Ich glaube, ich brauche einen Arzt

Hier erzählt Peer Augustinski, wie er den Schlaganfall erlebte und wie er in den folgenden Wochen und Monaten gelernt hat, mit der Halbseitenlähmung zu leben. Mit Fleiß, Mut und Humor kämpft er um die Kontrolle seiner linken Körperseite.

Meine Erinnerungen an den 8. November 2005 sind gar nicht schlimm. Ich hatte eine Aufnahme für ein Hörbuch und saß da morgens um halb elf im Studio. Nach ein paar Minuten wurde mir so weich, pelzig. Nichts Schlimmes dachte ich. Ich fragte mich, was los ist. Dann hab ich mich hingestellt, mich ge­reckt. Aber es wurde nicht besser. Und dann bin ich zusammengesackt. Ich höre mich noch sagen: «Ich glaube, ich brauche einen Arzt.« Es wurde ein Krankenwa­gen gerufen, der fuhr mich ins nächste Krankenhaus nach Geldern. Dort wur­de festgestellt, dass ich hier völlig falsch war. Ich musste in eine Stroke Unit. Die war in der Klinik in Krefeld. Als ich dort hinkam, fühlte ich mich gut aufgehoben. Alle waren lieb und nett und bemühten sich um mich. Ich fühlte überhaupt keine Angst. Auch keine Schmerzen. Alles war gedämpft, wattig. Mir ging es eigentlich richtig gut. Ich hatte keine Ahnung, was mit mir los war. Mir war überhaupt nicht bewusst, dass ich eine Halbseitenlähmung hatte. Ich muss sehr viel geschlafen haben.  

Einmal fragte ich meinen Sohn, der mich besuch­te, »liege ich mit den Füßen zum Fenster oder quer zum Fenster«? Worauf er mich völlig irritiert anschaute. Meine Raumorientierung war durcheinander geraten. Auch das hat mich nicht weiter beunruhigt. Ich fühl­te mich gut aufgehoben und war überzeugt, dass in kurzer Zeit alles wieder so werden würde wie früher. Ich konnte überhaupt nicht verstehen, dass ich meine Theatertournee im Januar nicht fortsetzen sollte. Erst als mir in der Rehabilitation gesagt wurde, »Sie müssen davon ausgehen, dass Sie nie wieder so werden wie früher«, wurde mir die Tragweite des Schlaganfalls immer bewusster. Anderthalb Jahre nach dem Schlaganfall, als meine Frau und ich zum ersten Mal wieder in Spanien Urlaub machten, saß ich auf der Terrasse und fing plötzlich an zu weinen. Da ist mir deutlich bewusst geworden, dass ich nie wieder so sein werde, wie ich mal war. Da nützt auch der schönste Sonnenschein nichts.

Vorboten

Die Frage »warum ich?« habe ich mir natürlich auch gestellt. Das macht wahr­scheinlich jeder. Aber es gibt keine Antwort. Ein Schlaganfall kann jeden treffen. Bei uns in der Reha war ein elfjähriges Mädchen, das zwei Schlaganfälle gehabt hatte. Bei mir haben Herzrhythmusstörungen, Vorhoffflimmern und Bluthoch­druck sicher dazu beigetragen, dass ich einen Schlaganfall bekam. Ja die Herz­rhythmusstörungen wurden behandelt. Was nicht behandelt wurde, war der Blut­hochdruck. Beides kann für sich schon tödlich sein. Das wusste ich nicht und bin deshalb wohl auch recht locker damit umgegangen. »Na, wie geht’s uns denn heute?«  

Meine Erfahrungen mit dem Gesundheitssystem sind im Großen und Ganzen gut. Ich habe natürlich hin und wieder ganz lustige Sachen erlebt mit den Ärzten. Aber das hat mit meinem Gesundungsprozess nichts zu tun gehabt. Wenn zum Beispiel der Professor sich sein Taschengeld abholt, indem er Visite macht, so um elf, mit dem ganzen Stab hinter sich: Oberärzte, Assistenten, Schwestern usw. »Na, wie geht’s uns denn heute, erzählen Sie mal?« »Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber mir geht es ganz gut.« »So, was hat er denn da – Homophitamil viermal – wird reduziert auf zwei, Teloheterel.« »Entschuldigung, Herr Professor, ich hab Sie nicht verstanden.« »Eh ja, das ist Fachsprache.« So gab es drei, vier Sätze. Ich guckte den Oberarzt an, der hinter dem Chefarzt stand – der schüttelte nur ganz gemächlich den Kopf. Der Chefarzt rechnet ab, aber er rechnet nicht damit, dass seine Oberärzte ihn überstimmen.

Erste Rehabilitation

Als ich im Dezember 2005 zur Rehabilitation nach Köln-Merheim kam, konnte ich nicht mal auf der Bettkante sitzen. Ich bin einfach umgefallen. Die Reha dort war sehr gut. Ich habe gelernt, wieder an einem Stock und mit einer Fußschiene zu gehen. Die Therapie hatte mit Spaß nichts zu tun. Im Gegenteil – manche Massa­gegriffe waren richtig schmerzhaft. Man erklärte mir, dass die Muskeln durch das Liegen mit den Knochen verklebt seien und man diese Verklebungen wieder lö­sen müsste. An Aufgeben, wie das manche »Kollegen« in der Rehaklinik geäußert haben, dachte ich nie. Nein – ich wollte hier in gebessertem Zustand raus kom­men. Auch wenn die Therapie sehr hart war.

Dies sagt Doris Brötz, die Physiotherapeutin von Herrn Augustinski zum Thema Üben.

Quelle

Aus heiterem Himmel
Peer Augustinski, Doris Brötz, Matthias GassAus heiterem Himmel

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