Leserstimmen zum Buch

Rezensent: J. Pfeiffer | Oktober 2014

Als ich begonnen habe dieses Buch zu lesen, war ich nach den ersten Seiten etwas unsicher, ob es mir gefallen würde, da es doch zunächst sehr sachlich und etwas trocken geschrieben war im Vorwort. Dies änderte sich in den darauffolgenden Kapiteln aber. Das Buch erfüllt absolut seine Absicht: es regt zum Nachdenken an. Dabei hat es mir sehr geholfen, dass ich das Buch abends alleine im Bett gelesen habe, denn der Inhalt wie auch der Schreibstil sind nicht etwas, das man einfach mal so nebenbei liest. Die behandelten Thematiken wie die künstliche Befruchtung oder Organtransplationen sind Experten wie auch Laien ein Begriff, sodass im Grunde jeder dieses Buch lesen könnte. Der Author konfrontiert den Leser mit einer Vielzahl von Fragestellungen aus einer ethischen Grauzone, was dazu führt, dass man selbst über seinen eigenen Standpunkt nachdenkt oder diesen vielleicht sogar überdenkt, da die Themen aus verschiedensten Blickwinkeln beleuchtet werden. Ich kann das Buch jenen empfehlen, die sich Zeit nehmen möchten, einmal in Ruhe über ethische Problematiken Gedanken zu machen. Ich bin mir sicher, dass auch andere Leser an der ein oder anderen Stelle sagen: „So hab ich das noch gar nicht gesehen.“

 

Rezensent: S. Schlaugat-Müller | Oktober 2014

Selten hat mir jemand so aus der Seele gesprochen, wie Herr Maio in seinem neuen Buch. Ich bin Krankenhausseelsorgerin in einem Kreiskrankenhaus und von daher mit der Thematik befasst, sowohl im ethischen wie im gesundheitspolitischen Bereich. In der Regel pflege ich mir wichtige Stellen eines Buches zu markieren. Dies hätte hier zur Folge gehabt, jeden Satz unterstreichen zu müssen. Dieses Buch müsste zur Pflichtlektüre werden für alle, die im Gesundheitsbereich tätig sind: Studenten, Mediziner, Medizinökonomen etc., aber vor allem Politiker, denn – und das ist meine Kritik an diesem Buch – ich habe das Gefühl, dass dieses Buch mindestens ein Jahrzehnt zu spät kommt. Die Weichen sind in der Politik doch längst anders gestellt: Gesundheitsfürsorge ist doch längst keine Aufgabe der Allgemeinheit, des Staates mehr durch die fortschreitende Privatisierung und Kommerzialisierung des Gesundheitswesens. Der kranke Mensch nicht mehr Patient sondern Kunde, Gesundheit ist Ware, medizinische Leistungen sind Dienstleistungen, dazu das unselige Abrechnungssystem nach Fallpauschalen – all dies sind doch Ist-Zustände, die politisch gewollt sind und forciert werden und, wie Herr Maio immer wieder aufzeigt, mit schönen, fortschrittlichen Begriffen verbrämt werden. Es geht doch längst nicht mehr um den Menschen – und hier meine ich nicht nur den Patienten, sondern auch Mediziner, Therapeuten und in der Pflege Beschäftigte – sondern um Gewinnmaximierung, um die „schwarzen Zahlen“. So hinterlässt dieses Buch bei mir auch ein Gefühl der Trauer, Ohnmacht und auch Wut, dass es wohl kaum möglich ist das Rad der Geschichte zurückzudrehen. Trotzdem danke ich Herrn Maio von Herzen, weil er mich in meinem Denken und Handeln bestätigt hat.

   

Rezensent: A. Monning | Oktober 2014

Mir ist Giovanni Maios Buch durch Kollegen aus dem alternativen (!) Gesundheitszirkus in die Hände gefallen. Beim Lesen von Maios Erinnerungen und Aufforderungen habe ich oft gedacht: Ist das nicht eigentlich klar? Aber irgendwann habe ich auch begriffen, dass er eben genau zu einer Klientel spricht, der das NICHT oder NICHT MEHR klar ist, die viele menschliche Selbstverständlichkeiten aus den Augen verloren hat. Und so hat es gleich wieder eine ganz andere Qualität bekommen, dass er nämlich antritt, um seine Kolleginnen und Kollegen an etwas zu erinnern, was als Selbstverständnis verloren zu gehen droht und zurück geholt werden sollte. Dafür findet er präzise, einfühlsame und oft eindringlich Worte. Für meinen Geschmack insgesamt zu viele, aber wie gesagt, als vermutlich liege ich auch etwas außerhalb der Zielgruppe. Aber: So großartige Sätze wie im Abschnitt über Alter und Hilfsbedürftigkeit „Man kann zugleich hilfsbedürftig sein und sich einen Rest an individueller Lebensführung bewahren, und wenn diese nur in den kleinsten Verrichtungen des Alltags, in der Wahl des einen und nicht eines anderen Wortes, einer Geste oder Mimik liegt“ machen aus meiner Sicht gefühlte Längen und Redundanz locker wett, und solche Perlen kommen immer wieder. Ich finde: Bereichernde, empfehlenswerte Lektüre.

   

Rezensent: P. Rais Parsi | November 2014

Thema der Publikation
Das im Jahr 2014 im TRIAS Verlag erschienene Werk „Medizin ohne Maß? Vom Diktat des
Machbaren zu einer Ethik der Besonnenheit“ befasst sich mit einer eigentlich alltäglichen Frage: Muss
man alles tun was man tun kann? Es gibt wohl kaum einen Bereich, in dem die Beantwortung dieser
Frage so schwer fällt, wie bei der modernen Medizin. Und dennoch beleuchtet Maio in seinem Buch
verschiedene Fragestellungen zu dieser Thematik und liefert eindrückliche Antworten. Eine Ethik der
Besonnenheit, so der Autor, eröffnet ungeahnte Perspektiven: Wenn wir die Grenzen nicht kennen,
können wir nicht glücklich werden. Wenn wir uns jedoch vom Perfektionsglauben lösen können wir
zu einer neuen Gelassenheit finden – die letztlich die Bedingung für ein gutes Leben ist.

Vorstellung des Autors
Giovanni Maio ist Philosoph und Mediziner mit einer langjährigen internistisch-klinischen
Berufserfahrung. Er ist Inhaber des Lehrstuhls für Bioethik/Medizinethik an der Albert-
Ludwigs-Universität in Freiburg und Direktoriumsmitglied des Interdisziplinären Ethik-Zentrums
Freiburg. Zudem ist er Direktor des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin und Mitglied
verschiedener Ethikkommissionen sowie Ethikbeiräte. Aufgrund seiner verschiedenen
Kompetenzen sowie Qualifikationen kann er als geeigneter Fürsprecher für eine „Ethik der
Besonnenheit“ angesehen werden.


Inhalt und Aufbau des Buches
Der Aufbau des Buches folgt den Fragestellungen, die der Lebenslauf eines Menschen in der heutigen
Zeit mit sich bringen kann. Nach einer kurzen Einleitung wird die Phase vor der Geburt mit
der Reproduktionsmedizin zur künstlichen „Herstellung“ eines Kindes betrachtet (Kapitel 1), gefolgt
von der Pränataldiagnostik (Kapitel 2). Anschließend wird die Mitte des Lebens in den Blick
genommen: Muss immer alles schöner, besser und folglich leistungsfähiger werden (Kapitel 3)
und ist unsere Pflicht gesund zu sein (Kapitel 4)? Darauf folgen Gedanken zur Organspende
(Kapitel 5) und Fragestellungen zum Wert des Alters (Kapitel 6), sowie eine Betrachtung von
Formularen als Gesprächsersatz (Kapitel 7). Schließlich steht der letzte Lebensabschnitt im
Mittelpunkt und damit die Überlegungen zu einer neuen Kultur des Sterbens (Kapitel 8). Abgerundet
wird das Buch durch einen Epilog, in dem abschließende Fragen diskutiert werden.


Fazit und Diskussion
Der Autor wirft in seinem Buch sehr grundlegende Fragen auf und scheut sich nicht, auch allgemein
akzeptierte Einstellungen und Vorgehensweisen in Frage zu stellen. Jedoch wirkt das Buch
keineswegs als fortlaufende Kritik an den modernen Entwicklungen der Medizin. Es zeigt nicht nur
die Schattenseiten auf, sondern liefert auch zahlreiche Denkanstöße, die dazu beitragen können
selbstbestimmte und informierte Entscheidungen zu treffen – oder sich zumindest Gedanken über Sinn
und Unsinn zahlreicher, häufig als selbstverständlich betrachteter, medizinischer Möglichkeiten
zu machen.
Und eines verdeutlicht der Autor sehr schnell: Jede medizinische Errungenschaft, die er in
seinem Buch betrachtet, hat seine Schattenseiten. Auch wenn auf den ersten Blick die Vorteile
überwiegen mögen, führt eine tiefergehende oder umfassendere Betrachtung dazu, dass auch die
Nachteile ans Licht kommen. Sei es die künstliche Befruchtung, die die natürliche Zeugung zur
„Herstellung“ eines Kindes werden lässt oder die Pränataldiagnostik, die den gesellschaftlichen
Druck stärker werden lässt, dass Eltern ein gesundes Kind zur Welt bringen müssen. Auch die
Frage, welcher Belastung Eltern ausgesetzt sind, die auf Grundlage einer frühdiagnostischen
Untersuchung erfahren, dass ihr Kind nicht „normal“ sein wird, wird viel zu selten gestellt und in
diesem Buch eingehend betrachtet. Letztlich verdeutlicht der Autor meines Erachtens sehr
eindrücklich, die gesellschaftlichen Erwartungen, die mit den medizinischen Errungenschaften
verbunden sind: Wenn etwas machbar ist, muss es auch getan werden. Wenn ich krank bin, obwohl es
doch Medikamente gegen die Krankheit gibt, habe ich wohl etwas falsch gemacht und es muss meine
eigene Schuld sein, dass ich nicht gesund bin.
Als sehr positiv habe ich auch empfunden, dass auch aktuell stark diskutierte Themen aufgegriffen
werden, beispielsweise die Organspende. Der Autor beschreibt hierbei eine Entwicklung weg von der
eigentlichen Spende, hin zur „Bürgerpflicht“ – und das, obwohl die Grundlage für die Spende eines
Organes (der Hirntod) längst nicht allen potenziellen Spendern klar sein kann. Aber auch die
Diskussion der teilweise systemisch bedingten Fehlanreize für Ärzte und Kliniken im Bereich
der Organtransplantationen liefert einen interessanten Einblick in die Hintergründe, die
möglicherweise die Entstehung der wohlbekannten Transplantationsskandale begünstigt haben
können.
Insgesamt schafft der Autor es sehr gut, auch komplizierte medizinische Sachverhalte
verständlich dazulegen. Hierzu tragen insbesondere die zahlreichen Praxisbeispiele und
Fallbeschreibungen bei, aber auch der lebendige und für mich gut zu lesende Schreibstil. Die
Kombination aus philosophischer, ethischer und medizinischer Betrachtungsweise macht das
Buch für mich zu einer absoluten Bereicherung. Auch angehende (und bereits praktizierende)
Mediziner sollten einen Blick in dieses Buch werfen, um vielleicht selbst einmal die Einheitsmeinung
in Frage zu stellen. Aber auch alle Menschen, die die Allgemeingültigkeit von Entscheidungen gerne
in Frage stellen und die Dinge nicht einfach tun wollen, weil sie getan werden können, sei dieses Buch
uneingeschränkt ans Herz gelegt.

Call to Action Icon
Zum Buch Gleich selbst überzeugen