Jedes vierte Krankenhaus ist entbehrlich

Rüdiger Strehl plädiert für den Abbau von Krankenhäusern. Damit zielt der ehemalige Klinikmanager auf die eigene Interessengruppe. Seinen Argumenten verleiht dies größere Schlagkraft als denen von Kassenfunktionären und Politikern.

  • Ruediger Strehl kma Ausgabe Juli 2014

    Rüdiger Strehl war viele Jahre Kaufmännischer Vorstand der Uniklinik Tübingen und Generalsekretär des Verbands der Uniklinika Deutschlands.

     

Braucht Deutschland mehr als 2.000 Krankenhäuser? Kassen und Gesundheitspolitiker behaupten immense Überkapazitäten im deutschen Krankenhausbereich. Wirtschaftsprüfer erwarten Bettenmangel im Krankenhaus ab 2020. Die Verweildauer ist seit 1995 um mehr als 25 Prozent gesunken, trotzdem liegt sie immer noch um 25 Prozent über dem Durchschnitt der OECD-Länder. Viele Fälle sind im Zuge einer „Ambulantisierung” von Leistungen in der kleinen Chirurgie, der Diagnostik und den konservativen Fächern nicht mehr auf Betten angewiesen. Moderne Medizin verkürzt prä- und postoperativ die stationäre Verweildauer. Diesem drastisch sinkenden Bettenbedarf steht in einzelnen Fachgebieten eine steigende Nachfrage gegenüber. Altersbedingt sind hier die Patientenzahlen der Neurologie, Neurochirurgie, Urologie, Orthopädie, von Teilen der Inneren Medizin und die Augenheilkunde betroffen. Im Saldo ändert dies nur wenig an dem Befund, dass wohl 1.500 statt mehr als 2.000 Krankenhäuser reichen dürften, 18 Millionen Fälle wie derzeit und vielleicht 20 Millionen Fälle in zehn Jahren stationär zu versorgen.

Warum bleibt es beharrlich bei der Zahl der Krankenhäuser, obwohl deutlich weniger ausreichend wären? Sicher hat die methodisch veraltete und politisch infizierte Krankenhausplanung versagt; bis auf einige Ländervertreter (erstaunlicherweise auch „grüne”) und die Deutsche Krankenhausgesellschaft (mit dem Konzept des „Denkmalschutzes” für jedes Krankenhaus) bestreitet dies ernsthaft niemand mehr. Jetzt müssen die Gesundheitspolitiker endlich ihr Scheitern einräumen: Sie haben dem DRG-System einen Wettbewerbseffekt zugetraut, über den unwirtschaftliche Krankenhäuser zum Austritt gezwungen werden sollten. Erst gar nicht versuchen sollte man das „Selektivvertragskonzept”, mit dem die Kassen gern die unerledigten Aufgaben der Krankenhausplanung abarbeiten würden: Es steht für Discount, für „billig”, nicht unbedingt für notwendig und gut.

Wie dimensioniert man den stationären Sektor modern und zukunftsfähig? Sicher nicht allein oder vorrangig über Qualität. Eine derartige Neustrukturierung muss eine sinnfällige Zuständigkeitszuteilung über Zulassungen und Nichtzulassungen für Standorte, Fachgebiete, Leistungs- und Ressourcenschwerpunkte leisten. Sicherstellung in der Fläche und vertikale Arbeitsteilung zwischen den Versorgungsstufen sollte nach Notwendigkeit und Bedarf, nicht nach den Interessen der Leistungsanbieter gestaltet werden. Die planerische Integration von akut-stationärer, hoch-spezialisierter nicht-stationärer Versorgung und Akut-Reha sowie die Forcierung interdisziplinärer Zentren ist unerlässlich. Natürlich gehört zu einer derartigen Neuausrichtung eine monistische Finanzierung auch für den akut-stationären Bereich. Vorrangig ist diese neue Struktur regional zu leisten. Länder geben fast nie einen sinnvollen Planungsrahmen ab. Eher sind sehr teure, wichtige, hochspezialisierte Einrichtungen, Leistungen und Anlagen bundesweit zu planen – wo nötig, in enger Verbindung mit Forschungseinheiten. Vor allem sind die Planungs- und Zulassungskompetenzen neu zu ordnen: klare Verteilung zwischen Bund und Ländern, Staat und Selbstverwaltung. Mehrfachbefassungen und nebulöse Schnittstellen sind zu vermeiden. Eine durchgängige Professionalisierung geprägt von Kompetenz, Unabhängigkeit und Nachhaltigkeit ist dringend erforderlich. Ob die Bund-Länder AG über das konzeptionelle Know-how und die politische Kraft für eine derartige Neuordnung verfügt?

Rüdiger Strehl

Veröffentlicht in kma Das Gesundheitswirtschaftsmagazin 07/2014