• Wachkoma © Thieme Verlagsgruppe, Studio Blofield

     

Die wichtigsten Strategien ...

ZUR KONTAKTAUFNAHME BEI MENSCHEN IM WACHKOMA: Eine Therapeutin zeigt oder erklärt eine Übung oder Handlung, der Klient schaut zu und versteht, was zu tun ist. So läuft es normalerweise. Was aber, wenn der Klient nicht reagieren kann, weil er nicht bei Bewusstsein ist? Wenn die Ergotherapeutin nicht genau weiß, wie viel ankommt? Personen mit reaktionsloser Wachheit brauchen spezielle Formen der Kontaktaufnahme.

Hintergrund

Definition

       

Das Syndrom reaktionsloser Wachheit (Unresponsive Wakefulness), häufig auch Wachkoma, Apallisches Syndrom oder Persistent Vegetative State genannt, ist ein Zustand nach einer schweren Hirnschädigung, bei dem vor allem die Großhirnrinde beschädigt ist (A-pallium = ohne Mantel). Die Folgen sind unter anderem der Verlust von bewusstem Denken und Handeln, Sprache und aktiver Motorik. Der Auslöser ist in 30 bis 40 Prozent der Fälle ein Schädel-Hirn-Trauma, bei etwa 70 Prozent sind Sauerstoff-mangel, Toxen oder Tumore ursächlich. Der Begriff des Unrespon-sive Wakefulness Syndrome (UWS) ist die aktuell in Fachkreisen genutzte Bezeichnung. Die „Multi-Society Task Force on Persistent Vegetative State“ hat die Symptome des Syndroms im Jahr 1994 zusammengefasst:

  • vollständiger Verlust des Bewusstseins über sich selbst oder die Umwelt und Verlust der Fähigkeit zur Kommunikation
  • Verlust der Fähigkeit zu willkürlichen oder sinnvollen Verhaltensänderungen infolge externer Stimulation
  • Verlust von Sprachverständnis und -produktion
  • Harnblasen- und/oder Darminkontinenz
  • gestörter, aber grundsätzlich erhaltener Schlaf-/Wachrhythmus
  • weitgehend erhaltene Reflexe des Hirnstamms, des Rückenmarks und des vegetativen Nervensystems 
Wichtig ist, das UWS vom Minimalen Bewusstseinszustand (Minimally Conscious State, MCS), vom Locked-in-Syndrom und von starken, länger andauernden Durchgangssyndromen zu unterscheiden. Beim MCS können Klienten geringe Reaktionen auf äußere Reize zeigen. Beim Locked-in-Syndrom ist man bei Bewusstsein, aber aufgrund einer Hirnstammschädigung bewegungsunfähig. Um die Differenzialdiagnosen vom UWS abzugrenzen, sind mehrwöchige wiederholte Untersuchungen nötig.

Symptome 

Das UWS ist ein Krankheitsbild mit verschiedenen Ausprägungen. In der Akutphase auf der Intensivstation sind die Klienten oft komatös, werden künstlich beatmet und über eine Sonde ernährt. Besonders in der Anfangsphase sind vegetative Funktionen häufig instabil, was sich durch Herzrasen, starkes Schwitzen oder hohen Blutdruck zeigt. Der Muskeltonus ist nicht reguliert, Spastiken sind oft die Folge.

Prognose

Eine Prognose lässt sich kaum stellen. Die Faustregel: Je jünger, desto besser die Chancen auf Verbesserung. Grundsätzlich sind die Heilungschancen nach traumatischen Ereignissen höher als bei toxischen oder hypoxischen Auslösern.    

Tipps

Erster Kontakt: Ankommen

       

Beginnt nach dem Krankenhausaufenthalt die Phase der Rehabilitation, hat die Kontaktaufnahme in der ersten Therapiesitzung absolute Priorität. Der Klient erhält die Zeit, um in der Therapiesituation anzukommen. Ergotherapeuten können hierbei Kommunikation und Kontaktaufbau als Ziele formulieren – ein erster Schritt, um Teilhabe zu ermöglichen. Die Ergotherapeutin erfasst den Raum: Wo und wie steht das Bett? Wie liegt der Klient? Wie sind die Lichtverhältnisse? Haben Therapeuten Berührungsängste, kann es helfen, erst mal nur die Hände auf die Schultern des Klienten zu legen, den eigenen Atemrhythmus anzugleichen und abzuwarten. Ist der Klient an ein Oximeter angeschlossen, sieht die Therapeutin, wie der Klient auf sie und ihre Ansprache oder Berührung reagiert. Sind die Reaktionen „negativ“, zum Beispiel wenn der Atem flacher oder schneller wird, lohnt es, nach der Ursache zu forschen: Gibt es störende Faktoren im Raum (laute Musik, zu laute Ansprache, zu schnelle Bewegungen)? Um gut therapieren zu können, sollten Radio oder Fernseher ausgeschaltet sein und gute Lichtverhältnisse vorherrschen. Auch die Ausgangsstellung ist für die Kommunikation wichtig. Beispielsweise kann eine Mobilisation an die Bettkante oder bei hypotonen Klienten ins Sitzbett die Kontaktaufnahme erleichtern, sofern zwei Therapeuten gemeinsam behandeln. Eine Therapeutin kann hierbei den Fokus auf die Rumpfaufrichtung legen, die andere auf den Kontaktaufbau.

Das Tempo der Klienten ist verlangsamt, da ihre Wahrnehmung gedrosselt und die kognitive Verarbeitung stark herabgesetzt ist. Die Ergotherapeutin muss warten können, ihren Erwartungsdruck senken und Empathie zeigen. Es hilft, wenn ihr bewusst ist, dass sie nicht die alleinige Heilsbringerin sein kann.

Offen bleiben und Selbstwirksamkeit stärken

Entscheidend ist, dass die Klienten sich vom Gegenüber „gesehen“ fühlen. Dies ist wichtig, um eine Perspektive entwickeln zu können. Ergotherapeuten sind regelmäßig und über eine längere Zeit bei den Klienten, sodass sie auch kleine und leise Zeichen (leichtes Drehen des Kopfes oder ein Flackern der Augen) bemerken und eine funktionierende Kommunikation aufbauen können. Klienten reagieren häufig nicht wie im Lehrbuch. Die oberste Maxime lautet daher: Immer wieder offen in die Situation gehen. Denn ein Kommunikationsaufbau ist auch nach mehreren Jahren im Wachkoma möglich.

Für die Selbstwirksamkeit der Klienten, also das Gefühl, selbst Einfluss nehmen zu können, ist es entscheidend, dass andere sie wahrnehmen. Beispielsweise können Therapeuten eine Klingel oder den Lichtschalter so anbringen, dass der Klient diese im Rahmen seiner Möglichkeiten bedienen kann.

Lesen Sie hier den gesamten Beitrag: Die wichtigsten Strategien zur Kontaktaufnahme bei Menschen im Wachkoma

Aus der Zeitschrift ergopraxis 11-12/2015
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