• Schwangere Frau und Hebamme

    Kompetenz und Erfahrung von Arzt und Hebamme sind bei Schwangerschaft und Geburt gefragt. Bild: Iurii Sokolov / Fotolia

     

Zusammenarbeit von Arzt und Hebamme

Einige Aspekte bei der Zusammenarbeit zwischen Arzt und Hebamme werfen immer wieder Fragen auf. Die aktuelle Leitlinie der DGGG klärt insbesondere die rechtlichen Grundlagen und gibt Tipps zur erfolgreichen Kooperation.

Zusammenarbeit von Arzt und Hebamme – Leitlinie der DGGG klärt auf

Die Geburtsmedizin in Deutschland hat eine Spitzenstellung im weltweiten Vergleich erreicht. Ärzte (bzw. Ärztinnen) sowie Hebammen bzw. Entbindungspfleger stellen unterschiedliche, aber gleichermaßen wichtige Heilberufe in der Geburtshilfe dar. Jede Schwangere entscheidet selbst, ob sie die Geburtshilfe durch Ärzte oder durch eine freiberufliche Hebamme in Anspruch nehmen will.

Wird die Schwangere durch eine Hebamme betreut, besitzt diese die Erstkompetenz. Die Hebamme stößt allerdings an ihre Grenzen, wenn sich Komplikationen abzeichnen, die ärztliche Hilfe erfordern. Diese Grenze zu erkennen und rechtzeitig ärztliche Unterstützung anzufordern, ist eine besonders verantwortungsvolle Aufgabe der Hebamme.

Entscheidet sich die Schwangere für eine ärztliche Geburtshilfe, trägt der Arzt die Erstkompetenz. Er muss darüber entscheiden, inwieweit er bestimmte Aufgaben der Geburtshilfe selbst vornimmt, welche er sich mit der Hebamme teilt und welche er ihr überlässt. 

Ärztliche Beratung während der Schwangerschaft

Zu den ärztlichen Pflichten gehört bei der Schwangerschaftsberatung, mit der Patientin rechtzeitig zu besprechen, wo und von wem Geburtshilfe geleistet werden soll. Ebenso sollte eine Aufklärung über Risiken, die sie beispielsweise bei einer Hausgeburt oder Entbindung im Geburtshaus eingeht, erfolgen. Darüber hinaus sollte der Arzt der Patientin bei einer Risikogeburt unbedingt eine Versorgungsstufe vorschlagen, in der ärztliche Geburtshilfe gewährleistet ist. Bei entsprechenden Risiken ist gemäß den Vorgaben des G-BA (Gemeinsamer Bundesausschuss) auf die zuständigen klinischen Einheiten zu verweisen. Folgt die Schwangere diesem Rat nicht, sollte der Hinweis auf das eingegangene Risiko für sie selbst und ihr Kind dokumentiert werden – am besten auch im Mutterpass.

Zuständigkeiten und rechtliche Aspekte bei der Geburt

Die Rechte und Pflichten von Arzt und Hebamme sind abhängig von der Art der Entbindungsstätte und der jeweiligen Versorgungsstufe. Auch die in den Einrichtungen geschlossenen Verträge können sich unterscheiden. Alle Beteiligten – Schwangere, Hebamme und Arzt – müssen sich vorher darüber im Klaren sein, worauf sie sich einlassen und was sie beachten müssen.

Hausgeburt und Entbindung im Geburtshaus

Die Arbeit der frei praktizierenden Hebammen ist in den Berufsordnungen der meisten Bundesländer (mit leichten Abweichungen) genauer geregelt. Die Schwangere verzichtet auf jederzeit präsente ärztliche Geburtshilfe. Die Hebammen müssen jedoch gegebenenfalls für einen Arzt oder eine Krankenhauseinweisung sorgen. Oft bestehen Kooperationen mit niedergelassenen Ärzten, die auch vertraglich festgehalten werden können und innerhalb derer der Arzt sich z.B. zu schneller Erreichbarkeit verpflichtet. Es besteht grundsätzlich keine Berufspflicht des Arztes zu einer solchen Kooperation, nur seine allgemeine Hilfeleistungspflicht in Notfällen. Für Fehler, die zuvor durch die Hebamme entstanden sind, ist er nicht verantwortlich.

Praxisgeburt

Grundsätzlich ist hier der Arzt verantwortlich – er haftet für fast alle Schäden und dokumentiert die Geburt. Er hat aber die Pflicht, eine (freiberufliche oder fest angestellte) Hebamme hinzuzuziehen. Macht sie nach seinen Weisungen einen Fehler, haftet der Arzt dafür.

Entbindung im Belegkrankenhaus/Belegabteilung einer Vollanstalt

In diesem Fall gibt es verschiedene Vertragsgestaltungen. Bei einem Vertrag mit der Beleghebamme ist die rechtliche Situation ähnlich einer Hausgeburt. Ein Anspruch besteht für die Schwangere nur auf den Standard einer Hebammen-Geburtshilfe. Die Verantwortung des Arztes setzt erst ein, wenn seine Hilfe notwendig ist.

Weitaus häufiger kommt aber ein Vertrag mit dem Belegarzt zustande. Dieser hat die Schwangere meist schon während der Schwangerschaft betreut und nimmt sie zur Entbindung stationär auf. Die Schwangere nimmt den fachärztlichen klinischen Geburtshilfe-Standard in Anspruch. Rechtlich verhält es sich hier wie bei der Praxisgeburt. Der Arzt kann aber auch eine Anstaltshebamme hinzuziehen, bei der im Fall eines Fehlers eine Haftung des Krankenhausträgers in Betracht kommt.

Entbindung im Krankenhaus

In einem Krankenhaus hat die Schwangere Anspruch auf den Standard einer fachärztlich geleiteten klinischen Geburtshilfe, differenziert nach der Versorgungsart des Hauses.

In der Regel übernehmen Anstaltshebammen die Hebammenarbeit, wobei auch freiberuflich tätige Hebammen nach Abschluss eines entsprechenden Vertrags für diese Aufgabe in Frage kommen. Es ist Aufgabe des leitenden Arztes in der Geburtshilfeabteilung, über den Einsatz seiner Ärzte und Hebammen zu bestimmen und die Aufgabenverteilung klar zu regeln. Hierzu existieren genaue Empfehlungen. Gerade bei größeren Krankenhäusern ist ein gutes Risikomanagement wichtig, damit bei Komplikationen die direkte Präsenz eines geburtshilflich erfahrenen Arztes oder Oberarztes sichergestellt ist.

Grundsätze der Zusammenarbeit

Es ist wichtig, dass Ärzte und Hebammen sich jeweils ihrer Kompetenzen bewusst sind und sie sinnvoll einsetzen und anbieten. Sie gehören zwar unterschiedlichen, aber gleichermaßen wichtigen Heilberufen in der Geburtshilfe an. Gegenseitiger Respekt ist daher die Grundlage einer guten Zusammenarbeit.

Die Rechtsprechung geht von einem bestimmten Grundsatz aus: Der Arzt übernimmt spätestens mit seinem Erscheinen und der Eingangsuntersuchung die Geburtsleitung. Er ist gegenüber der Hebamme weisungsberechtigt, die von diesem Zeitpunkt an auch als Gehilfin des Arztes tätig sein kann, wenn dieser vorübergehend abwesend ist. Jeder Arzt sollte aber berücksichtigen, die Hebamme zu keiner Zeit auf den Status eines Heilhilfsberufs herabzusetzen.

So kann es in der Klinik zum Beispiel vorkommen, dass ein junger Arzt ohne Facharztstatus der praktischen Erfahrung und der umfassenden Berufsausbildung einer Hebamme unterlegen ist. In derartigen Fällen sollte der Arzt von dem formalen Weisungsrecht nur mit größter Zurückhaltung Gebrauch machen. Die Hebamme muss den Rahmen ihrer Eigenverantwortlichkeit genau kennen und wissen, wann die Anwesenheit eines Arztes notwendig ist. Dabei hat sie aber nicht nur das Recht, sondern sogar die Pflicht, Bedenken gegen ärztliche Anordnungen oder Tätigkeiten zu erheben, wenn nach ihrer Meinung dadurch Gefahr für Mutter oder Kind besteht.

Letztendlich hat die Schwangere durch die meist längere Betreuung durch die Hebamme eine stärkere Beziehung zu ihr als zum Arzt. So sollten hier Schichtwechsel oder allzu formal gehandhabte Arbeitszeitvorschriften während der Austreibungsphase nicht zu einem Wechsel der Bezugsperson führen.

Quelle: AWMF online. Hier vollständige Leitlinie lesen

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