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„Eine gute Beziehung ist Bedingung für eine erfolgreiche Therapie“ – Prof. Giovanni Maio über Werte in der Therapie

Medizinethiker Giovanni Maio ist bekannt für seine Kritik an der zunehmenden Ökonomisierung des Gesundheitswesens. In seinem aktuellen Buch fordert er eine Rückbesinnung auf die zwischenmenschlichen Werte. Im Interview erklärt er, warum Ergotherapie eine Beziehungsdisziplin ist, deren wichtigste Aufgabe die Motivation ist, und warum wir unsere Patienten nicht Kunden nennen sollten.

Herr Maio, würden Sie heutzutage jungen Menschen empfehlen, Ergo- oder Physiotherapie zu lernen?

Es sind sehr schöne Heilberufe, die dem Menschen die Möglichkeit geben, anderen professionell nahezukommen und sie in einer wichtigen Lebensphase dabei zu unterstützen, ihre eigenen Ressourcen neu zu mobilisieren. Insofern sind Ergo- und Physiotherapie sinnstiftende Berufe, die erstrebenswert sind, weil man anderen Menschen in vielfältiger Weise helfen kann.

Therapeuten sind schlecht bezahlt – sicherlich ein Entscheidungsaspekt für die Berufswahl. Sehen Sie ein Spannungsfeld zwischen schlechter Bezahlung und Sinnstiftung?

Ja, wir haben heute eine Schieflage. Das technisch Eingreifende, Invasive wird sehr gut bezahlt, und alles, was mit der direkten Beziehung zu tun hat, wird unterbezahlt. Das haben wir in den Therapieberufen, der Pflege und auch bei den Ärzten. Therapie aber ist eine Beziehungsdisziplin, weil sie ohne Beziehung zum Patienten nicht funktionieren kann. Insofern müssen sich Therapeuten darüber im Klaren sein, dass ihre eigentliche Leistung nicht im technischen Vorgehen liegt, sondern darin, eine gute Beziehung aufzubauen. Also nicht die Aktion ist die Leistung der Ergotherapeuten, sondern die Interaktion. Die Interaktion mit einem Menschen, der ja am liebsten das, was er hat, gar nicht haben möchte. Er delegiert daher an den Experten, dass er das wieder richte. Die Aufgabe der Therapie besteht darin, eine solche Vertrauensbeziehung aufzubauen, damit dem Menschen klar wird, dass er seinen Körper nicht einfach abgeben und funktionstüchtig wieder abholen kann. Er muss selbst aktiv werden. Dieser Prozess erfordert ein besonderes Vertrauensverhältnis.

Sie betonen die Bedeutung der Beziehung. Könnten Sie den Wirkstoff „Beziehung“ näher beschreiben?

Im Grunde ist es ja überall in der Medizin so, dass es nicht darum geht, eine Technik an einem Objekt anzuwenden, um das Objekt zu manipulieren, sondern es geht immer um den Kontakt mit Menschen. Und der Mensch ist nun mal kein Mechanismus, der automatisch reagiert, wie eine Maschine. Der Mensch ist ein komplexes Wesen, das ganz spezifisch auf konkrete Situationen reagiert. Und in diese Situation wird eine Atmosphäre hineingelegt. Menschen reagieren nicht alle gleich, sondern unterschiedlich, je nachdem in welcher Atmosphäre sie sich fühlen. Deswegen ist die Beziehung nicht der Ersatz der Technik. Aber eine gute Beziehung ist die Bedingung für eine erfolgreiche Therapie. Ohne Beziehung können Therapeuten noch so gut die richtige Technik anwenden, sie wird weniger wirksam sein, als wenn eine Beziehung da ist – in dem Sinne, dass sich der Patient ernst genommen und verstanden fühlt. Die Wirkkraft der Beziehung resultiert aus dem Gefühl des Patienten, ernst genommen zu werden und als Individuum und unverwechselbarer Mensch anerkannt worden zu sein.

Die Aufgabe der Ergo- und Physiotherapeuten besteht nicht primär darin, den richtigen Handgriff auszuführen, auch wenn dieser wichtig ist. Ihre eigentliche Aufgabe ist Motivation! Sie müssen im Gegenüber innere Ressourcen mobilisieren und freilegen. Schaffen sie das nicht, können sie noch so handwerklich geschickt sein: Es wird nicht gelingen. Die Menschen, die zum Therapeuten kommen, befinden sich in einem Angstzustand – Angst vor der Zukunft und Angst, dass es weh tut. Sie müssen sich daher erst einmal fallen lassen können, um mitmachen zu können. Und dieses Fallen-lassen-Können erfordert ein Gefühl der Geborgenheit und des Vertrauens.

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Aus der Zeitschrift: ergopraxis 01/2020


Prof. Maio ist Keynote-Speaker auf dem physiokongress zum Thema "Physiotherapie - eine Beziehungsdisziplin".
Dieses Jahr haben Sie erstmals die Möglichkeit, Ihr persönliches Kongressprogramm an bis zu drei Tagen zusammen­zustellen. ergotag, physiokongress und Süddeutsches Verbände Symposium strotzen nur so vor interprofessionellen Themen.  

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