NSA und Datenklau machen junge Ärzte skeptisch

Die niedergelassenen Ärzte sabotieren seit jeher die elektronische Gesundheitskarte. Das ist kein Generationenproblem, glaubt der ehemalige Staatssekretär Daniel Rühmkorf und fordert ein Arzt-Patienten-Verhältnis 2.0.

  • Daniel Ruehmkorf - kma Ausgabe Mai 2014

    Daniel Rühmkorf: Der Doktor der Medizin war von 2009 bis 2011 Staatssekretär im brandenburgischen Gesundheitsministerium. Davor arbeitete er als Referent für Gesundheitspolitik der Linken im Bundestag.

     

Vor gut zehn Jahren wurde die elektronische Gesundheitskarte (EGK) als zukunftsweisendes E-Health-Projekt angepriesen. Heute erhält das Milliardenprojekt nur durch die Hintertür Zutritt in deutschen Praxen und Krankenhäusern. Es hat zwar jeder Patient eine Karte, dennoch droht das Projekt zu scheitern.

Grundsätzlich unterstützen Ärzte schnelle Datenverbindungen. Für die Labordaten des niedergelassenen Kollegen oder die ausstehenden Befunde auf Station gilt: Wir erwarten, dass sobald Daten und Befunde ermittelt sind, diese sofort vorliegen. Dieser schnelle Datenaustausch zwischen Ärzten, Laboren, Kliniken und Patienten zeigt einen Weg aus dem von Schnittstellen geprägten Gesundheitssystem auf. Wenn aber ein insgesamt großes Informationsnetz - wie durch die Einführung der EGK – gespannt werden soll, fühlen sich viele Ärzte ausgehorcht und sehen das Recht des Bürgers auf informationelle Selbstbestimmung verletzt. Das vordergründige Argument lautet, dass die ärztliche Schweigepflicht und gleichzeitig das Arzt-Patienten-Verhältnis unterhöhlt würden, wenn Patientendaten auf einer EGK gespeichert werden.

Die Zahl der Kritiker ist, das zeigen die jährlichen Ärztetage, weiterhin hoch. Nach den bekannt gewordenen Aktivitäten der Geheimdienste, aber auch dem Klau von Zugangsdaten für E-Mail-Accounts, stehen nun auch jüngere internet-affine Kollegen im Schulterschluss mit strukturkonservativen Älteren. Es ließe sich vermuten, dass durch die fehlende Einbindung der Ärzteschaft der Widerstand enorm anwachsen konnte. Weit gefehlt: Zu den Gesellschaftern der Gematik gehören alle wichtigen Ärzteverbände – sie hatten es in der Hand, die Akteure frühzeitig mit einzubinden. Herausgekommen ist unter diesen Vorzeichen eine Karte, die nur einen Bruchteil ihres Potenzials unter Beweis stellen darf. Weder die freiwillige Speicherung von Daten, der Notfalldatensatz oder das elektronische Rezept werden zur Zeit angeboten. Wann, wenn nicht mit dem Rollout, sollten diese Eigenschaften beworben werden?

Es braucht eine neue Initiative, die für die Weiterentwicklung der Telematik wirbt. Es geht um nicht weniger als ein Arzt-Patienten-Verhältnis 2.0. Das Altvertraute muss Einzug halten in die – eigentlich nicht mehr ganz so – neue Technologie. Ärzte müssen überzeugt und gewonnen werden: mit einem Handling der EGK, dass in die Behandlungsabläufe passt. Mit einer Bundesregierung, die sich um die Sicherheit im Netz kümmert. Mit einer Gematik, die die sichere Online-Übertragung von Patientendaten auf einen zentralen Server gewährleistet.

Arnold Elmer, Hauptgeschäftsführer der Gematik, appellierte im Februar eindringlich an die teilnehmenden Kammern und Kassenärztlichen Vereinigungen und forderte „Ihre positive, konstruktive und kritische Mitarbeit.” Ob und in welcher Form seine Worte fruchten, wird bereits Ende Mai der nächste Deutsche Ärztetag in Düsseldorf zeigen. Es steht zu vermuten, dass trotz seines Appells Anträge gegen die EGK wieder eine große Mehrheit finden werden.

Daniel Rühmkorf 

Veröffentlicht in kma Das Gesundheitswirtschaftsmagazin 05/2014