Verbreitung und Ursachen von MS

Weltweit leiden etwa zwei Millionen Menschen an MS. Allein in Deutschland sind es schätzungsweise 120 000–140 000 Menschen. Dies sind etwa 150 Erkrankungen pro 100 000 Einwohner – und die Tendenz ist steigend. Es wird ferner geschätzt, dass in Deutschland jährlich etwa 3000 Neuerkrankungen auftreten. Die MS ist in unseren Breiten damit die häufigste chronisch-entzündliche Erkrankung des Nervensystems und nach Epilepsie und Morbus Parkinson die dritthäufigste neurologische Erkrankung überhaupt, Schlaganfälle und Demenzerkrankungen nicht eingerechnet. Sie ist ferner die häufigste neurologische Krankheit, die im jungen Erwachsenenalter zu bleibenden Behinderungen führen kann.

Die Epidemiologie (griechisch epi = auf, über, demos = Volk, logos = Lehre) ist das Studium der Verbreitung und Ursachen von gesundheitsbezogenen Zuständen und Ereignissen in Populationen. Die Demographie (griechisch démos = Volk und graphé = Schrift, Beschreibung) befasst sich mit dem Leben, Werden und Vergehen menschlicher Bevölkerungen, sowohl mit ihrer Zahl als auch mit ihrer Verteilung im Raum und den Faktoren, insbesondere auch sozialen, die für Veränderungen verantwortlich sind.

  • In welchem Alter erkranken Menschen überwiegend an MS?

    Vorwiegend erkranken Menschen im Alter zwischen 20 und 40 Jahren an MS. Das durchschnittliche Erkrankungsalter liegt bei etwa 30 Jahren. Die MS wird daher auch als die »Krankheit junger Erwachsener« bezeichnet. In der Regel tritt die MS nicht vor dem 15. Lebensjahr und nicht nach dem 55. Lebensjahr auf, doch es gibt auch sehr frühe MS-Erkrankungen. So erkranken pro Jahr allein in Deutschland mindestens 50 Kinder an MS.

    Erweiterte und verbesserte diagnostische Verfahren haben die Möglichkeiten der Früherkennung erhöht. In Verbindung mit einem größeren Bewusstsein für die MS in der Bevölkerung wird zukünftig eine noch größere Zahl von Erkrankungen früher festgestellt werden können.

  • Was sind die genauen Ursachen der MS?

    Die genaue Ursache der MS ist trotz des großen Forschungsaufwands immer noch unklar. Obwohl es Hypothesen gibt, dassViren (speziell auch virale Kinderkrankheiten) verantwortlich sein könnten, gibt es bisher keinen zuverlässigen wissenschaftlichen Beweis dafür, dass irgendein spezieller Virus die Krankheit verursacht. Forscher sind heutzutage davon überzeugt, dass MS höchstwahrscheinlich durch ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren ausgelöst wird. So wird zurzeit angenommen, dass bestimmte Personen aufgrund gewisser genetischer Einflüsse eine Neigung zur Entwicklung einer MS aufweisen. Ob sie diese aber wirklich entwickeln, hängt u. a.vom Auftreten zurzeit noch unbekannter Umweltfaktoren ab.

    Eine wichtige Rolle spielt unser körpereigenes Abwehrsystem (Immunsystem). Man geht davon aus, dass es sich bei MS um eine Autoimmunerkrankung handelt. Menschen mit MS entwickeln selbst (auto)Entzündungsreaktionen gegen das eigene Nervengewebe. Das besagt, dass sich das Immunsystem gegen Teile des eigenen Körpers richtet, und nicht nur Feinde von außen wie krankheitserregende Viren oder Bakterien angreift, die in den Körper eindringen. Daher werden sowohl MS als auch rheumatische Erkrankungen als Autoimmunerkrankungen bezeichnet.

    Es ist jedoch sehr unwahrscheinlich, dass die MS selbst vererbt wird, wie z. B. Mukoviszidose oder Muskelschwund. Untersuchungen mit Zwillingen stützen die Hypothese, dass umweltspezifische Faktoren die Entwicklung von MS maßgeblich mitbestimmen. Es gibt auch Unterschiede in der Anfälligkeit verschiedener ethnischer Gruppen. Nordeuropäer sind z. B. häufiger betroffen als Afrikaner.

  • Warum erkranken Frauen häufiger als Männer?

    Frauen sind von der schubförmig verlaufenden MS fast doppelt so häufig betroffen wie Männer. Der Grund dafür ist unbekannt. Frauen scheinen generell für Autoimmunerkrankungen anfälliger zu sein. Als eine Ursache wird die unterschiedliche Funktionsweise des Immunsystems unter hormonellem Einfluss in Betracht gezogen.

    Bei der von Beginn an chronisch fortschreitenden, also ohne ausgeprägte Schübe und stabile Krankheitsphasen verlaufenden Form der MS (primär progrediente MS), ist die Zahl der weiblichen und männlichen Betroffenen dagegen in etwa gleich.

  • Welchen Einfluss haben Erbfaktoren auf die Entstehung der MS?

    Die MS ist keine ansteckende Erkrankung. Sie ist im eigentlichen Sinne auch keine Erbkrankheit, d. h. Patienten geben ihre MS nicht zwangsläufig an ihre Kinder weiter. Es besteht aber beim Menschen offensichtlich eine gewisse ererbte Veranlagung (genetische Prädisposition), eine MS zuentwickeln. So besteht in Familien, in denen ein Verwandter ersten Grades (z. B. ein Eltern- oder Geschwisterteil) bereits an einer MS leidet, für die übrigen Mitglieder ein um das Zehn- bis Zwanzigfache höheres MS-Risiko als in nicht betroffenen Familien. Absolut betrachtet ist die Gefahr jedoch mit ein bis zwei Prozent als eher gering zu bewerten.

    Detailliertere Erkenntnisse zum genetischen Einfluss auf die Entstehung (Genese) der MS wurden und werden durch so genannte Zwillingsstudien gewonnen. Bei eineiigen Zwillingspaaren, die ja über identische Erbanlagen verfügen, sind in etwa einem Drittel der Fälle beide Zwillinge an MS erkrankt. Dafür kann über die genetische Disposition hinaus natürlich auch eine Rolle spielen, dass die Familienmitglieder in der Regel auch dasselbe Lebensumfeld teilen, also auch etwaigen äußeren krankheitsverursachenden Einflussfaktoren gleichermaßen ausgesetzt sind.

    Die derzeitigen Erkenntnisse der Ursachenforschung sprechen also einerseits für einen Einfluss der Gene auf die MS Entstehung, andererseits aber auch für zusätzliche, von den erblichen Faktoren unabhängige, aus der Umwelt stammende Einflussgrößen, die bislang noch unbekannt sind. Am wahrscheinlichsten ist bei der MS daher eine so genannte multifaktorielle Genese.

  • Gibt es geografische Unterschiede?

    In den Ländern der Erde tritt die MS ganz unterschiedlich häufig auf. In der auf die jeweilige Bevölkerung bezogene Anzahl der Erkrankten (Prävalenz) besteht in der geografischenVerteilung ein deutliches Nord-Süd-Gefälle oder wahrscheinlich besser Kalt-Warm-Gefälle. In den gemäßigten Klimazonen– unabhängig davon, ob sich diese auf der nördlichen oder südlichen Erdhalbkugel befinden – ist das Erkrankungsrisiko deutlich höher als in den tropischen und subtropischen Zonen. Die Anzahl der MS Erkrankungen steigt also generell mit zunehmender Entfernung vom Äquator an. In Regionen oberhalb des 37. nördlichen Breitengrades, wie in Nordeuropa oder Nordamerika, kommen auf 100 000 Einwohner etwa 80–100 MS-Kranke, in Südeuropa sind es hingegen nur etwa 50 Betroffene.

    Für die deutschsprachigen Länder muss von einer Erkrankungsrate von 100–150 Menschen pro 100 000 Einwohner ausgegangen werden, dies sind etwa 1 bis 1,5 % der Bevölkerung. Deutschland zählt somit zu den Ländern mit hoher Prävalenz. Schottland gilt als eine MS-Hochburg, in manchen Regionen beträgt hier die Prävalenzrate 200 von 100 000 Bewohnern. Unter der weißen Bevölkerung Südafrikas ist die MS dagegen sehr selten, hier finden sich unter 100 000 Einwohnern nur 10 Erkrankte.

  • Hat die ethnische Zugehörigkeit Einfluss auf das Auftreten der MS?

    Auch die ethnische Zugehörigkeit hat auf das Auftreten der MS einen wichtigen Einfluss. So kommt MS, bevorzugt in der weißen Bevölkerung Europas, Australiens und Nordamerikas vor (so genannte Kaukasier). Unter der schwarzen Bevölkerung Afrikas ist die MS hingegen fast unbekannt. Selten tritt sie auch bei den Inuit (Eskimos) oder den sibirischen Yakuts auf, obwohl diese ja weit entfernt vom Äquator beheimatet sind. Der Vergleich zwischen Asiaten und weißen Europäern, die auf gleichen Breitengraden leben, ergibt ein selteneres Auftreten der MS in Asien. So wird die Zahl der MS Kranken in Japan, einem Land mit mehr als 120 Millionen Einwohnern, lediglich auf etwa 8000 beziffert. Die Prävalenzrate beträgt hier vier von 100 000 Bewohnern. Im vergleichsweise kleinen Ungarn fällt die MS-Prävalenz, je nach Zugehörigkeit zu einer der Bevölkerungsgruppen, sehr unterschiedlich aus. Während unter den hier lebenden Sinti und Roma nur zwei von 100 000 erkranken, weist die übrige ungarische Bevölkerung eine MS-Häufigkeit von 30–50 pro 100 000 auf.

  • Spielen Umweltfaktoren und Einflüsse in der Kindheit ein Rolle?

    Als Ursache für die geografisch unterschiedliche Verteilung der MS wird das bislang wenig verstandene Zusammenspiel von genetischen und umweltbedingten Faktoren vermutet. Diese Zusammenhänge sollen u. a. durch Studien an Personen geklärt werden, die ihre Geburtsländer verlassen haben (Migrationsstudien). Eine derartige Studie aus Israel zeigte, dass bei Kindern das Risiko für eine MS-Erkrankung steigt, wenn sie vor der Pubertät (< ca. 15 Jahre) aus einer äquatorialen in eine gemäßigte Zone umsiedeln. Kinder erwerben somit das jeweilige in der neuen Heimat bestehende Erkrankungsrisiko. Jugendliche nach der Pubertät (> ca. 15 Jahre) und Erwachsene hingegen nehmen das in ihrer alten Heimat bestehende Erkrankungsrisiko in die neue Umgebung mit.

    Diese Migrationsstudien zeigen eindrucksvoll, wie sehr eine bestimmte Umwelt bzw. Umweltfaktoren in frühen Lebensjahren die Erkrankung offensichtlich beeinflussen. Menschen, die während ihrer Kindheit aus einer Region mit hoher Prävalenz in eine Region mit niedriger Prävalenz migrieren, erkranken nur noch mit dem Risiko ihres Gastlandes. Umgekehrt erhöht sich das Risiko für Menschen, die aus einem Land mit niedriger Prävalenz in ein Land mit hoher Prävalenz umsiedeln. Einige Wissenschaftler erklären dieses Phänomen damit, dass noch unbekannte, ansteckende Faktoren (z. B. Viren, Bakterien oder andere krankheitserregende Organismen, aber auch krankheitsübertragendes Material) nur bei Kontakt im Kindesalter die Langzeitfolge hat, das MS-Risiko zu erhöhen.

    Betroffene würden die Krankheitsanlage also bei der Auswanderung mitnehmen. Ein eindeutiger Zusammenhang oder der infektiöse Faktor selbst konnte jedoch bisher noch nicht nachgewiesen werden. Für die Theorie einer übertragbaren Krankheitskomponente sprechen u. a. Untersuchungen auf den Faröer-Inseln. In der sehr einheitlichen Bevölkerung war bis zum Jahre 1939 kein einziger Fall von MS bekannt. Erst nach der Stationierung britischer Truppen im Zweiten Weltkrieg traten erste MS-Erkrankungen auf. Doch auch hier fehlen echte Beweise.

  • Haben Lebensstandard und Hygiene Einfluss auf MS?

    Im Gegensatz zu vielen anderen Krankheiten (z. B. Herz-Kreislauf-Erkrankungen) tritt die MS bei Angehörigen schlechter gestellter sozialer Schichten offenbar nicht häufiger auf als in Gruppen der Bevölkerung, die besser situiert sind. Der internationale Vergleich zeigt ferner, dass die MS in Ländern mit hohem Hygienestand stärker verbreitet ist – insbesondere bei Angehörigen mittlerer und höherer Gesellschaftsschichten.

    Folgende Erklärung wird von Wissenschaftlern in Betracht gezogen: Bei Kindern, die unter besseren hygienischen Verhältnissen aufwachsen, entwickelt sich das Immunsystem langsamer. Bei ihnen könnten nach einer durchgemachten akuten Infektionskrankheit die Erreger vielleicht nicht vollständig aus dem Körper beseitigt werden, sondern möglicherweise als weiterbestehende Infektion die Entwicklung einer MS fördern. Dieser Zusammenhang ist zwar biologisch plausibel, aber – wie die übrigen vermuteten Krankheitsursachen auch – keineswegs bewiesen.

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