• Rieke Guhl

     

„Ich liebe diesen Beruf so sehr, dass ich dafür kämpfen werde“ – Rieke Guhl

Wenn sie über ihren Beruf spricht, fangen Rieke Guhls Augen an zu leuchten. Und sie kämpft für das, was sie liebt: Ergotherapie! Denn die Hamburgerin möchte dringend etwas an den Arbeitsbedingungen von Heilmittelerbringern verändern. Den Anfang machte sie 2018 mit der Kreideaktion, die durch alle Medien ging. Warum sie trotzdem über eine berufliche Pause nachdenkt, hat sie ergopraxis im Interview erzählt.

Rieke, was bedeutet dir dein Beruf?

Ergotherapeutin zu sein ist für mich ein absoluter Traumberuf, weil ich Menschen ein Stück auf ihrem Lebensweg begleiten darf. Es ist wirklich ein Geschenk, meine Klienten unterstützen zu können. Ich bekomme von ihnen unglaublich viel Wertschätzung zurück.

Weiß der Otto Normalverbraucher eigentlich, was Ergotherapie ist?

Wenn ich Menschen erzähle, dass ich Ergotherapeutin bin, fragen einige: „Das ist doch so was mit Massieren, oder? Wie Physiotherapie, nur anders, richtig?“ Die meisten haben aber keine Idee. Deshalb habe ich vor zwei Jahren bei Instagram das Profil „ergotherapie_to_go“ eingerichtet. Hier möchte ich Aufklärungsarbeit leisten und erklären, was Ergotherapeuten genau machen, welche Möglichkeiten es gibt, um Menschen zu helfen, und welcher Sinn hinter der Ergotherapie steckt. Dadurch den Blick der Öffentlichkeit auf uns Ergotherapeuten zu verändern ist mir sehr wichtig geworden.

Hast du eine ganz besondere Geschichte mit deinen Klienten erlebt, die du gerne teilen möchtest?

Ich baue zu jedem Klienten eine besondere Bindung auf, aber ich würde gerne von einer 83-jährigen Dame erzählen. Sie hatte vor acht Jahren einen Verkehrsunfall, bei dem sie eine schwere Kopfverletzung erlitt. Daraufhin lag sie monatelang im künstlichen Koma. Zurück blieben starke motorische und kognitive Einschränkungen, sodass sie seitdem auf ergo- und physiotherapeutische Behandlung im häuslichen Umfeld angewiesen ist. Als ich sie vor einem Jahr kennenlernte, fielen mir direkt die wunderschönen Bilder an ihren hohen Wänden auf, die sie selbst gemalt hatte. Als ich sie fragte, ob sie nach ihrem Unfall noch zeichnen würde, antwortete sie sofort: „Nein, das kann und will ich nicht mehr.“

Nun hatte ich es gewagt, sie mit ihrem alten, künstlerischen Leben zu konfrontieren. Dabei hatte ich zwar ein mulmiges Gefühl, wir beide sind aber mit der Zeit zusammengewachsen, und ich habe gespürt, wie viel ihr das Malen bedeutet. Wie durch einen Zufall gab es ein Bild in ihrer Wohnung, das sie damals nicht fertiggestellt hatte. Ich habe es vergrößern lassen, damit der erste Malversuch möglichst ein Erfolg wird. Natürlich wusste ich, dass sie nicht sofort wieder so zeichnen kann wie früher. Mein Gedanke war aber: Wenn sie es schafft, ihr altes Bild nach acht Jahren auszumalen, dann ist das ein Riesenerfolg für uns beide!

Als ich das Bild mitbrachte, schaute die Klientin erst einmal recht zögerlich. Dann nahm sie ihre Stifte in die Hand, und alles ging wie von allein. Das war einer der berührendsten Momente meiner beruflichen Laufbahn!

Was ist an deiner Arbeit so besonders?

In meinem Beruf als Ergotherapeutin betrachte ich den Menschen vor mir und nicht nur die Person, die schwer krank ist. Ich verlasse mich oft auf mein Bauchgefühl und mache auch mal Sachen, die vielleicht nicht ganz normal sind. Wenn man eigene Ideen hat, kann man als Ergotherapeutin seinen Joballtag wirklich sehr schön gestalten. Und ich habe gemerkt, dass die Dinge, die ich neu ausprobiere, einen feinen Unterschied machen, weil sie den Klienten intrinsisch motivieren und ihm so wirklich helfen.

Ich versuche immer, mich in die Lage der Person vor mir hineinzuversetzen, und stelle mir Fragen wie „Wenn ich jetzt an seiner Stelle wäre, was würde ich mir wünschen?“, oder „Was ist es, das ihn im Innersten bewegt und antreibt?“. Und das ist sehr individuell. Jeder Klient hat andere Ziele, und es gilt diese herauszufinden und zu respektieren.

Wenn du einen Wunsch frei hättest, was wäre das?

Das ist eine große Frage. Wenn ich ganz ehrlich bin, bin ich im Moment eher bei der Frage „Was mache ich hier eigentlich?“. Diese Frage stellen sich wohl viele Therapeuten gelegentlich. Ich stellte sie mir in den vergangenen Monaten tatsächlich öfter.

Ich kann mir mein Leben mit 26 Jahren nicht leisten, und ich lebe bestimmt nicht auf großem Fuß. In drei Jahren Ausbildung habe ich 13.000 Euro bezahlt. Danach habe ich Fortbildungen für 8.000 Euro gemacht, von denen ich nur 4.000 Euro selbst übernommen habe, da ich von meinen Arbeitgebern Unterstützung erhalten habe. Diese Fortbildungen habe ich mitunter in meinem Urlaub gemacht, da die fünf Tage Bildungsurlaub nicht genügen. Wenn ich das alles betrachte und befürchten muss, dass mir die Altersarmut bevorsteht, frage ich mich ernsthaft: „Was mache ich hier? Ist das der Dank dafür, dass ich mich dafür entschieden habe, Menschen zu helfen und eine kompetente Ergotherapeutin zu sein?“

Welche Antwort hast du auf diese Frage – was fehlt dir?

Mir fehlt die finanzielle Wertschätzung für meinen Beruf seitens der Politik und der Krankenkassen. Wir haben täglich so viel Verantwortung und sorgen dafür, dass große und kleine Menschen wieder am Leben teilnehmen können, dass sie wieder arbeiten und weiterhin in ihrem häuslichen Umfeld leben können.

Um etwas zu verändern, steht für mich an erster Stelle die Erhöhung der Vergütung durch die Krankenkassen um 30 Prozent, die bereits von mehreren Politikern gefordert wurde. Als Zweites wünsche ich mir die deutschlandweite Umsetzung der Schulgeldfreiheit und Reformierung der Ausbildung, auch im Hinblick auf die Akademisierung.

Lesen Sie das gesamte Interview hier: „Ich liebe diesen Beruf so sehr, dass ich dafür kämpfen werde“ – Rieke Guhl

Aus der Zeitschrift: ergopraxis 06/19

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