten.  

Es ist nicht klar, ob dies bei manchen Kindern ein natürliches Phänomen ist oder ob es frühen Interventionsprogrammen zuzuschreiben ist (wahrscheinlich trifft beides zu). Dennoch war die vorige Diagnose auf klassischen Autismus bei dem kleinen Kind richtig, aber das Kind hat gemäß des autistischen Kontinuums Fortschritte gemacht – bis zu dem Erkrankungsgrad, den wir Asperger-Syndrom nennen.  

Es ist ganz wichtig, dass die Diagnose auf Autismus regelmäßig überprüft wird, damit man feststellen kann, ob die genauere Diagnose nun Asperger-Syndrom lautet und ob das Kind an entsprechende Förderstellen überwiesen werden sollte.  

Wenn das Kind in die Schule kommt

Es ist gut möglich, dass die Entwicklung des Kindes in den Vorschuljahren ohne Auffälligkeiten vonstatten ging, und dass weder Eltern noch Ärzte jemals in Betracht zogen, das Kind könnte autistisch sein.

  • Der Lehrer bemerkt Auffälligkeiten

    Dennoch ist der erste Lehrer, den das Kind hat, mit den Maßstäben für normales Verhalten und normale Fähigkeiten bei kleinen Kindern vertraut und beobachtet, dass das Kind das Spielen mit anderen meidet, die Regeln des Sozialverhaltens innerhalb der Klasse nicht versteht, ungewöhnliche Sprechgewohnheiten hat und eine außergewöhnliche Fantasie an den Tag legt, sich ferner von einem bestimmten Thema ganz besonders angezogen fühlt und sehr unbeholfen beim Zeichnen, Schreiben oder Ballfangen ist. Es kann sich zudem störend und aggressiv verhalten, wenn es in nicht vermeidbare Nähe zu anderen Kindern gerät oder wenn es auf etwas warten muss.  

  • Relativ normales Verhalten zu Hause

    Zu Hause benimmt sich das Kind möglicherweise ganz anders; es spielt mit seinen Geschwistern und interagiert in relativ normaler Weise mit seinen Eltern. Doch unter ihm nicht vertrauten Umständen und im Zusammensein mit Gleichaltrigen treten die Anzeichen stärker hervor. Diese Kinder haben zwar die klassischen Symptome, doch sehen ihre Lehrer keinen wirklichen Grund, sie an Spezialisten zu verweisen. Sie werden ihre ganze Schulzeit hindurch als sonderbar angesehen und versetzen ihre Lehrer immer wieder in Erstaunen.

Ein atypischer Ausdruck eines anderen Syndroms  

Es ist möglich, dass die frühe Entwicklung des Kindes und seiner Fähigkeiten als ungewöhnlich erkannt wurde, und dass die Untersuchung den Verdacht auf eine bestimmte Störung nahe legt. Das Kind hatte beispielsweise eine verzögerte Sprachentwicklung oder es wurde von einem Sprachtherapeuten behandelt. Doch eine sorgfältige Beobachtung der sozialen und kognitiven Fähigkeiten des Kindes sowie seiner Interessengebiete lässt darauf schließen, dass das Profil komplexer ist und hier eher die Diagnose Asperger-Syndrom zutrifft. Vielleicht war bei dem Kind zuvor schon das Aufmerksamkeits-Defizitsyndrom diagnostiziert worden, was zur Annahme verleitete, dieses eine Syndrom erkläre alle anderen Merkmale. Manchmal wird ohne Schwierigkeiten ein anderes Leiden erkannt, wie eine zerebrale Lähmung oder die Neurofibromatose (Recklinghausen-Krankheit). Obwohl den Spezialisten auffällt, dass das Kind einen atypischen Ausdruck aufweist, reichen ihre Kenntnisse über das Asperger-Syndrom nicht aus, um diese Möglichkeit in Betracht zu ziehen.  

Falls also eine Diagnose gestellt wurde, so schließt sie nicht aus, dass noch ein zweites Leiden – wie das Asperger-Syndrom – vorliegt; klinische Erfahrungen und Forschungsstudien haben bewiesen, dass es Kinder mit zweifacher Diagnose gibt.    

Autismus oder Asperger-Syndrom bei Verwandten

Wird bei einem Kind die Diagnose auf Autismus oder Asperger-Syndrom gestellt, so unterrichtet man seine Eltern bald darauf von den unterschiedlichen Formen, in denen diese Erkrankung ihren Ausdruck findet. Solche Informationen werden aus der Fachliteratur oder aus Gesprächen mit Spezialisten oder anderen Eltern einer örtlichen Selbsthilfegruppe bezogen. Möglicherweise erhebt sich dann die Frage, ob noch ein weiteres Familienmitglied das Asperger-Syndrom haben könnte. Es gibt Familien, in denen mehr als ein Kind unter dem Syndrom leidet, oder wo das Syndrom in mehreren Generationen beobachtet wurde.  

Eine sekundäre psychologische Störung

Ein Kind mit Asperger-Syndrom wird während der Grundschulzeit möglicherweise als etwas exzentrisch oder zurückgezogen eingestuft, weist aber keinerlei Anzeichen auf, die eine Überweisung zwecks einer Diagnose nötig machen. Das kann sich im Teenageralter ändern. Die Versuche des Heranwachsenden, an den Aktivitäten Gleichaltriger teilzunehmen, können zu Depressionen führen, weil der Betroffene vielleicht verspottet wird. Ein Jugendpsychiater erkennt dann schnell, dass es sich hierbei um die sekundäre Folge des Asperger-Syndroms handelt.  

Viele junge Erwachsene mit diesem Syndrom berichten von starken Angstgefühlen. Der Betroffene kann sogar Panikattacken oder Zwangshandlungen entwickeln (zum Beispiel wäscht er sich aus Angst vor Ansteckung häufig die Hände).

Studie

Eins von 300 Kindern zeigte Asperger-Syndrom
In einer in Schweden durchgeführten Studie wurde eine für Lehrer konzipierte Einschätzskala verwendet, mit der sie Kinder in ihren Klassen erkennen sollten, bei denen Verdacht auf Asperger-Syndrom bestand. Solche Kinder wurden dann einer diagnostischen Beurteilung unterzogen, wobei man die üblichen Kriterien anlegte. Ursprünglich war man davon ausgegangen, dass etwa ein Kind unter tausend das Asperger-Syndrom aufweist (eine ähnliche Häufigkeit wie beim Autismus). Die Studie ergab jedoch, dass das Asperger-Syndrom unter 300 Kindern etwa einmal vorkommt. Folglich kann bei der Mehrheit der Kinder mit diesem Leiden vorher keine Diagnose auf Autismus gestellt worden sein.