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Fortbildungswahn

Fortbildungen gehören in der Ergotherapie zum guten Ton. Michael Schiewack ist in Sachen Weiterbildungen ziemlich aufnahmefähig.

Ich habe Durst. Nein, mich dürstet es. Und zwar nach Wissen. Fortbildungen sind mein Leben. Warum wird man auch sonst Ergotherapeut? Klar, da geht’s ums Helfen, und das ist auch gut. Aber all das hat doch nur Sinn, wenn man ganz viel Wissen in sich aufgesogen hat.

Manche Dozenten nennen mich mittlerweile ganz ehrfürchtig den „Schwamm“. Das macht mich richtig glücklich. Allerdings habe ich derzeit Schwierigkeiten damit, das Passende für mich zu finden. Ich lasse mich also treiben durch die Welt der Fortbildungen. Geld spielt keine Rolle. Wir Ergotherapeuten leben sowieso von Luft und … naja, vielleicht manchmal auch von Liebe.

Plötzlich finde ich etwas Spannendes: Schultertherapeut! Anerkannt von der Schultergelenksgesellschaft. Ich bin sofort überzeugt, brauche aber noch ein paar Infos. Das Internet soll mir helfen. In einem Forum frage ich, ob sich die Fortbildung lohnt. Völlig unverfänglich. Dass ich damit ganz offensichtlich den Nerv der Zeit getroffen habe, merke ich ein paar Tassen Tee später. Sage und schreibe 20 Antworten. Das kann nur bedeuten: Ich bin hypermodern und liege genau richtig. Die ersten Antworten lesen sich herrlich: „Der Schultertherapeut ist hochmodern und die Ausbildung beim Institut Schultertherapie unglaublich gewinnbringend. Natürlich schließt man das Ganze mit einem Zertifikat ab.“ Zertifikate sind super, das weiß ich. Sie bedeuten, dass man etwas Richtiges gemacht hat, denn auch die Ärzte finden Zertifikate super.

Ich lese weiter: „Das Schulterinstitut ist doch bloß hinter dem Geld her. Ich finde die Schulterakademie viel besser. Die sind im europäischen Verein der Schulterheiler aktiv. Abschluss ist hier natürlich ein Diplom, weil international und sowieso.“ Das klingt ja noch viel besser! Ich bin begeistert und möchte jetzt unbedingt internationale Diplome haben. Genau so stelle ich mir die Zukunft der Ergotherapeuten vor. Visionär, unkonventionell und international. Schon gehe ich das Anmeldeformular durch, und mich schreckt nicht einmal ab, dass ich verschiede Module und Aufbauseminare besuchen muss. Das kostet nicht nur viel Geld, was seit dem Mindestlohn in Deutschland reichlich vorhanden ist, sondern auch Zeit. Aber Weisheit dauert eben. Stutzig werde ich, als ich merke, dass ich noch eine Prüfungsgebühr entrichten muss, um den geschützten Namen für sage und schreibe fünf Jahre tragen zu dürfen. Der Refresher im Anschluss daran ist dafür aber im Angebot enthalten. Ich bin schwer begeistert.

Ich will mich bei der Online-Community bedanken, da lese ich kurz quer: „Das ist alles Quatsch. Nur die Shoulder Academy mit Sitz in Berlin ist die einzige anerkannte Vertretung der Schulterexperten in Europa und sogar weltweit. Nur dort werden internationale Standards erarbeitet und gelehrt.“ Mir klappt die Kinnlade herunter. Das ist ja unfassbar.

Unfassbar gut. Aus einer Idee wurde ein gigantisches Feld an Fortbildungswissen. An der Academy bekomme ich neben dem Diplom eine Registrierung in einem Therapeutenverzeichnis. Ich muss nur die monatliche Bearbeitungsgebühr bezahlen. Das könnte meine Reputation ins Unendliche steigern. Ich bin beseelt von den Möglichkeiten der Diplome und Zertifikate. Eine Teilnahmebescheinigung ist heute echt nichts mehr wert. Um wirklich sicherzugehen, buche ich einfach alle drei angebotenen Fortbildungen. Der Schwamm hat schließlich noch Kapazität.
Michael Schiewack

Aus der Zeitschrift ergopraxis 4/2015

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