• Wenn Patienten kollabieren, wissen wir, was zu tun ist. Eigentlich. Doch wenn sie sich mal nicht ans Lehrbuch halten, gilt es einfach nur noch, schnell zu sein.

     

Reaktion ist alles

Wenn Patienten kollabieren, wissen wir, was zu tun ist. Eigentlich. Doch wenn sie sich mal nicht ans Lehrbuch halten, gilt es einfach nur noch, schnell zu sein.

Montag, halb zwölf. Nach einem turbulenten Vormittag im Unfallkrankenhaus freue ich mich schon jetzt auf meine Mittagspause. Nur noch ein Patient. Ich lese die Anweisung. Aha, frische Schnittwunde, Beugesehnenverletzung, Nachbehandlung nach Kleinert. Die thermoplastische Schiene wurde bereits am Wochenende angefertigt. „Na gut, das wird easy. So viel kann man da am ersten Tag nicht üben“, denke ich mir und warte auf den Patienten. Ein sympathischer, schlanker Mittzwanziger mit Pferdeschwanz und runder Retrobrille wird gebracht. Mit Kennerblick bemerke ich die muskulösen, sehnigen Arme. „Sehr gut, ein Sportler“, denke ich mir, „Bewegungsanweisungen sind also kein Problem.“

„Gerade mir muss das passieren. Das Messer war zu stumpf, ich bin abgerutscht und habe mir blöd in den Finger geschnitten“, beginnt der junge Mann das Gespräch. Ich bitte ihn, Platz zu nehmen, und stelle mich wie gewohnt erst einmal vor. Während ich das Infoblatt in die Hand nehme, ergreift Herr Krause, den ich gleich duzen und Peter nennen soll, wieder das Wort: „Es gibt ja zwei Beugesehnen, und ich habe mir gleich alle beide durch-geschnitten. Genau an dieser ominösen Stelle – das Niemandsland, richtig?“ Alles klar, er hat bereits gegoogelt, und ich sehe mein Schnitzel in weite Ferne rücken. Herr Krause erzählt drauflos. Er sei Eiskletterer und wisse auch schon, dass die Schiene mit der Fingerzügelung sechs Wochen auf seiner Hand bleiben müsse. Und den Gummizügel bräuchte er, damit seine frisch genähten Beugesehnen nicht verkleben. Ich unterbreche ihn, um die Übung auch mal praktisch durchzuführen. Doch Herr Krause berichtet unbeirrt weiter von der großen chirurgischen Kunst der Beugesehnennaht, den Nachbehandlungsarten und zeigt mir schlussendlich auch noch ein Fachbuch: Verletzungen bei Berufskletterern.


Nach 14 Jahren Berufserfahrung mit Frischverletzten erkenne ich Anzeichen eines drohenden Kreislaufkollapses eigentlich ganz gut. Manche Patienten scharren mit den Beinen unter dem Tisch, andere werden blass unter der Nase, einige wischen sich nervös den Schweiß von der Stirn oderklopfen mit den Fingern auf den Tisch. Ich reagiere dann prompt, hole Wasser, besorge Traubenzucker, lagere Beine hoch. Alles Routine, alles kein Problem. Eigentlich.

Nur bei Herrn Krause erkenne ich das nicht. Er schaut weder auf die Uhr, noch scharrt oder schwitzt er. Er redet einfach pausenlos über all die Schauermärchen und Horrorfotos, die er im Internet aufgestöbert hat. Sehnenverklebungen, Infektionen, Krankenhaus-keime, Wundheilungsstörungen, hypertrophe Narben und Rerupturen. Ich merke, dass seine Gedanken entgleisen und in einem Negativstrudel einen steilen Wasserfall hinabsausen. Schnell entgegne ich: „Wir geben unser Bestes, damit all das nicht eintrifft. Aber ein bisschen Zeit zum Heilen brauchen wir schon.“ Herr Krause hält kurz inne, ich höre förmlich seine Gedanken rattern. Plötzlich Stille. „Komisch“, denke ich noch und bemerke wie sich seine Augen nach oben verdrehen.

Dann geht alles ganz schnell. Wieselflink springe ich hinter seinen Stuhl und erreiche ihn gerade noch rechtzeitig, bevor er hinabrutscht. Ui, wie schwer so ein schlaffer Körper doch sein kann. Fest drücke ich 75 muskulöse Kilo gegen meinen Busen und erreiche mit dem Fuß gerade noch die Türklinke, öffne diese und rufe ins Nachbarzimmer: „Notfall!“ Ganz professionell. Herr Krause öffnet kurz seine müden Augen und sieht, in welcher Lage wir uns befinden. „Auch das noch“, stöhnt er, um dann gleich wieder in ein schwarzes Loch abzutauchen. Das Notfallteam erreicht uns, und Herr Krause wird immer schwerer.

Endlich im Speisesaal, stelle ich mich hungrig in die Warteschlange zu meinem Schnitzel. „Du alter Hase“, denke ich mir, „da hast du die Kraft der negativen Gedanken doch tatsächlich unterschätzt.“ In dem Moment stellt der Arzt des Notfallteams pantomimisch meine unfreiwillige Umarmung nach und lächelt mich süffisant an: „Na, und wann behandeln Sie mich mal?“

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