Krankheitssymptome bei MS

Welche Frühsymptome können auf eine MS hindeuten?

Wann sollten die Alarmglocken läuten?

Die Erstmanifestation einer MS ist sehr unterschiedlich und beginnt in 60 % der Fälle mit unspezifischen Einzelsymptomen.Tatsächlich gibt es nur wenige neurologische Symptome, die nicht schon im Zusammenhang mit einer MS beschrieben worden wären. Doch bei welchen Symptomen muss an eine MS gedacht werden?

Um eine Erstmanifestation der MS richtig einzuschätzen, muss man wissen, dass der klinische Verlauf der MS variabel ist. 85 % der Patienten erleben im Rahmen eines schubförmig-remittierenden Verlaufs einen klinischen Schub, der sich über Tage oder Wochen zurückbildet. Nur bei 15 % der MS-Patienten findet man eine primär progrediente Form, bei der eine zunehmendeVerschlechterung ohne Schübe erfolgt.

Charcot beschrieb im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts einen Symptomenkomplex, der später als Charcot-Trias lange Zeit als charakteristisch für die MS gelten sollte, jedoch nur bei etwa 15 % der MS-Patienten vorkommt. Die Charcot-Trias umfasst einen Intentionstremor (ein Zittern des Armes beim Ergreifen von Gegenständen), eine Dysarthrie (Artikulationsstörung) und einen Nystagmus (unwillkürliche Augenbewegungen).

Da die MS-Herde an unterschiedlichen Orten im ZNS auftreten und die Nervenleitung auch unterschiedlich schwer beeinträchtigen, sind auch die hierdurch ausgelösten Symptome und deren Schweregrad sehr variabel. Bei der MS gibt es zwar typische körperliche Störungen oder Beschwerden, aber keine, die bei allen Betroffenen zwangsläufig vorhanden sind.

Der Weg zur Diagnose ist oft lang und mühsam, weil die Initialbeschwerden, wie z. B.Sensibilitätsstörungen der Nerven (Parästhesien), Seh- oder motorische Störungen, oft nur flüchtig sind. Der Patient sucht deswegen oft gar keinen Arzt auf, oder dieser denkt zunächst an häufiger auftretende Krankheiten, wie Zervikal- oder Lumbal-Syndrome oder Durchblutungsstörungen, so dass unter Umständen erst relativ spät nach dem tatsächlichen Krankheitsbeginn die Diagnose erfolgt.

Sensibilitätsstörungen treten in etwa 45 % der Fälle als erstes Symptom einer MS auf. Diese Manifestation ist besonders wichtig, da gerade sie oft fehlinterpretiert wird. Typischerweise berichten Patienten über Störungen der taktilen Unterscheidung. Parästhesien bei jungen Patienten, die nicht eindeutig örtlich begrenzt sind oder sich nicht dem Verlauf eines peripheren Nervs zuordnen lassen, sollten daher an eine MS denken lassen.

Auch unspezifische Beschwerden wie Müdigkeit oder Konzentrationsstörungen gehören zum weiten Spektrum dieser Erkrankung. Insbesondere Fatigue ist einhäufiges, unspezifisches Symptom bei bis zu 80 % der MS-Patienten. Sie äußert sich entweder als eine vorschnelle Ermüdbarkeit bei Alltagstätigkeiten oder als eine umfassende Energielosigkeit des Patienten. Es handelt sich um eine abnorme Müdigkeit mit Erschöpfung, die unabhängig von körperlichen Belastungen auftritt und auch von der Schwere der neurologischen Symptomatik unabhängig ist. Hierbei handelt es sich um eine pathologische Ermüdbarkeit, deren Entstehung bisher nicht eindeutig geklärt ist. Als mögliche Ursache wird eine diffuse zerebrale Axonschädigung vermutet. Diese ist möglicherweise eine Folge der kompensatorischen Reorganisation im Gehirn von MS-Patienten.

Bei ca. 15 % der Patienten beginnt die Erkrankung mit vegetativen Störungen wie z. B. Blasenentleerungsproblemen. Die Häufigkeit von Blasenfunktionsstörungen bei MS-Patienten im Verlauf der Erkrankung wird auf über 50 % geschätzt. Manche Patienten klagen über einen häufigen Harndrang (Reizblase mit oder ohne Restharnbildung), andere können den Urin nicht oder nicht lange halten (Harninkontinenz). Eine Restharnbildung, also die nicht vollständige Entleerung der Blase, macht die Betroffenen anfällig für Harnwegsinfektionen. Den Stuhl nicht halten zu können (Stuhlinkontinenz) ist deutlich seltener als die Harninkontinenz.