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Business ist Business – Kolumne

Kennen Sie das? Im Vorfeld ist laut Klienten alles klar und kein Problem. Die Therapie läuft gut, aber am Ende will die private Krankenversicherung nicht zahlen. So erging es zumindest Michael Schiewack. Doch er hat seinen Preis – da hilft auch kein Augenzwinkern.

Ich sitze in der Praxis an der Anmeldung, plane die nächsten Termine und nippe an meiner Mate-Tee-Brause. Unheimlich lecker, finde ich, und der Wach-mach-Effekt ist ein großes Plus. Schließlich muss ich als Ergo auf der Hut sein und alles im Griff haben.

Plötzlich schrecke ich aus meinen Gedanken auf, denn da betritt eine junge Mutter mit Kind den Warteraum. Der Kleine wirkt ein wenig nörgelnd, die Mama ist gestylt und mega hektisch. Sie kann nur schnell vorbeikommen, das Kind abgeben und muss zum nächsten Termin. Der ist nämlich wichtig für sie, und Business ist eben Business. Sie zwinkert mir zu. Ich versuche, die Körpersignale zuzuordnen, und bin verunsichert. Dann ergänzt sie, sie sei auch privat, und zwinkert mit dem anderen Auge. Meine Gedanken laufen auf Hochtouren und versuchen, verschiedene Handlungsmöglichkeiten abzuleiten. Ich entscheide mich für die Antwort: „Ich bin leider noch im Dienst, sorry, ein anderes Mal.“ Und füge schnell hinterher, dass sie noch einen Honorarvertrag von mir bekommt. Sie solle das mit ihrem Tarif abgleichen, um die möglichen nicht gedeckten Kosten abzuschätzen. Sie winkt abschätzig ab und meint, sie wäre total gut versichert und habe noch nie Probleme mit Ärzten bekommen. Ich zucke mit den Schultern, versuche mich auf den Fall zu konzentrieren, und hole mir eine Unterschrift zum Behandlungsvertrag.

Die Therapie für das Kind läuft super. Die Eltern können wir beraten, ebenso die Lehrer, und der kleine Klient macht seine Sache ganz wunderbar. Die Mutter ist begeistert und lobt uns über den grünen Klee. Sie will unbedingt weitermachen, bekommt den Therapiebericht und die Rechnung von mir. Wieder zwinkert sie. Ich freue mich über den erfolgreichen Fall und schwebe in die nächsten Arbeitstage.

Vier Wochen später ruft die Mutter an und fragt ganz hektisch, ob man an dem Preis noch etwas machen könne. Sie schildert, dass ihre Private sonst alles bezahlen würde, lediglich ich sei zu teuer. Ich höre mich fragen, was denn laut ihrer Privaten angemessen sei. Sie murmelt etwas von zehn Euro. Ich schnappe nach Luft und mag mich nicht rechtfertigen, tue es natürlich trotzdem. Schließlich bin ich Ergotherapeut und will, dass alle alles verstehen können. So sind wir schließlich, wir Sozialen. Die Mutter wird immer aufgeregter und reicht mich an ihre Versicherungstante weiter, die offensichtlich neben ihr sitzt. Diese erläutert, dass ihre Private jede Chefarztbehandlung bezahle, ich aber etwas zu teuer sei. Ich solle doch erklären, wie ich zu meinen unverschämt hohen Preisen komme. Ich versuche, ihr ruhig den Unterschied zwischen Ärzten und Ergos zu erläutern. Auch die Preisbildung ist Thema. Sie antwortet mit einem nicht zu diskutierenden: „Trotzdem.“

Wenn Klienten die Preise neu verhandeln wollen …

Ich richte mich am Telefon auf, atme tief ein und aus, ein und aus, ein und aus, bestehe auf die Rechnung und schildere kurz das Mahnwesen in unserem Hause. Die Mutter fragt anschließend emotionslos, ob wir beim zweiten Rezept die Preise neu verhandeln könnten, schließlich hätten wir ja so gut zusammengearbeitet. Ich atme nochmals eine Serie von Luftzügen und antworte mit einem nicht zu diskutierenden „Nein“ und ergänze: „Business ist eben Business.“ Das Zwinkern ist am Telefon kaum sinnvoll, ich tue es trotzdem.

Aus der Zeitschrift: ergopraxis 03/2019

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