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Marlies Hübner – „Ich lasse mich nicht auf faule Kompromisse ein“

Sie ist Autistin, unbequem und führt der Welt vor Augen, wie schwer es Menschen mit Autismus im Alltag gemacht wird. Ein Gespräch mit Marlies Hübner über ihr erstes Buch „Verstörungstheorien“ und neue Wege zu mehr Teilhabe.

Ich möchte mit einem Zitat aus Ihrem Buch „Verstörungstheorien“ in dieses Interview einsteigen: „Es ist nicht so, dass ich die Welt da draußen ablehne. Vielmehr glaube ich, dass man mich mit der völlig falschen Ausrüstung in diese geschickt hat. Das Leben mit Autismus fühlt sich zu oft an, als verlange man von mir, im Ski-Anzug zu schwimmen. Theoretisch müsste das schon gehen, denn die Schwimmbewegungen bleiben die gleichen, egal, was man dabei trägt. Aber beim Versuch der praktischen Umsetzung geht man trotzdem gnadenlos unter.“ So beschreibt Ihre Protagonistin Elisabeth das Leben mit Autismus. Empfinden Sie es genauso?

Elisabeth formuliert es etwas drastischer, als ich es üblicherweise zu tun pflege, aber ich empfinde es sehr ähnlich. Viele Autisten versuchen, anhand von Filmen und Büchern Sozialverhalten zu lernen, versuchen verzweifelt, sich anzupassen und nicht aufzufallen, merken aber schnell, dass sich die erlernten Muster nicht auf das Leben übertragen lassen. Meine Kindheit und Schulzeit und auch weite Teile meiner 20er waren von diesen ausdauernden Anpassungsversuchen geprägt, die aber alle nur in Erschöpfung und Einsamkeit mündeten.

Es hat Jahre gedauert, bis ich die Diagnose annehmen konnte.

 

Sie erhielten mit 28 Jahren die Diagnose Autismus. Wie haben Sie sich dabei gefühlt? Wie hat die Diagnose Ihr Leben verändert?

Die Diagnostik war der negative Höhepunkt eines bis dahin sehr schweren Lebens. Und es sollte noch zwei, drei Jahre dauern, bis ich die Diagnose vollends für mich annehmen konnte. Ich musste dafür erst einen Zugang zu meinem Sein schaffen, zu dem, was mich ausmacht. Den fand ich im Schreiben. Erst damit hatte ich die Möglichkeit, all das umfassend zu verarbeiten, für mich anzunehmen und mein Leben meiner Persönlichkeit anzugleichen – und nicht weiterhin einem von nichtautistischen Menschen geprägten Ideal.

 

Beeinflusst der Autismus Ihr tägliches Leben, beispielsweise im Beruf oder in der Freizeit? Falls ja, inwiefern?

Beruflich gibt mir mein Autismus die Möglichkeit, in meinem Fachgebiet hervorragende Leistungen zu erbringen. Ich weise nach kurzer Zeit Wissensstände auf, für die andere weitaus länger benötigen, und arbeite präzise und analytisch – Fähigkeiten, die in einem Kommunikationsteam durchaus von Bedeutung sind. Mein Privatleben prägt der Autismus natürlich auch. Freundschaften, die ich sehr ausgewählt führe, pflege ich sehr innig und kommunikationsintensiv. Ich wertschätze sie auf einem sehr viel höheren Level, als ich es bei anderen Menschen beobachte.

 

Wenn Sie jemandem erklären müssten, was es bedeutet, mit Autismus zu leben, der noch nie davon gehört hat – was würden Sie sagen?

Dazu müsste ich autistisches Leben mit nichtautistischem Leben vergleichen, und genau davon möchte ich Abstand nehmen. Das Messen von Autisten an Nichtautisten ist Quelle vieler Vorurteile, ungerechter Behandlung und auch Diskriminierung. Leben an sich ist die Suche nach Sinnhaftigkeit, egal mit welcher neurologischen Grundvoraussetzung.

 

Lesen Sie hier den gesamten Beitrag: Marlies Hübner – „Ich lasse mich nicht auf faule Kompromisse ein“

Aus der Zeitschrift ergopraxis 07/08 2017

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