Giovanni Maio exklusiv für TRIAS

Der Mensch in der Optimierungsfalle

Eine ethische Kritik der modernen Steigerungslogik     

„Der Mensch ist nichts anderes als das, wozu er sich macht“, hat der französische Philosoph des Existenzialismus Jean-Paul Sartre einmal gesagt. Damit hat Sartre ein Lebensgefühl und einen Trend beschrieben, der sich gerade in den letzten Jahren deutlich verstärkt. Biomedizin und Biotechnik stellen immer wirkungsmächtigere Möglichkeiten bereit, in den menschlichen Organismus einzugreifen und ihn nach eigenem Ermessen zu gestalten. Die Pharmaindustrie stellt eine wachsende Palette von leistungssteigernden Medikamenten zur Verfügung. Zunehmend mehr gesunde Menschen bedienen sich verschiedener Psycho- und Neuropharmaka, um ihr Leistungspotenzial zu verbessern, um sich im weitesten Sinne „aufzuputschen“ oder depressive Verstimmungen und Ängste aufzuhellen. Jeder Zwanzigste bestätigt, sich ohne medizinische Notwendigkeit schon einmal solcher Präparate bedient zu haben. Und auch ästhetische Eingriffe am Körper nehmen immer weiter zu. Ein ganzer Marktsektor ist daraus entstanden. Was passiert da?

Leben in der Wettbewerbsgesellschaft

Der größere Kontext, in dem wir diese Tendenzen reflektieren müssen, ist die ökonomisch durchtränkte Wettbewerbsgesellschaft, die jeden Menschen zu einem Aspiranten um den Sieg des Wettbewerbs macht. Und den Wettbewerb, sowohl im beruflichen wie auch im privaten Bereich zu gewinnen, ist der einzelne Mensch gefordert, ständig aktiv zu sein, jede Chance zu ergreifen und sich ständig zu optimieren. Ihm wird nicht weniger zugemutet als in jeder Hinsicht flexibel zu sein, sich selbst den Erfordernissen des Wettbewerbs tagtäglich neu unterzuordnen. Diese Unterordnung nennt man zwar „Positionierung“, im Grunde beinhaltet sie jedoch den Imperativ, sich zu beugen. Man gehorcht ihm im Angesicht der ständigen Bedrohung, den Wettbewerb zu verlieren. Je mehr allein das Gewinnen des Wettbewerbs zu dem wird, was wir erstreben, desto mehr opfern wir nichts weniger als unsere eigene Identität – und entfremden uns von uns selbst. Wir wollen gewinnen und vergessen dabei, wir selbst zu sein.
Wenn Erfolg nun bedeutet, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, dann lebt der Mensch notwendig in dem Gefühl, irgendwie mangelhaft zu sein. Die Bestrebungen der „Optimierung“ im weitesten Sinne, können in meinen Augen nur deshalb greifen, weil das gesamte Leben in unserer Wettbewerbsgesellschaft als eine Aufforderung begriffen wird, zu maximieren, als eine Aufforderung, anzuhäufen und die Möglichkeiten optimal zu verwerten. Das Problem ist nur: Wenn das Leben in den Dienst der Maximierung des Möglichen gestellt wird, wo bleibt die Essenz unserer eigenen Persönlichkeit? Maximierung ist lediglich ein Ansatz zur Vermehrung, aber ohne Ansehen der Qualität, die es zu vermehren gilt. Die einzige Qualität ist es, den Wettbewerb zu gewinnen, aber es stellt sich die Frage: Wozu soll man gewinnen? Was ist das Ziel? Zuweilen entsteht der Eindruck, als ginge es darum, heute zu gewinnen, um morgen noch schneller gewinnen zu können. Aber wozu das Ganze? Wo bleibt die Reflexion darauf, was mein Wesen ausmacht? Der Imperativ, sich dem Diktat des Gewinnens zu beugen, ignoriert dieses Ich. Daher die Leere, das Schale inmitten der überquellenden Möglichkeiten.

Die Verzweiflung der Möglichkeit

Schon der dänische Philosoph und Theologe Søren Kierkegaard hatte in seinem Buch „Die Krankheit zum Tode“ aus dem Jahre 1849 treffend das beschrieben, was die heutige Gesellschaft in ganz besonderer Weise betrifft: „Läuft nun die Möglichkeit die Notwendigkeit über den Haufen, so dass das Selbst in der Möglichkeit von sich selbst wegläuft, ohne eine Notwendigkeit zu der er zurück soll: so ist das die Verzweiflung der Möglichkeit.“[i] In dieser Verzweiflung der Möglichkeit lebt der moderne Mensch. Er hat so viele Möglichkeiten wie nie zuvor, und doch verzweifelt er daran, weil er spürt, dass er sie eben nicht alle wahrnehmen kann. Er muss sich für eine Möglichkeit entscheiden und ist gezwungen, viele andere eben nicht zu ergreifen, und so lebt er in der ständigen Angst, die falsche Möglichkeit gewählt zu haben. Diese Angst beschert ihm das Gefühl, stets nur unvollkommen zu sein, weil er sich zu beschränken hat. Das hat damit zu tun, dass die Möglichkeiten, die sich heute dem Menschen bieten, eben nicht nur ein Angebot darstellen, sondern durch ihre Existenz einen Aufforderungscharakter annehmen. Die Möglichkeiten sind nicht unverbindlich, sondern fordern den Menschen auf, sie auch tatsächlich zu ergreifen. Und dadurch gerät der Mensch in eine stete Rastlosigkeit – getrieben, so viele Möglichkeiten wie möglich wahrzumachen, in der Annahme, dadurch ein volles, ein erfülltes Leben zu führen.

Der Begriff der Optimierung postuliert ja bereits, dass es Mittel gibt, die den Menschen verbessern können. Aber ich frage mich: Was ist überhaupt eine Verbesserung für den Menschen? Müsste es nicht zuerst um den Menschen gehen – um jeden Einzelnen von uns, als Person! – und um die Frage, was gut für ihn ist, bevor man seine Verbesserung einfordert? Hierin liegt in meinen Augen der größte Schwachpunkt der gesamten Optimierungsdebatte: in der Auffassung, jede Form der Steigerung menschlicher Fähigkeiten sei per se als eine Verbesserung zu betrachten. Bezogen auf bestimmte Ziele, beispielsweise darauf, in einer Leistungsgesellschaft reibungslos zu funktionieren, mögen die Steigerung der Effektivität menschlichen Denkens und die Steigerung kognitiver Merkfähigkeiten durchaus eine Verbesserung darstellen. Aber es wäre doch zu kurz gegriffen, daraus zu schließen, dass die Verbesserung der Leistungsfähigkeit an sich eine Verbesserung für den Menschen sei.

Effizienz und Beschleunigung

In einer Zeit, die vom Effizienzdenken geprägt ist, kommt man leicht zu dem Schluss, dass nicht nur im Beruf, sondern auch im Privatleben das Schnellere und Effizientere stets besser sei als das, was man weniger schnell und nur auf Umwegen erreicht. Aber ist der Mensch nicht auf Hürden, Umwege und Widerstände angewiesen, um reifen zu können? Die Konzentration auf die Beschleunigung bedeutet nicht nur, den Spielraum zu erweitern und zu vergrößern, wie es oft dargestellt wird. Ganz im Gegenteil wird mit der ausschließlichen Orientierung an der Effizienz das Leben auf eine rein ökonomische Perspektive eingeengt. Man führt ein Leben, das sich Alternativen von vornherein verschließt. Setzt man im Leben nur noch auf Effizienz und auf ein Noch-mehr-noch-weiter-noch-schneller, verliert man den Blick für all die Wendungen und Überraschungen, die das Leben bereithält, für das Unerwartete, womit das Leben aufwartet. Ein Grundproblem der Optimierungswelle ist daher nicht die Beschleunigung als solche, sondern die Tatsache, dass die Beschleunigung die Weite des Lebens auf eine ganz spezifische Weise ausblendet, dass sie den Wert des Umwegs verkennt und blind macht gegenüber dem Sinn eines grundsätzlich offenen Lebensvollzuges.

Leistungsdruck und sozialer Zwang

Es geht mir nicht um eine Glorifizierung des Scheiterns, aber die Hindernisse, das punktuelle Scheitern sind oft nicht die Katastrophen, für die wir sie zunächst halten. Vielmehr sind es Notwendigkeiten, die den Menschen häufig erst dazu befähigen, Großes zu leisten und zu sich selbst zu finden. Wir stoßen also immer wieder auf dieses Man-Selbst. Die Freiheit des Einzelnen sei es, die hier zum Tragen kommen solle, so wird argumentiert. Bedenken wir, dass die kulturelle Basis für die Optimierungs-Bestrebungen, wie wir gesehen haben, das Wettbewerbsdenken ist, so müssen wir realisieren, dass eine wettbewerbsgetriebene Entscheidung zur Optimierung gerade nicht aus innerer Freiheit erfolgt, sondern aus der durch den Wettbewerb verhängten Notwendigkeit. Denn eines schafft der Wettbewerb unweigerlich: den Zwang, sich den Regeln des Wettbewerbs zu beugen. Es wird hier gerne von Autonomie gesprochen, aber im Grunde geht es um Konformität, darum, sich anzupassen, ja letzten Endes die Auffassung zu verinnerlichen, dass das Enhancement alternativlos sei. Dies ist doppelt paradox, wenn man bedenkt, dass viele Menschen deswegen zu leistungssteigernden Mitteln greifen, weil sie dem Anforderungsdruck unserer Gesellschaft nicht standhalten können. Sie begegnen ihrem Problem also mit eben den Methoden, die das Problem überhaupt erst hervorgerufen haben. Das Medikament folgt den gleichen Prinzipien wie das Problem, das eigentlich bekämpft werden soll. Hier sehen wir schon, dass die Anwendung von Medikamenten als Mittel gegen den Leistungsdruck etwas Paradoxes an sich hat. Dass das so kommen konnte, hängt eben damit zusammen, dass der Wettbewerb am Ende einen sozialen Zwang ausübt und damit alles andere überstrahlt. Die Optimierungsmittel versprechen zwar Autonomie, aber de facto verstärken sie lediglich die Fremdbestimmung und zementieren die Ungleichheit, vor allem die Selbstausbeutung.

Zwischen Machenkönnen und Seinlassen

Sich auf die Optimierungsmittel zu verlassen heißt, grundsätzlich davon auszugehen, dass das Leben vor allen Dingen ein Projekt ist, eine Aufbauleistung, bei der das Produkt als Resultat dessen zu betrachten ist, dass wir etwas gemacht und aktiv verändert haben. Aus einer solchen Perspektive wird das Leben als etwas betrachtet, das noch nicht „voll“ ist, als ein Mangel, der behoben werden muss. Natürlich kann das Leben nur gelingen, wenn wir es gestalten und somit in einem eigentlichen Sinne leben (und nicht einfach gelebt werden). Auch richtig ist, dass sich das Leben nicht erfüllt, wenn wir nicht eigene Ziele formulieren. Dennoch ist es wiederum eine bedenkliche Einengung, wenn das Leben nur noch als etwas betrachtet wird, das es zu gestalten gilt. Unsere Freiheit und das Gelingen unseres Lebens hängen nicht nur davon ab, was wir machen, sondern vor allen Dingen davon, ob es uns gelingt, eine gesunde Balance zwischen Machenkönnen und Seinlassen zu finden. Das Erreichen dieser Balance setzt voraus, dass wir es lernen, dem Leben nicht nur aus der Perspektive des Noch-nicht-Seienden und Noch-zu-Machenden zu begegnen, sondern den Blick immer wieder neu zu schärfen für den Sinn und Wert dessen, was bereits da ist.

Dankbarkeit als Grundhaltung

Dass man das Gute im Gegebensein verkennt, ist das Grunddefizit einer Lebensweise, die sich vorrangig an Optimierungs-Maßnahmen orientiert. Optimierungs-Begehren schließen die Einsicht in den Wert des Gegebenen aus und verunmöglichen etwas, das mir ganz wesentlich für ein gelingendes Leben zu sein scheint: die Grundhaltung der Dankbarkeit. Dankbarkeit für das, was ist. Dankbarkeit für das Leben schlechthin. Dankbarkeit für die kleinsten Begebenheiten, die durch das Grundgefühl der Dankbarkeit zu etwas Besonderem werden können. Ohne diese Grundhaltung wird es uns schwer fallen, so etwas wie Erfüllung zu finden, weil das Optimierungsdenken das Unabschließbare geradezu voraussetzt – es ist nie am Ziel. Je mehr optimiert und damit das Gefühl der Dankbarkeit für das Gegebene ausgeklammert wird, desto mehr wird der Mensch in eine Tretmühle gezwungen, bei der es nie ein Genug an Optimierung geben kann. So würde ich sagen, dass das glückliche Leben nicht darin besteht, ein perfektes Leben zu erreichen, sondern darin, sich jederzeit gegen das Erstarren zu engagieren.

Wertschätzung des Unvollkommenen

Es ist unsere innere Einstellung, die uns sagt, dass das vermeintlich Imperfekte im Menschen, seine Leistungsgrenzen, seine Verwundbarkeit einen tieferen Sinn haben. Vielleicht kann diese innere Einstellung dazu führen, dass wir das Unvollkommene wertschätzen lernen und nicht nur das vermeintlich Perfekte. Wir leben in einer Gesellschaft, die dem Menschen aufgibt, perfekt sein zu müssen. Doch je perfekter der Mensch werden will, desto unvollkommener wird er. Das Streben nach Perfektion im Sinne absoluter Intoleranz gegenüber Fehlern kann zur regelrechten Zwangsvorstellung werden. Der Blick für das Wesentliche kommt abhanden. Denn die eigentliche Vollkommenheit des Menschen liegt nicht in seiner Leistungsfähigkeit, sondern in seiner Einzigartigkeit. Jeder Mensch ist vollkommen, weil er unverwechselbar ist. In diesem Sinne ist unser technischer Drang nach Perfektion ein Blindwerden für Formen der Vollkommenheit, die es bereits gibt und die nicht herstellbar sind. Es ist die unverwechselbare Brillanz des Lebens selbst. Der Wert und der Reichtum des Lebens liegen nicht in dem, was sich messen und steigern lässt, sondern im Leben selbst. Und je mehr wir uns freimachen können von den einseitigen Leistungskategorien unserer Zeit, je mehr wir eine neue Gelassenheit erlernen, desto mehr werden wir das eigentlich Wichtige im Leben erkennen und dadurch glücklich werden können.

[i] Kierkegaard, Søren, Die Krankheit zum Tode, 1849.

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